Authentic City between Climate Protection and Cultural Heritage

Authentic City between Climate Protection and Cultural Heritage

Alois Riegl, a representative of the Wiener Schule der Kunstgeschichte, introduced a universalistic notion of monuments, which is reflected and further developed in this book project.

New Urban Agenda

For climate change and climate protection, urban spaces occupy key positions of the 21st century. Worldwide, the urban population will almost double by 2050 due to immigration. This means that new living spaces must be tapped, and appropriate urban concepts developed to ward off predictable social conflicts. New urbanity rests on CO2-neutral energy concepts. It rearranges mobility, uses spaces that are currently reserved for private use, activates and initiates green spaces, avoids noise emissions, and seeks to abandon the current consumer society. The city of short distances will question property. Benefiting instead of owning will not only characterize the mobility concepts. – In October 2016, these key issues were defined in the New Urban Agenda of the United Nations Conference on Housing and Sustainable Urban Development in Quito.

This agenda also includes a marginal commitment to the protection of cultural heritage. But how realistic is the protection of cultural heritage? In the long run, every fifth UNESCO World Heritage Site is threatened by sea level rise alone. Large parts of coastal cities will be below sea level. Settlement pressures on other cities will increase. What does that mean for their cultural heritage? What does climate migration mean for European old towns? Will they be musealized, removed ontologically from their function and their historicity and processes of change, „frozen“ against the oblivion of history? Are they transformed to their loss as material sources of the past? Will the cities lose their historical authenticity?

The urban architectural heritage of the cities will not be able to continue to be protected in the existing form based on the Charter of Venice (1964) through the processes of change in contemporary urban challenges. Monument protection and preservation of monuments are faced with the task of starting a revision of their previous positions, because what does the predicate „historically valuable“ mean in the future? Which categories, which new assessment tools can be developed and applied to effectively include cultural heritage in sustainability considerations? How could cultural sustainability be defined in the New City?

Historical value – Alois Riegl and the Wiener Kunsthistorische Schule in the 21st century

This study answers to these questions. It begins with Alois Riegl, one of the most influential theoreticians of cultural heritage of the late 19th and early 20th century, as well as representatives of the Kunsthistorische Wiener Schule. Riegl’s universalistic notion of monuments and his categories of contemporary values and memorial values of cultural heritage are given a reflection on the present and future challenges of the New Urban Agenda. In addition to Riegel’s utility value and relative artistic value as well as historical value and value of age, the historical value is broken down and extended to include „historical authenticity“ as an aesthetic category as well as a narrative in the form of historical authentication concepts. With this fanned-out classification of categories, it is possible to grasp, classify and assess a wide variety of phenomena of dealing with cultural heritage which Alois Riegl did not yet have to analyze, because they could not yet be in the focus of the social construction of the values around 1900.

Some tools for cultural heritage analysis are presented in this study. Cultural heritage can be classified with them according to their degree of authenticity, so answers levels of authenticity beyond the belief in the original.

Iconic City – Augsburg

Vorabinformationen zum Vortrag „Iconic City. Eine Augsburger Semiotik zum Verhältnis von Stadt und Bild“, Augsburg 14.-15. Mai 2020

Augsburg wird ein besonderes Verhältnis zum Bild nachgesagt. Im 18. Jahrhundert galt Augsburg als eine Stadt wie ein Bilderbuch. Das lag vordergründig an der Fassadenmalerei, die eine bunte Stadt der Scheinarchitektur, der Illusion, sowie der bildlichen Erzählungen, der Narration war. Beide Strategien, Illusion und Narration, wurden eingesetzt für die Lust an der Imagination, die auf eine Ferne zielte, die vermittels der Malerei eine ästhetische Nähe bekam. Die Produktion sowie der Handel mit Zeichen prägte Augsburg, die auf verschiedenste Wirklichkeiten verwiesen, also im Sinne von Charles S. Peirce icons waren. Lässt sich von einer Iconic City sprechen, von einer Stadt der Imagination anderer Bild- und Erzählräume? Wie verhält sich diese offenbar ausgeprägte Bildleidenschaft der Augsburger mit einer Bevölkerung, die überwiegend evangelisch war? Wie verhält sich Augsburg zum protestantisch-pietistischen Basel, Bremen, auf der anderen Seite aber zu München und Wien? Kann Augsburg wirklich eine Sonderstellung bezüglich der ikonischen Imagination zugeschrieben werde, die über die quantitative Erfassung von Malerei im Stadtraum hinausgeht?

