Modell interdisziplinärer Metastudien

Erkenntnisbezogene Signifikanten-Interaktionsanalyse 

Das Forschungsprojekt, das mich das gesamte Jahr 2018 begleitete, lief unter dem Titel: „Alpen im Treibhaus. Gesellschaftliche Konstitution von Klimawandel und Treibhauseffekt“. Es sollte in Forschung und Lehre epochenübergreifend der Klimawandeldiskurs untersucht werden, der sich aus dem Gletscherdiskurs und dem Themrodynamikdiskurs im 19. Jahrhundert speiste. Es ließe sich teleologisch sagen: Die Diskurse vereinigten sich und fanden im Nobelpreisträger Svante Arrhenius ihr Ziel – der Vater des Klimawandels. Doch der Klimawandel hat wie andere Themen auch viele Väter (im 19. Jahrhundert waren es tatsächlich nur Männer), nichts kommt aus dem Nichts. Die Idee bestand für dieses Projekt bereits darin, den Diskurs des Klimawandels weit zurückzuverfolgen. Bereits der erste Projektentwurf führte zur Einsicht, dass die diskursanalytisch angelegte Studie vom 13. Jahrhundert bis 1900 in Savoyer, Schweizer und Tiroler Alpen Erkenntnisse vieler verschiedenster Disziplinen bearbeiten, ordnen und in Relation zueinander bringen muss. Das Problem interdisziplinärer Arbeit liegt selbstverständlich in der mangelnden jeweiligen disziplinären Expertise. Trotz dieses Mangels mussten umfangreiche physikalische, chemische und geologische Abhandlungen des 18. und 19. Jahrhunderts erfasst und analysiert werden. Die Lösung dieses Expertiseproblems lag in einem erkenntnisbezogenen Analysemodell. Das bedeutet, es wurden lediglich die sprachlich ausformulierten Ergebnisse dieser vielen naturwissenschaftlichen Studien ausgewertet, ohne auf deren mathematischen Berechnungen oder chemischen Darstellungen einzugehen. Als Auswertungsmethode wählte ich die ebenfalls die von mir erarbeitete Signifikanten-Interaktionsanalyse als wissensgeschichtliche und soziologische Methode. Sie verwendet wissenschaftliche Ergebnisse als Grundlage und erstellt mit ihnen Werte- und Rechtfertigungsordnungen, mit denen sich Wissenshierarchien und deren relationales Verhalten zueinander beschreiben lassen. Dieses Prinzip ermöglicht in einem abstrakten Rahmen interdisziplinär in einem historisch-geisteswissenschaftlichen Modus zu analysieren.

Dieses Prinzip soll nun auch auf andere Wissensbereiche und auch auf die Erforschung der Materie (cultural heritage) übertragen und vor allem erprobt werden: Ist es möglich beispielsweise im Frühmittelalter, in einer datenarmen Zeit (signifikantenarmen Zeit) diese Methode anzuwenden, die interdisziplinären Erkenntnisse im Rahmen einer Metastudie aufeinander zu beziehen und dadurch weiterführendes Wissen zu generieren? 

Am Beispiel der Quellengrundlagen und Erkenntnisse über den „ottonischen“ Augsburger Dom, soll diese Weiterentwicklung der Signifikanten-Interaktionsanalyse erfolgen. Das Projekt hat einen Experimentcharakter. Der Mehrwehrt könnte beispielweise darin liegen, eine Ordnung des „ottonischen“ Augsburger Doms zu erstellen, in der materiellen Grabungsbefunde und Bestandsfunde korreliert werden mit den schriftlichen Fundstellen, sowie kunsthistorischer Stilistikkategorien. Es handelte sich dabei also um eine Metastudie, die bestehende Studien in sich vereint, und 1. als Forschungsdiskurs analysiert und 2. korreliert mit einem Dingdiskurs, also den Kirchbau und seine Elemente in der Relation zu Vergleichsbauwerken und -bauelmenten. Möglich werden dadurch neue Blicke auf Chronologisierung, stilistische Relationalität, formale Bezüglichkeiten. 

Am Ende dieses neuen Projekts für 2019 könnte ein Modell stehen, das sich als interdisziplinäre Analysemethode unter geisteswissenschaftlichem Vorzeichen versteht. Neben den Environmental Humanities könnten besonders die jene Forschungsobjekte profitieren, die in einem signifikantenarmen Kontext liegen. Das heißt, beispielsweise in der frühen Kunstgeschichte, Mittelalterlichen und Alten Geschichte, aber auch in der Archäologie. 


