Wissenschaft und Politik in Zeiten der Asymmetrie, 27.06.19

27. Juni 2019, 19.30 Uhr Ebenböckhaus, Ebenböckstraß 11, 81241 München

Eine Veranstaltung des Kulturforum München-West mit Raoul Koether und Stefan Lindl

In seiner Wissenschaftsreihe veranstaltet das Kulturforum München-West ein Gespräch zwischen dem Historiker Stefan Lindl und dem Politiker Raoul Koether. Priv. Doz. Dr. habil. Lindl vertritt die These: „Trump, Seehofer, Johnson agieren nationalstaatlich, exklusiv, insulär, protektionistisch, antiliberal, antiglobal, antitransnational, antiinternational, diskriminierend, unchristlich. Sie verkörpern die Gegenentwürfe der Werte, die sich seit Ende der 1980er Jahre entwickelten und über die 1990er Jahre in einigen Bereichen der Gesellschaften etablierten. Jedoch sind alle drei wertvoll. Wir werden lernen müssen ihnen zu danken.“ Auf diese Herausforderung wird Koether, Ingenieur und Unternehmensberater für Krisenprojektmanagement mit mehr als 20 Jahren Erfahrung auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene, antworten. Sie sind herzlich eingeladen zuzuhören, sich zu amüsieren und mitzureden.

Mehr dazu: Zeit derAsymmetrie

Die authentische Stadt – Memmingens Bahnhofsquartier

Stadtentwicklung und der Umgang mit dem Historischen 

Reflexionen über den Vortrag im Historischen Verein Memmingen zum Memminger Bahnhofsquartier am 1. März 2018.

Priv. Doz. Dr. phil. habil. Stefan Lindl, Universität Augsburg

1. Urbanes Kapital: Authentizität

Das Kapital einer Stadt bildet sich aus den charakteristischen Elementen seinen materiellen sowie ideellen Bestandteile. Im konkreten Memminger Fall wäre das die Reichstädtische Architektur als Beispiel für materielle Bestandteile und die Zwölf Memminger Artikel als Beispiele für die ideellen. Es bedarf darüber aber einer Reflexion und Wertzuschreibung, damit sich das Kapital ausbilden kann. Unkenntnis über den Wert des historisch Gewachsenen, ist die größte Gefahr für die authentische Stadt. Denn nichts ist aus sich heraus wertvoll. Es bedarf immer eines soziale-konstruierten Bewusstseins dafür, eine sprachlich-analytische Formation von den historisch-gewachsenen Bestandteilen. Der Historische Verein Memmingens übernimmt beispielsweise einen Teil dieser sozial-konstruierenden Funktion. Das bedeutet, die materiellen und ideellen Bestandteile einer urbanen Gegenwart werden genutzt, um reflexiv und gesellschaftlich authentische Städte zu konstruieren und zu konstituieren. Sie sind der historische Bestand, der stetig durch neue urbane Produktion von Kulturgütern wächst. Die Produktion von Kulturgütern allein genügt also nicht für die Konstitution der authentischen einzigartigen Stadt. Formen der Bewusstwerdung sind entscheidend. Wenn sie fehlen, ist die Entwicklung der authentischen Stadt in Gefahr. Architektonische Mutlosigkeit zukünftiges historisches Kulturgut aufgrund der historischen Tradition zu entwickeln, gefährdet ebenso die authentische Stadt, wie die unwissende ignorierende Vernichtung von gewachsenen historischen Strukturen. Die authentische Stadt liegt in der Verantwortung der gegenwärtigen Politik für die zukünftigen nachfolgenden Generationen. Historischer Bestand ist eine unwiederbringliche Ressource, mit der es zu Haushalten gilt. Es bedarf einer Ökonomie des Historischen für jede einzelne Stadt zu entwickeln, die in Nachhaltigkeitskonzepte eingebettet werden sollten. Umwelt ohne Stadt ist ebenso nicht zu denken wie Stadt ohne Umwelt. Das Historische ist ebenso wie alle nicht regenerativen Ressourcen knappes Gut. Das Kapital der authentischen Stadt ruht mitunter auf dieser Ökonomie des Historischen, die einem Bodenschatz gleicht. Jede Verschwendung dieser kulturellen „Bodenschätze“ ist unmoralisch. Jede Nutzung dieser Ressourcen muss unter verschiedenen Gesichtspunkten erörtert werden. Fahrlässiges profitorientiertes Handeln greift in die Zukunft ein, genauso wie das gute Handeln. 

Es ließe sich auch sagen, die Geschichte einer Stadt formiert ihre Authentizität, die an keinem anderen Ort in keiner anderen Stadt dieser Welt wiederholt werden kann. Alles, was als historisch wertvoll in einer bestimmten Gegenwart erachtet wird und somit als charakteristisch für eine Stadt gilt, wird als das Authentische einer Stadt bezeichnet. Die Eigenschaft der Echtheit, der Authentizität einer Stadt, wird ihr zugeschrieben, verliehen durch historischen Wert der einzelnen Bestandteile, die materieller oder ideeller Natur sind. Niemals gibt es eine authentische Stadt aus sich heraus, es bedarf immer der Reflexion „Was ist einzigartig, was ist authentisch-originär-original an der Stadt?“, um Authentizität über die Wertschätzung bestimmter Bestandteile zu generieren und zu konstituieren. Die Echtheit – die Authentizität – einer Stadt hält die Vergangenheit bereit, aber es bedarf einer wertschätzenden Gegenwart, die diese kulturellen Produkte der Vergangenheit würdigt und schützt. Erst dann entsteht die authentische Stadt. Es muss bereits gemacht worden sein, wenn Wert entstehen soll. Alles Wertlose, das nicht als wertvoll erachtet und erkannt wird, droht verloren zu gehen und steht ab ihrem Verlust keiner weiteren Gegenwart zur Verfügung. 

Die Stadt muss auf ihr Kapital achten, das nur bestehen bleibt, wenn diejenigen kulturellen Bestandteile, aus denen sie ihr Kapital schöpft, nicht verloren gehen.

