Theorie und Methoden historischer Nachhaltigkeit

Erinnern oder vergessen? Die Wiedergeburt der Geschichte im Zeitalter der Nachhaltigkeit – Ein Entwurf

Der Klimawandel fordert von uns einen Wandel der Systeme unserer Ökonomie und Ökologie – letztlich unseres gesamten Lebensvollzugs. Das Alte und Überkommene muss weg, sonst werden wir nicht überleben. – So könnte ein radikal-strategischer Ansatz der systemischen Erneuerung lauten. Das hieße, die Geschichte müsste entsorgt werden, um Platz für etwas völlig Neues zu machen. Wird damit wieder einmal das Ende der Geschichte eingeläutet, wie ehemals, 1992, vom kausal-teleologisch denkenden Francis Fukuyama behauptet wurde, der das Ende der Ideologie-Systeme mit dem Telos der Geschichtsevolution gleichgesetzt hatte?

Diese radikale und revolutionäre Strategie des Endes der Geschichte mag auf den ersten Blick verlockend sein. Fukuyamas Neo-Hegelianismus war und ist nicht überzeugend. So darf auch kaum beim Systemwechsel hervorgerufen durch den Klimawandel von einem Ende der Geschichte ausgegangen werden. Diese Strategie ist nämlich eines nicht: nachhaltig. Deswegen wird sie wohl nicht den Pfad darstellen, auf dem wir uns bewegen werden. Nachhaltigkeit bedeutet etwas andres. Sie fordert nachgerade die Wiedergeburt der Geschichte. Auch wenn die Leitwissenschaften für die Herausforderungen des Klimawandels die Naturwissenschaften und Sozialwissenschaften zu sein scheinen, so haben sie doch einen entscheidenden Nachteil: Sie sind blind für die Vergangenheit, sind rein auf die Zukunft gerichtet. Geschichte ist notwendig, um Nachhaltigkeit von Natur- sowie Gesellschaftsphänomenen überhaupt erst taxieren zu können. – Welche Ausformung eine solche Theorie historischer Nachhaltigkeit bekommen könnte, wird in den nächsten Monaten eine der Forschungsaufgaben sein.

Aus dem Laboratorium: historischer Wert und Authentizität als ästhetische Kategorie – Werkzeuge

1. Kategorien der historischen Wertzuschreibung an Kulturerbe

Aus einer konstruktivistischen Perspektive besitzt kein materielles oder immaterielles Objekt von sich aus historischen Wert. Anders gesagt: Jedes Objekt ist absolut wertlos, solange soziale Konstruktion ihm nicht historischen Wert zuschreibt. Gibt es kein Wissen über ein Objekt, kann es auch nicht wertvoll sein. Zuerst folgt Wert dem Wissen, danach bedingen sie sich wechselseitig.

Es gibt vier Zuschreibungsarten, mit denen historischer Wert an Objekten erzeugt werden kann. Sie entspringen verschiedenen Denkweisen und lassen sich materialistisch, idealistisch, ästhetisch und performativ nennen. 

Materialistischer historischer Wertlässt sich ausschließlich an materiellem Kulturerbe (MKE) finden. Autonomie ist die Eigengesetzlichkeit des materiellen Kulturerbes, die nur zu einer bestimmten Zeit seiner Entstehung vorkommt und sich im Laufe des in-der-Zeit-seins entwickelt. Das betrifft mehrere Dimensionen. Die erste ist die stoffliche Dimension: Nur die ursprüngliche historische Original-Materie ist bei dieser historischen Wertzuschreibung Garant der Echtheit und Authentizität. Verflüchtigt sich die originale Materie oder wird sie ersetzt, so gibt es auch kein Original im Sinne seiner Stofflichkeit mehr. Auch gibt es den historischen Wert der kontextuellen Autonomie, sie betrifft die kontextuelle Dimensionmateriellen Kulturerbes. Sie beschreibt die Eigengesetzlichkeit eines Objekts in dem Kontext seiner Zeit. Dazu gehören Ästhetik, Funktionalität, „Ideologie“, zeitgemäße Produktionsverhältnisse. Das Objekt wird in den kohärenten Bezügen zu seinem Umfeld / Dingdiskurs betrachtet und eingeordnet. Zudem gibt es die geschichtliche Dimensiondes materiellen Kulturerbes. Die Eigengesetzlichkeit richtet sich auf das „in-der-Zeit-sein“, also die „Biographie“ eines Objekts. Jede „Biographie“ ist einzigartig. An der noch so detailgenauen Reproduktion kann die geschichtliche Dimension des Originals nicht erzeugt werden. Jedes materielle Objekt hat seine eigene geschichtlich-autonome Dimension, die nicht reproduzierbar ist. 

Idealistischer historischer Wertkann nicht rein sinnlich (perzeptiv) wahrgenommen werden. Mit dieser Art wird Ideen historischer Wert zugeschrieben, die sich in materiellem wie auch immateriellen Kulturerbe finden. Es sind historische Ideen, die aus älterem Kulturerbe abgeleitet wurden und in Wiederholungen tradiert werden – immer neu, immer abweichend vom Vorläufer oder dem zeitlich früheren Bezugspunkt, ohne die Bezüge nicht zu berücksichtigen. Beispielsweise wurde vom Parthenon in Athen die acht-säulige Tempelgiebelfront als abstrakte Idee immer wieder in späterem Kulturerbe verwendet: im Pantheon in Rom, in der Glyptothek in München, in der Église de la Madeleine in Paris. Diesen Bauwerken wird in der Idee (einem Bauprinzip) ein höherer historischer Wert zugeschrieben, die Verbindung mit dem Tempel der Akropolis über die Idee. Solch ein idealistisch-historischer Wert kann sich auf drei Ebenen vollziehen, die Ideen können einen formalenAusdruck finden, beispielsweise durch Rundbögen, Kolonnaden, Säulenstellungen oder durch eine Serliana, die sich auch in postmodernen Bauwerken wiederfindet. Sie können auch im Stofflichenliegen: Ein Baustoff kann verwendet werden, um einem Bauwerk einen historischen Wert zuzuschreiben, beispielsweise Marmor griechischer Tempel, um einen höchst sakralen Charakter zu transportieren. Eine weitere Idee kann auch die proportionaleDimension ansprechen, indem beispielsweise der Goldene Schnitt in einer Fassadengliederung zur Anwendung kommt. 