Abbildung: Johann Evangelist Holzer, Bauerntanz, Augsburg 1736.

Klimaschutz und Denkmalkult – Werkstattbericht

Die Authentische Stadt

Neue Urbanität zwischen Klimaschutz und Denkmalkult

United Nations „New urban Agenda“ – Die Neue Stadt

Für Klimawandel wie Klimaschutz besetzen die städtischen Räume Schlüsselpositionen des 21. Jahrhunderts. Weltweit wird sich die Stadtbevölkerung bis 2050 durch Zuzug nahezu verdoppeln. Aber nicht nur Land/Stadt-, sondern auch Klimamigration wird die bestehenden Stadträume verdichten. Neue Wohnräume müssen erschlossen, entsprechende urbane Konzepte entwickelt werden, um voraussehbare soziale Konflikte abzuwehren. Neue Urbanität sitzt nicht nur auf einer Basis CO2-neutraler Energiekonzepte auf, sie ordnet die Mobilität neu, nutzt Räume, die gegenwärtig dem Individualverkehr vorbehalten sind, aktiviert und initiiert Grünflächen, vermeidet Lärmemissionen, strebt die Abkehr von der Konsumgesellschaft an. Die Stadt der kurzen Wege wird Eigentum hinterfragen. Nutzen statt besitzen wird nicht nur die Mobilitätskonzepte kennzeichnen. – Im Oktober 2016 wurden diese Eckpunkte in der „New urban Agenda“ der United Nations Conference on Housing and Sustainable Urban Development in Quito festgelegt.[1]

Kulturerbe in der Neuen Stadt

In dieser Agenda findet sich auch ein sehr schlicht ausgearbeitetes Bekenntnis zum Schutz der Kulturdenkmale. Doch wie realistisch ist der Schutz des Kulturerbes? Langfristig ist allein durch den Anstieg des Meeresspiegels jede fünfte UNESCO-Welterbestätte bedroht.[2] Große Teile von Küstenstädten werden unter dem Meeresspiegel liegen. Der Siedlungsdruck auf andere Städte wird steigen, nicht nur wegen des Anstiegs des Meeresspiegels. Was bedeutet das für deren Kulturerbe? Was bedeutet die Klimamigration für die europäischen Altstädte? Werden sie musealisiert, ontologisch aus ihrer Funktion und ihrer Geschichtlichkeit und Veränderungsprozessen herausgenommen, wider das Vergessen der Geschichte „eingefroren“? Werden sie transformiert bis hin zu ihrem Verlust als materielle Quellen der Vergangenheit? Werden die Städte ihre historische Authentizität verlieren? 

Das bauliche Kulturerbe der Städte wird durch die Veränderungsprozesse der gegenwärtigen urbanen Herausforderungen nicht weiterhin in der bestehenden Form auf der Charta von Venedig gründend geschützt werden können. Denkmalschutz und Denkmalpflege stehen vor der Aufgabe eine Revision ihrer bisherigen Positionen einzuleiten, denn was bedeutet in Zukunft das Prädikat „historisch wertvoll“? Welche Kategorien, welche neuen Bewertungswerkzeuge lassen sich entwickeln und anwenden, um das Kulturerbe in Nachhaltigkeitsüberlegungen tatsächlich nachhaltig einzubeziehen? Wie ließe sich in der Neuen Stadt kulturelle Nachhaltigkeit definieren?

Historischer Wert – Alois Riegl im 21. Jahrhundert

Auf diese Fragen antwortet das vorliegende Buchprojekt. Es nimmt seinen Ausgang bei Alois Riegl, einem der einflussreichsten Kunst- und Denkmaltheoretiker des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts sowie Vertreter der kunsthistorischen Wiener Schule. Riegls universalistischer Denkmalbegriff und seine Kategorien der Gegenwartswerte und Erinnerungswerte des Denkmals erfahren in dem vorliegenden Buchprojekt eine Reflexion an den gegenwärtigen und zukünftigen Herausforderungen der New Urban Agenda. Neben Riegels Gebrauchswert und relativen Kunstwert sowie historischen Wert und Alterswert wird hier der historische Wert differenziert aufgeschlüsselt und um die Kategorie der historischen Authentizitäten als ästhetische Kategorie sowie als Zuschreibungsnarrativ in Form von historischen Authentisierungskonzepten erweitert. Mit dieser aufgefächerten Kategoriensystematik lassen sich verschiedenste Phänomene des Umgangs mit Kulturerbe erfassen, klassifizieren und taxieren, die Alois Riegl noch nicht analysieren musste, weil sie von der sozialen Konstruktion der Werte um 1900 noch nicht im Blickfeld stehen konnten.