2. Ökonomie des Authentischen 

Neben der Ökonomie des Historischen gibt es eine Ökonomie des Authentischen, die über die Vergangenheit in die Zukunft ausgreift. Leben in der authentischen Stadt bedeutet keineswegs ein Leben in der Vergangenheit. Vielmehr wird unter der authentischen Stadt die Geschichtlichkeit der Stadt mitgedacht. Geschichtlichkeit bedeutet Wandel von der Vergangenheit in die Zukunft, nachhaltig gedachte Geschichtlichkeit denkt den Wandel in der Verantwortung für zukünftige Generationen. Selbstverständlich spielen wirtschaftliche Belange eine Rolle. Investoren orientieren sich an dem Profit. Ästhetik und Authentizität denken sie oft nicht, wie dies auch in dem Siegerentwurf des Memminger Bahnhofsquartiers sichtbar wird. Pragmatische, beinahe schon extrem unambitionierte erscheinende Architektur, die sich an bereits längst genehmigte Nachbarbebauung orientiert, wurde hier von der Jury gewählt und prämiert, weil sie den historischen Kontext berücksichtige. Dies sei dahingestellt und einer müsste einer näheren Prüfung unterzogen werden. Baukörper aus der Nachbarschaft wurden kopiert, um die belanglose Architektur durch die städtische Jury und an der Denkmalschutzbehörde ohne große Störungen vorbei zu lotsen. Das mag ökonomisch gedacht sein, pragmatisch ist es jedenfalls. Der Entwurf stört nicht, da die brutalistische Umgebungsbebauung wesentlich härter in die Wahrnehmung der Betrachtenden eingreift, als die nun genehmigte Planung. Ein scheinbarer Gewinn in einem bereits vielfach problematischen Bahnhofsviertel, das eigentlich zuerst eine Neustrukturierung benötigte, bevor das sogenannte Bahnhofsquartier entwickelt wird. Die Situation der Bahnhofsstraße, die Verkehrslast, das Bahnhofsgebäude selbst sind Störfaktoren, die langfristig in eine nachhaltige Bahnhofsviertelsanierung und Entwicklung gründlich hinterfragt werden müssten. Hier wurde schon in früheren Jahrzehnten nicht nachhaltig agiert. Weder wurde die Ressource des Historischen berücksichtigt noch auf authentisch-zukünftige architektonische Lösungen Wert gelegt. Es mangelte an Qualität und Planungsweitsicht. Leichtfertig wurde die authentische Stadt Memmingen auf‘s Spiel gesetzt. Das geht nun weiter mit dem Entwurf des Bahnhofsquartiers. Dass sich nun politischer Widerstand im größeren Stil formierte, ist aus der Sicht einer nachhaltigen, historisch-argumentierenden Stadtentwicklung mehr als zu wünschen, eine mögliche Revision der Entscheidungen ebenso. 

Eine authentische Stadt kann nur auf zweifache Weise gehalten werden: 

  1. Schutz des Historischen 
  2. Planung von hochwertiger Architektur, die den Schutz des Historischen berücksichtigt. 

Nur so wird sich dauerhaft das Kapital der Stadt halten, befördern und weiterentwickeln. 

Städte, die bereit sind, das Historische mit dem Kontemporären miteinander zu verbinden, wie Hamburg mit der Elbphilharmonie oder Bregenz mit seinem vorarlberg museum, schaffen durch das Spiel mit der Vergangenheit und der zeitgenössischen Moderne unverwechselbare Wahrzeichen – ganz bewusst durch den Bruch und der meist gelungenen Kombination und Hybridisierung von alt und neu. 

Glücklich, wer Historisches besitzt. Glücklich, wer Historisches retten konnte über die Zerstörungen der Bomben und die noch schlimmere Destruktionssucht der Wirtschaftswunderjahre des 20. Jahrhunderts. Ebenso glücklich kann sich eine Stadt schätzen, die den Mut aufbringt das Historische mit dem Gegenwärtigen zu verbinden, mit der Absicht hochqualitätsvoll neue Werte zu schaffen, die über den kurzfristisgen ökonomischen Nutzen weit hinausgehen. 

3. Wie ist die authentische Stadt möglich? Welche Authentizitäten gibt es, um kontemporäres Bauen nichtzu verhindern? 

Es gibt zwei Sichtweisen, wie das Original von Menschen gedacht wird. Die eine ist eine naturalistischeSichtweise, die andere eine konstruktivistische. Die naturalistische Sichtweise geht davon aus, dass ein originales Objekt von sich aus ein Original ist, also ein authentisches Objekt ist. Ihm wurde von Walter Benjamin eine Aura attestiert, die das Original von sich aus habe und die das Original erhaben und unantastbar mache. Die Zerstörung der Buddha Statuen von Bamiyan durch die Taliban im März 2001 sprechen jedoch eine andere Sprache. Offenbar sind Originale aus welchen Gründen auch immer, nicht von sich aus etwas Besonderes. Die Originale sind antastbar, weil sie aus einer bestimmten theologischen Perspektive unwürdig sind und ihre Zerstörung und keineswegs deren Schutz Pflicht ist. 

Nicht nur deswegen wird heute die konstruktivistische Perspektive favorisiert: Nichts ist von sich aus ein Original, nichts ist von sich aus authentisch. Das Originale und das Authentische müssen durch Sprechakte erzeugt werden. Erst der Satz: „Dies ist der Thron Karls des Großen“ macht einen Haufen nutzloser und absolut sinnloser Steine zu dem Thron des Großen Karl. 

Es gibt zumindest drei Zuschreibungen, mit denen Objekte in Sprechakten zu Originalen werden. Es sind Eigengesetzlichkeiten – Autonomien: 

  1. Materielle Autonomie
  2. Kontextuelle Autonomie
  3. Geschichtliche Autonomie

Eine oder mehrere Autonomien müssen einem Objekt zugesprochen werden können, um es ein Original nennen zu dürfen. 

Materielle Autonomie stellt die historische, als ursprünglich gedachte Materie in den Mittelpunkt der Originalitätskonstitution. Nur die historische Materie mit ihrer Autonomie von Produktionsverhältnissen und Erosionszuständen kann die Originalität garantieren. Plutarchs Gedankenspiel des „Schiffs von Theseus“ birgt diese Art der Autonomie in sich. 

„Das Schiff, auf dem Theseus mit den Jünglingen losgesegelt und auch sicher zurückgekehrt ist, eine Galeere mit 30 Rudern, wurde von den Athenern bis zur Zeit des Demetrios Phaleros aufbewahrt. Von Zeit zu Zeit entfernten sie daraus alte Planken und ersetzten sie durch neue intakte. Das Schiff wurde daher für die Philosophen zu einer ständigen Veranschaulichung zur Streitfrage der Weiterentwicklung; denn die einen behaupteten, das Boot sei nach wie vor dasselbe geblieben, die anderen hingegen, es sei nicht mehr dasselbe.“

Die Struktur und die Proportionalität bleiben sicherlich erhalten, aber eben nicht die ursprüngliche Materie. Wird als Hauptkriterium für Authentizität und Originalität Materie gesetzt und definiert, so ist Theseus’ Schiff nicht mehr das originale, authentische Schiff des Theseus. Materialität ist folglich mitunter ein Kriterium für Authentizität und Originalität von Objekten, aber nicht allein ausschlaggebend. 

Auch die kontextuelle Autonomie kann als Definition von Authentizität originaler Objekte herangezogen werden. Darunter fällt die Ästhetik des Objekts, seine Funktionalität, seine dispositive Eigenschaft sozialer Praktiken und seiner Produktionsverhältnisse. Alles, was Kunsthistoriker*innen obliegt, um Gegenstände kultureller Produktion einzuordnen und zu datieren, fällt unter diese kontextuelle Autonomie. 