Ästhetischer historischer Wertwird materiellen oder immateriellen Objekten zugeschrieben, die versuchen, auf Grundlage einer genauen Dokumentation, ein verlorengegangenes Kulturerbe ästhetisch zu wiederholen. Dieser ästhetische historische Wert beruht auf Gemälden, Tonaufnahmen, Fotografien, Filmaufnahmen etc., die mit zeitgemäßen Mitteln rekonstruiert werden. In drei verschiedenen Dimensionen lassen sich diese Wiederholungen beschreiben. Es kann abstrakteWiederholungen geben, die lediglich die reduzierte Eckpunkte der ehemaligen Form des Kulturerbes wiederholen, ohne auf Einzelheiten einzugehen. Das wäre die schwächste Form des ästhetischen historischen Werts. Die zweite Dimension betrifft die Ähnlichkeitder Wiederholung mit dem dokumentierten Vorgänger. Die letzte Dimension zielt auf die Identitätvon Wiederholung und dokumentierten Vorgänger ab. 

Performatorischerhistorischer Wert wird materiellen oder immateriellen Objekten verliehen, die von sich aus nichts erkennbar Historisches besitzen. In ihnen findet sich weder historische materielle Autonomie, noch eine historische Idee, noch historische Ästhetik. Diese Objekte fungieren lediglich als mitunter völlig unspezifische Zeichen, die auf eine historische Narration (Geschichte als Erzählung) verweisen. Erst jener Akt des Erzählens, die Performanz von Wissen, generiert historischen Wert und Authentizität am materiellen Signifikanten der Architektur. Ein Beispiel dafür sind Denkmaltafeln, die an Häuserwänden angebracht sind. Wer sie liest, spricht dem Haus historischen Wert zu, den es vorher der Performanz gar nicht hatte. Auch hier gibt es verschiedene Dimensionen der Narrationen: wissenschaftlich, anekdotisch und in der besonders abgeschwächten Form des Authentischen auch die Fiktionalen Narrationen. 

Neu hinzugekommen: 

Privativer historischer Wert. Dieser Wert fehlte in dem zuvor aufgeführten Kategoriensystem. In ihm steckt das Wort „Privat“ – der Ausschluss des Öffentlichen. Gemeint ist hier aber der Verweis auf etwas Fehlendes, der Ausschluss eines historischen Phänomens, sei es materiell, oder immateriell. Es fehlt in einem betrachteten Zustand. Entweder wurde es zerstört oder einfach nicht berücksichtigt, aus welcher konkreten Motivation auch immer. Es wurde nicht berücksichtigt – das genügt, gleichgültig, ob Ignoranz dafür verantwortlich war oder aus ideologischen Gründen das historische Phänomen nicht übernommen werden sollte. Diesen bewussten Ausschluss des Historischen können die anderen Kategorien nicht abbilden. Deswegen wurde diese Kategorie des Historischen Wertes notwendig. Der Artikulationsmodus des Historischen Wertes ist in diesem Fall überwiegend apperzeptiv. Er ist nicht wahrzunehmen, muss hinzugedacht werden. 

Es gibt mindestens drei Dimensionen wie mit einem negativen Duktus dieser privative historische Wert zugeschrieben wird, das bedeutet wie er bewusst nicht berücksichtigtwurde: Entweder blieb er unberücksichtigt in einem gegenwärtigen Zustand einer Architektur, Malerei oder einem Ritus – beispielsweise ab dem 2. Vatikanischen Konzil, in dem das Latein in der Messe abgeschafft wurde und die Landessprachen in die römisch-katholische Kirche einzogen. Die weitere Dimension ist die Anpassung eines historischen Phänomens an die Gegenwart, so, dass es aber nicht mehr erkenntlich ist. Beispielsweise „Oktoberfest Kleidung“ die nichts mehr mit historischer Tracht aus dem 19. Jahrhundert gemein hat. Und die nächste negative Wertzuschreibung liegt in der zerstörenden Dimension: Wenn ein denkmalgeschütztes Gebäude über Nacht „versehentlich“ abgerissen wird, weil es den Eigentümern nur Nachteile bringt. 

2. Funktion der Wertzuschreibung an Kulturerbe und Authentisierung von Kulturerbe (Authentizität als ästhetische Kategorie)

Historische Authentizität ist die vermeintliche (zugeschriebene) Eigenschaft eines materiellen oder immateriellen Objekts. Sie äußert sich in einer durch Perzeption oder Apperzeption des Objekts hervorgerufenen Empfindung von Nähe und Präsenz eines zeitlich Fernen und längst Verlorenen. Dieses Authentizitätsempfinden (stark oder schwach) entsteht aus der Verknüpfung eines Objekts mit seinem kognitiven Kontext. Diese Verknüpfung lässt sich durch verschiedene Zuschreibemodi des historischen Werts erzeugen. Die Modi lauten: autonomistisch, idealistisch, ästhetisch, performatorisch. Mit diesen vier Modi wird historischer Wert eines materiellen oder immateriellen Objekts geschöpft. 

Das bedeutet, historische Authentizität von materiellem oder immateriellem Kulturerbe entsteht nur dann, wenn ihm durch vier verschiedene Modi historischer Wert zugeschrieben wird. Diese Zuschreibung bedeutet eine relationale Verknüpfung durch eine Form der Zuschreibung historischen Werts von Objekt und sozial konstruiertem Wissen über das Objekt. 

3. AptA – Adaptions-Analyse. Oder: Der Umgang mit Historischem 

Wie lässt sich komplexes Kulturerbe überprüfbar und evident analysieren, dann in die einzelnen Kategorien des historischen Wertes einordnen sowie dessen Authentizität bestimmen? Dazu wurde dieses Analysewerkzeug entwickelt. Mit dem Gewordenen können wir nur in drei Arten umgehen: Wir können es belassen, wir können es an unsere Vorstellungen anpassen oder wir können es beseitigen. Daraus abgeleitet können Elemente eines Kulturerbes abgefragt werden. Wie verhält sich eine Säule aus der Glyptothek in München als Adaptierendes (nachzeitlich) zu einer Säule des Parthenon in Athens als Adaptiertes (vorzeitlich). Die Elemente müssen bestimmt werden, dann ist eine Einordnung in das Werkzeug möglich. Sind mehrere Elemente nach ihren Relationen zu vorzeitlichem Adaptiertem abgefragt, ist eine verlässliche Einordnung in die Kategorien des historischen Wertes möglich. 

* AptA die Adaptions-Analyse ist identisch mit der SIA – Signifikanten-Interaktionsanalyse. Die Sperrigkeit der SIA hat eine Neuformulierung notwendig gemacht.