Die Ordnung des Augsburger Doms des 10. Jahrhunderts

Vorbereitung einer interdisziplinären Signifikanten-Interaktionsanalyse  (SIA)

Der Augsburger Dom gilt als ottonischer Kirchbau, der um 1000 errichtet worden sei. Vergleiche mit Bauwerken ottonischer Stilistik hält er nicht stand. Wohin gehört dieses Bauwerk, das eine  gewestete Transeptbasilika war, vergleichbar Alt-St. Peter in Rom? 

Das 10. Jahrhundert liegt vor uns als signifikantenarme Zeit. Aussagen lassen sich bezüglich des Doms schwer valide belegen. Der Beitrag möchte versuchen, alle bekannte Signifikanten, die mit dem Dom in Verbindung stehen, aufeinander in einer Dingdiskursanalyse, dann aber auch in einer textbasierten Analyse aufeinander zu beziehen. Daraus entsteht eine Einordnung des Augsburger Doms in einer Rückbezüglichkeit. Er verweist – jenseits der Berichte über seine Errichtung am Ende des 10. Jahrhunderts – in zeitlich frühere Signifikantengruppen, die teils in Augsburg zu finden sind, teils in Südwestdeutschland, teils im heutigen Italien. 

Georg Dehio/Gustav von Bezold: Kirchliche Baukunst des Abendlandes. Stuttgart, 1887-1901, Abb. 50

Die zugrunde gelegte Methode ist die Signifikanten-Interaktionsanalyse (SIA). Sie wird hier erstmals eingesetzt in einem Zeitraum, der signifikantenarm ist. Zu wenige Textstellen, zu wenige Grabungsergebnisse lassen kein klares Bild entstehen. Einige traditionelle Einschätzungen und Zuschreibenden sind nicht vollständig überzeugend. Bietet die SIA eine Möglichkeit, aufgrund der wenigen Ergebnisse und Vergleichsmomente ein anderes Bild zu entwerfen? Würde dieser Versuch gelingen, das heißt, würde sie einen Mehrwert erbringen, so ließe sie sich für andere interdisziplinäre Projekte mit geringer Datendichte anwenden.  – Ein Versuch. 

Environmental Humanities und der Deutsche und Österreichische Alpenverein

Seit einigen Wochen versuchte ich einen Artikel über die wissenschaftliche Tätigkeit des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins im 19. Jahrhundert zu verfassen. Eine Unmenge an Material war zu sichten. 36 Jahrgänge des Jahrbuchs und 31 Jahrgänge der Mitteilungen des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins. Es ist ein bedeutend interessantes Materials, wenn auch recht umfangreich: ca. 20.000 Seiten im Gesamten, heruntergebrochen auf die Glaziologie, um die ich mich kümmerte, waren des dann doch bedeutend weniger Seiten. 

Der Klimawandeldiskurs wurde im 19. Jahrhundert vom Gletscherdiskurs geboren. Ohne die Glaziologie und die mannigfaltigen Beiträge, die schon seit dem 13. Jahrhundert greifbar werden, gäbe es wohl einen anderen Klimawandeldiskurs, als den den wir heute kennen. Doch es ist naheliegend, wie sehr Gletscher und Klimawandel zusammengehören: Sie und ihre Spuren sind die sichtbarsten Anzeichen, dass das Klima Auswirkungen hat auf Landschaft, auf Lebenswelten, Biotope. Gletscher gedeihen und verzagen in einem auf Klimaschwankungen hochsensiblen Raum der Berge. Deswegen wuchsen und schmolzen sie in den Jahrtausenden je nachdem, wie sich das Klima gerierte und gaben im 19. Jahrhundert eine Ahnung davon, wie schnell sich die scheinbar stabile Longue durée des geographischen Raums unmittelbarer Umwelt ändern kann. 