Die dritte Art der Autonomie, die Objekten zugeschrieben werden kann, um aus Ihnen Originale qua Sprechakt zu konstituieren, ist die geschichtliche Autonomie. Sie erfasst das in-der-Zeit-sein eines Objekts, metonymisch ließe sich sagen, dessen Biographie. Sie kann einem Objekt nicht genommen werden, selbst wenn sie im Dunklen liegt, muss etwas gewesen sein. Aber alle Geschichtlichkeit eines Objekts beruht auf das ihm zugeschriebene Wissen. Es ist eine rein diskursive Größe, die das Objekt nicht von sich aus erzählt. 

Originalität und mit ihr Authentizität benötigen den Diskurs, um überhaupt existieren zu können. – So die konstruktivistische Sichtweise, deren Argumentationsweise durchaus schlüssig ist.

Werden diese drei Autonomien auf die kontemporäre Architektur angewendet, so kann Architektur, die sich materiell, kontextuell in soziale Praktiken einbindet und Geschichtlichkeit durch ihr in-der-Zeit-sein ausbildet als Original bezeichnet werden. 

Ebenso verhält es sich bei Hybridbauwerken wie der Elbphilharmonie oder dem vorarlberg museum. Beide nutzen historische Baukörper, um darauf kontemporäre Architektur zu errichten, um daraus Unerwartetes zu schaffen. 

Materielle, kontextuelle und geschichtliche Autonomie garantieren in diesen Beispielen Originalität. Rekonstruktionen hingegen haben nichts davon: Keine materielle, keine kontextuelle, keine geschichtliche Autonomie.

Trotzdem werden Rekonstruktionen verwirklicht, obgleich sie keine Originalität und originale Authentizität besitzen, also verfügen sie auch nicht über historischen Wert. Und doch werden sie errichtet. Es liegt auf der Hand, dass Rekonstruktionen für Menschen einen historischen Wert darstellen, der neben der Originalität besteht. Es ist deswegen sinnvoll, von verschiedenen Authentizitäten und Authentisierungskonzepten auszugehen. Bei Rekonstruktionen läuft die historische Wertschöpfung über die Ästhetik. Bei Bauwerken wie im Klassizismus, Historismus oder in der Postmoderne werden oft Strukturen, Proportionen, Materie verwendet, um historischen Wert zu erzeugen. Es sind Bauprinzipien und Bauideen, mit denen die Architekturen authentisiert werden. Und noch eine weitere historische Wertschöpfung gibt es die performatorische, das Aufführen von Wissen, das Erzählen das durch Zeichen ausgelöst wird. 

Daraus lassen sich vier Kategorien der Authentizitäten kulturellen Erbes ableiten. 

Entscheidend für Evidenz und Validität dieses Kategoriensystem ist der Zusammenhang von historischem Wert und historischer Authentizität. Rekonstruktionen haben offenbar einen historischen Wert. Dieser historische Wert entsteht aber nur durch eine Authentisierung, die über verschiedenste Medien läuft. Sie bestehen aus Materie, Ideen, Ästhetik und Zeichen / Narrationen. Über diese Medien wird Objekten historischer Wert zugeschrieben. Dieser Zuschreibungsvorgang wird Authentisierung genannt. Dadurch entstehen vier Authentisierungskonzepte: das autonomistische, das idealistische, das ästhetische, das performatorische. Authentisierungen ermöglichen historische Wertschöpfungen. 

Eine Stadt historisch wertvoll zu machen, bedeutet, ihre materiellen und ideellen Sehenswürdigkeiten zu authentisieren. Dadurch entsteht historischer Wert und mit ihm die besondere Atmosphäre, die sich diskursiv in einer gesellschaftlichen Konstitution formiert. Die historische Atmosphäre einer Stadt beruht mitunter auf ihrer Authentisierung, aber natürlich auch auf der reinen Wahrnehmung einer Devianz, die sich zwischen der gewohnten kontemporären Architektur und der historischen auftut. Auch diese Abweichung der Ästhetiken befördert Atmosphäre. 

4. Historisch-argumentierende Stadtplanung 

Was bleibt einer Stadt wie Memmingen, die einen bedeutenden historischen Bestand sein Eigenen nennen darf, wenn Quartiere die kriegsbedingte Zerstörungen aufweisen unter den Gesichtspunkten der Ökonomie in einen profitorientiert gestaltet werden sollen? Das Memminger Bahnhofsquartier bietet Einblicke in eine erstaunliche Stadtplanungsattitüde. 

Der Bestand: 

Verkehrsführung

Die Bahnhofsstraße ist eine Hauptverkehrsstraße in Nord-Süd-Richtung entlang der ehemaligen reichstädtischen Stadtmauer, die den Bahnhof von der Altstadt Memmingens scheidet. Auf der Ostseite der Bahnhofsstraße liegt die städtische Mewo-Kunsthalle. Deren Architektur stammt aus dem 19. Jahrhundert. Das Bauwerk hatte die Bomben des Luftkriegs überstanden, das südlich gelegene Bahnhofsgebäude hingegen nicht. Die Städtische Kunsthalle mit ihrem qualitativ hochwertigen überregional beachteten Kulturprogramm wäre es durchaus wert, an die Altstadt angebunden zu werden. Doch da ist das Problem der Bahnhofstrasse, deren Verkehrslast Lebens- und Kulturqualität verstörend zerstört. Für eine erfolgreiche Entwicklung eines Bahnhofsquartiers müsste der Verkehr umgeleitet werden – unterirdisch wohl. Eine andere Möglichkeit gibt es in Memmingen nicht. Die Stadt ist von Autobahnen eingekesselt. Für ein lebenswertes qualitatives urbanes Konzept das den Bahnhof in die Altstadt integriert, müsste zuerst diese Verkehrsführung gelöst werden. Die Verwirklichung scheint jedoch in der Ferne zu liegen. Eine qualitativ wertvolle Verbindung zwischen der Kunsthalle und der Altstadt wird bis auf weiteres unmöglich sein. 

Angrenzender Baubestand: 

Die Bahnhofsstraße wird von einem Bauwerk des architektonischen Brutalismus dominiert. Dieses bestimmende Bauwerk liegt auf dem Eckgrundstück von Maximilianstraße und Bahnhofstraße. Mit diesem Bauwerk wurde bereits massiv in den historischen Bestand der Reichstadt eingegriffen. Die mittelalterliche und frühneuzeitliche Parzellierung wurde zugunsten des Großen Baukörpers aufgebhoben, die Geschoßhöhe sprengt alles Gewordene und die luftige Pavillionbebauung des 19. Jahrhunderts wurde durch undurchlässige Massivität ersetzt. Historischer Wert wurde von minderqualitativer kontemporärer Architektur vernichtet. Das neu entstehende Bahnhofsquartier zwischen Maximilianstraße und Kalchstraße muss mit einer brachialen Ästhetik konkurrieren und sie bestenfalls auflösen. 