Eine Reihe von „Werkzeugen“ zur Analyse von Kulturerbe werden in diesem Buchprojekt vorgestellt. Kulturerbe lässt sich mit ihnen nach ihrem Grad der „Echtheit“ einordnen, beantwortet also Authentizitätsstufen jenseits des Glaubens an das „Original“. 

Es richtet sich nicht nur als Theorie- und Methodenkonstrukt an die Geisteswissenschaften, sondern ganz konkret an die Praxis des Umgangs mit Kulturerbe: Architekten, Ingenieure, Denkmalschützer und -pfleger, Kulturpolitiker und alle, die mit Interesse Kulturerbe betrachten und dessen Wert bemessen wollen. 


[1]                http://habitat3.org/documents-and-archive/

[2]                Ben Marzeion und Anders Levermann: Loss of cultural world heritage and currently inhabited places to sea-level rise, https://iopscience.iop.org/article/10.1088/1748-9326/9/3/034001

Erinnern: 1989

30 Jahre: 9. November
Stefan Lindl 
 
Zusammen saßen wir
um den Wohnzimmertisch
der Bonner Republik,
tranken Darjeeling second flush 
aus diaphanen Tassen, 
philosophierten pessimistisch,
glaubten an weiter, weiter so 
des grauen Jahrzehnts, 
zerrieben zwischen den Blöcken 
zerfressen vom Krieg, 
angekratzt, drangsaliert 
von Rheinischer Politik. 
Waren nicht für den Krieg, 
bezahlten in der Währung 
Lebenszeit, Verlust zweier Jahre.
Ungezügelte Wut, weil die Regierung
unsere Freiheit beschnitt. 
Kein Lichtblick, keine Frühlingsluft, 
keine fliegenden Ideen. 
Eine Mauer aus Zeit.
Kann es wirklich sein? 
Da tut sich nichts. 
Welcher Trotz in uns als Replik. 
Nicht mit uns! Kriegt uns nicht!
Sind stärker, härter, jünger, 
schlauer, genialer sowieso!
Ganz Anti, ganz Verdruss 
über die böswillige 
Missachtung unserer Jugend.
Wir schworen uns 
Transparenz und Demokratie, 
Liebe, flache Hierarchie, 
wenn wir einst den 
Scherbenhaufen erben. 
 
Sommer 89, in West-Berlin 
nur Teichoskopie,
wir mit goldenen Locken 
in den langen Haaren
in der Hand ein Bier.
Ihr bekommt uns nicht!
Unsere Raserei
war unsere Tugend, 
war regenerative Energie, 
unser Antrieb gegen 
den aufgezwungenen Krieg. 
 
Dann kamen die Montage, 
wir glaubten es kaum. 
Leipzig! Leipzig, 
Hoffnungsschimmer,
Leipzig, erfüllte 
sich dort unser Traum?
„Nikolaikirche“ presste 
Tränen, unfassbares Glück.
Kann es sein? 
Ein Rauschen im knorrigen Baum
der Mächte, ein Raunen 
der letzten farbigen Blätter. 
"Wir sind das Volk!", 
skandierten sie, 
die Unbekannten 
hinter dem Zaun.
Am 9. November 
jubelten wir mit ihnen, 
tanzten um das Loch 
im düsteren Himmel.
Nun, nun endlich kamen wir, 
am Ende der Wut 
stand Triumph über 
die alte Rheinische Republik. 
Es brach an die Renaissance
des Individuums, des Körpers. 
Diversität, Liebe, 
schnelle Elektro-Beats, 
Upper, Ecstasy, Taurin 
verkloppten Hypnos, 
nur nicht schlafen, 
ekstatisches Zucken
auf 130 bpm,
Trance ohne Ende
auf den zerfließenden Blöcken. 
Kein Stein blieb auf dem 
andern seit dem 9. November.
 
Fünf Monate zuvor tranken 
wir noch Tee aus diaphanen 
Tassen, ohne Ziel.  

Unsere Replik. 