Der DuOeAV lieferte eine hervorragende Datenmenge über die Gletscher der Voralpen während einer Schmelzperiode der Gletscher, die 1856 einsetzte. Das Abschmelzen ging äusserst schnell voran. Es ist ganz erstaunlich, dass bei diesem Tempo, das die Gletscher im 19. Jahrhundert vorlegten, verglichen mit den meteorologischen Bedingungen im 21. Jahrhundert überhaupt noch etwas von ihnen übrig ist. Ein Blick auf diese Abschmelzphase ist ernüchternd, auch wenn sich die Gletscher von einem hohen Niveau einer mehrere Jahrzehnte andauernden Kaltphase zurückzogen. Möchte man die Sorge der Glaziologen im 19. Jahrhundert aus ihren Texten herauslesen, dann ist die Angst zu spüren, die Gletscher mögen ganz verschwinden. Deswegen verwendeten sie ein zyklisches Muster einer Periodentheorie: Im Zyklus von 35 oder 70 Jahren wachsen und schmelzen die Gletscher. Am Zyklus hing die Hoffnung, alles würde sich normalisieren. Doch als in den 1880er Jahren nach dem 35-jährigen Zyklus die Gletscher einfach nicht wachsen wollten, wurden sie unruhig. Weil sie sich nach dem Anwachsen der Gletscher so sehr sehnten, nahmen sie aber Wachstum wahr. Die Geodäsie allerdings konnte es nicht bestätigen. Im Ersten Weltkrieg wuchsen sie dann tatsächlich – nach der Regel der Gletscher verspätet, aber immerhin. Doch das Wachstum hielt nicht lange an. Der Zyklus blieb aus. – Heute würden diese Glaziologen denken, ihre einstige Sorge, war berechtigt: die Gletscher verschwinden ganz. 

Erstaunlich sind die Methoden der Glaziologie des DuOeAVs gewesen. Wir würden sie heute als Environmental Humanities bezeichnen. Denn die Geodäsie und die Kartographie reichte ihr nicht, sie holte sich Historiker und historisch arbeitende Geographen, um dem Tun der Gletscher auf die Spur zu kommen. – Ein bemerkenswerter Verein mit äusserst zeitgemäßen Zügen. 


Gletscherschwund im 19. Jahrhundert

Seit 1855 schmolzen die Alpengletscher dahin. Sie verloren außergewöhnlich schnell an Masse. Der Grund lag in einem Klimawandel, der das 19. Jahrhundert aus einer Kälteperiode herausführte, die um das Jahr 1818 eingesetzt hatte. In den 1820er Jahren wuchsen die Gletscher im gesamten Alpenraum unverhältnismäßig. Das Jahr ohne Sommer, 1816, bildete den Auftakt einer jahrzehntelangen Kaltzeit, die auf Aerosole in der Atmosphäre der Nordhalbkugel beruhte. Das Tambora-Ereignis von 1815 war dafür verantwortlich. Um so erstaunlicher war der plötzliche Umschwung 1855, der sich vor allem in den 1860er Jahren bemerkbar machte. Die Berichte über diesen Schwund der großen Gletscher, tragen oft einen besorgten Unterton.

Dieser Schwund des 19. Jahrhunderts ist bis heute nicht gestoppt. Als die Aerosolbelastung durch das Tambora-Ereignis in den 1850er Jahren nachließ, begann das große Schmelzen. Verstärkt wurde es im 20. Jahrhundert durch atmosphärisches Kohlenstoffdioxid.

Erstaunlich in der Wahrnehmung sind die Berichte des 19. Jahrhunderts. Wir lesen sie mit den heutigen frames und wähnen Identität. Und doch zielten sie auf ein völlig anderes Phänomen.

Wie Loyol war Leopold? Mozart und die Jesuiten in Augsburg (Werkstattbericht)

 

Titelbild_Violinschule_von_Leopold_Mozart

 

Die Stadt Augburg schickt sich an, eine neue Dauerausstellung über Leopold Mozart im Augsburger Mozarthaus zu konzeptionieren. Eine höchst erfreuliche Aussicht, die Lepold Mozart mehr Aufmerksamkeit zukommen lassen wird. Der Zeitpunkt ist gut gewählt, schließlich feiert Leopold Mozart 2019 seinen 300. Geburtstag. Parallel wird es eine Ausstellung und ein Festprogramm in Salzburg geben. Gemeinsam mit Cornelia Wild fragen wir: Welche Bedeutung hat die Stadt Augsburg für Leopold? Wie verhält sich der Titel Deutsche Mozartstadt zu ihm? Im Fokus der Betrachtung steht nicht nur die gesellschaftliche Konstitution Leopolds als eigenständige Künstlerperspönlichkeit und Sohn der Stadt, sondern auch seine diskursives Umfeld in seinem Wohnort, der Jesuitengasse.