Diese beiden Bestandsprobleme gehören in die nachhaltige Planung des Memminger Bahnhofsquartiers. Daneben ist über das Bahnhofsgebäude nachzudenken. Wahrscheinlich löst dieses ästhetische Problem die Zeit selbst. 

In diesen problematischen Vorbestand müsste eine nachhaltige Langzeitplanung die Rahmenbedingungen für die Neubebauung des Bahnhofsquartiers formulieren. Ohne diese weitsichtigere Planung scheint das Bahnhofsquartier kaum nachhaltig planbar zu sein. 

Notre-Dame: Verlust des 19. Jahrhunderts

Der Brand im Dachstuhl von Notre-Dame von Paris zerstörte ein Meisterwerk des 19. Jahrhunderts. Eugène Viollet-le-Duc war in der Mitte des 19. Jahrhunderts für die Form und Gestaltung der Kathedrale verantwortlich. Den markanten Dachreiter über der Vierung entlehnte der französische Architekt mehreren Vorbildern: dem im 18. Jahrhundert verstürzten Vierungsturm der Kathedrale Notre-Dame, dem der Kathedrale von Orléans, den er eingängig studiert hatte. Die Westtürme von Notre Dame hätte er gerne nach dem Kölner Vorbild ergänzt. In Viollet-le-Ducs Denken waren sie nicht „fertig gestellt“, doch sie wurden mitunter aus finanziellen Gründen nicht gebaut. Aber der Vierungsturm wurde von ihm gestaltet und verwirklicht, der ein Fraß der Flammen wurde.

Viollet-le-Duc hat das architektonische Bild des Mittelalters mit Notre-Dame maßgeblich geprägt. Ähnlich wie der Kölner Dombauverein mit ihrem Bauvorhaben. Die markante Außenerscheinung Notre-Dames war sein Werk, das heute zu einem Teil vernichtet wurde. Es ist zu hoffen, dass die Gewölbe halten und durch das Löschwasser nicht zu sehr angegriffen werden.

Mit dem Brand wird eine Diskussion zur Rekonstruktion entstehen: Welche Notre Dame wollen wir? Die vor Viollet-le-Duc oder nach ihm? So umstritten, wie er in Frankreich ist, wird diese Diskussion sicherlich einen vielfältigen Diskurs über das Echte Notre Dame abgeben.

Neuerscheinung: „Klima und Konsum“ – Über die Erfindung des Klimawandels

Ein Buchbeitrag, der im letzten Jahr 2018 viel Freude, aber auch ungemein viel Arbeit bereitet hat, erscheint nun in diesen Tagen:

Klima und Konsum. Gesellschaftliche Konstitution des anthropogen verursachten Klimawandels von 1600 bis Arrhenius, in: Wolfgang Wüst, Gisela Drossbach (Hg.): Umwelt-, Klima- und Konsumgeschichte. Fallstudien zu Süddeutschland, Österreich und der Schweiz, Berlin 2018, S. 469-504.

„Klima und Konsum“ ist der Versuch einer Annäherung an den historischen Diskurs des Klimawandels. Der Dimension der Erderwärmung nachzuspüren, wie er sich in den Jahrhunderten manifestierte, vom Phänomen des Gletscherwachtums in den Tiroler und Schweizer Alpen hin zur anthropogen verursachten Erwärmung, ist ein faszinierendes Beispiel der Relation von Fortschritt und Vernichtung: Im Gleichschritt mit der Industrialisierung entstanden die Theorien zum anthropogenen Einfluss auf die Erderwärmung. Das fand überraschend früh statt. 1827 lässt sich die Relation von menschlichem Schaffen und Erwärmung in einer Schrift von Fourier nachweisen. Es ist auszugehen, dass dieser Zusammenhang bereits andernorts und früher im Klimadiskurs auftaucht. Klima und Konsum wurden im 19. Jahrhundert direkt miteinander verknüpft. – 190 Jahre später streiken Schüler, damit diese Relation endlich eine neue Ausrichtung bekommt. Lösen können dieses Problem nur Politikerinnen und Politiker. Aber sie müssen erst geändert werden, damit sie legislativ tätig werden können. Das geht in Demokratien über öffentlichen Druck . – Fridays for future ist ein richtiger Weg. Für die Bewusstseinsbildung, dass die anthropogen verursachte CO2-Emission zu einem existentiellen Problem der Menschheit werden könnte, hätten wir alle nahezu 200 Jahre Zeit gehabt. – „Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so.“ Emissionen waren lange Zeit gut, sorgten für Wohlstand und Kapitalismus. Nun bedrohen sie Wohlstand und die Grundlage unserer Existenz.

Günstig ist der Band nicht, aber er lohnt sich: 88,80 Euro.

Bei amazon kaufen

SWR 2 über Leopold Mozart: Musiker-Manager-Mensch

Gewohnt informationsreich und herrlich aufbereitet von SWR 2 Kulturradio ein hörenswerter kurzer Beitrag über die Leopold-Mozart-Ausstellung, die am letzten Wochenende in Salzburg im Mozart-Wohnhaus eröffnet wurde:

https://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/treffpunkt-klassik/ausstellungsbericht-leopold-mozart-musiker-manager-mensch/-/id=660614/did=23796422/nid=660614/1ua9txs/index.html

Augsburger Jesuitengasse – Bauernhochzeit – Leopold Mozart zum 300. Geburtstag


In Salzburg öffnet am 5. April 2019 die Ausstellung: „Leopold Mozart – Musiker, Manager, Mensch“ anlässlich des 300. Geburtstags des Tonkünstlers und Komponisten. Zu dieser Ausstellung erscheint ein Begleitband mit identischem Titel auf deutsch und englisch.

Cornelia Wild und Stefan Lindl haben darin in einem Beitrag versucht, den Kontext Leopolds in seiner Augsburger Zeit von 1719-1737 und die gesellschaftliche Konstitution Leopolds als Augsburger während des 20. Jahrhunderts zu beleuchten. Leopold wuchs auf in einem Künstlerquartier der führenden, gefragtesten und begabtesten Maler der Gegenreformation, die den Süddeutschen Raum ästhetisch beherrschten, der Jesuitengasse in Augsburg. Johann Georg Bergmüller, Gottfried Bernhard Göz, Johann Evangelist Holzer sind nur wenige prominente Namen von Bewohnern der Augsburger Jesuitengasse. Ihr Illusionismus und ihre ikonographischen Programme finden sich in Klosterkirchen und an den Fassaden von Repräsentationsgebäuden. Deckenmalereien in einer Tiefendimension und Lebendigkeit fertigten sie in einer Exzellenz des frühen 18. Jahrhunderts. Sie taten dies im intellektuellen Rahmen der Societas Jesu des Ignatius de Loyola mit der Absicht, der katholischen Kirche nach den reformatorischen Unruhen neuen alten Glanz zu verleihen. In diesem jesuitischen, gegenreformatorischen Umfeld wuchs das Kind und der Jugendlichen Leopold Mozart auf. Sohn eines Buchbinders, der für die Jesuiten arbeitete, aber auch in einem Haus der Jesuiten wohnte.