Kommentar: Wahl, Klima, Kapitalismus und System

Der Absturz der Altparteien ist programmatisch. Sie haben keine Antworten geliefert, obgleich seit dem Ende der 70er Jahre die Auswirkungen des anthropogen verursachten Klimawandels durch die Arbeit von Hermann Flohn und seinen Mitstreitern international bekannt geworden waren. Sie hatten kein Interesse. Die SPD wollte sauberes Wasser, weniger Lärm und gute Luft für ihre Arbeiter und Arbeitnehmer in idyllischen Naherholungsräumen. Aber unter Helmut Schmidt wollten sie das nicht mal mehr. Das Wahlprogramm weist in knappen Punkten aus, dass schon alles erreicht wurde. Die CDU/CSU hingegen thematisierte nichts, sondern stellte nur heraus, dass auf die Belange der Wirtschaft Rücksicht genommen werden müsse und zwar bei allen Umweltschutzfragen. – Das war in den 1970er Jahren so, das war in den 1980er Jahre so, das war in den 1990er Jahren so und heute ist es auch noch so. Da macht sich ein CDU-Mann, Ziemiak, Generalsekretär, über die Jugend lustig, dass sie keine Rücksicht auf Arbeitsplätze nähmen und einfach zu simpel dumme banale Forderungen in die Welt hinausposaunten, ohne das große Ganze zu sehen, zu dem nur die CDU fähig sei. Ganz neu ist das nicht. – Klimawandel ja, aber bitte immer an die Arbeitsnehmer denken. In den 1990er Jahren kam ein Credo der CDU/CSU noch hinzu: Die Krise kann nur global gelöst werden. Nun, so wurde alles in Ordnung, global ist die Lösung. Die SPD argumentierte im Prinzip ähnlich, Klimakirse vielleicht, aber den Arbeitern muss es gut gehen. Dann wären da noch die Grünen – sie sind heute die Alternative, der Ausweg. Auch sie waren nicht wirklich vorne dran. Ihr Interesse für den anthropogen verursachten Klimawandel erwachte auch erst in den 1990er Jahren. ihr Pfad hatte in der Umwelt und in der Friedensbewegung begonnen, sie konnten das Thema lediglich am besten und am überzeugendsten integrieren.

Für die CDU/CSU wird es weiterhin sehr schwer. Ihr Arroganz und Ignoranz den „naiven Kindlein“ „Hippies“ und „Friedensbewegten“ gegenüber, die keine Ahnung haben, im Gegensatz zu der alten, weißen Volkspartei, hat irreparable Wunden aufgerissen. Sie haben sich selbst – wie auch die FDP – stigmatisiert. Sie sind nicht glaubhaft für alle, die den Klimawandel als ernsthaftes Problem verstanden haben – jung und alt. CDU/CSU und FDP können kein Vertrauen mehr gewinnen, weil ihre Überheblichkeiten wie eine Kriegserklärung wirkten. Die Reformen, die geleistet werden müsste, auch und vor allem in personeller Hinsicht, sind vielleicht in einem Jahrzehnt zu bewältigen. – Vielleicht. Die SPD könnte mit wenigen Kniffen Ressource, Verteilung und Klima zusammenführen. Das ist, wie eine meiner Studien vor einem Jahr zeigte, problemlos möglich, wenn sie sich von alten Denkmustern befreit. Aber das ist das Schwierigste, das kennen wir von uns selbst als Inndividuen. Angemessen auf die Klimakrise zu reagieren, heißt den Kapitalismus zu hinterfragen, heißt die Systemfrage zu stellen, denn der Klimawandel und seine gegenwärtige dramatische Zuspitzung ist nur im Rahmen des Kapitalismus und des energetischen Fossilismus zu verstehen, die beide im 19. Jahrhundert paradigmatisch geworden sind. Hier hätte die SPD eine Chance, wenn sie nur 1 und 1 zusammenzählte. Das hieße aber, auch hier müsste personell die alte Garde ausgewechselt werden, um Vertrauen zurückzugewinnen.

Neues Leben, neue Urbanizität in den Rahmenbedingungen globaler Herausforderungen zu entwickeln, bedarf mehr als kapitalistischer, neoliberaler Arroganz auf der einen Seite und Gerechtigkeitsplattitüden auf der anderen. Es scheint, als hätten die Grünen die sinnvolleren und besseren Argumente. Und das ist und wird ihr Erfolg sein: Hinein in ein Nachhaltigkeitsdenken. Ressourcen und Verteilung in einem nachhaltigen Rahmen, das sind die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Dazu gehört es auch, alles als Ressource zu verstehen: Kultur, soziale Konstruktion, Kommunikation ebenso wie Energieträger, etc. etc. Alle Errungenschaften des 19. Jahrhunderts – beispielsweise Eigentum – wird hinterfragt werden. Denn das Eigentum ist im Moment nicht nachhaltig, weder bezogen auf Immobilien, noch Mobilien. Ich wünschte sehr, dass die guten Ansätze, die auch bundesministeriell bereits ausgearbeitet sind, wie beispielsweise die Gedanken zur Neuen Urbanizität, weiterentwickelt werden. Vielleicht trägt dieses Wahlergebnis die motivierende Kraft der Veränderung in sich. Zu wünschen wäre es.

Bahnhofsquartier: Entscheidung in Memmingen

Neben der Europawahl dürfen Memmingens Bürgerinnen und Bürger am 26. Mai 2019 auch über die Fortführung oder Neuausschreibung des zu entwickelnden Bahnhofsquartiers entscheiden. Ratsbegehren und Bürgerbegehren stehen sich gegenüber und wurden zu Bürgerentscheiden zugelassen. Der Rat der Stadt möchte an dem Investoren-Sieger-Entwurf festhalten. Memmingens Bürgerinitiative dagegen möchte mehr Partizipation. Gleichgültig wie die Entscheidung ausfällt, es ist zu hoffen, dass Memmingen einen Gewinn verzeichnet. Historisch, ästhetisch, funktional.