Wie Loyol war Leopold? Wie viel jesuitische Gegenreformation und Rebellion stecken in ihm?

Ein Beitrag von Cornelia Wild und Stefan Lindl zum Leopold Mozartjahr 2019.

 

 

Felix Guffler: Der Untere St. Jakobs-Wasserturm in Augsburg

Ein weiterer Beitrag zur UNESCO-Welterbebewerbung

„Augsburger Wasserwirtschaft“

 

img_0307

Felix Gufflers neues Buch über den St. Jakob-Wasserturm ist ein weiterer empfehlenswerter Beitrag zur Augsburger Wasserwirtschaft im 17. Jahrhundert. Elias Holl hat auch diesen Wasserturm für die unvergleichliche städtische Wasserversorgung Augsburgs gebaut.

Erhältlich ist die Monographie bereits in der Buchhandlung am Obstmarkt.

Das neue Ende der Geschichte

Das neue Ende der Geschichte

– Zwischenruf aus dem Land der Teigbatzen

IMG_1106

 

Sehr geehrte Damen und Herren, Politikerinnen und Politiker,

es ist zu befürchten, dass ich Ihnen einen Umstand erklären muss, der für meine Berufsgruppe überlebensnotwendig ist. Wir Historikerinnern und Historiker brauchen Wandel, damit wir Geschichtswissenschaft betreiben können.

Die Französische Revolution war so ein Wandel, über den wir wirklich sehr dankbar sind. Auch Martin Luther finden wir rein wegen des Wandels, den er herbeiführte, interessant. Ich möchte gar nicht von den Verbrechen reden, die Wandel manifestierten. Sie müssen aufgearbeitet werden. Dazu sind wir da. Die Geschichtswissenschaft reflektiert, was geschehen ist, was sich ereignet hat. Ereignisse sind Wandel eines Zustands in einen anderen.

Doch nun wollen Sie keine Ereignisse mehr. Das ist verständlich. Sie wollen Stabilität, so unstabil sie sein mag. Sie wollen kein Risiko, so nötig es wäre. Sie sehen oder sie fühlen diverse Herausforderungen, aber sie wollen sie nur zaghaft mit alten Mustern angehen. Sie vermeiden Kreativität, sonst würde Wandel entstehen.

Darf ich Ihnen mitteilen, dass das höchst schädlich für meine Kolleginnen und Kollegen in der Zukunft ist? Was sollen sie denn über Ihre Amtszeiten schreiben? Titel werden entstehen wie: „Die halkyonischen Tage von München.“ „Langweile und Macht.“ „Zeit und Trägheit“.

Ich weiß, Sie fürchten etwas. Sie ahnen, dass der Klimawandel gewaltig Herausforderungen mit sich bringen wird, die Sie dazu zwingen werden, zu handeln. Einstweilen, versuchen Sie es mit bewehrten Mitteln und Handlungsmustern sowie im Zweifelsfall mit: nichts.

Ich bitte Sie, haben Sie ein Erbarmen mit meinen Kolleginnen und Kollegen. Auch bitte ich Sie, dass nicht ein Titel entstehen wird, der so lauten könnte: „Agonie der Demokratie.“ Wenn Sie auf mögliche Revolutionen mit Stagnation reagieren, dann vermeiden Sie, dass in Zukunft über Sie Geschichte geschrieben wird. Das wollen Sie doch nicht, oder? Ist das nicht Anreiz genug? Machen Sie Geschichte! Wir werden es Ihnen danken.

 

Zeit der Asymmetrie. Oder: Warum nicht Trump danken lernen?

Virgil_Solis_-_Gigantomachy

 