Wie sehr sich dieses intellektuelle Umfeld auf Leopold Mozart auswirkte, in dem er sozialisiert wurde, ist bislang nur zu erahnen. Dass er mitunter von Johann Evangelist Holzer beeinflusst wurde und an welchem mythischen Kunstwerk von ihm, lässt sich in dem Beitrag nachlesen.

Auch verdeutlicht der Beitrag, dass Leopold Mozart lange Zeit keine Rolle für Augsburg gespielt. Er musste erst sozial als Augsburger konstituiert werden. Ein interessanter Vorgang, denn der bedeutungslose unbekannte Vater des großen Mozart, war von keinerlei eigenständigem Interesse, war vergessen und eben nur der Vater, der physische Erzeuger. Wie er Augsburger wurde? – Auch das erfahren Sie in dem Band.

Cornelia Wild und Stefan Lindl Der Augsburger Mozart. Sohn der Stadt und Erfindung in: Internationale Stiftung Mozarteum (Hg.): Leopold Mozart. Musiker – Manager – Mensch. Musician – Manager – Man, Salzburg 2019.

Kaufen bei Rieger & Kranzfelder in Augsburg

Kaufen bei amazon

Rezension: Drehpunkt Kultur, Salzburg

Beitragsfoto: Anton Pustet Verlag, Cover des Bandes: Internationale Stiftung Mozarteum (Hg.): Leopold Mozart. Musiker – Manager – Mensch. Musician – Manager – Man, Salzburg 2019.

Ankündigung: Essay über das Memminger Bahnhofsquartier

Die authentische Stadt
Stadtentwicklung und der Umgang mit dem Historischen
Reflexionen über einen Vortrag zum Memminger Bahnhofsquartier am 1. März 2018

Hier geht es zum Text der Vortragsreflexion

Vor einem Jahr hielt ich einen Vortrag zum Memminger Bahnhofsquartier, zu dem mich der Historische Verein Memmingen eingeladen hatte. Bislang bin ich nicht dazugekommen, den Vortrag vollständig zu verschriftlichen und die weiteren Befunde einzuarbeiten. Mein Beitrag wird in nächster Zeit auf diesen Seiten einsehbar sein. Es wird dabei um allgemeine Möglichkeiten gehen, ökonomische und ökologische Stadtentwicklung zu betreiben, deren zentraler Wert Authentizität ist.
Der Essay umfasst das Historische sowie das zukünftige Historische und gibt eine Anregung: Ökonomisch nachhaltig und damit ökonomisch wertschöpfend sind Stadtentwicklungskonzepte nur dann, wenn sie Werte schaffen, die über die scheinbar ökonomisch günstigste Lösung hinausgehen.

Hier geht es zum Text der Vortragsreflexion

….

Gutes Streiken, schlechtes Streiken. Oder: Wie kitzelt man ein System?

Im Diskurs der Klimakrise und den Fridays for future findet sich seit einigen Tagen eine starke normative Position: „Schüler dürfen nicht streiken. Das Schuleschwänzen mache die Anliegen der Fridays for future-Bewegung nicht wertvoller.“ Meine Meinung ist zwiegespalten, nicht weil ich mich nicht festlegen kann, sondern weil es den Beamten und den Wissenschaftler in mir gibt. Als Beamter sage ich klar: Wer dem schulischen Unterricht fernbleibt, der muss die Konsequenzen tragen und bestraft werden!

Als Wissenschaftler sehe ich die Angelegenheit differenzierter: Über die Art der Strafe lässt sich reden. Im Strafen werden die Schrauben gestellt, die über die Radikalisierung der Bewegung entscheiden werden. Kluge Strafen und umsichtiges Agieren wären angebracht, sonst wächst die Kluft zwischen dem normativen System der Rechtsstaaten und dessen negative Wahrnehmung durch die Demonstrierenden. Wir brauchen keinen Klimaterrorismus, der sich in der schon jetzt aufgeheizten ideologischen Stimmung bilden könnte, wenn Strafen und weiteres Nichtstun oder Zuwenigtun zur Frustration der Demonstrierenden führen. Natürlich befinden sich die Schulen in einer denkbar prekären Situation. Als staatlichen Institutionen repräsentieren sie den Staat und können schlecht gegen ihn vorgehen, indem sie die Schüler unterstützen, also nicht bestrafen. Damit gefährden sie den Rechtsstaat. Aber gerade in dieser Loyalitätsmisere liegt der Hebelpunkt, an dem die demonstrierenden Schülerinnen und Schüler (es gibt genug, die brav und konform in die Schule gehen) ansetzen. Genau dort liegt ihre Macht, den Staat und somit das fossile System, das wir alle noch stützen, zu Reaktionen zu bewegen.

Der Staat, kann diese mannigfaltigen Rechtsbrüche nicht hinnehmen. Also muss er sich bewegen. Natürlich könnten auch schöne Umweltprojekte, angestoßen von der Schulleitung und dem Lehrer*innenkollegium, gemacht werden, wie ich sie in meiner Schulzeit sehr schätzte: Anlage eines Teiches inklusive Feuchtbiotope. Wie habe ich mich über Bergmolche gefreut! Müllsammelaktionen und Schnibbeln im Schulgarten. Allein damit wurden wir und der projektleidende Lehrer schon als idealistische Grünen-Spinner abgetan, die sich in deutschen Romantizismen ergehen. Bergmolche! – Spinnereien in einer Schule, die sich selbst als elitär verstand und nur pragmatisch und utilitaristisch dachte. Umwelt und Umweltschutz, so wurde uns vermittelt, gehörten allenfalls zu den lieblich-kitschigen Luxusartikeln bayerischer Schulwerkzeuge. Die Schule folgte damit lediglich der Politik – wie hätte sonst ihr Weg aussehen können, sie ist doch Teil des Ämter- und Behörden-Staats.