Link zur offiziellen Seite der Stadt Memmingen

Rezo Luther: Die Reformation der christlich-demokratischen Welt

Wenn wir bislang eine Medienrevolution verstehen lernen wollten, mussten wir einige Jahrhunderte zurückblicken. Genaugenommen fünf Jahrhunderte. Da sehen wir Luther, der nicht besonders innovativ war, aber dafür sehr effektiv und effizient die Zerstörung eines alten Systems betrieben hatte. Das war grandios, jedoch keine besonders genuine Gedankenleistung. Im Gegensatz zu seinen Vordenkern John Wyclif und Jan Hus hatte sich im Hintergrund der Handlungen Martin Luthers eine Medienrevolution vollzogen. Sie wird dafür verantwortlich gemacht, dass Luther Erfolg hatte, Wyclif im 14. Jahrhundert mit sehr ähnlich revolutionären Ideen gekuscht hatte und danach Hus im 15. Jahrhundert auf dem Konstanzer Scheiterhaufen landete und in den Flammen starb. Die neuen Medien haben Luther vor dem Ketzertod gerettet und gleichzeitig sehr erfolgreich die Welt verändert. Viele von Luthers Ansichten waren dabei alles andere als moralisch korrekt, aber auf seinen Antisemitismus soll hier gar nicht eingegangen werden. Es sind die Neuen Medien, die interessieren: Der Druck und die vielen neuen Druckprodukte machten ihn so erfolgreich, dass er nicht nur eine theologische Reform der alten starren Welt bewirkte und eine neue Konfession begründete, sondern in seiner Langzeitwirkung zu einem europäischen revolutionären Denken führte, das die alte Welt mit seiner  Feudalordnung zerstörte. 

Heute, im Zeitalter der neuen Neuen Medien der Digitalisierung, passiert ähnliches. Das alte System hat größte Probleme mit Einzelpersonen, die eine Informationsdiffusionweite haben, wie es sich die Parlamentarische Demokratie nur erträumen könnte. Das Problem, das die Digitalisierung mit sich bringt, nämlich dass jeder mit minimalster Ausrüstung zu einer enormen Reichweite gelangen kann, die bislang einem Medienimperium nur mit hohem finanziellen Einsatz möglich war, destabilisiert das etablierte System. „Emporkömmlinge“ werden sichtbar, die nicht den systemischen Weg der Legitimation mit ihrem Kooptations- und Ausbildungsprinzipien durchschritten haben. Sie sind Dilettanten! So könnte das System sie abtun und diskreditieren. Nur leider sind das Dilettanten, die sehr weitreichend sind. – Sie nutzen einfach nur die Medien, die jeder nutzen kann und könnte. Das Phänomen Rezo offenbart, was wir schon von Trump hätten lernen können: Meinungen, Emotionen vermittelt mit der richtigen Performanz lässt das politische System der feinen und althergebrachten Kooptation alt aussehen. Rezo und Luther brauchen keine Kooptation, um Stimmung zu machen. Aus ihrem Ausserhalb, ihrem Aussenseitertum bezüglich des Systems kann das strukturelle Versagen des Systems problemlos begründet werden. Es hat keine Antwort auf die Macht der Dilettanten – der Liebhaber. Es kann nicht mit seinem Leistungsprinzip, mit seiner Autoritätsgläubigkeit und starken Hierarchie auf mediale Quälgeister reagieren, die nicht durch Kooptation, sondern durch die Diffusionskraft neuer Medien groß geworden sind. Kooptation gibt Sicherheit, nur diejenigen, die auf Linie sind, kommen auch hoch. Philipp Amthor ist ein Klassiker des Kooptationsprinzips. Rezo gefährdet hingegen die Verlässlichkeit der politischen Gesellschaftsstruktur, weil er Macht hat, ohne legitimiert worden zu sein. Darauf gibt es bislang keine Antwort. Die Antwort liegt wohl in neuen Praktiken in einer neuen Form der Demokratie, einer neuen digitaldemokratischen Gesellschaft. Wir müssen lernen, dass ein Video das über 10 Millionen Klicks hat, auch nur ist, was Politiker und alle anderen Menschen vertreten;: Meinungen. Das Problem ist nicht die mangelnde Qualität der Meinungen, sondern die Quantität der Diffusionsmacht. Sie muss relativiert werden und sie wird sich nach Rezo relativieren. Wir sind auf dem Weg in eine parteilose Digitale Meinungswelt. Politik wird direkter werden müssen. Wie das einzelne Individuum von Luther einen direkten Zugang zu Gott bekommen hat, bekommen wir durch das Digitale den direkten Zugang zur Macht. Möglicherweise zeichnet sich das Ende der repräsentativen Demokratie ab. Die Parteien werde ersetzt durch Praktiken des Digitalen. Rezo ist der Vorgeschmack darauf und zeigt die Notwendigkeit auf diese Praktiken fair und zum Wohle aller zu entwickeln. Einem neuen Umgang mit den Klimawandel wird das nicht schaden, sondern vielleicht hilfreich sein. Wie wäre es mit einem digitalen Parlament? Eine Plattform auf der Rezo und Amthor batteln können? Wie wäre dies in einer parlamentarischen Form: 5 min. Redezeit und dann sagt der Filter: Schluss. Die Vielfalt des Diskurses könnte darin gut zum tragen kommen. Fragt sich nur, wie Entscheidungen generiert werden. Könnten Experten – nicht mehr die Politiker*innen alten Formats – den Diskurs moderieren? Könnte daraus eine neue Demokratie erwachsen – die digitaldemokratische?

Was kommt also nun? – Wer wird die Rolle der Jesuiten übernehmen? Wer wird die Gegenreformation gegen Rezo anführen? – Oder hat nun das Prinzip der Kooptation ihr rührendes Ende gefunden? Fragen, die noch viel spannender sind als die Europawahl, denn die gewohnte Ordnung wird das Digitale immer schneller auflösen. Unaufhaltsam webt die Digitalisierung.

Lesen Sie dazu auch: Schrift und Doxa in den Social Media. Annäherungen an ein Quellenkorpus, in: Mark Häberlein, Stefan Paulus, Gregor Weber (Hg.): Geschichte(n) des Wissens. Festschrift für Wolfgang E. J. Weber zum 65. Geburtstag, Augsburg 2015, S. 85-98.

Österreich kurz und bündig: Macht der Medien

Wie lässt sich denn nun das Scheitern der Kurz-FPÖ-Regierung lesen? Ein Rückblick bietet einen Schluss an: Wehe dem, der die Pressefreiheit mit Füßen tritt und die Medien zu einem Marketinginstrument eigener Politik umformen möchte. Beinahe hätten wir den Beginn des Monats vergessen: Da griffen Vertreter der FPÖ einen ORF-Moderator an und wollten ihn, weil er so unangenehm „kritisch“ sei, entfernen. Kanzler Kurz sprach kein Machtwort, sondern schwabulierte und stellte sich nicht hinter den ORF, die Pressefreiheit und somit hinter seine Verfassung. Das war am Anfang des Monats, da war Sebastian Kurz noch der Schweigekanzler, der alles hinnahm und seinen stummen Spott über alles auskübelte, was einer Republik heilig sein muss. Ein paar Tage später, Mitte des Wonnemonats Mai, lancierte die deutsche Presse die Absichten des FPÖ-Häuptlings, wie er mit der Kronen-Zeitung verfahren und auch wie er mit dem ORF umgehen wolle bei einem für ihn positiven Wahlergebnis. Eine seltsame Koinzidenz. Wie schwach muss eine politische Struktur sein, die solche Hiebe gegen die Pressefreiheit und die Verfassung austeilt, wie stark muss eine Bundes-Verfassung sein, dass eine Regierung an ihr zerbricht? – Ein Lüftchen Optimismus!

