St. Mang: Authentizität des Thaumaturgen

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Aktuell vorbereitet wird der Beitrag:

 Authentizität des Thaumaturgen

Authentisierungskonzepte im Bild- und Architekturprogramm Johann Jakob Herkomers in St. Mang

Der Beitrag erscheint im Kunstverlag Josef Fink (Lindenberg im Allgäu) anlässlich der Herkomer-Tagung im Oktober 2017. In dem Aufsatz wird untersucht, mit welchen Authentisierungskonzepten im Bild- und Architekturprogramm Johann Jakob Herkomers den Reliquien des Heiligen Magnus um 1700 historischer Wert zugeschrieben wurde. Auch wird betrachtet, welche Bereiche ausgespart werden, die gewöhnlich zu einem zentralen Verehrungsort gehören.

Aus der Analyse vor allem des Bildprogramms ergibt sich ein unerwarteter Einblick in das Verhältnis von Materie und Zeichen. Sie mussten offenbar in Bezug gesetzt werden können. Eine Notwendigkeit des Überprüfbaren, also der materiellen Überprüfbarkeit, eine Art Empirie des Göttlichen musste gewährleistet sein, um historischen Wert und Authentizität den Reliquien zuzusprechen. Nicht nur die Authentizität-Konstitution von Reliquien, sondern auch die Konstitution von Wahrheit und Autorität des Heiligen gehen damit einher.

Natur: verehrte Optimissima

Verehrte Optimissima…

Ein Essay über den Drang der Natur zum Leben

Dieser Essay erschien im Katalog von Gabriele Lockstädt „Reflecting Nature“, S. 45f. Ihre Lechbilder, die sie in vielen Spaziergängen in der Auseinandersetzung mit dem Lech südlich von Landsberg am Lech produziert hatte. Selbstverständlich weiß ich, dass dieser Essay angreifbar ist auf einer Ebene, die ich hier mitunter betrachte, auf der Eben des Lechs und der Vernichtung seiner Biodiversität aufgrund der Vernichtung seiner Biotopdiversität durch den Wunsch nach Energiegewinnung und Landgewinn. Mir geht es aber um eine andere Ebene, die ich lediglich mit dem Lech erläutere. Für mich stand ein Reflex auf anthropogene Einflüsse im Vordergrund. In einer Zeit nach dem Anthropos wird eines nicht zerstört sein: der Drang nach Leben. 

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Verehrte Optimissima …

von

Stefan Lindl

 

 

Natur ist Optimissima. Wo kein Weg scheint, wird sie immer einen finden.

Ein Fluss bedeutet langes Leben. Ein See hingegen schwindet und siecht schnell dahin. Auch wenn wir diese Asymmetrie der zwei Leben von Fluss und See als Menschen nicht mitbekommen, am Maßstab des Erdzeitalters gemessen sind Flüsse die Schildkröten unter den Wasseransammlungen und die Seen eher die Kaulquappen. Dass die Seen äußerst schnell vergehen, liegt nicht zuletzt an den lebensfrohen sprudelnden Flüssen. Was ist überhaupt ein Fluss? – Eine Ansammlung von Wassertropfen, die von der Gravitationskraft und den verschiedenen Uferbedingungen ständig „im Fluss gehalten werden“ im Gegensatz zu den Wassertropfen im See, deren Tropfenverbände stabiler sind. Wenn sich ein Fluss wild durch und aus dem Gebirge stürzt, besteht er aber nicht allein aus einer quirlenden Menge Wassertropfen. Sie sind nur das hinreißende Transportmittel für das, was einen Fluss weiterhin ausmacht: Brocken, Steine, Steinchen, Sande, Sedimente, Tiere, Pflanzen, Samen. Ein Gebirgsfluss mahlt, spaltet und schleift scharfkantige Steine, die als Erosionsmaterial aus dem Gebirge vom Wasser mitgenommen werden. Mit dem Wasser gehen sie auf Reise. Ein Fluss schwemmt, schleppt, rollt, schiebt Gebirgsbrösel, um sich jung zu halten. Mit den Steinen verjüngt er immer wieder auf’s Neue sein Flussbett. Gäbe es nicht genug Steine im Fluss, es entstünde ein Canyon. Mit Steinen füllt er die Vertiefungen wieder auf, die er selbst seinem Flussbett zufügt. So einfach ist das Prinzip eines wilden Flusses und das Prinzip seines langen Lebens. Ein Fluss verbreitet Pflanzen- und Tierarten entlang seines Laufs und irgendwann ergießt er sich in einen See. Langsam füllt sich der See mit der Schlepplast des Flusses. Er selbst putzt und bereitet weiter sein Bett und hält sich jugendlich. Es dauert, bis der See verlandet ist. Kein Mensch wird diesen kaum spürbaren Vorgang überblicken können. Für Menschen sind beide, Fluss und See, Naturwesen, die nicht dem Altern unterliegen, zu wenig Wandel, zu unmerklich sichtbar verändernde Unterschiede, deswegen bleibt für sie der Fluss der Fluss, der See der See. Doch irgendwann, wenn der See gefüllt ist, währt der Fluss und der See verwandelt sich in sumpfiges Land.