Aber die Klimakrise ist kein lieblich-kitischiger Luxusartikel wie die gute Luft, das reine Wasser oder der Lärm der Zivilisation. Es hat nichts mehr mit dieser Trias zutun, die im ausgehenden 20. Jahrhundert von deutscher Politik als Umwelt verstanden wurde: Lärm, Wasser, Luft. Die Welt der Umwelt, wie sie von der Politik konstruiert wurde, ist seitdem wesentlich komplexer geworden. Aber erst in den 1990er Jahre tauchte die Klimakrise in der Politik der großen Volksparteien auf. Natürlich mit Einschränkungen: Ökonomisch umsichtig müsse man sie behandeln. Man müsse auf die Unternehmen achten, auf Wirtschaftlichkeit. Oder von seiten der SPD: Klimapolitik dürfe nicht zu Lasten der arbeitenden Klasse gehen. Fragte man in den 1990er Jahren bei der SPD nach, ob es Arbeiter und Angestellte nach einem Klimakollaps geben werde, so hieß es: „Dann geh‘ doch zu den Grünen!“ Kurzsichtigkeit prägte die Politik, da konnten das IPCC warnen, was es wollte. Klimakrise heruntergebrochen auf die Nationalstaaten, bedeutete immer das Aufrufen eines Arguments: Der anthropogen verursachte globale Klimawandel, so es ihn denn gibt, müsse global gelöst werden. Schaut man die Wahlprogramme zu den Bundestagswahlen in den 1980er und 1990er Jahren an, so zeigt sich, dass der globale Klimawandel und die Klimakrise ein Angst-Unternehmen der Wissenschaft, der Presse und einiger Teile der Bevölkerung war, aber nicht eine Sache der Politik. Nicht einmal die Grünen kamen in den 1980er Jahren über die Umwelt-Trias Lärm, Wasser, Luft hinaus.

Nun haben wir die Misere. Das Fossile System, auf das sich unsere Demokratien und unsere Gesellschaften stützen, haben nicht genug auf sich geachtet. Nun wenden sich Schülerinnen und Schüler gegen dieses System, indem sie Rechtsbruch begehen und dafür rechtmäßig bestraft werden. Was soll sich denn daraus ergeben? Wollen wir wirklich eine Radikalisierung der Bewegung?

Für Deutschlands föderale Struktur gilt: Die Regierungen der einzelnen Bundesstaaten müssten die Streiks so schnell wie möglich beenden. Das gebietet die Verantwortung gegenüber der Rechtsstaatlichkeit. Fridays for future sollte transformiert werden. Aber das bedeutet etwas, an das ich kaum glauben kann: Dass sich das System selbst umbaut.

Es gibt in im Fall der Klimakrise kein gutes Streiken im Sinne des Rechtsstaats, weil sich der Streik mit dem Rechtsstaat und gegen ihn spielt. Moralisch hingegen ist der Streik das wichtigste, was in den letzten Jahren in der Jugendbewegung zu verzeichnen ist. Diese Diskrepanz zu lösen, ist nun die Aufgabe der Regierungen – nicht der Schüler und Schülerinnen.

„Ach, wie schön ist CO2!“ Eine Geschichte der Klimakrise

Die durch Menschen verursachte globale Erwärmung ist nicht erst seit den 1970er Jahren bekannt, wie heute immer wieder behauptet wird. Hermann Flohn, er war dafür verantwortlich, dass der bevorstehende Klimawandel elitär-international am Ende der 1970er Jahre wahrgenommen wurde, konnte auf älteres Wissen zurückgreifen. Dieses Wissen über die Auswirkungen der anthropogen verursachten CO2-Emission formierte sich ab dem Beginn des 19. Jahrhunderts. Aber auch dieses Wissenschaffen konnte sich auf die Erkenntnisse aus der Gletscherforschung in der Schweiz und der Forschungen zur Thermodynamik im 18. Jahrhundert stützen. Die Erkenntnisse um die Gefahren der CO2-Emission und die offensichtlichen Prognosen haben somit eine lange Geistesgeschichte.

Gebracht hat dieses Wissen um die anthropogenen Einflüsse im 19. Jahrhunderts nichts, auch nicht im 20. Jahrhundert. Die Klimakrise ist somit ein Beispiel dafür, wie wenig Wissen gegenüber einem System ausrichten kann, das sich zeitgleich mit diesem Wissen etablierte. Das Wissen erfasste die Gefahren des Systems, aber das System versprach mehr Gutes, als die Angst vor seiner dunklen Seite hätte es einschränken können. Doch von welchem System wird hier gesprochen?

Das fossile System des Fossilen Zeitalters wurde getragen von der Verheissung der Unabhängigkeit, der Freiheit im 18. Jahrhundert. Freiheit von den Rahmenbedingungen, die durch Wetterereignisse und Klima bis dahin gegeben waren. Die Territorien Europas vor der Französischen Revolution waren agrarisch strukturiert. Die Strukturen der Ständegesellschaften des Mittelalters und der Frühen Neuzeit bis hinein ins 19. Jahrhundert beruhten auf der Abhängigkeit von der Umwelt. Die Entdeckung Amerikas für Europa brachte durch Bodenschätze eine Wende in Europas Wirtschaftssystem. Gold – eine Ressource aus dem Boden wie Kohle und Erdöl – bot mehr Unabhängigkeit als das agrarische Wirtschaftssystem. Missernten führten zwar immer noch zu Hunger, Tod und Verzweiflung, aber das Wetter hatte nicht mehr den bedeutenden Einfluss auf den Reichtum eines Herrschers, der Gold fördern konnte. Der großflächige Abbau und Einsatz europäischer Schätze, die Kohle in England, Frankreich und in den Territorien des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation sollten allerdings noch einige Jahrhunderte schlummern, denn ihr Energiepotential bedurfte einer Transformationsapparatur, um es nutzbar zu machen. Sie fand sich in der Verbesserten und anwendungstauglichen Entwicklung der längst bekannten Dampfmaschine im 18. Jahrhundert. Doch fossile Brennstoffe, Kohle und Erdöl, nutzten Menschen schon seit der Steinzeit. Allerdings stieg der fossile Anteil in der Gesamtverbrauchsmenge der Energieträger erst mit der Industrialisierung in seiner Unproportion. Auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik lässt sich dieser Prozess um die Mitte des 19. Jahrhunderts datieren. Das ist eine Zeit der Revolution, des gesellschaftlichen Umbaus, der Vergrößerung der Städte, der punktuellen Entstehung von Industriebetrieben. Dies alles ging nur mit dem Einsatz fossiler Energieträger. An Holz hatte es schon seit Jahrhunderten in Europa gemangelt. Seitdem stieg die CO2-Emission wohl sprunghaft an. Dass das Spurengas CO2 allerdings mit der Erwärmung der Erde etwas zu tun haben könnte, wurde erst 1881 von einem Wiener Chemiker, Ernst Lecher, entdeckt. Lecher konnte sich unter anderen auf die Vorarbeiten von Joseph Fourier (1827) und John Tyndall (1860er Jahre) berufen. Fourier entdeckte den Treibhauseffekt, John Tyndall konnte den Treibhauseffekt als Verantwortlichen für das Weltklima identifizieren, machte aber Wasserdampf dafür verantwortlich. Ernst Lecher wies das Spurengas CO2 als Grund des Treibhauseffekts nach. Er veröffentlichte seine Erkenntnisse in einem kurzen prägnanten Aufsatz 1881.