Kulturerbe im Klimawandel

Die Authentische Stadt. Erinnern, Vergessen und historische Nachhaltigkeit in urbanen Räumen

Vorlesung im Wintersemester 2019/2020, Donnerstags von 15.45-17.15 Uhr, Universität Augsburg, HS IV

Der Raum: Bayerisch-Schwaben, Baden-Württemberg, Vorarlberg und Schweiz

Die Zeit: Von der Antike bis in die Gegenwart

Der Inhalt: Eine Neue Urbanistik fordert der Klimawandel. In den nächsten Jahrzehnten wird mehr als die Hälfte der Menschheit in Städten wohnen, so eine Prognose. Zu lösen gibt es mannigfaltige absehbare Probleme. Die Nachhaltige Stadt wird eine Stadt der kurzen Wege sein, eine Stadt mit quantitativ geringem Individualverkehr. Grün sollen die Städte, ehemalige Straßen in Erholungszonen transformiert werden. Ruhig, aber auch kommunikativ soll die neue, nachhaltige Stadt sein. Energieeffizienz versteht sich von selbst, regenerative Energien sind ihre energetische Grundlage. Mobilität wird neu gedacht: Teilen, nicht eignen! Wiederverwertung, Nachhaltigkeit, Reparatur statt Wegwerfkonsum, wie wir ihn noch heute kennen.

Doch wo bleibt bei all diesem Klima- und Menschenschutz der Denkmalschutz? Das Kulturerbe in der Klimakrise muss in Zeiten des urbanen und des klimatischen Wandels neu gedacht werden. Was bedeutet das Prädikat „historische wertvoll“? Welche Kategorien, welche neuen Bewertungswerkzeuge lassen sich anwenden, um das Kulturerbe in Nachhaltigkeitsüberlegungen nachhaltig einzubeziehen? Wie ließe sich eine historische Nachhaltigkeit definieren?

„Lesensretter“ – Mein Buch: „Neue Szene“ September 2019

Marcus Ertle fragte mich für die „Neue Szene“ (Augsburg) nach „Meinem Buch“. Hier ist es, eine Antwort auf die Frage: Warum lese ich?

Neue Szene, September 2019, S. 41.

Lesensretter: Mein Buch. Oder: Warum ich lese

Stefan Lindl 

Lesensretter

Papier, viele Seiten, 
nicht weiß-unbeschrieben, 
überzogen mit Zeichen, 
sind Spuren, die zeugen, 
ein Mensch war gewesen, 
der sie beschrieb. 
Papier und die Zeichen 
leben nicht, sind 
Bürgen des Lebens, 
versichern, ein Mensch hat 
gefühlt und gedacht.
Glück, Trauer, 
Spott und Liebe, 
auch Ängste 
flossen darauf, 
fest für die Zeiten: 
Zauber des Lebens
auf Papier gebracht. 
Und doch ist es tot.
Solange leblos,
bis das Wunder 
des Lazarus, 
performative Magie, 
die Zeichen erweckt durch den 
Zauber des Lesens 
und Interpretierens.
Worte zu Bildern, 
tausende tote Worte 
voll des prallen Lebens 
durch den abendlichen
Griff zu einem Buch.

Mein Buch: 

Alain-René Lesage: Die Geschichte des Gil Blas von Santillana, Frankfurt am Main 1997.

Beitragsbild: Ausschnitt aus S. 41, Neue Szene, September 2019, S. 41.

Theorie und Methoden historischer Nachhaltigkeit

Erinnern oder vergessen? Die Wiedergeburt der Geschichte im Zeitalter der Nachhaltigkeit – Ein Entwurf

Der Klimawandel fordert von uns einen Wandel der Systeme unserer Ökonomie und Ökologie – letztlich unseres gesamten Lebensvollzugs. Das Alte und Überkommene muss weg, sonst werden wir nicht überleben. – So könnte ein radikal-strategischer Ansatz der systemischen Erneuerung lauten. Das hieße, die Geschichte müsste entsorgt werden, um Platz für etwas völlig Neues zu machen. Wird damit wieder einmal das Ende der Geschichte eingeläutet, wie ehemals, 1992, vom kausal-teleologisch denkenden Francis Fukuyama behauptet wurde, der das Ende der Ideologie-Systeme mit dem Telos der Geschichtsevolution gleichgesetzt hatte?

