Aus dem Laboratorium: historischer Wert und Authentizität als ästhetische Kategorie – Werkzeuge

1. Kategorien der historischen Wertzuschreibung an Kulturerbe

Aus einer konstruktivistischen Perspektive besitzt kein materielles oder immaterielles Objekt von sich aus historischen Wert. Anders gesagt: Jedes Objekt ist absolut wertlos, solange soziale Konstruktion ihm nicht historischen Wert zuschreibt. Gibt es kein Wissen über ein Objekt, kann es auch nicht wertvoll sein. Zuerst folgt Wert dem Wissen, danach bedingen sie sich wechselseitig.

Es gibt vier Zuschreibungsarten, mit denen historischer Wert an Objekten erzeugt werden kann. Sie entspringen verschiedenen Denkweisen und lassen sich materialistisch, idealistisch, ästhetisch und performativ nennen. 

Materialistischer historischer Wertlässt sich ausschließlich an materiellem Kulturerbe (MKE) finden. Autonomie ist die Eigengesetzlichkeit des materiellen Kulturerbes, die nur zu einer bestimmten Zeit seiner Entstehung vorkommt und sich im Laufe des in-der-Zeit-seins entwickelt. Das betrifft mehrere Dimensionen. Die erste ist die stoffliche Dimension: Nur die ursprüngliche historische Original-Materie ist bei dieser historischen Wertzuschreibung Garant der Echtheit und Authentizität. Verflüchtigt sich die originale Materie oder wird sie ersetzt, so gibt es auch kein Original im Sinne seiner Stofflichkeit mehr. Auch gibt es den historischen Wert der kontextuellen Autonomie, sie betrifft die kontextuelle Dimensionmateriellen Kulturerbes. Sie beschreibt die Eigengesetzlichkeit eines Objekts in dem Kontext seiner Zeit. Dazu gehören Ästhetik, Funktionalität, „Ideologie“, zeitgemäße Produktionsverhältnisse. Das Objekt wird in den kohärenten Bezügen zu seinem Umfeld / Dingdiskurs betrachtet und eingeordnet. Zudem gibt es die geschichtliche Dimensiondes materiellen Kulturerbes. Die Eigengesetzlichkeit richtet sich auf das „in-der-Zeit-sein“, also die „Biographie“ eines Objekts. Jede „Biographie“ ist einzigartig. An der noch so detailgenauen Reproduktion kann die geschichtliche Dimension des Originals nicht erzeugt werden. Jedes materielle Objekt hat seine eigene geschichtlich-autonome Dimension, die nicht reproduzierbar ist. 

Idealistischer historischer Wertkann nicht rein sinnlich (perzeptiv) wahrgenommen werden. Mit dieser Art wird Ideen historischer Wert zugeschrieben, die sich in materiellem wie auch immateriellen Kulturerbe finden. Es sind historische Ideen, die aus älterem Kulturerbe abgeleitet wurden und in Wiederholungen tradiert werden – immer neu, immer abweichend vom Vorläufer oder dem zeitlich früheren Bezugspunkt, ohne die Bezüge nicht zu berücksichtigen. Beispielsweise wurde vom Parthenon in Athen die acht-säulige Tempelgiebelfront als abstrakte Idee immer wieder in späterem Kulturerbe verwendet: im Pantheon in Rom, in der Glyptothek in München, in der Église de la Madeleine in Paris. Diesen Bauwerken wird in der Idee (einem Bauprinzip) ein höherer historischer Wert zugeschrieben, die Verbindung mit dem Tempel der Akropolis über die Idee. Solch ein idealistisch-historischer Wert kann sich auf drei Ebenen vollziehen, die Ideen können einen formalenAusdruck finden, beispielsweise durch Rundbögen, Kolonnaden, Säulenstellungen oder durch eine Serliana, die sich auch in postmodernen Bauwerken wiederfindet. Sie können auch im Stofflichenliegen: Ein Baustoff kann verwendet werden, um einem Bauwerk einen historischen Wert zuzuschreiben, beispielsweise Marmor griechischer Tempel, um einen höchst sakralen Charakter zu transportieren. Eine weitere Idee kann auch die proportionaleDimension ansprechen, indem beispielsweise der Goldene Schnitt in einer Fassadengliederung zur Anwendung kommt. 

Ästhetischer historischer Wertwird materiellen oder immateriellen Objekten zugeschrieben, die versuchen, auf Grundlage einer genauen Dokumentation, ein verlorengegangenes Kulturerbe ästhetisch zu wiederholen. Dieser ästhetische historische Wert beruht auf Gemälden, Tonaufnahmen, Fotografien, Filmaufnahmen etc., die mit zeitgemäßen Mitteln rekonstruiert werden. In drei verschiedenen Dimensionen lassen sich diese Wiederholungen beschreiben. Es kann abstrakteWiederholungen geben, die lediglich die reduzierte Eckpunkte der ehemaligen Form des Kulturerbes wiederholen, ohne auf Einzelheiten einzugehen. Das wäre die schwächste Form des ästhetischen historischen Werts. Die zweite Dimension betrifft die Ähnlichkeitder Wiederholung mit dem dokumentierten Vorgänger. Die letzte Dimension zielt auf die Identitätvon Wiederholung und dokumentierten Vorgänger ab. 

