Toxisches Kulturerbe und die authentische Stadt

Die Oberflächen der Dinge wirken direkt und ohne Worte als Mittler, sie agieren als quasi Worte, die unmittelbar Bedeutungen, seien es emotionale oder logische, hervorrufen: die Macht der Ästhetik. Sie ist nicht zu unterschätzen und birgt einige Gefahren, die gestalterisch unterbunden vermieden werden können.

Die Forderung, das Leitbild Authentische Stadt umzusetzen, bedeutet, dass so viel wie möglich an Baubestand weitergenutzt und entwickelt wird. Alles, das auf uns gekommen ist, wird als Kulturerbe bezeichnet. Es soll ohne Unterschied seiner ideellen Herkunft erhalten und entwickelt werden, aus Gründen des Klimaschutzes und der narrativen Dimension sozialer Konstruktion der Stadt – so die Argumentation des Leitbilds Authentische Stadt. Genau dort wird schnell eine Grenze der bestehenden Werteordnungen erreicht und sichtbar, nämlich wenn das Kulturerbe toxisch ist, weil es beispielsweise aus der NS-Zeit stammt. Diese Grenze wirft eine ethische Frage auf: Darf das bauliche Sediment einer toxischen Ideologie Teil unseres Alltags werden? Die Antwort scheint so einfach wie komplex: Es darf ein Teil des Alltags werden, solange es nicht Anlass gibt, allen voran die Werte des Grundgesetzes zu missachten, also seine toxische Wirkung zu entfalten. 

An einem Beispiel wird dies verständlich: NS-Kasernenbauten stehen heute vielfach zur Konversion oder zum Abriss an. Oft waren sie von US-Amerikanern und dann, nach deren Abzug, als Übungsräume und Ateliers genutzt worden. Doch irgendwann fällt gewöhnlich die Entscheidung, was und wie damit umgegangen werden soll. Wohnraum ist knapp. Ehemalige Stützpunkte und Kasernen bieten sich an, um neuen Wohnraum zu schaffen. Sie liegen oft in der urbanen Peripherie, sind aber trotzdem gut an die städtischen Zentren angebunden. Ebenso sinnvoll erscheint es, solche Anlagen, deren Baubestand möglicherweise weitgehend authentisch ist, in Dokumentationszentren zu verwandeln, das heißt, sie als Erinnerungsorte museal in einem aktiven aufklärerischen Duktus zu nutzen. 

Museum oder Wohnraum? Beide Konversionstypen verlangen nach verschiedenem gestalterischem Umgang. Das Dokumentationszentrum wird den Schwerpunkt des Baubestands auf dessen epistemischen, materiellen, lokalen, temporalen und ästhetischen historischen Werten legen, die der Ort und die Architektur bereitstellen. Vor allem die ästhetische Dimension ist für das Dokumentationszentrum von großem Wert, weil es ein Gefühl des Authentischen erzeugen kann. Das bedeutet, die museale Nähe zum Fernen, das erinnert werden soll, wird durch den ästhetischen historischen Wert produziert. Deswegen ist auch eine Aufarbeitung dieser authentisch wirkenden Gebäude notwendig, sobald sie ihre Zwischennutzung als Künstlerateliers oder ähnlichem – die als Detox wirkt – verlieren. Möglichst alle Nutzungsarten von der NS-Wehrmachtskaserne, über den US-amerikanischen Stützpunkt bis zu der Zwischennutzung für Kunst und Musik mit einem Zustand der Vergangenheit, in diesem Fall der NS-Zeit, sollten museal thematisiert werden. Dazu werden heute zeitgemäß wohl alle baulichen Abschnitte der Bestandsgebäude aufgearbeitet und kenntlich gemacht. Vor allem geht es im Falle des Dokumentationszentrums um die Musealisierung des Bestands, nicht um dessen ästhetisch-funktionale Weiterentwicklung unter Klimaschutzaspekten. Ein solches Dokumentationszentrum liegt in der öffentlichen Hand. Das Dokumentationszentrum ist jedoch nicht das vordringliche Ziel der Authentischen Stadt. Es liegt vielmehr in der Weiterentwicklung des Bestands als Wohn- oder Gewerberaum, also nicht das Museum mit seiner ontologischen Enthobenheit seiner Materie, sondern der Alltag wird von dem Leitbild der Authentischen Stadt anvisiert.

Dabei spielt die Ideologie, aus der heraus die Kasernenarchitektur errichtet wurde, eine problematische Rolle. Sie soll (mahnend) aufklärerisch ein Teil des Alltags werden, soll erinnert werden, soll die Pfadabhängigkeit der Gegenwart manifestieren mit all den negativen, aber auch positiven Brüchen. Die toxische Ideologie wird damit ein Bestandteil der Gestaltung in der Weiterentwicklung dieses Kulturerbes. Da es nicht museal wirken darf, muss es umgestaltet werden, damit es seine originale Ästhetik verliert, zumindest grundlegend dekonstruktivistisch gestört wird. Die Adaption des toxischen Kulturerbes in die Gegenwart muss klar ersichtlich werden – mit welchen rhetorischen Stilmitteln auch immer. Die Toxizität des Kulturerbes braucht ein Gegengift, eine Auflösung oder eine wesentliche Perturbation der originalen Architektur. Sie muss mit einer klaren Aussage versehen werden, um die Adaption des toxischen Kulturerbes an die Werte von Gegenwart und Zukunft zu markieren. Der Bestand sollte erhalten, aber die Form sollte mit einer deutlichen Aussage eine eindeutige Zuschreibung ermöglichen, die sich in der Gegenwart positioniert.

Trotzdem funktioniert das Leitbild Authentische Stadt: Die Entwicklung der sozialen Konstruktion des Urbanen Raums mit seinen Narrationen wird ermöglicht, der historische Wert des Epistemischen, der Materie, des Lokalen bleibt erhalten. Aber eines verschwindet, das für das Dokumentationszentrum essentiell wäre: die ursprüngliche Ästhetik als historischer Wert. An sie könnten rechte Ideologien andocken, sie gilt es bei einem gemischten Wohnraum- und Gewerbekonzept zu vermeiden.

Folglich heißt die Aufgabe der Weiterentwicklung: Reflektieren, Nutzen und doch ästhetisch weitgehend verändern. Dem Klimaschutz wäre damit gedient, ein Umgang mit Erinnerung gefunden, der keinen Zweifel daran lässt, dass die toxische Dimension keinen Raum erhält, in der sie ihr unheilvolles Werk entfalten könnte. Sie wird ästhetisch transportiert und die NS-Ästhetik gilt es zu vermeiden oder klar visuell verständlich zu durchbrechen.

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