Stille Tage Kaiserzeit Corona-Tagebuch 3

Stille Tage Kaiserzeit

Corona-Tagebuch 3

Statistisch dröhnt und knattert von Freitag bis Sonntag alle fünf Minuten ein archaisch-fossiler Autoposer unter unserem Balkon. Wir wohnen in der Altstadt. Glücklich sind wir, denn wer in der Stadt lebt, verfügt über das Privileg, Lärmemissionen in der ersten Reihe genießen zu dürfen. Manchmal sogar in der VIP-Variante. Da trinken wir dann Champagner zu den Austern. Inzwischen erkennen wir die Motzprotzautos an dem Sound der Auspufflöcher. Der weiße Audi erregt besonders viel Aufmerksamkeit. Noch bevor er nur in Sichtweite kommt, erbebt die Stadt, als wäre er Gott der Plattentektonik. Dann kommt er. Biegt ein in die Marktstraße, zweihundert Meter entfernt von uns. Kaum um die Kurve beginnt die Zeremonie, die einer festen Liturgie folgt. Sogleich verkündigt der Fahrer mit den kurzen Haaren, den nackten Schläfen und dem Bart das Poser-Evangelium: Crrrrrrrrrrrrrrreeeeeeeeed-d-d-d-d-d-OOOOOOOOOOOOOOO OOOOOO OOOOOOO O O O . 

Während des letzten Sommers lagen wir oft nebeneinander in den Liegestühlen auf unserem Balkon. Ein Glas Wein in der Hand. Wir unterhielten uns im Stroboskop-Modus, sprachen immer dann, wenn wieder ein Poser vorüber war und der nächste das Gespräch verunmöglichen würde. In Urlaub und Stille schwelgten wir. Andächtige, erhabene tiefe Ruhe im Nirgendwo Frankreichs oder in der Wüste. Wir entführten uns mit unseren Gesprächsfetzen zur Heterotopie, zum Anderen Raum, den Flaumeichenwäldern, den Prärien, in’s nur du und ich. 

Doch wie war es wohl früher? Wie klang die Stadt? Sagen wir in der Kaiserzeit vor dem Ersten Weltkrieg 1914? Da gab es die Trambahnen, ganz wenige Autos, Menschenstimmen, Fuhrwerke, kein Grundrauschen von der fernen Umgehungsstraße oder der Autobahn. Ab und an ein Zug. Durch Klänge wurde der Tag von den vielen Glocken der Kirchtürme strukturiert, die alle um dieselbe Zeit erwachten und meldeten: „Ich bin noch da!“ Über der Stadt schwamm für kurze Zeit die zähe Glockenspeise. Dann wurde es wieder still. Ein Hahn krähte auf dem gebrannten Lehmboden, das war‘s. Ein paar Jahre später, im Sommer 1918, waren fast alle Glocken verschwunden. Eingeschmolzen und transformiert in Kriegsgerät. Nur noch die wenigen denkmalgeschützten alt-ehrwürdigen Glocken schlugen sich ihren Weg durch das Schweigen der Städte. Aber auch die eingeschmolzenen ergaben sich nicht der Ruhe. Sie lärmten als Geschütze an der Front. So flogen wir im Gespräch durch den Raum und durch die Zeit. Entspannung stellte sich in der aufreibenden Atmosphäre der Poser ein. Doch nur für einen Augenblick. Die Simulation der Ruhekulisse in den letzten Monaten des Kaiserreichs zerriss der nächste aufgebohrte Auspuff.

Sonntag in der Stadt, 22. März 2020. Kein fossiler Poser mehr. Unfassbar angenehm ist diese Stille. Corona als historische Erfahrung und Zukunftsvision der Neuen Stadt. 

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