150 Jahre DAV – Glaziologische Forschung im 19. Jahrhundert

Das 19. Jahrhundert war geprägt von zwei großen Klimawenden, die an der Ausdehnung von Gletschern zu belegen sind. Die erste Klimawende geschah in der Folge des Tambora-Ereignisses 1815. Danach kam es auf der Nordhalbkugel zu einer extremen Kaltzeit, die in ihrer Intensität den Kaltzeiten um 1350 und 1600 glich. Gegen 1855 trat der nächste Wandel ein, der eine Erwärmung zur Folge hatte, diese Wärmephase dauert bis heute an und hat im Moment ihren ersten Höhepunkt erreicht. Die anthropogenen Effekte dieser Wärmephase sind im 19. Jahrhundert noch nicht zu verzeichnen. Sie wurden aber schon vermutet und als gut belegbare These 1896 von Svante Arrhenius formuliert. Die Vorarbeiten zu dieser These liegen aber weiter zurück im 19. Jahrhundert bereits Jean Baptiste Joseph Fourier 1827 sprach von der „l’industrie“ als Faktor der Erderwärmung.

Die Gletscher hatten an der Klimaforschung den entscheidenden Anteil. Ihr Anwachsen und Abschmelzen musste über kurz oder lang zu Thesen klimatischer Veränderung kommen. 

Die Beforschung dieser Klimaereignisse im 19. Jahrhundert lassen sich nicht verstehen, ohne den Vorlauf im 18. Jahrhundert zumindest ansatzweise zu kennen. Deswegen wird auch er im Seminar eine wichtige Rolle spielen. Aufgrund des Abschmelzens der Gletscher ab 1855 beschäftigten sich die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gegründeten Alpenvereine, Alpine Clubs mit dem Phänomen. Ihre Messungen, Aufzeichnungen spielen als Quellen eine wichtige Rolle in dem Seminar. Vor allem die Schriften des Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereins und der daraus erwachsenden Gletscherforschung.

In dem Katalog zu Jubiläumsausstellung des Deutschen Alpenvereins erschien ein kurzer Aufsatz von Stefan Lindl zur „Die Anfänge der glaziologischen Forschung im Alpenverein“ S. 74-79. dort wird die Forschung des Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereins historisch in die gesamteuropäische Glaziologie des 19. Jahrhunderts verortet und kontextualisiert.

Wissenschaft und Politik in Zeiten der Asymmetrie, 27.06.19

27. Juni 2019, 19.30 Uhr Ebenböckhaus, Ebenböckstraß 11, 81241 München

Eine Veranstaltung des Kulturforum München-West mit Raoul Koether und Stefan Lindl

In seiner Wissenschaftsreihe veranstaltet das Kulturforum München-West ein Gespräch zwischen dem Historiker Stefan Lindl und dem Politiker Raoul Koether. Priv. Doz. Dr. habil. Lindl vertritt die These: „Trump, Seehofer, Johnson agieren nationalstaatlich, exklusiv, insulär, protektionistisch, antiliberal, antiglobal, antitransnational, antiinternational, diskriminierend, unchristlich. Sie verkörpern die Gegenentwürfe der Werte, die sich seit Ende der 1980er Jahre entwickelten und über die 1990er Jahre in einigen Bereichen der Gesellschaften etablierten. Jedoch sind alle drei wertvoll. Wir werden lernen müssen ihnen zu danken.“ Auf diese Herausforderung wird Koether, Ingenieur und Unternehmensberater für Krisenprojektmanagement mit mehr als 20 Jahren Erfahrung auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene, antworten. Sie sind herzlich eingeladen zuzuhören, sich zu amüsieren und mitzureden.

Mehr dazu: Zeit derAsymmetrie

Die authentische Stadt – Memmingens Bahnhofsquartier

Stadtentwicklung und der Umgang mit dem Historischen 

Reflexionen über den Vortrag im Historischen Verein Memmingen zum Memminger Bahnhofsquartier am 1. März 2018.

Priv. Doz. Dr. phil. habil. Stefan Lindl, Universität Augsburg

1. Urbanes Kapital: Authentizität

Das Kapital einer Stadt bildet sich aus den charakteristischen Elementen seinen materiellen sowie ideellen Bestandteile. Im konkreten Memminger Fall wäre das die Reichstädtische Architektur als Beispiel für materielle Bestandteile und die Zwölf Memminger Artikel als Beispiele für die ideellen. Es bedarf darüber aber einer Reflexion und Wertzuschreibung, damit sich das Kapital ausbilden kann. Unkenntnis über den Wert des historisch Gewachsenen, ist die größte Gefahr für die authentische Stadt. Denn nichts ist aus sich heraus wertvoll. Es bedarf immer eines soziale-konstruierten Bewusstseins dafür, eine sprachlich-analytische Formation von den historisch-gewachsenen Bestandteilen. Der Historische Verein Memmingens übernimmt beispielsweise einen Teil dieser sozial-konstruierenden Funktion. Das bedeutet, die materiellen und ideellen Bestandteile einer urbanen Gegenwart werden genutzt, um reflexiv und gesellschaftlich authentische Städte zu konstruieren und zu konstituieren. Sie sind der historische Bestand, der stetig durch neue urbane Produktion von Kulturgütern wächst. Die Produktion von Kulturgütern allein genügt also nicht für die Konstitution der authentischen einzigartigen Stadt. Formen der Bewusstwerdung sind entscheidend. Wenn sie fehlen, ist die Entwicklung der authentischen Stadt in Gefahr. Architektonische Mutlosigkeit zukünftiges historisches Kulturgut aufgrund der historischen Tradition zu entwickeln, gefährdet ebenso die authentische Stadt, wie die unwissende ignorierende Vernichtung von gewachsenen historischen Strukturen. Die authentische Stadt liegt in der Verantwortung der gegenwärtigen Politik für die zukünftigen nachfolgenden Generationen. Historischer Bestand ist eine unwiederbringliche Ressource, mit der es zu Haushalten gilt. Es bedarf einer Ökonomie des Historischen für jede einzelne Stadt zu entwickeln, die in Nachhaltigkeitskonzepte eingebettet werden sollten. Umwelt ohne Stadt ist ebenso nicht zu denken wie Stadt ohne Umwelt. Das Historische ist ebenso wie alle nicht regenerativen Ressourcen knappes Gut. Das Kapital der authentischen Stadt ruht mitunter auf dieser Ökonomie des Historischen, die einem Bodenschatz gleicht. Jede Verschwendung dieser kulturellen „Bodenschätze“ ist unmoralisch. Jede Nutzung dieser Ressourcen muss unter verschiedenen Gesichtspunkten erörtert werden. Fahrlässiges profitorientiertes Handeln greift in die Zukunft ein, genauso wie das gute Handeln. 