Trump, Seehofer, Johnson agieren nationalstaatlich, exklusiv, insulär, protektionistisch, antiliberal, antiglobal, antitransnational, antiinternational, diskriminierend, unchristlich. Sie verkörpern die Gegenentwürfe der Werte, die sich seit Ende der 1980er Jahre entwickelten und über die 1990er Jahre in einigen Bereichen der Gesellschaften etablierten. Damit stehen die drei gender, race and ethnicity gegenüber, von ihnen getrennt durch eine unüberwindbare breite sowie tiefe Spalte. Sie erscheinen vielen Menschen als unbegreifliche Wesen, weil sie durch ihre für sie so fernen Werte und Ideale kaum mit deren sozialen Wirklichkeit in Verbindung zu bringen sind. Sie wirken wie mythische Narrationen einer fernen unfassbaren Götterwelt, wie der kinderverschlingende Kronos, der Europa vergewaltigende Zeus, der gestaltwandelnde Proteus oder Ate, die Götter und Menschen verblendet und ins Verderben führt. Vielleicht sind auch Trump, Seehofer und Johnson Opfer der Ate. Doch mit was könnte Ate die drei verblendet haben, um sie ins Verderben zu führen? Es könnten Werte sein. Werte einer verlorenen Welt mit den hässlichen Fratzen des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Es sind nicht die drei als Menschen, die von Interesse wären, es sind ihre Positionen, die sie vertreten, die uns vor eine einzige Herausforderung stellen, die da heißt: Wo stehen wir? Hinter Trump, Seehofer und Johnson? Oder auf der anderen Seite der Ideen, die das Ende des 20. Jahrhunderts dem neuen Jahrhundert als Hinterlassenschaft und Richtungsweiser überließ. Das 21. Jahrhundert steht vor internationalen und globalen Aufgaben, weil wir alle auf einer Welt leben. Wir können uns nicht homöopathisieren, den Globus in Globoli atomisieren, um sogleich eine eigene Atmosphäre herumzulegen, die vor den Unbilden des Universums schützt. Bis auf weiteres sind wir alle zusammen auf diesem Planeten gefangen. Zunehmend wird deswegen Raum knapp und Luft nicht nur dreckig, sondern auch warm. Ressourcen schwinden im Drang der Begierde sie zu konsumieren. In dieses Hineingeworfen-Sein der Lebensbedingungen unterscheiden sich die Menschen nicht. Aber sonst sind sie mit eigenen, völlig unterschiedlichen Weltanschauungen ausgestattet, die von vielfältigsten kulturellen Herkünften zeugen. Wir haben alle ein Recht darauf so zu leben, wie unsere kulturellen Heimaten es uns vermittelt haben. Die Vielfalt macht es möglich, in ihrem Aufeinandertreffen Neues zu erschaffen. So funktioniert Kreativität, die wir so dringend nötig haben. Sie erschafft aus Unterschiedlichem, das aufeinander trifft, das Neue. Es liegt eine Chance in der Vielfalt, die genutzt und nicht beschränkt werden sollte. Natürlich liegt auch eine Gefahr in der Vielfalt: Veränderung und Wandel sowie Unsicherheit. Ewig ist das Problem virulent, Sicherheit aufzugeben, um Wandel zu ermöglichen. Ewig ist auch das Problem der Angst vor allem Fremden und den Fremden. Wir werden uns vor allem darüber Gedanken machen müssen, wie wir mit dem Fremden im Gewohnten umgehen. Nicht wie wir es schnellst möglich wieder losbekommen. Denn auch das Fremde im Gewohnten wird irgendwann zum Gewohnten. Man muss sich nur darauf einlassen und sich Zeit lassen. Migranten und Arbeitsmarkt heißt die utilitaristische Verbindung, die ein Schlüssel sein kann. Für die Integration hilft keine oktroyierte Leitkultur, sondern Aushandeln von Positionen und Instrumente, um die Sicherheit zu gewährleisten. Die Fremden abwehren zu können, ist eine Imagination des Reinen und Puren und nichts anderes. Ein Migrationsutilitarismus wäre eine Lösung, aber er wird die zu erwartende Menge von Klima-Migranten nicht bewältigen können, die bis in der Mitte des Jahrhunderts nach Europa kommen werden.

Wir stehen wohl unter den Vorzeichen des Klimawandels vor der Offenheit und dem Umgang mit dem Fremden ohne Wahl, ohne Alternative. Wir müssen Instrumente entwickeln, um mit Migration umgehen zu lernen. Es wird nicht helfen, Integration als Aufgabe des Fremden zugunsten einer Leitkultur zu definieren. Wir brauchen keine Leitkultur, sondern eine Globalkultur, die die vielen kulturellen Heimaten mit einem Verständnis für das Globale ausstattet, um Probleme bewältigen zu können, die mehr sind als homöopathische Globoli, sondern ein großer Globus. Narrative wie Trump, Seehofer und Johnson sie liefern, sind gegen all das gerichtet. Sie wollen weitermachen in der Vergangenheit und redlich naiv die Zukunft verneinen.