So verliefe das Schicksal der Flüsse und der Seen auf lange Dauer, wenn nicht Ereignisse einträten, die alles veränderten: Ein Bergsturz im Gebirge, der den Fluss umleitet und den See austrocknet. Ein Klimawandel, der den Fluss zu Gletschereis erstarren oder die Hitze einer Wärmeperiode ihn versiegen lässt. Oder ganz banal: Der Mensch, der den Fluss, nur weil es ihm so sehr gefällt, nach seinen Regeln und nach seinem Willen bedingt, um ihn auszubeuten.

Der Lech

Lange Zeit war der Lech ein kräftiger wilder gebirgsbürtiger Fluss. Der Augsburger Augustusbrunnen zeigt ihn als bärtigen wilden nackten sehnigen Mann, ein Herrscher mit einem bekrönenden Kranz geflochten aus Tannenzweigen und -zapfen, dessen linker Arm sich auf sein Herrschaftszeichen, ein Ruder, stützt. Er scheint der wilde Augustus zu sein, der natürliche Herrscher über Land und Stadt. Der Kranz des Wilden wiederholt sich auf Augustus’ Kopf im Lorbeer, das Ruder im Schwert. Augustus steht beherrschend über dem wilden Lech. Doch nur auf dem Brunnen steht er über ihm, denn der Lech überdauerte auch den großen Augustus zumindest bis ins 20. Jahrhundert. Dann kam keine Eiszeit, kein Bergsturz, keine Trockenperiode. Es kam der Mensch und dressierte den wilden Gebirgler. Hinter Füssen bezwingt seit Beginn der 1950er Jahren ein Kraftwerk den wilden Lech und hindert ihn am ungestümen fließen. Kurz dahinter wird dem Lech gestattet, seine Wasser im Forggensee zu verteilen. Sein Reisegepäck, die Steine aus dem Gebirge, die er über Jahrhunderte Richtung Donau gerollt, gerissen und geschoben hatte, musste der Wilde in Tirol abgeben. Nicht in einem Schließfach oder in der Gepäckaufbewahrung, sondern in einem banalen Kies- und Quetschwerk. Nach Bayern darf er nichts mitnehmen. Zu gefährdet sind die wertvollen Turbinen der Laufwasserkraftwerke und ebenso wertvoll sind die Wasserspeicher, die künstlichen Seen, die sich nicht mit Kies aus den Bergen füllen sollten, sondern nur mit Wasser, dem Energieträger des Lands am Lech. Auf das Kraftwerk Horn folgt der Forggensee und das Kraftwerk bei Roßhaupten, dort wo ehemals der Heilige Mang mit seinem Stab einen Drachen besiegt haben soll, ist kein Fluss mehr, sondern ein idyllischer See, zumindest im Sommer. Auf den Forggensee folgt der Premer Lechsee, dann die Staustufe Lechbruck, darauf der Urspring Lechsee. So reiht sich See an See an See an See, schön gestaut, schön gebaut. Es sind jugendliche Seen die ein Wasser aus dem Gebirge speist. Vorbei ist die Zeit, als der Lech herrschte und aus dem Land, das er durchfloss, machte, was er wollte mit dem Material, das seine Hochwasser gerade mit sich führten. Der Lech war ein breites Kiesfeld gewesen, das sich manchmal zu Schluchten verjüngte oder sich manchmal schon im Mittelalter domestizieren lassen musste wie in Landsberg durch das Karolinenwehr. Aber sonst war er breit und weit eine Schotterwüstung, die allein seinem wilden Gestaltungsdrang unterlag. Einmal lief er hier, ein andermal riss er sich sein Hauptbett dort, lagerte ab, nahm mit, reicherte an. Aber nun, seit der Lech eine Seenkette geworden war, führt er kein Gepäck mehr mit sich. Während er sich zuvor noch selbst sein Bett immer wieder auffüllte, kann er an den wenigen freien Stellen, an denen er ein eingezwängter Fluss ist, sein Bett nicht mehr regenerieren. Er gräbt sich tiefer und tiefer. Der Fluss stirbt und ist vielleicht bereits gestorben – nicht seine Lech-Stauseen, sie leben als künstliche gebaute Welten.