Es ließe sich auch sagen, die Geschichte einer Stadt formiert ihre Authentizität, die an keinem anderen Ort in keiner anderen Stadt dieser Welt wiederholt werden kann. Alles, was als historisch wertvoll in einer bestimmten Gegenwart erachtet wird und somit als charakteristisch für eine Stadt gilt, wird als das Authentische einer Stadt bezeichnet. Die Eigenschaft der Echtheit, der Authentizität einer Stadt, wird ihr zugeschrieben, verliehen durch historischen Wert der einzelnen Bestandteile, die materieller oder ideeller Natur sind. Niemals gibt es eine authentische Stadt aus sich heraus, es bedarf immer der Reflexion „Was ist einzigartig, was ist authentisch-originär-original an der Stadt?“, um Authentizität über die Wertschätzung bestimmter Bestandteile zu generieren und zu konstituieren. Die Echtheit – die Authentizität – einer Stadt hält die Vergangenheit bereit, aber es bedarf einer wertschätzenden Gegenwart, die diese kulturellen Produkte der Vergangenheit würdigt und schützt. Erst dann entsteht die authentische Stadt. Es muss bereits gemacht worden sein, wenn Wert entstehen soll. Alles Wertlose, das nicht als wertvoll erachtet und erkannt wird, droht verloren zu gehen und steht ab ihrem Verlust keiner weiteren Gegenwart zur Verfügung. 

Die Stadt muss auf ihr Kapital achten, das nur bestehen bleibt, wenn diejenigen kulturellen Bestandteile, aus denen sie ihr Kapital schöpft, nicht verloren gehen.

2. Ökonomie des Authentischen 

Neben der Ökonomie des Historischen gibt es eine Ökonomie des Authentischen, die über die Vergangenheit in die Zukunft ausgreift. Leben in der authentischen Stadt bedeutet keineswegs ein Leben in der Vergangenheit. Vielmehr wird unter der authentischen Stadt die Geschichtlichkeit der Stadt mitgedacht. Geschichtlichkeit bedeutet Wandel von der Vergangenheit in die Zukunft, nachhaltig gedachte Geschichtlichkeit denkt den Wandel in der Verantwortung für zukünftige Generationen. Selbstverständlich spielen wirtschaftliche Belange eine Rolle. Investoren orientieren sich an dem Profit. Ästhetik und Authentizität denken sie oft nicht, wie dies auch in dem Siegerentwurf des Memminger Bahnhofsquartiers sichtbar wird. Pragmatische, beinahe schon extrem unambitionierte erscheinende Architektur, die sich an bereits längst genehmigte Nachbarbebauung orientiert, wurde hier von der Jury gewählt und prämiert, weil sie den historischen Kontext berücksichtige. Dies sei dahingestellt und einer müsste einer näheren Prüfung unterzogen werden. Baukörper aus der Nachbarschaft wurden kopiert, um die belanglose Architektur durch die städtische Jury und an der Denkmalschutzbehörde ohne große Störungen vorbei zu lotsen. Das mag ökonomisch gedacht sein, pragmatisch ist es jedenfalls. Der Entwurf stört nicht, da die brutalistische Umgebungsbebauung wesentlich härter in die Wahrnehmung der Betrachtenden eingreift, als die nun genehmigte Planung. Ein scheinbarer Gewinn in einem bereits vielfach problematischen Bahnhofsviertel, das eigentlich zuerst eine Neustrukturierung benötigte, bevor das sogenannte Bahnhofsquartier entwickelt wird. Die Situation der Bahnhofsstraße, die Verkehrslast, das Bahnhofsgebäude selbst sind Störfaktoren, die langfristig in eine nachhaltige Bahnhofsviertelsanierung und Entwicklung gründlich hinterfragt werden müssten. Hier wurde schon in früheren Jahrzehnten nicht nachhaltig agiert. Weder wurde die Ressource des Historischen berücksichtigt noch auf authentisch-zukünftige architektonische Lösungen Wert gelegt. Es mangelte an Qualität und Planungsweitsicht. Leichtfertig wurde die authentische Stadt Memmingen auf‘s Spiel gesetzt. Das geht nun weiter mit dem Entwurf des Bahnhofsquartiers. Dass sich nun politischer Widerstand im größeren Stil formierte, ist aus der Sicht einer nachhaltigen, historisch-argumentierenden Stadtentwicklung mehr als zu wünschen, eine mögliche Revision der Entscheidungen ebenso. 

Eine authentische Stadt kann nur auf zweifache Weise gehalten werden: 

  1. Schutz des Historischen 
  2. Planung von hochwertiger Architektur, die den Schutz des Historischen berücksichtigt. 

Nur so wird sich dauerhaft das Kapital der Stadt halten, befördern und weiterentwickeln. 

Städte, die bereit sind, das Historische mit dem Kontemporären miteinander zu verbinden, wie Hamburg mit der Elbphilharmonie oder Bregenz mit seinem vorarlberg museum, schaffen durch das Spiel mit der Vergangenheit und der zeitgenössischen Moderne unverwechselbare Wahrzeichen – ganz bewusst durch den Bruch und der meist gelungenen Kombination und Hybridisierung von alt und neu. 

Glücklich, wer Historisches besitzt. Glücklich, wer Historisches retten konnte über die Zerstörungen der Bomben und die noch schlimmere Destruktionssucht der Wirtschaftswunderjahre des 20. Jahrhunderts. Ebenso glücklich kann sich eine Stadt schätzen, die den Mut aufbringt das Historische mit dem Gegenwärtigen zu verbinden, mit der Absicht hochqualitätsvoll neue Werte zu schaffen, die über den kurzfristisgen ökonomischen Nutzen weit hinausgehen. 

