Denken am Bestand: Computer vs. Handschrift

Paul Jandl schreibt über die Handschrift in der NZZ und bewegt. Handschrift gehe uns verloren. Handschrift sei Ausdruck von Körper und Geist, von Muskelkraft, physischer Tatenkraft und Gedanken, aber auch Sprechakt in einer ästhetischen Form der Individualität und keineswegs der normierten Times, Calibri, Helvetica. Gedanken und Schreiben, Schreiben in Gedanken, Gedanken entwickeln durch die Führung des Stifts. Ich gebe seinen Beobachtungen recht. Ich liebe es, leere Seiten am liebsten mit dem Tintenfüller, aber auch mit jeglichem anderen Schreibstift zu bedecken. Kladden stehen eng an eng in einem Regal. Zeugen meines Denkens über Jahre. Zudem zieren Stapelweise lose Blätter meine Zeichen und Bilder. Handschrift hat ihre großen Vorzüge. Aber Denken lässt sich nicht nur mit dem Füller in der Hand. Die Tastatur ist für mich ebenso wichtig. Den spezifischen Möglichkeiten am Computer zu texten, bin ich sehr dankbar. Das gab es vor seiner massenhaften Verbreitung nicht: Weder Handschrift, noch Schreibmaschine erlaubten es, zirkuläre Schreib- und Denkprozess mit geringstem Aufwand zu nutzen. Gedanken können über lange Zeit immer wieder und immer wieder weiterentwickelt werden: Denken am Bestand nenne ich das. Gerne vergleiche ich das mit verschiedenen Tätigkeiten des Bildhauens: Skulptur und Plastik. Die Handschrift lässt auf der weißen Seite die Form der Gedanken linear entstehen. Sie müssen fertig sein. Die Handschrift bearbeitet das Rohmaterial, daraus wird eine Textskulptur. Die Tastatur hingegen entwickelt die weißen Gedanken am Bildschirm in zirkulären Prozessen, es gibt keinen Zeitpunkt an dem das Dokument ein räumliches Ende nimmt, wie es die papierene Seite einfordert. Handschrift – und auch die Schreibmaschine – gestalten das Papier wie eine Skulptur. Die Tastatur gestaltet hingegen die Worte in einem Prozess des steten Überarbeitens. Fertig ist der Text, wenn er fertig erscheint. Nicht genau dann, wenn das Ende der Seite erreicht wird. 

Kladden aus meiner Bibliothek

Handschriftlich entwickelte ich in den letzten Jahren Ideen. Aber der Computer ermöglichte es mir, sie in unterschiedlichen Geschwindigkeiten immer und immer wieder zu bearbeiten. Ohne die überdauernde, wenig ephemere Sinnlichkeit der Handschrift würde mir etwas abgehen. Aber die Möglichkeiten des Digitalen und der daraus folgenden Textproduktion möchte ich nicht missen. 

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