Der Mensch hat diesen neuen Lech gestaltet. Die Regel vom Fluss mit dem langen Leben gilt nicht mehr für ihn. Die Seen sind nun Pflicht. Der Fluss ist Vergangenheit mit ihm eine ganze Reihe von Tieren, die sich spezialisiert hatten auf die Zonen seiner Wildnis, des Wandels der Flussläufe, der Verlagerungszonen, auf die Auenwälder und die von den Hochwassern zurückgelassenen Tümpeln, die immer wieder vom Wasser rasierten und abgeschwemmten Heiden. All das gibt es nicht mehr, weil der wilden Lech ein Hamster der Zivilisation geworden ist und für sie an ihren Rädern dreht. Der Strom stillt nun den Durst nach Elektrizität. Die Vielfalt der ehemals verbreiteten Arten vermindert sich, verschwindet, ist Vergangenheit. Ein Verlust, von Menschen bedingt. Aber Verlust stimmt nur traurig, wer Verlust und Wert des Verlorenen kennt. Der Natur ist der Verlust völlig gleichgültig, sie kennt ihre Werte nicht; Werte sind Menschwerk. Sie richtet sich immer neu ein, gibt Raum für immer neues Leben. Keinen Unterschied machen da die von Menschen gebauten Umwelten. Arten verschwinden in ihr, die besonders waren. Gleichzeitig bevölkert sie die neuen räumlichen Bedingungen mit Pflanzen und Tieren. So sind die größten Populationen von Schlingnattern nicht in der Abgeschiedenheit fern der Wander- und Radwege zu finden, sondern auf den betonierten Querverbauungen der Solstufen des Lechs, die in den letzten Flussstrecken des Lechs liegen, um ihm die Kraft zu nehmen. Sie sind die Symbole der Naturfeindlichkeit, des hemmungslosen Nutznießens der Natur durch den Menschen. Aber die Schlingnattern sehen das anders. Auf den Betonplatten und -mauern fühlen sich die hoch geschützten Nattern wohler als in den kaum frequentierten „Natur“ zwanzig Meter von dem Betonguss entfernt. Wer würde denken, dass eine Betonwüstung, das ästhetisch offensichtliche Gegenteil von Natur, ein wertvolles Habitat ist? Die Natur ist eigenwillig, sie macht, was sie will und über die Bauwerke der Menschen ist sie auch erhaben, sie bevölkert munter ohne sich zu bekümmern. Aus allen Menschenwerken holt sie das Beste für sich heraus. Sie ist stärker als das, was sie zurückdrängen soll. Sie vereinnahmt. Sie beklagt Verluste nicht, sondern macht immer das Machbare.

Aus diesem Blickwinkel ist die Natur der pure Optimismus. Sie macht gangbar. Gleichgültig in welcher Umgebung, sie macht möglich, was auch immer möglich sein mag. Immer wieder gebiert sie neues Leben, andere Arten, ohne Rücksicht, ob in der „unberührten“ Natur oder in der von Menschen geschaffenen Kultur. Sie macht, was geht.

Es ist dieser Optimismus der Natur, die Gewissheit, dass die Naturprinzipien überall und immer walten, die uns ein Spaziergang in der Natur als Gefühl meist unbewusst vermittelt. Sie schert sich nicht darum, was verloren gegangen ist oder geht, sie macht aus allen Umständen lediglich das Beste. Nichts scheint so kraftvoll zu sein, wie dieser Drang zum Leben. Das machte die Natur auch mit dem Lech. Seine ursprüngliche Wildheit war verloren, als der Mensch in großem Stil seine Kraft nutzte. Der Fluss wurde zum See. Diese Katastrophe für die Artenvielfalt, wandelte die Natur um, mit ihrer Notwendigkeit Leben zu generieren. So kritisch die Eingriffe am Lech gesehen werden können, so erhaben ist dort wahrzunehmen, das alles gebändigt werden kann, aber nicht das Leben. Das geht weiter und immer weiter und immer weiter. Kraftvollerer Optimismus lässt sich nirgendwo schöpfen als im Kontakt mit den Prozessen der Natur. – Verehrte Optimissima …

 

Allianz im Treibhaus: Ende des C02-Investments?