3. Wie ist die authentische Stadt möglich? Welche Authentizitäten gibt es, um kontemporäres Bauen nichtzu verhindern? 

Es gibt zwei Sichtweisen, wie das Original von Menschen gedacht wird. Die eine ist eine naturalistischeSichtweise, die andere eine konstruktivistische. Die naturalistische Sichtweise geht davon aus, dass ein originales Objekt von sich aus ein Original ist, also ein authentisches Objekt ist. Ihm wurde von Walter Benjamin eine Aura attestiert, die das Original von sich aus habe und die das Original erhaben und unantastbar mache. Die Zerstörung der Buddha Statuen von Bamiyan durch die Taliban im März 2001 sprechen jedoch eine andere Sprache. Offenbar sind Originale aus welchen Gründen auch immer, nicht von sich aus etwas Besonderes. Die Originale sind antastbar, weil sie aus einer bestimmten theologischen Perspektive unwürdig sind und ihre Zerstörung und keineswegs deren Schutz Pflicht ist. 

Nicht nur deswegen wird heute die konstruktivistische Perspektive favorisiert: Nichts ist von sich aus ein Original, nichts ist von sich aus authentisch. Das Originale und das Authentische müssen durch Sprechakte erzeugt werden. Erst der Satz: „Dies ist der Thron Karls des Großen“ macht einen Haufen nutzloser und absolut sinnloser Steine zu dem Thron des Großen Karl. 

Es gibt zumindest drei Zuschreibungen, mit denen Objekte in Sprechakten zu Originalen werden. Es sind Eigengesetzlichkeiten – Autonomien: 

  1. Materielle Autonomie
  2. Kontextuelle Autonomie
  3. Geschichtliche Autonomie

Eine oder mehrere Autonomien müssen einem Objekt zugesprochen werden können, um es ein Original nennen zu dürfen. 

Materielle Autonomie stellt die historische, als ursprünglich gedachte Materie in den Mittelpunkt der Originalitätskonstitution. Nur die historische Materie mit ihrer Autonomie von Produktionsverhältnissen und Erosionszuständen kann die Originalität garantieren. Plutarchs Gedankenspiel des „Schiffs von Theseus“ birgt diese Art der Autonomie in sich. 

„Das Schiff, auf dem Theseus mit den Jünglingen losgesegelt und auch sicher zurückgekehrt ist, eine Galeere mit 30 Rudern, wurde von den Athenern bis zur Zeit des Demetrios Phaleros aufbewahrt. Von Zeit zu Zeit entfernten sie daraus alte Planken und ersetzten sie durch neue intakte. Das Schiff wurde daher für die Philosophen zu einer ständigen Veranschaulichung zur Streitfrage der Weiterentwicklung; denn die einen behaupteten, das Boot sei nach wie vor dasselbe geblieben, die anderen hingegen, es sei nicht mehr dasselbe.“

Die Struktur und die Proportionalität bleiben sicherlich erhalten, aber eben nicht die ursprüngliche Materie. Wird als Hauptkriterium für Authentizität und Originalität Materie gesetzt und definiert, so ist Theseus’ Schiff nicht mehr das originale, authentische Schiff des Theseus. Materialität ist folglich mitunter ein Kriterium für Authentizität und Originalität von Objekten, aber nicht allein ausschlaggebend. 

Auch die kontextuelle Autonomie kann als Definition von Authentizität originaler Objekte herangezogen werden. Darunter fällt die Ästhetik des Objekts, seine Funktionalität, seine dispositive Eigenschaft sozialer Praktiken und seiner Produktionsverhältnisse. Alles, was Kunsthistoriker*innen obliegt, um Gegenstände kultureller Produktion einzuordnen und zu datieren, fällt unter diese kontextuelle Autonomie. 

Die dritte Art der Autonomie, die Objekten zugeschrieben werden kann, um aus Ihnen Originale qua Sprechakt zu konstituieren, ist die geschichtliche Autonomie. Sie erfasst das in-der-Zeit-sein eines Objekts, metonymisch ließe sich sagen, dessen Biographie. Sie kann einem Objekt nicht genommen werden, selbst wenn sie im Dunklen liegt, muss etwas gewesen sein. Aber alle Geschichtlichkeit eines Objekts beruht auf das ihm zugeschriebene Wissen. Es ist eine rein diskursive Größe, die das Objekt nicht von sich aus erzählt. 

Originalität und mit ihr Authentizität benötigen den Diskurs, um überhaupt existieren zu können. – So die konstruktivistische Sichtweise, deren Argumentationsweise durchaus schlüssig ist.

Werden diese drei Autonomien auf die kontemporäre Architektur angewendet, so kann Architektur, die sich materiell, kontextuell in soziale Praktiken einbindet und Geschichtlichkeit durch ihr in-der-Zeit-sein ausbildet als Original bezeichnet werden. 

Ebenso verhält es sich bei Hybridbauwerken wie der Elbphilharmonie oder dem vorarlberg museum. Beide nutzen historische Baukörper, um darauf kontemporäre Architektur zu errichten, um daraus Unerwartetes zu schaffen. 

Materielle, kontextuelle und geschichtliche Autonomie garantieren in diesen Beispielen Originalität. Rekonstruktionen hingegen haben nichts davon: Keine materielle, keine kontextuelle, keine geschichtliche Autonomie.

Trotzdem werden Rekonstruktionen verwirklicht, obgleich sie keine Originalität und originale Authentizität besitzen, also verfügen sie auch nicht über historischen Wert. Und doch werden sie errichtet. Es liegt auf der Hand, dass Rekonstruktionen für Menschen einen historischen Wert darstellen, der neben der Originalität besteht. Es ist deswegen sinnvoll, von verschiedenen Authentizitäten und Authentisierungskonzepten auszugehen. Bei Rekonstruktionen läuft die historische Wertschöpfung über die Ästhetik. Bei Bauwerken wie im Klassizismus, Historismus oder in der Postmoderne werden oft Strukturen, Proportionen, Materie verwendet, um historischen Wert zu erzeugen. Es sind Bauprinzipien und Bauideen, mit denen die Architekturen authentisiert werden. Und noch eine weitere historische Wertschöpfung gibt es die performatorische, das Aufführen von Wissen, das Erzählen das durch Zeichen ausgelöst wird. 

Daraus lassen sich vier Kategorien der Authentizitäten kulturellen Erbes ableiten. 