Diese radikale und revolutionäre Strategie des Endes der Geschichte mag auf den ersten Blick verlockend sein. Fukuyamas Neo-Hegelianismus war und ist nicht überzeugend. So darf auch kaum beim Systemwechsel hervorgerufen durch den Klimawandel von einem Ende der Geschichte ausgegangen werden. Diese Strategie ist nämlich eines nicht: nachhaltig. Deswegen wird sie wohl nicht den Pfad darstellen, auf dem wir uns bewegen werden. Nachhaltigkeit bedeutet etwas andres. Sie fordert nachgerade die Wiedergeburt der Geschichte. Auch wenn die Leitwissenschaften für die Herausforderungen des Klimawandels die Naturwissenschaften und Sozialwissenschaften zu sein scheinen, so haben sie doch einen entscheidenden Nachteil: Sie sind blind für die Vergangenheit, sind rein auf die Zukunft gerichtet. Geschichte ist notwendig, um Nachhaltigkeit von Natur- sowie Gesellschaftsphänomenen überhaupt erst taxieren zu können. – Welche Ausformung eine solche Theorie historischer Nachhaltigkeit bekommen könnte, wird in den nächsten Monaten eine der Forschungsaufgaben sein.

Aus dem Laboratorium: historischer Wert und Authentizität als ästhetische Kategorie – Werkzeuge

1. Kategorien der historischen Wertzuschreibung an Kulturerbe

Aus einer konstruktivistischen Perspektive besitzt kein materielles oder immaterielles Objekt von sich aus historischen Wert. Anders gesagt: Jedes Objekt ist absolut wertlos, solange soziale Konstruktion ihm nicht historischen Wert zuschreibt. Gibt es kein Wissen über ein Objekt, kann es auch nicht wertvoll sein. Zuerst folgt Wert dem Wissen, danach bedingen sie sich wechselseitig.

Es gibt vier Zuschreibungsarten, mit denen historischer Wert an Objekten erzeugt werden kann. Sie entspringen verschiedenen Denkweisen und lassen sich materialistisch, idealistisch, ästhetisch und performativ nennen. 

Materialistischer historischer Wertlässt sich ausschließlich an materiellem Kulturerbe (MKE) finden. Autonomie ist die Eigengesetzlichkeit des materiellen Kulturerbes, die nur zu einer bestimmten Zeit seiner Entstehung vorkommt und sich im Laufe des in-der-Zeit-seins entwickelt. Das betrifft mehrere Dimensionen. Die erste ist die stoffliche Dimension: Nur die ursprüngliche historische Original-Materie ist bei dieser historischen Wertzuschreibung Garant der Echtheit und Authentizität. Verflüchtigt sich die originale Materie oder wird sie ersetzt, so gibt es auch kein Original im Sinne seiner Stofflichkeit mehr. Auch gibt es den historischen Wert der kontextuellen Autonomie, sie betrifft die kontextuelle Dimensionmateriellen Kulturerbes. Sie beschreibt die Eigengesetzlichkeit eines Objekts in dem Kontext seiner Zeit. Dazu gehören Ästhetik, Funktionalität, „Ideologie“, zeitgemäße Produktionsverhältnisse. Das Objekt wird in den kohärenten Bezügen zu seinem Umfeld / Dingdiskurs betrachtet und eingeordnet. Zudem gibt es die geschichtliche Dimensiondes materiellen Kulturerbes. Die Eigengesetzlichkeit richtet sich auf das „in-der-Zeit-sein“, also die „Biographie“ eines Objekts. Jede „Biographie“ ist einzigartig. An der noch so detailgenauen Reproduktion kann die geschichtliche Dimension des Originals nicht erzeugt werden. Jedes materielle Objekt hat seine eigene geschichtlich-autonome Dimension, die nicht reproduzierbar ist. 

Idealistischer historischer Wertkann nicht rein sinnlich (perzeptiv) wahrgenommen werden. Mit dieser Art wird Ideen historischer Wert zugeschrieben, die sich in materiellem wie auch immateriellen Kulturerbe finden. Es sind historische Ideen, die aus älterem Kulturerbe abgeleitet wurden und in Wiederholungen tradiert werden – immer neu, immer abweichend vom Vorläufer oder dem zeitlich früheren Bezugspunkt, ohne die Bezüge nicht zu berücksichtigen. Beispielsweise wurde vom Parthenon in Athen die acht-säulige Tempelgiebelfront als abstrakte Idee immer wieder in späterem Kulturerbe verwendet: im Pantheon in Rom, in der Glyptothek in München, in der Église de la Madeleine in Paris. Diesen Bauwerken wird in der Idee (einem Bauprinzip) ein höherer historischer Wert zugeschrieben, die Verbindung mit dem Tempel der Akropolis über die Idee. Solch ein idealistisch-historischer Wert kann sich auf drei Ebenen vollziehen, die Ideen können einen formalenAusdruck finden, beispielsweise durch Rundbögen, Kolonnaden, Säulenstellungen oder durch eine Serliana, die sich auch in postmodernen Bauwerken wiederfindet. Sie können auch im Stofflichenliegen: Ein Baustoff kann verwendet werden, um einem Bauwerk einen historischen Wert zuzuschreiben, beispielsweise Marmor griechischer Tempel, um einen höchst sakralen Charakter zu transportieren. Eine weitere Idee kann auch die proportionaleDimension ansprechen, indem beispielsweise der Goldene Schnitt in einer Fassadengliederung zur Anwendung kommt. 