 

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Eine bemerkenswerte Pressemitteilung veröffentlichte die Allianz Gruppe am 04. Mai 2018. Sie trete der Science Based Target Initiative bei. Dies habe zur Folge, dass die Allianz nun auf weitere Einzelversicherungen mit Kohlekraftwerken oder Kohleminen im Bau oder im Bestand mit sofortiger Wirkung verzichte. Diese Meldung scheint auf den ersten Blick eine lang ersehnte zu sein. Ein großes Fragezeichen bleibt jedoch. So wird Verzicht geübt, aber nur im vom Unternehmen gesetzten Normalfall, nicht im wahrscheinlich überwiegend zutreffenden Regelfall:

„In der Schaden- und Unfallversicherung verzichtet die Allianz mit sofortiger Wirkung auf die Einzelversicherung von Kohlekraftwerken und -minen im Bau oder Bestand.“

Die auffällige Relativierung erfolgt im darauf folgenden Satz:

„Unternehmen, die Strom aus mehreren Quellen erzeugen, wie Kohle, andere fossile Brennstoffe oder erneuerbare Energien, werden zunächst weiter versichert und individuell auf Basis definierter Nachhaltigkeits-Kriterien (ESG) geprüft.“

Was das nun de facto bedeuten soll, bleibt in der Pressemitteilung unklar, denn welche großen Energieanbieter erzeugen Strom nicht aus mehreren Quellen? Gerade auch die Formulierung „andere fossile Brennstoffe“ dürfte aufhorchen lassen. Sind sie nicht für die C02-Emission mitverantwortlich? Es sicherlich sinnvoll langfristig auf Kohle zu verzichten. Ein wichtiger Schritt. Der Diskurs wird angereichert, die Ausrichtung und die Signalwirkung sind sicherlich positiv im Jahre 3 nach dem Pariser Klimaabkommen.

Zu hoffen bleibt, dass sich die Haltung gegenüber der Kohle auch auf die anderen fossilen Energieträger ausweitet. Das Problem ist jedoch das Jahr 2040. Berücksichtigt man das Standardszenario von The Limits to Growth wird das Jahr 2040 viel zu spät sein, um positive Auswirkungen auf den Klimawandel zu generieren. Das alles hätte von dieser Argumentationsbasis aus gesehen, wesentlich früher passieren müssen. Doch dagegen stand in der Bundesrepublik nicht nur die SPD, die Sorge trug, ihre Wähler zu verlieren. Aber auch das hat letztlich nichts gebracht.

Zur Pressemitteilung der Allianz Gruppe

 

CSU: Vom Creationismus zum Creuz

Manchmal entstehen erstaunliche Bezüge bei der Analyse von Diskursen: Koinzidenzen und Kohärenzen. Gerade ging ich der Frage nach: Wann treten die Worte „Klimawandel“ und „Treibhauseffekt“ überhaupt in den Wahlprogrammen der politischen Parteien der Bundesrepublik Deutschland auf und wie verhält sich dieses Auftreten mit dem wissenschaftlichen Diskurs?

Serendipity half dabei, eine kleine Beobachtung zu machen, die ein anderes Licht auf die Kreuz-Frage des bayerischen Ministerpräsidenten Söder wirft. Marx spricht von Instrumentalisierung christlicher Symbole für die Politik, Nida-Rümelin spricht von der Spaltung, dem Schisma. Das „C“ komme der Union ab, schreiben andere. Das sind alles gute Deutungsmuster. Söder ließe sich genauso in die Tradition der Heiligen Helena reihen: Söder der Finder des Kreuzes. Eventuell wird er dafür  dereinst selig und heilig gesprochen werden, wie die heilige Helena. Dieser Diskursbestandteil sollte in der aktuellen Diskussion nicht außer Acht gelassen werden. Es bedarf schließlich nur einer kleinen diskursiven Verschiebung in der Zuschreibung und alles wird anders, alles wird neu.