Entscheidend für Evidenz und Validität dieses Kategoriensystem ist der Zusammenhang von historischem Wert und historischer Authentizität. Rekonstruktionen haben offenbar einen historischen Wert. Dieser historische Wert entsteht aber nur durch eine Authentisierung, die über verschiedenste Medien läuft. Sie bestehen aus Materie, Ideen, Ästhetik und Zeichen / Narrationen. Über diese Medien wird Objekten historischer Wert zugeschrieben. Dieser Zuschreibungsvorgang wird Authentisierung genannt. Dadurch entstehen vier Authentisierungskonzepte: das autonomistische, das idealistische, das ästhetische, das performatorische. Authentisierungen ermöglichen historische Wertschöpfungen. 

Eine Stadt historisch wertvoll zu machen, bedeutet, ihre materiellen und ideellen Sehenswürdigkeiten zu authentisieren. Dadurch entsteht historischer Wert und mit ihm die besondere Atmosphäre, die sich diskursiv in einer gesellschaftlichen Konstitution formiert. Die historische Atmosphäre einer Stadt beruht mitunter auf ihrer Authentisierung, aber natürlich auch auf der reinen Wahrnehmung einer Devianz, die sich zwischen der gewohnten kontemporären Architektur und der historischen auftut. Auch diese Abweichung der Ästhetiken befördert Atmosphäre. 

4. Historisch-argumentierende Stadtplanung 

Was bleibt einer Stadt wie Memmingen, die einen bedeutenden historischen Bestand sein Eigenen nennen darf, wenn Quartiere die kriegsbedingte Zerstörungen aufweisen unter den Gesichtspunkten der Ökonomie in einen profitorientiert gestaltet werden sollen? Das Memminger Bahnhofsquartier bietet Einblicke in eine erstaunliche Stadtplanungsattitüde. 

Der Bestand: 

Verkehrsführung

Die Bahnhofsstraße ist eine Hauptverkehrsstraße in Nord-Süd-Richtung entlang der ehemaligen reichstädtischen Stadtmauer, die den Bahnhof von der Altstadt Memmingens scheidet. Auf der Ostseite der Bahnhofsstraße liegt die städtische Mewo-Kunsthalle. Deren Architektur stammt aus dem 19. Jahrhundert. Das Bauwerk hatte die Bomben des Luftkriegs überstanden, das südlich gelegene Bahnhofsgebäude hingegen nicht. Die Städtische Kunsthalle mit ihrem qualitativ hochwertigen überregional beachteten Kulturprogramm wäre es durchaus wert, an die Altstadt angebunden zu werden. Doch da ist das Problem der Bahnhofstrasse, deren Verkehrslast Lebens- und Kulturqualität verstörend zerstört. Für eine erfolgreiche Entwicklung eines Bahnhofsquartiers müsste der Verkehr umgeleitet werden – unterirdisch wohl. Eine andere Möglichkeit gibt es in Memmingen nicht. Die Stadt ist von Autobahnen eingekesselt. Für ein lebenswertes qualitatives urbanes Konzept das den Bahnhof in die Altstadt integriert, müsste zuerst diese Verkehrsführung gelöst werden. Die Verwirklichung scheint jedoch in der Ferne zu liegen. Eine qualitativ wertvolle Verbindung zwischen der Kunsthalle und der Altstadt wird bis auf weiteres unmöglich sein. 

Angrenzender Baubestand: 

Die Bahnhofsstraße wird von einem Bauwerk des architektonischen Brutalismus dominiert. Dieses bestimmende Bauwerk liegt auf dem Eckgrundstück von Maximilianstraße und Bahnhofstraße. Mit diesem Bauwerk wurde bereits massiv in den historischen Bestand der Reichstadt eingegriffen. Die mittelalterliche und frühneuzeitliche Parzellierung wurde zugunsten des Großen Baukörpers aufgebhoben, die Geschoßhöhe sprengt alles Gewordene und die luftige Pavillionbebauung des 19. Jahrhunderts wurde durch undurchlässige Massivität ersetzt. Historischer Wert wurde von minderqualitativer kontemporärer Architektur vernichtet. Das neu entstehende Bahnhofsquartier zwischen Maximilianstraße und Kalchstraße muss mit einer brachialen Ästhetik konkurrieren und sie bestenfalls auflösen. 

Diese beiden Bestandsprobleme gehören in die nachhaltige Planung des Memminger Bahnhofsquartiers. Daneben ist über das Bahnhofsgebäude nachzudenken. Wahrscheinlich löst dieses ästhetische Problem die Zeit selbst. 

In diesen problematischen Vorbestand müsste eine nachhaltige Langzeitplanung die Rahmenbedingungen für die Neubebauung des Bahnhofsquartiers formulieren. Ohne diese weitsichtigere Planung scheint das Bahnhofsquartier kaum nachhaltig planbar zu sein. 

Notre-Dame: Verlust des 19. Jahrhunderts

Der Brand im Dachstuhl von Notre-Dame von Paris zerstörte ein Meisterwerk des 19. Jahrhunderts. Eugène Viollet-le-Duc war in der Mitte des 19. Jahrhunderts für die Form und Gestaltung der Kathedrale verantwortlich. Den markanten Dachreiter über der Vierung entlehnte der französische Architekt mehreren Vorbildern: dem im 18. Jahrhundert verstürzten Vierungsturm der Kathedrale Notre-Dame, dem der Kathedrale von Orléans, den er eingängig studiert hatte. Die Westtürme von Notre Dame hätte er gerne nach dem Kölner Vorbild ergänzt. In Viollet-le-Ducs Denken waren sie nicht „fertig gestellt“, doch sie wurden mitunter aus finanziellen Gründen nicht gebaut. Aber der Vierungsturm wurde von ihm gestaltet und verwirklicht, der ein Fraß der Flammen wurde.

Viollet-le-Duc hat das architektonische Bild des Mittelalters mit Notre-Dame maßgeblich geprägt. Ähnlich wie der Kölner Dombauverein mit ihrem Bauvorhaben. Die markante Außenerscheinung Notre-Dames war sein Werk, das heute zu einem Teil vernichtet wurde. Es ist zu hoffen, dass die Gewölbe halten und durch das Löschwasser nicht zu sehr angegriffen werden.

Mit dem Brand wird eine Diskussion zur Rekonstruktion entstehen: Welche Notre Dame wollen wir? Die vor Viollet-le-Duc oder nach ihm? So umstritten, wie er in Frankreich ist, wird diese Diskussion sicherlich einen vielfältigen Diskurs über das Echte Notre Dame abgeben.