Es sollte noch 15 Jahre dauern, bis die anthropogen verursachte CO2-Emission und ihre Auswirkungen auf die Erdtemperatur kombinatorisch aus einem großen Wissenspool von Svante Arrhenius zusammengefügt wurden. Arrhenius benötigte allerdings das Wissen seines Freundes, dem Geologen, Arvid Gustaf Högbom, der wie bereits 1827 Joseph Fourier auf die anthropogen verursachten Treibhauseffekt aufmerksam machte. Im Gegensatz zu Fourier, konnte Högbom bereits auf das CO2 verweisen. Arrhenius entwickelte daraus eine Klimatheorie, die er 1896 veröffentlichte. Spätestens 1896 und nicht erst in den 1970er Jahren war das Wissen über die Gefahren anthropogen verursachten CO2-Eintrags vorhanden. Interessiert hat das niemanden!

Rauch war gut. Qualmende Schlote repräsentierten Fortschritt, gutes Leben, hohen Lebensstandard, Reichtum, Glück, eine neue gute Gesellschaft, die in die Zukunft blicken konnte. CO2-Emissionen waren einfach cool. Demokratien ohne CO2? – Undenkbar! Partizipation an politischen Prozessen ohne CO2? – Undenkbar! Urlaub, Tourismus, Wellness ohne CO2? – Undenkbar! Der gute, hohe Lebensstandard, Internet, Smartphones ohne CO2? – Undenkbar! Auch das muss festgehalten werden.

Während das Fossile System sich im 19. Jahrhundert entwickelte, schmolzen seit den 1850er Jahren die Gletscher – weltweit. Liest man Berichte über die Alpengletscher aus dieser Zeit, so glaubt man, sie stammten aus dem 21. Jahrhundert. Dieses Abschmelzen der Gletscher hat vor allem auch andere Gründe als die anthropogen verursachte CO2-Emission. Das Entsetzen, das in diesen Texten mitschwingt, ist identisch in heutigen Beiträgen zu spüren.

Die Chimäre des Fossilen Systems, ein Mischwesen aus Gut und Böse, hat sich im 20. Jahrhundert verwandelt in das Böse, das nun jene Demokratien und Gesellschaften bedroht, die es hervorgebracht hat. Das liegt vor allem an der Stabilisierung seiner fossilen Grundlage, von dem alle Lebensbereiche abhängig sind. – Alle Lebensbereiche beruhen auf der Abhängigkeit CO2-emittierenden Energieträgern. – Durch diesen pyramidalen Aufbau des Fossilen Systems lässt es sich nicht reformieren und überführen in ein solar-regeneratives System. Die Basis dieser Pyramide stellen die fossilen Energieträger dar. Entfernt man sie, stürzt das gesamt System ein. Es hätte durch die Politik eine evolutionärer Austausch der fossilen Basis, vorgeschrieben werden müssen. Erfolgreich wäre dies nur global vollzogen worden. Hätten einzelne Staaten konsequent gehandelt, hätten sie immense ökonomische Nachteile gegenüber den anderen Staaten gehabt. Also hätte, wie in den 1970er Jahren korrekt konstituiert, eine globale Initiative erfolgen müssen, die alle Staaten ökonomisch geschwächt hätte. Da dies niemand wollte, konnte sich beispielsweise die Regierung der 1980er Jahre in der BRD darauf berufen, Klimapolitik müsse globale Politik sein, national könne hier wenig ausgerichtet werden – so die Wahlprogramme der CDU/CSU in dieser Zeit. Der SPD war Klimapolitik nahezu vollkommen egal. Mitunter deswegen wird sie heute abgestraft. Ihr wird keine Kompetenz für die Lösung von existentiellen Problemen zugetraut. Das ist durchaus berechtigt, weil sie keinerlei Ideen für eine Lösung beitrug und heute beiträgt. Wiederum liegt das in dem schwerfälligen System der SPD begründet. Sie agierte für ein besseres Leben der Menschen, ließ aber Umweltszenarien völlig ausser Acht.

Wozu wäre es also höchste Zeit? Eine Revolution von oben ist notwendig und die Bereitschaft aller – dafür den momentanen Lebensstandard zu opfern. Wir müssten bereit sein, ökonomisch neu zu denken, müssten Schrumpfung in Kauf nehmen und uns von dem Wachstum verabschieden. Finanzmittel müssten freigesetzt werden, müssten in den global angeordneten revolutionären Umbau des fossilen Systems gesteckt werden. Nur dies wäre ökonomisch in die Zukunft gedacht. Alles andere, ist unökonomisch!

Aber der Mut fehlt und die Notwendigkeit scheint noch immer nicht gegeben. Was muss noch alles passieren, damit eine solche geordnete und verordnete Revolution von oben auf den Weg kommt?

Wahrscheinlicher ist momentan ein anders durchaus apokalyptisches Szenario. Die begrenzten fossilen Ressourcen werden in zwei Jahrzehnten aufgebraucht sein, das fossile System bricht zusammen, die globale Erwärmung wird soweit fortgeschritten sein, dass es nun allen einleuchtet: Ökonomisch begründbar kann das fossile System nicht mehr aufrechterhalten werden. Wie auch, es wird keine fossilen Ressourcen mehr geben! Dann ist es natürlich längst zu spät, um zu reagieren. Menschen werden regiert von äusseren Einflüssen. Da wird auch folgendes kein Trost sein: Ohne fossile Ressourcen wird es keine gewaltigen CO2-Emissionen mehr geben. Folglich ist auf lange Sicht die globale Erwärmung nicht mehr relevant. Ein Abkühlung wird erfolgen. Der Preis dafür wird hoch sein: Die Weltbevölkerung der Spezies Mensch wird im Vergleich zum heutigen Stand gewaltig reduziert sein. Die Umweltschäden werden gigantische Ausmaße erreicht haben. Und die Form der Staatssysteme? Darüber können wir nur mutmaßen. In dieser Zukunftsvision wird sich Politik sicherlich radikalisiert haben. Ob Demokratien dann eine zeit- und umstandsgemäße Staatsform sein werden, sei dahingestellt. – Wollen wir das wirklich?

Das fossile System wird in 20 Jahren so und so nicht mehr bestehen. Es ist besser eine globale Revolution von oben anzustreben, als in eine unkontrollierte Revolution unverantwortlich hineinzuleben. Diesen Prozess könnte die Bewegung „Fridays for Future“ auslösen. Ohne die berühmten Einschnitte unseres Lebensstandards wird das nicht funktionieren. – Askese, Metanoia, Katharsis sind die Wörter der Stunde.