Performatorischerhistorischer Wert wird materiellen oder immateriellen Objekten verliehen, die von sich aus nichts erkennbar Historisches besitzen. In ihnen findet sich weder historische materielle Autonomie, noch eine historische Idee, noch historische Ästhetik. Diese Objekte fungieren lediglich als mitunter völlig unspezifische Zeichen, die auf eine historische Narration (Geschichte als Erzählung) verweisen. Erst jener Akt des Erzählens, die Performanz von Wissen, generiert historischen Wert und Authentizität am materiellen Signifikanten der Architektur. Ein Beispiel dafür sind Denkmaltafeln, die an Häuserwänden angebracht sind. Wer sie liest, spricht dem Haus historischen Wert zu, den es vorher der Performanz gar nicht hatte. Auch hier gibt es verschiedene Dimensionen der Narrationen: wissenschaftlich, anekdotisch und in der besonders abgeschwächten Form des Authentischen auch die Fiktionalen Narrationen. 

Neu hinzugekommen: 

Privativer historischer Wert. Dieser Wert fehlte in dem zuvor aufgeführten Kategoriensystem. In ihm steckt das Wort „Privat“ – der Ausschluss des Öffentlichen. Gemeint ist hier aber der Verweis auf etwas Fehlendes, der Ausschluss eines historischen Phänomens, sei es materiell, oder immateriell. Es fehlt in einem betrachteten Zustand. Entweder wurde es zerstört oder einfach nicht berücksichtigt, aus welcher konkreten Motivation auch immer. Es wurde nicht berücksichtigt – das genügt, gleichgültig, ob Ignoranz dafür verantwortlich war oder aus ideologischen Gründen das historische Phänomen nicht übernommen werden sollte. Diesen bewussten Ausschluss des Historischen können die anderen Kategorien nicht abbilden. Deswegen wurde diese Kategorie des Historischen Wertes notwendig. Der Artikulationsmodus des Historischen Wertes ist in diesem Fall überwiegend apperzeptiv. Er ist nicht wahrzunehmen, muss hinzugedacht werden. 

Es gibt mindestens drei Dimensionen wie mit einem negativen Duktus dieser privative historische Wert zugeschrieben wird, das bedeutet wie er bewusst nicht berücksichtigtwurde: Entweder blieb er unberücksichtigt in einem gegenwärtigen Zustand einer Architektur, Malerei oder einem Ritus – beispielsweise ab dem 2. Vatikanischen Konzil, in dem das Latein in der Messe abgeschafft wurde und die Landessprachen in die römisch-katholische Kirche einzogen. Die weitere Dimension ist die Anpassung eines historischen Phänomens an die Gegenwart, so, dass es aber nicht mehr erkenntlich ist. Beispielsweise „Oktoberfest Kleidung“ die nichts mehr mit historischer Tracht aus dem 19. Jahrhundert gemein hat. Und die nächste negative Wertzuschreibung liegt in der zerstörenden Dimension: Wenn ein denkmalgeschütztes Gebäude über Nacht „versehentlich“ abgerissen wird, weil es den Eigentümern nur Nachteile bringt. 

2. Funktion der Wertzuschreibung an Kulturerbe und Authentisierung von Kulturerbe (Authentizität als ästhetische Kategorie)

Historische Authentizität ist die vermeintliche (zugeschriebene) Eigenschaft eines materiellen oder immateriellen Objekts. Sie äußert sich in einer durch Perzeption oder Apperzeption des Objekts hervorgerufenen Empfindung von Nähe und Präsenz eines zeitlich Fernen und längst Verlorenen. Dieses Authentizitätsempfinden (stark oder schwach) entsteht aus der Verknüpfung eines Objekts mit seinem kognitiven Kontext. Diese Verknüpfung lässt sich durch verschiedene Zuschreibemodi des historischen Werts erzeugen. Die Modi lauten: autonomistisch, idealistisch, ästhetisch, performatorisch. Mit diesen vier Modi wird historischer Wert eines materiellen oder immateriellen Objekts geschöpft. 

Das bedeutet, historische Authentizität von materiellem oder immateriellem Kulturerbe entsteht nur dann, wenn ihm durch vier verschiedene Modi historischer Wert zugeschrieben wird. Diese Zuschreibung bedeutet eine relationale Verknüpfung von Objekt und sozial konstruiertem Wissen über das Objekt. 

3. AptA – Adaptions-Analyse. Oder: Der Umgang mit Historischem 

Wie lässt sich komplexes Kulturerbe überprüfbar und evident analysieren, dann in die einzelnen Kategorien des historischen Wertes einordnen sowie dessen Authentizität bestimmen? Dazu wurde dieses Analysewerkzeug entwickelt. Mit dem Gewordenen können wir nur in drei Arten umgehen: Wir können es belassen, wir können es an unsere Vorstellungen anpassen oder wir können es beseitigen. Daraus abgeleitet können Elemente eines Kulturerbes abgefragt werden. Wie verhält sich eine Säule aus der Glyptothek in München als Adaptierendes (nachzeitlich) zu einer Säule des Parthenon in Athens als Adaptiertes (vorzeitlich). Die Elemente müssen bestimmt werden, dann ist eine Einordnung in das Werkzeug möglich. Sind mehrere Elemente nach ihren Relationen zu vorzeitlichem Adaptiertem abgefragt, ist eine verlässliche Einordnung in die Kategorien des historischen Wertes möglich. 

* AptA die Adaptions-Analyse ist identisch mit der SIA – Signifikanten-Interaktionsanalyse. Die Sperrigkeit der SIA hat eine Neuformulierung notwendig gemacht.

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