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Aber das ist nur der aktuelle Fall, der erst einmal nichts mit dem Klimawandel und dem Treibhauseffekt zu tun hat. Aber schließlich war es serendipity, die mich auf deren Suche auf etwas anderes gebracht hat: Ähnlich wie Söder plötzlich das Kreuz wieder auffand, entdeckte die CSU den Kreationismus für sich – scheinbar spontan, scheinbar sehr christlich-alttestamentarisch. Das war im Jahr 1994. Erst in diesem Jahr spricht die CSU von der Schöpfung. Vorher, seit den 1970er Jahren, war das die Umwelt, die Natur. In einem romantischen Impetus wollte die CSU wie ihre Schwesterpartei die Umweltverschmutzung heilen, damit Mensch und Natur wieder traut leben können. Natürlich konnte dies nur geschehen unter Berücksichtigung der Arbeitsplatzsituation und der nicht übermäßigen Belastung der Wirtschaft durch die „Heilungskosten“. Insgesamt sollte das Verursacherprinzip herrschen, wer verschmutzt, der muss für die Katharsis der Umwelt zahlen. Insgesamt lief der Umweltschutz auf eine sanfte Metanoia heraus, Schubumkehr ohne Einschränkung der Wirtschaft. Das hat natürlich im Rückblick nicht optimal funktioniert. Nicht nur implizit steckt darin ein Bekenntnis zum anthropogenen Einfluss auf die Umweltverschmutzung. Der Mensch verursachte sie und der Mensch als Naturonkeldoktor kann sie auch wieder beheben.

Natur und Mensch das war eine Einheit bis in die 1990er Jahre. Der Mensch war für den Zustand der Umwelt verantwortlich. Er war ihr Verschmutzer und ihr Heiler.

Dann entdeckte die Union die „Schöpfung“. Die Natur war plötzlich Gottes Werk. Der Mensch trat in den Hintergrund und die Union wurde zum Bewahrer der Schöpfung. „Es ist unsere Aufgabe, Natur und Umwelt als Teil der Schöpfung zu schützen.“ Und 1998 schrieb die CSU: „Wir nehmen unsere Verantwortung für die Schöpfung […] ernst.“ Damit wurde der Kreationismus als Erklärung der Welt gesetzt. Gott war es. Darwin ist tot.

In den 1990er Jahren blieb der Aufschrei über die  kreationistische Erklärung der Welt aus. Nun, in diesen Tagen, fundamentalisiert sich die CSU noch weiter. Es ist vielleicht ein logischer Schritt, dem „C“ gerecht zu werden. – Oder sollte es doch ganz anders sein?

Molitor über das „Anthropozän“ 1489

 

Ulrich Molitor war einflußreicher Hexentheoretiker im Übergang vom Spätmittelalter in die Neuzeit. In seinem 1489 auf Latein erschienen Buch, das in der deutschen Ausgabe „Von den Unholden oder Hexen. Tractatus von den bösen weiben, die man nenet die Hexen, Augsburg 1508“ lautete, wird der anthropogene Anteil am Wettermachen abgelehnt. Nur Gott sei dazu fähig.

„Ob die teüffel ann die menschen mit hilff und zuthun des teüffels künden den lufft betrüben. Hagel machen. Unnd dem ertrich schaden. Den menschen siechtagen zu fügen. Und die menschen angeberhafft machen. Ulricus: Ich sag das sy es nit künden anders dann wen und wem, ann wie vil ynen von gott aus ursach sein maiestat bewegende ynen verhengt wirt.“

Wetter war göttlich. Abgeleitet vom Wetter: das Klima wohl auch.

Schadenszauber

Mehr Informationen zur Vorlesung: Alpen im Treibhaus

Alpen im Treibhaus. Eine Geschichte des Klimawandels und des Treibhauseffekts

Alpen im Treibhaus. Eine Geschichte des Klimawandels und des Treibhauseffekts. Vorlesung im Sommersemester 2018 an der Universität Augsburg