Ästhetischer historischer Wertwird materiellen oder immateriellen Objekten zugeschrieben, die versuchen, auf Grundlage einer genauen Dokumentation, ein verlorengegangenes Kulturerbe ästhetisch zu wiederholen. Dieser ästhetische historische Wert beruht auf Gemälden, Tonaufnahmen, Fotografien, Filmaufnahmen etc., die mit zeitgemäßen Mitteln rekonstruiert werden. In drei verschiedenen Dimensionen lassen sich diese Wiederholungen beschreiben. Es kann abstrakteWiederholungen geben, die lediglich die reduzierte Eckpunkte der ehemaligen Form des Kulturerbes wiederholen, ohne auf Einzelheiten einzugehen. Das wäre die schwächste Form des ästhetischen historischen Werts. Die zweite Dimension betrifft die Ähnlichkeitder Wiederholung mit dem dokumentierten Vorgänger. Die letzte Dimension zielt auf die Identitätvon Wiederholung und dokumentierten Vorgänger ab. 

Performatorischerhistorischer Wert wird materiellen oder immateriellen Objekten verliehen, die von sich aus nichts erkennbar Historisches besitzen. In ihnen findet sich weder historische materielle Autonomie, noch eine historische Idee, noch historische Ästhetik. Diese Objekte fungieren lediglich als mitunter völlig unspezifische Zeichen, die auf eine historische Narration (Geschichte als Erzählung) verweisen. Erst jener Akt des Erzählens, die Performanz von Wissen, generiert historischen Wert und Authentizität am materiellen Signifikanten der Architektur. Ein Beispiel dafür sind Denkmaltafeln, die an Häuserwänden angebracht sind. Wer sie liest, spricht dem Haus historischen Wert zu, den es vorher der Performanz gar nicht hatte. Auch hier gibt es verschiedene Dimensionen der Narrationen: wissenschaftlich, anekdotisch und in der besonders abgeschwächten Form des Authentischen auch die Fiktionalen Narrationen. 

Neu hinzugekommen: 

Privativer historischer Wert. Dieser Wert fehlte in dem zuvor aufgeführten Kategoriensystem. In ihm steckt das Wort „Privat“ – der Ausschluss des Öffentlichen. Gemeint ist hier aber der Verweis auf etwas Fehlendes, der Ausschluss eines historischen Phänomens, sei es materiell, oder immateriell. Es fehlt in einem betrachteten Zustand. Entweder wurde es zerstört oder einfach nicht berücksichtigt, aus welcher konkreten Motivation auch immer. Es wurde nicht berücksichtigt – das genügt, gleichgültig, ob Ignoranz dafür verantwortlich war oder aus ideologischen Gründen das historische Phänomen nicht übernommen werden sollte. Diesen bewussten Ausschluss des Historischen können die anderen Kategorien nicht abbilden. Deswegen wurde diese Kategorie des Historischen Wertes notwendig. Der Artikulationsmodus des Historischen Wertes ist in diesem Fall überwiegend apperzeptiv. Er ist nicht wahrzunehmen, muss hinzugedacht werden. 

Es gibt mindestens drei Dimensionen wie mit einem negativen Duktus dieser privative historische Wert zugeschrieben wird, das bedeutet wie er bewusst nicht berücksichtigtwurde: Entweder blieb er unberücksichtigt in einem gegenwärtigen Zustand einer Architektur, Malerei oder einem Ritus – beispielsweise ab dem 2. Vatikanischen Konzil, in dem das Latein in der Messe abgeschafft wurde und die Landessprachen in die römisch-katholische Kirche einzogen. Die weitere Dimension ist die Anpassung eines historischen Phänomens an die Gegenwart, so, dass es aber nicht mehr erkenntlich ist. Beispielsweise „Oktoberfest Kleidung“ die nichts mehr mit historischer Tracht aus dem 19. Jahrhundert gemein hat. Und die nächste negative Wertzuschreibung liegt in der zerstörenden Dimension: Wenn ein denkmalgeschütztes Gebäude über Nacht „versehentlich“ abgerissen wird, weil es den Eigentümern nur Nachteile bringt. 