Fridays for future: „Die einen bekommen Verweise, die anderen werden straffrei abgewählt.“

Fridays for future: „Die einen bekommen Verweise, die anderen werden straffrei abgewählt.“

Aus meiner Perspektive des Geschichtswissenschaftlers und historischen Diskursforschers, der historische Klimaforschung zu seinen wissenschaftlichen Schwerpunkten zählt, bleibt mir einzig zu schreiben: Ich unterstütze die Anliegen der Schülerinnen und Schüler sowie Studierenden, die an den „Fridays for future“ vorgetragen werden, entgegen der herablassenden Äusserungen einiger Politikerinnen und Politiker, die offenbar immer noch nicht den Ernst der Lage begriffen haben. Anders ausgedrückt: Auch die ökonomische Dimension des Klimawandels, die für die eine/n oder andere/n vielleicht verständlicher ist, scheint noch nicht überschaubar genug zu sein. Die Dimensionen Liebe, Pflicht, Verantwortung, Tugend, Moral möchte ich hier noch gar nicht erwähnen. Ökonomische Argumente sollten doch in kapitalistischen Systemen ankommen, auch wenn sie ein wenig kompliziertere Simulationen erfordern, die auch eine gewisse Vorstellungskraft benötigen. Aber diese Simulationen lassen sich ganz einfach ausdrücken: Wenn es keine funktionierenden Märkte mehr gibt, funktionieren die Märkte nicht mehr. – Sagt die Form der Redundanz nicht alles? Natürlich, es gibt das Prinzip Hoffnung: Es wird schon nicht so schlimm. Über die Qualität des Wandels, der uns bevorsteht, lassen sich in der Tat keine Aussagen machen. Dass es ihn geben wird, steht ausser Frage: Wir werden das fossile Zeitalter verlassen: so oder so! Gekocht, gegrillt, vergiftet, erdrückt, ertrunken, wohl kaum entspannt und gut gelaunt, aber verlassen werden wir es. Ist es da nicht gut, dass Schülerinnen, Schüler, Studierenden ihre Stimme erheben, um wenigstens die Qualität des Wandels zu beeinflussen? Wir, die wir alle in dem System stecken, brauchen diesen Anstoß von denen, die noch weiter entfernt sind, um deren Zukunft es aber vor allem geht.

Auch Wissenschaftlern, die sehr genaue Vorstellungen davon haben, was passieren wird, wenn die Politik untätig bleibt, können nichts tun, außer Wissen zu schaffen. Die Politik muss handeln, dafür ist sie in unserem System eingerichtet. Sie tut es nicht, weil sie auf die weitsichtige Wissenschaft weniger hört als auf die kurzsichtige Ökonomie. Also muss der Anstoß von denen kommen, für deren Welt wir die Verantwortung tragen. Es ist – um es noch einmal zu sagen – damit eine Notwendigkeit ihre Anliegen zu unterstützen.

Es ist eine Notwendigkeit, Klimawandel, seine Geschichte und seine Zukunft zu Bestandteilen der Lehre in Schulen und Hochschulen zu machen. Der Umgang mit dem Gewordenen, der Umgang mit dem, was auf uns gekommen ist und was wir daraus entwickeln, welche Gefahren, welche Chancen daraus entstehen, muss aus der Forschung noch viel mehr in die Öffentlichkeit getragen werden. Die Naturwissenschaften haben ihren Anteil daran, die Geistes- und Sozialwissenschaften in den Environmental Humanities and Social Science nicht minder oder vielleicht sogar noch mehr. Sie sind die Mittler gegenwärtiger Forschung und Reflexion gegenwärtiger diskursiver Formationen, aber auch des Wissens aus der Vergangenheit.

Für die Politikerinnen und Politiker gilt eines: Mit allen finanziellen Mitteln, aber vor allem mit gesetzgeberischer Macht, müssen sie den Umbau vorantreiben, um die globale menschengemachte Erwärmung einzudämmen. Das können nur sie! Wir liefern Wissen, wir liefern Reflexion und Möglichkeiten. Die Umsetzung liegt in Rechtsstaaten bei der Politik. Nun ließe sich sagen: Der Klimawandel ist zu groß. Die Geister, die wir riefen, sind so übermächtig. Wenn man nichts tut, ist das sicherlich so. Tun – Aktion – bedeutet: das Fossile Zeitalter endlich hinter uns lassen. Dass Aktion etwas bringt, dafür gibt es gute Beispiele. Wir müssen nicht weit zurückblicken: Der Saure Regen und das Waldsterben der 1980er Jahre sowie das Ozonloch sind Beispiele dafür, wie erfolgreich durch Gesetze anthropogen verursachte Klimaschäden eingedämmt und überwunden werden können. Ökonomisch argumentiert: Jeder finanzielle Aufwand wird sich auszahlen, wenn dadurch zukünftig ökonomische, ökologische und vor allem mannigfaltige humanitäre Katastrophen verhindert werden können.

Schülerinnen, Schüler, die auf die Straße gehen und dort diese Anliegen vortragen und ihr Engagement sichtbar machen, müssen mit Repression rechnen. Verweise und andere schulische Strafen sind für das Fernbleiben vom Unterricht gesetzlich vorgeschrieben. Sie gehen damit bewusst das Risiko ein, die Folgen zu tragen, die ein Verstoß gegen die Normative des Rechtsstaates mit sich bringt. Die Seite, die sie ansprechen wollen, die Politikerinnen und Politiker, dürfen hingegen eines nicht: die Grundrechte – auch für zukünftige Generationen – nicht beachten. Auch sie haben wie die Schülerinnen und Schüler Verpflichtungen gegenüber Normativen. Aber sie haben eindeutig die „bessere“ Position und die „besseren“ Chancen straffrei aus ihrem Tun beziehungsweise Nichtstun herauszugehen:

Die einen bekommen Verweise, die anderen werden straffrei abgewählt. – Für verantwortungsloses Nichtstun werden sie nicht zur Rechenschaft gezogen werden können. Sie werden, so es noch Demokratien gibt, abgewählt worden sein. Keine Demokratien mehr? Kann das sein? Auch unsere Staatsform steht auf dem Spiel. Klimawandel und seine Folgen radikalisieren. Werden wird 2045 unsere gewohnte Gesellschaftsform und alle anderen unserer liebgewonnenen Gewohnheiten unsers gegenwärtigen Lebensvollzugs noch wiederfinden, in ihnen und mit ihnen leben? Werden sie musealisiert worden sein in Freilichtmuseen der guten alten Zeit? Die Antwort ist einfach: Der Wandel ist uns sicher, wenn nichts getan wird kommt er ebenso. Wenn etwas getan wird, kommt er auch. So wird es nicht weiter gehen. Es bedarf also nur einer mutigen Entscheidung, die niemals so falsch sein kann, wie das Nichtstun.

Denkt an Sauren Regen und Ozonloch! – Handeln lohnt sich.