Willy Viehöver regte mit seiner narrativen Diskursforschung über den Treibhauseffekt diese Vorlesung an. Sie versucht, die verschiedenen Diskursstränge des Klimawandels und des Treibhauseffekts von der Antike an nachzuzeichnen – nicht aus der soziologischen, sondern aus der historischen Perspektive. Der Schwerpunkt liegt auf der Glaziologie des 17. bis 19. Jahrhunderts in Frankreich sowie der Schweiz, aber auch auf der Entdeckung des Treibhauseffekts und dessen Formierung zu einer sozialen Konstitution eines globalen Problems, das  um 1900 in Vergessenheit geriet und erst in der Mitte des 20. Jahrhunderts wieder entdeckt wurde. Die Konstrukteure der Apokalypse stammten aus Großbritannien,  Österreich-Ungarn, Italien und Schweden. Sie konnten schon am Ende des 19. Jahrhunderts beschreiben, was ein linearer Anstieg des CO2-Gehalts in der Atmosphäre durch die Nutzung fossiler Energieträger bewirken wird. Dystopien lassen sich bereits heute im hoch sensiblen Alpenraum spielend leicht erdenken. Welche Auswirkungen dort das noch umstrittene „Zeitalter des Anthropozäns“  bereits zeitigt, ist einer der Inhalte dieser Vorlesung. Auch geht es um andere Deutungen von Wetter- und Klimawandel jenseits des Treibhauseffekts: Diskriminierung und Straftheologie, wie sie im Mittelalter und der Frühen Neuzeit praktiziert wurden.

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Rhone-Gletscher Juli 2014. Besichtigt im Rahmen einer Exkursion der Universität Augsburg.

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Rhone-Gletscher im Juli 2014

Die Differenz: Rhone-Gletscher am Beginn des 18. Jahrhunderts, erfasst und beschrieben von Johann Jakob Scheuchzer. (Johann Jakob Scheuchzer: Ouresiphoites Helveticus, sive itinera per Helvetiae alpinas regiones, Leyden 1723, 2. Band, S. 278.)

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Symposium: 5 Jahre Zeitschrift für Diskursforschung ZfD

Am 23. März 2018, findet im WZU – Wissenschaftszentrum Umwelt der Universität Augsburg von 13.00 Uhr bis 19.00 Uhr das zweite Symposium der ZfD statt. Organisiert wird es von Rainer Keller und Saša Bosančić.

Programm

13 Uhr Begrüßung & Einführung (Reiner Keller)

13 Uhr 15 „Diskurse untersuchen“ (Moderation: Saša Bosančić)10 Jahre danach: ein erneutes Gespräch zwischen den Disziplinen mit Reiner
Keller (Augsburg), Oliver Kühschelm (Wien), Marcus Müller (Darmstadt),
Werner Schneider (Augsburg) und Willy Viehöver (Fulda)

14 Uhr 45 Pause

15 Uhr 15 Fünf Jahre Zeitschrift für Diskursforschung revisited
(Moderation: Werner Schneider)
Die Entwicklungen der ZfD kommentieren Rainer Diaz-Bone (Luzern), Heidrun
Kämper (Mannheim), Peter A. Kraus (Augsburg)

17 Uhr 15 Pause

17 Uhr 45 Interdisziplinäre Diskursforschung? (Moderation: Willy Viehöver)
Eine Gesprächsrunde zu den Erträgen, Chancen und Sackgassen der
Interdisziplinarität mit Inka Bormann (Berlin), Ekkehard Felder (Heidelberg),
Stefan Lindl (Augsburg), Felicitas Macgilchrist (Göttingen) und Wolf
Schünemann (Hildesheim)

19 Uhr 15 Sektempfang und musikalischer Ausklang

weitere Informationen

Anwachsen des Diskurses „Umgang mit Gewordenem“

Ein wenig anders formuliert und doch ganz ähnlich in der Aussage:

Tagung in der Bibliotheca Hertziana: „Bewahren – aneignen – zerstören. Formen des Umgangs mit dem Alten und Fremden in der Vormoderne“

Der Brackweder Arbeitskreis für Mittelalterforschung veranstaltete eine Nachwuchstagung in der Bibliotheca Hertziana am 23.11.2017-24.11.2017 in Rom: „Bewahren – aneignen – zerstören. Formen des Umgangs mit dem Alten und Fremden in der Vormoderne“. Die beiden Organisatoren Christiane Elster (Rom) und
Christoph Mauntel (Tübingen) der Tagung stellten die Trias belassen-bewahren, anpassen-aneignen und beseitigen-zerstören in den Mittelpunkt der Fragestellung in Bezug auf das Alte und das Fremde.
So wird der Umgang mit dem Gewordenen erfreulicherweise auch in anderen Disziplinen mit Inhalten bereichert, besprochen, diskutiert.

Zum Tagungsbericht auf H-Soz-Kult