Fischertag in Memmingen und die Frauen – Teil 2

Die erfundene Tradition und ihr Zweck: Identität und Legitimierung von hierarchischen Gesellschaftsstrukturen

Traditionen sind nichts, was aus der Geschichte auf uns in unserer Gegenwart ohne unser Zutun gekommen wäre. Sie sind vielmehr Reflexionen auf Vergangenheit, die Deutungen der Vergangenheit in ein Konzept gießen, um einen oder mehrere Zwecke zu erfüllen. Diese Zwecke sind in Memmingen zweierlei: Erstens wird durch sie, aufgrund des historischen Bachausfischens eine kollektive Stadt-Identität erzeugt, die in einem Fest mündet. Teilnehmen können nur Memminger Bürger (männlich), die bereits einige Jahre in Memmingen wohnhaft sind. 

Ein solches Fest zur Beförderung der Stadt-Identität ist für Bayerisch-Schwaben oder für Oberschwaben nichts Einzigartiges. Ulm hat seinen Schwörmontag und sein Nabada, Augsburg sein Friedensfest, Ravensburg und Landsberg am Lech (als oberbayerische Grenzstadt zu Schwaben) ihre Rutenfeste, Kaufbeuren das Tänzelfest. Während die Ulmer, Augsburger und Kaufbeurer Feste gesellschaftlich offen und inklusiv sind, erweisen sich die Rutenfeste und der Memminger Fischertrag als exklusive Feste. Frauen werden von ihnen in den zentralen Festangelgenheiten ausgeschlossen. Darin offenbart sich ein anderer Zweck der erfundenen Traditionen: Hier werden hierarchische Ordnungen betoniert und legitimiert, die sich gegen die Ausgeschlossenen richten. In Memmingen sind es vor allem die Frauen, aber natürlich auch die Nicht-Memminger oder Noch-nicht-lange-genug-Memminger. Letztere Exklusion lässt sich nachvollziehen, schließlich geht es hier um die Stadt-Identität. Aber die Exklusion von Frauen lässt sich nur durch den Wunsch verstehen, dass eine bestimmte männerdominierte Gesellschaftsordnung durch eine Vereinssatzung, die die Tradition darstellt, legitimiert wird. Der geschichtliche Hintergrund ist lediglich die Rechtfertigungsordnung, mit der die Tradition und ihre Zwecke begründet werden. 

Diese Einteilung nach den Zwecken der Tradition geht auf Eric Hobsbawm und Terence Ranger zurück. Sie verstanden Traditionen als Konstrukte und Erfindungen einer bestimmten Zeit. Eine Tradition besagt also mehr über die Zeit, in der sie erfunden und formuliert wurde, als über die Vergangenheit, also den Gegenstand der Tradition. Wer an einer erfundenen Tradition Jahrzehnte nach deren Erfindung festhält, hält an der Gesellschaft fest, in deren Rahmen die Tradition erfunden wurde. Seit 1931 floss allerdings bereits viel Wasser die Memminger Ach herunter. Wir leben im Zeitalter, in dem ein Gender-Kampf geführt wird, in der nicht nur über die Konstruktion von Tradition nachgedacht wird, sondern auch über die Konstruktion des biologischen Geschlechts, in der längst der heterosexuelle Imperativ gebrochen wurde. Wir ändern unsere Sprache, um unser patriachalisches Denken zu wandeln. In einigen Bereichen der Gesellschaft, beispielsweise an den Universitäten, ist das Gendern Alltagssprache. Es hat sich längst etwas verschoben, erneuert, neu normativiert. Das Aufrechterhalten einer Tradition, bedeutet letztlich das Aufrechterhalten eines gesellschaftlichen Zustands. 

Blicken wir auf das Augsburger Friedensfest, ein protestantisches Fest ehemals, dann ein ökumenisches, jetzt inzwischen ein Fest der Kulturen, der Diversität, so sehen wir was Tradition bedeuten kann: Veränderung, ohne die historischen Wurzeln eines Festes zu verleugnen. Tradition hat die Aufgabe, Vergangenheit mit der jeweiligen Gegenwart zu verbinden. Das bedeutet aber, dass die Tradition von der Gegenwart eben gemacht wird und die Vergangenheit interpretiert wird, sonst ist es eine tote Tradition, schockgefrorene Musealisierung, die eben gerade nicht mit der Vergangenheit verbunden ist. 

Jede Gegenwart erfindet ihre Tradition – so sehen es die gegenwärtigen Kulturwissenschaften. Gibt es ein Recht auf Verweigerung der Gegenwart? 

Tradition hat primär nichts mit Vergangenheit zu tun, sie ist sekundär und lediglich ein Reflex einer Gegenwart auf die Vergangenheit, in der eine Tradition erfunden und festgelegt wurde.

Diskriminierung lässt sich nicht mit Tradition legitimierend begründen. Diskriminierung ist vielmehr der Grund der Memminger Tradition.

Frauen und die Authentizität des Memminger Fischerfests: Zur Authentizitätsanalyse


Lit: 

Eric Hobsbawm, Terence Ranger: The Invention of Tradition, Cambridge 1992.

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