Virus? Niemals! Ein Mensch!

Virus? – Niemals! Ein Mensch!

Das anthropomorphe Verursacherprinzip

In meiner Kindheit lernte ich ein irritierendes Phänomen kennen. An einem Fluss, nach dem die letzte Kaltzeit im Alpenraum benannt worden war, wuchs ich auf. Stolz war ich auf den Namen: Würm-Kaltzeit oder Würmeiszeit. Diese Würm, eigentlich kein schöner Name, roch nicht wirklich gut, außerdem hatten die Behörden ein Badeverbot verhängt, weil sich ein Haufen von Kolibakterien mit wenigen Wassermolekülen um das Flussbett stritten. Das lag an einer nicht fertiggebauten Kläranlage. Aber in den Bakterien vebarg sich nicht das irritierende Phänomen. Es bestand im Umgang der Anwohner mit dem Fluss. 

Die Maße der Würm lassen es nicht zu, von einem großen Fluss oder gar von einem Strom zu sprechen. Für Nichtschwimmer oder nicht geübte Schwimmer konnte die Würm jedoch tödlich sein. Deswegen durften alle kleineren Kinder aus der Nachbarschaft nicht nahe an ihren Ufern spielen. Begründet wurde das mit einer mythischen Wesen, einem ominösen Wassermann oder auch Nix, der, wenn er an dem Ufer ein Kind wahrnehme, mit seinen nassen kühlen Fingern das Kind packe und in den Fluss ziehe, um es mit sich zu nehmen. So viele Geschichten werden von ihm und seinesgleichen erzählt. In Tirol heißt der Blutschink. Ein anthropomorphes Hybridmonster, das es auf Kinder abgesehen hat. Dann gibt es den tschechischen Vodník oder den schottischen Shellycoat. Sie alle angelten oder griffen nach den Kindern am Ufer. 

Schaden konnte nicht von einem Fluss ausgehen, sondern nur von einem anthropomorphen Wesen: Ein Mann, der im Wasser wohnt und Böses über die Menschen bringen möchte. Irritierend ist auch der Glaube, Kindern könnten Gefahren nicht anders klar gemacht werden als durch die Wesen des Bösen, seien sie auch noch so irreal. Aber als Spiegelbild der göttlich-heilig-guten Wesen lassen sie sich perfekt in das christliche vormoderne Weltbild einfügen, dessen Auswirkungen noch heute in Nikolaus (katholisch), Weihnachtmann (protestantisch), Christkind und Osterhase die höheren Mächte in ihrem Gutsein nahebringen. Es ist offenbar schwer für Menschen den Weltenlauf ohne das Wollen und Zutun von Menschen oder menschenähnlichen Wesen zu akzeptieren. Da werden Götter konstruiert, die wie Menschen aussehen, da werden Hexen und Hexer erzeugt, weil das Wetter schlecht ist, da werden Judenheiten und andere Minderheiten zu den Tätern und Verursachern von Pandemien erklärt und erbittert diskriminiert, bekämpft und getötet. Konstruierte Kausalitäten von Phänomen und Täter, seien sie auch noch so weit hergeholt, geben offenbar ein Gefühl der Geborgenheit und Sicherheit, vor allem der Kontrollierbarkeit. Die unbekannte Gefahr wurde und wird greifbar, konnte entweder gelyncht werden oder beschuldigt, gefoltert und sodann gerichtet werden. Mit dieser anthropomorphen Schuldkonstruktion gaben sich die Menschen der Illusion hin, das unsichtbare Böse wieder beherrschen zu können. Schuldige wurden für die unerklärliche Phänomene des Bösen belangt, die das Leben einschränkten. Selbst die Erklärungen, für die Gott herangezogen wurde, beinhalteten menschliche Eigenschaften: der strafende, der rächende Gott war es dann, der die Menschheit mit den Pocken bestrafte. Wer dagegen Jenners Vaccination einsetzte, wurde folgerichtig zum Gotteslästerer erklärt. Hauptsache eine anthropomorphe Erklärung konnte herangezogen werden, schon war und ist der Mensch zufrieden. Menschen brauchen Verursacherinnen und Verursacher, sie akzeptieren nur schwerlich die Launen der Natur. 

Einmal passierte das Entsetzliche in meiner Kindheit: Ein Mädchen aus der Nachbarschaft war verschwunden. Unauffindbar. Für uns Kinder war es naheliegend, den Wassermann verantwortlich zu machen. Aber der fiel den Erwachsenen gar nicht erst ein. Sie reagierten gereizt auf unsere Schreckensvermutungen. Auch verwarfen sie die weitaus realistische Erklärung, das Mädchen sei in den Fluss gefallen und ertrunken – ein banaler schrecklicher, ein schrecklich banaler Unfall. Das Prinzip Hoffnung stand gegen diesen Deutungsversuch. Nun wurde deswegen ein böser Mann vermutet, der das Mädchen entführt habe. Verdächtigungen wurden ausgesprochen. Die Polizei suchte vergeblich. Dann, zwei Wochen später, wurde das Mädchen gefunden. Im Wasser hatte es sich in dem Rechen eines Wehres verfangen und die unangenehmste aller Erklärungen verwandelte sich in die wahrscheinlichste: der Unfall, der sich wohl still und schnell vollzogen hatte, unbemerkt von den Menschen. Die schreckliche Gewissheit ließ keinen Platz mehr für anthropomorphe Schuldige, weder für den Wassermann, noch für den Entführer. 

Die gewaltige Eigendynamik, die das anthropomorphe Verursacherprinzip mit sich bringt, trägt das Potential der Lösung durch Gewalt in sich. Das scheint heute nicht anders zu sein, als während der Judenpogrome des Jahres 1348, der Hexenprozesse während der Kleinen Eiszeit und der Shoa des 20. Jahrhunderts. 

An der vormodernen Rechtspraxis lässt sich die Funktionsweise gut studieren: Bestraft wurde öffentlich. Verurteilte wurden nicht in der Strafpraxis geläutert, es ging vielmehr um Abschreckung, aber auch um eindeutige Schuldzuweisung und Bereinigung von Schuld im Strafritual: Die kognitive Dissonanz, die strafrelevante oder natürliche Phänomene, wie bedrohliches zerstörerisches Wetter, hervorgerufen hatten, wurde durch die öffentlich vollzogene Strafe neutralisiert, die Normalität des Lebens wieder hergestellt und mit ihr die Hoffnung auf das Ende der Anomalie. Mit diesen als vormodern verharmlosten Praktiken, die aber offenbar Faktoren unseres scheinbar zivilisierten Lebens sind, die immer wieder auftauchen können, haben wir es heute in unserer Pandemie zu tun. Sie lassen uns einen Hauch davon erahnen, wie die Pest im 14. Jahrhundert wahrgenommen wurde. – Im Blick auf das Virus wird aber auch klar: Wir sind nie vollkommen modern gewesen und werden es wohl auch nie werden. 

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