2. Funktion der Wertzuschreibung an Kulturerbe und Authentisierung von Kulturerbe (Authentizität als ästhetische Kategorie)

Historische Authentizität ist die vermeintliche (zugeschriebene) Eigenschaft eines materiellen oder immateriellen Objekts. Sie äußert sich in einer durch Perzeption oder Apperzeption des Objekts hervorgerufenen Empfindung von Nähe und Präsenz eines zeitlich Fernen und längst Verlorenen. Dieses Authentizitätsempfinden (stark oder schwach) entsteht aus der Verknüpfung eines Objekts mit seinem kognitiven Kontext. Diese Verknüpfung lässt sich durch verschiedene Zuschreibemodi des historischen Werts erzeugen. Die Modi lauten: autonomistisch, idealistisch, ästhetisch, performatorisch. Mit diesen vier Modi wird historischer Wert eines materiellen oder immateriellen Objekts geschöpft. 

Das bedeutet, historische Authentizität von materiellem oder immateriellem Kulturerbe entsteht nur dann, wenn ihm durch vier verschiedene Modi historischer Wert zugeschrieben wird. Diese Zuschreibung bedeutet eine relationale Verknüpfung von Objekt und sozial konstruiertem Wissen über das Objekt. 

3. AptA – Adaptions-Analyse. Oder: Der Umgang mit Historischem 

Wie lässt sich komplexes Kulturerbe überprüfbar und evident analysieren, dann in die einzelnen Kategorien des historischen Wertes einordnen sowie dessen Authentizität bestimmen? Dazu wurde dieses Analysewerkzeug entwickelt. Mit dem Gewordenen können wir nur in drei Arten umgehen: Wir können es belassen, wir können es an unsere Vorstellungen anpassen oder wir können es beseitigen. Daraus abgeleitet können Elemente eines Kulturerbes abgefragt werden. Wie verhält sich eine Säule aus der Glyptothek in München als Adaptierendes (nachzeitlich) zu einer Säule des Parthenon in Athens als Adaptiertes (vorzeitlich). Die Elemente müssen bestimmt werden, dann ist eine Einordnung in das Werkzeug möglich. Sind mehrere Elemente nach ihren Relationen zu vorzeitlichem Adaptiertem abgefragt, ist eine verlässliche Einordnung in die Kategorien des historischen Wertes möglich. 

* AptA die Adaptions-Analyse ist identisch mit der SIA – Signifikanten-Interaktionsanalyse. Die Sperrigkeit der SIA hat eine Neuformulierung notwendig gemacht.

Kommentar: Wahl, Klima, Kapitalismus und System

Der Absturz der Altparteien ist programmatisch. Sie haben keine Antworten geliefert, obgleich seit dem Ende der 70er Jahre die Auswirkungen des anthropogen verursachten Klimawandels durch die Arbeit von Hermann Flohn und seinen Mitstreitern international bekannt geworden waren. Sie hatten kein Interesse. Die SPD wollte sauberes Wasser, weniger Lärm und gute Luft für ihre Arbeiter und Arbeitnehmer in idyllischen Naherholungsräumen. Aber unter Helmut Schmidt wollten sie das nicht mal mehr. Das Wahlprogramm weist in knappen Punkten aus, dass schon alles erreicht wurde. Die CDU/CSU hingegen thematisierte nichts, sondern stellte nur heraus, dass auf die Belange der Wirtschaft Rücksicht genommen werden müsse und zwar bei allen Umweltschutzfragen. – Das war in den 1970er Jahren so, das war in den 1980er Jahre so, das war in den 1990er Jahren so und heute ist es auch noch so. Da macht sich ein CDU-Mann, Ziemiak, Generalsekretär, über die Jugend lustig, dass sie keine Rücksicht auf Arbeitsplätze nähmen und einfach zu simpel dumme banale Forderungen in die Welt hinausposaunten, ohne das große Ganze zu sehen, zu dem nur die CDU fähig sei. Ganz neu ist das nicht. – Klimawandel ja, aber bitte immer an die Arbeitsnehmer denken. In den 1990er Jahren kam ein Credo der CDU/CSU noch hinzu: Die Krise kann nur global gelöst werden. Nun, so wurde alles in Ordnung, global ist die Lösung. Die SPD argumentierte im Prinzip ähnlich, Klimakirse vielleicht, aber den Arbeitern muss es gut gehen. Dann wären da noch die Grünen – sie sind heute die Alternative, der Ausweg. Auch sie waren nicht wirklich vorne dran. Ihr Interesse für den anthropogen verursachten Klimawandel erwachte auch erst in den 1990er Jahren. ihr Pfad hatte in der Umwelt und in der Friedensbewegung begonnen, sie konnten das Thema lediglich am besten und am überzeugendsten integrieren.