Jedoch sind alle drei wertvoll. Wir werden lernen müssen ihnen zu danken. An diesen Figuren müssen wir uns abarbeiten, indem wir uns positionieren. Wollen wir das 19. Jahrhundert, Einheit, starke Normative, Nationalstaat, Ausgrenzung, Diskriminierung und Unmenschlichkeit? Oder wollen wir die Ideale des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts, die bedeuten Vielfalt in allen Bereichen, starke Grundnormative, Globalität (und nicht Globulität) und den Versuch einer Inklusion, die Vermeidung von Diskriminierung, die uns so arg im Griff hat? Wollen wir Menschlichkeit?

Wir brauchen Ideen, die quer zum Normalen laufen. Vielfalt kann nicht in den Systemen bestehen, die in den Jahrhunderten vor uns geschaffen und ausgehandelt wurden. Vielfalt braucht eine Umwandlung der Systeme, sonst siegt der Unfriede, den wir jetzt gerade erleben.

Wir leben in einem Zeitalter der Asymmetrie. Die Ideen und Vorstellungen von gender, race und ethnicity sind politisch-normativ längst fixiert. Aber die Politik hat vergessen sich selbst zu reformieren, damit diese Ideen auch gelebt werden können. Trump, Seehofer, Johnson sind Giganten, die Rollenträger und Medien der mythischen Narrative, die mit Wortgewalt den Bestand der alten, überlebten Ordnung erhalten wollen. Ihre Gigantomachie besteht aus ihrem Wollen, die neuen Götter, die neuen Werte zu stürzen.  – Wollen wir das auch? Oder können wir vielleicht dankbar werden, dass sie diese Rollen übernommen haben, um uns klar von ihnen distanzieren zu können? Liegt ihr Nutzen in einer Intentionalisierung der Distinktion, nichts mit ihnen zu tun haben zu wollen. Indem sie die alten Werte hochhalten wie Standarten eines vergangenen Kriegszugs, vernichten sie sie. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit und damit eine Frage, wie schnell sie durch ihre Provokationen weiter empören in ihrer Gigantomachie gegen Ideale der Vielfalt repräsentiert durch gender, race and ethnicity. Die Hoffnung bleibt, dass die Demokratien durch sie nicht ausgehöhlt werden, sondern eine Transformationsphase passieren, um sich den Gegebenheit der Zukunft anpassen zu können. Mit Passivität allerdings wird diese Passage der Transformation misslingen.

 


Beitragsbild: Virgil Solis, Gigantomachie.

Integration in Augsburg: Interview zusammen mit Hayati Kasli von Marcus Ertle

 

In der Neuen Szene 9/18 erschien ein Interview über Augsburg, die Stadt der Renaissance, aber auch die Stadt mit nahezu 50 % Bürgern, die einen Migrationshintergrund haben. Beides geht nicht ganz schlecht zusammen, aber vieles könnte noch viel besser sein. Ein Gespräch mit dem gebürtigen Augsburger Hayati Kasli und dem Bürger mit Migrationshintergrund, Stefan Lindl. Das Interview führte Marcus Ertle.

 

Neue Szene 9 18

https://www.yumpu.com/de/document/view/61994567/neue-szene-augsburg-2018-09

S. 30f.

Beitragsbilder: Marcus Ertle, Screenshot von Neue Szene 9/18

climate and consumption – re-evaluating Svante Arrhenius

 

IMG_1208

 

Announcing a new discourse analysis:

Climate and consumption. Social constitution of anthropogenic climate change from 1600 to Svante Arrhenius

Abstract:

Svante Arrhenius is considered the „Father of Climate Change“. The idea of „anthropogenic climate change“ allegedly goes back to him. But this statement is not tenable on closer examination of the discourse of climate change. Hardly any position of Svante Arrhenius is genuine. He is in a long tradition of discourse from 1600 until the publication „On the Influence of Carbonic Acid in the Air upon the Temperature of the Ground“ (1896). These different positions of discourse are recorded and analyzed in the present study. Svante Arrhenius is re-evaluated and classified into the following topics: Glacier, Ice Age, Greenhouse Effect, Atmospheric Carbon Dioxide. The study area is located in the Alps of Savoy, Switzerland and Tyrol.