Für die CDU/CSU wird es weiterhin sehr schwer. Ihr Arroganz und Ignoranz den „naiven Kindlein“ „Hippies“ und „Friedensbewegten“ gegenüber, die keine Ahnung haben, im Gegensatz zu der alten, weißen Volkspartei, hat irreparable Wunden aufgerissen. Sie haben sich selbst – wie auch die FDP – stigmatisiert. Sie sind nicht glaubhaft für alle, die den Klimawandel als ernsthaftes Problem verstanden haben – jung und alt. CDU/CSU und FDP können kein Vertrauen mehr gewinnen, weil ihre Überheblichkeiten wie eine Kriegserklärung wirkten. Die Reformen, die geleistet werden müsste, auch und vor allem in personeller Hinsicht, sind vielleicht in einem Jahrzehnt zu bewältigen. – Vielleicht. Die SPD könnte mit wenigen Kniffen Ressource, Verteilung und Klima zusammenführen. Das ist, wie eine meiner Studien vor einem Jahr zeigte, problemlos möglich, wenn sie sich von alten Denkmustern befreit. Aber das ist das Schwierigste, das kennen wir von uns selbst als Inndividuen. Angemessen auf die Klimakrise zu reagieren, heißt den Kapitalismus zu hinterfragen, heißt die Systemfrage zu stellen, denn der Klimawandel und seine gegenwärtige dramatische Zuspitzung ist nur im Rahmen des Kapitalismus und des energetischen Fossilismus zu verstehen, die beide im 19. Jahrhundert paradigmatisch geworden sind. Hier hätte die SPD eine Chance, wenn sie nur 1 und 1 zusammenzählte. Das hieße aber, auch hier müsste personell die alte Garde ausgewechselt werden, um Vertrauen zurückzugewinnen.

Neues Leben, neue Urbanizität in den Rahmenbedingungen globaler Herausforderungen zu entwickeln, bedarf mehr als kapitalistischer, neoliberaler Arroganz auf der einen Seite und Gerechtigkeitsplattitüden auf der anderen. Es scheint, als hätten die Grünen die sinnvolleren und besseren Argumente. Und das ist und wird ihr Erfolg sein: Hinein in ein Nachhaltigkeitsdenken. Ressourcen und Verteilung in einem nachhaltigen Rahmen, das sind die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Dazu gehört es auch, alles als Ressource zu verstehen: Kultur, soziale Konstruktion, Kommunikation ebenso wie Energieträger, etc. etc. Alle Errungenschaften des 19. Jahrhunderts – beispielsweise Eigentum – wird hinterfragt werden. Denn das Eigentum ist im Moment nicht nachhaltig, weder bezogen auf Immobilien, noch Mobilien. Ich wünschte sehr, dass die guten Ansätze, die auch bundesministeriell bereits ausgearbeitet sind, wie beispielsweise die Gedanken zur Neuen Urbanizität, weiterentwickelt werden. Vielleicht trägt dieses Wahlergebnis die motivierende Kraft der Veränderung in sich. Zu wünschen wäre es.

Bahnhofsquartier: Entscheidung in Memmingen

Neben der Europawahl dürfen Memmingens Bürgerinnen und Bürger am 26. Mai 2019 auch über die Fortführung oder Neuausschreibung des zu entwickelnden Bahnhofsquartiers entscheiden. Ratsbegehren und Bürgerbegehren stehen sich gegenüber und wurden zu Bürgerentscheiden zugelassen. Der Rat der Stadt möchte an dem Investoren-Sieger-Entwurf festhalten. Memmingens Bürgerinitiative dagegen möchte mehr Partizipation. Gleichgültig wie die Entscheidung ausfällt, es ist zu hoffen, dass Memmingen einen Gewinn verzeichnet. Historisch, ästhetisch, funktional.

Link zur offiziellen Seite der Stadt Memmingen