Felix Guffler: Der Untere St. Jakobs-Wasserturm in Augsburg

Ein weiterer Beitrag zur UNESCO-Welterbebewerbung

„Augsburger Wasserwirtschaft“

 

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Felix Gufflers neues Buch über den St. Jakob-Wasserturm ist ein weiterer empfehlenswerter Beitrag zur Augsburger Wasserwirtschaft im 17. Jahrhundert. Elias Holl hat auch diesen Wasserturm für die unvergleichliche städtische Wasserversorgung Augsburgs gebaut.

Erhältlich ist die Monographie bereits in der Buchhandlung am Obstmarkt.

Das neue Ende der Geschichte

Das neue Ende der Geschichte

– Zwischenruf aus dem Land der Teigbatzen

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Sehr geehrte Damen und Herren, Politikerinnen und Politiker,

es ist zu befürchten, dass ich Ihnen einen Umstand erklären muss, der für meine Berufsgruppe überlebensnotwendig ist. Wir Historikerinnern und Historiker brauchen Wandel, damit wir Geschichtswissenschaft betreiben können.

Die Französische Revolution war so ein Wandel, über den wir wirklich sehr dankbar sind. Auch Martin Luther finden wir rein wegen des Wandels, den er herbeiführte, interessant. Ich möchte gar nicht von den Verbrechen reden, die Wandel manifestierten. Sie müssen aufgearbeitet werden. Dazu sind wir da. Die Geschichtswissenschaft reflektiert, was geschehen ist, was sich ereignet hat. Ereignisse sind Wandel eines Zustands in einen anderen.

Doch nun wollen Sie keine Ereignisse mehr. Das ist verständlich. Sie wollen Stabilität, so unstabil sie sein mag. Sie wollen kein Risiko, so nötig es wäre. Sie sehen oder sie fühlen diverse Herausforderungen, aber sie wollen sie nur zaghaft mit alten Mustern angehen. Sie vermeiden Kreativität, sonst würde Wandel entstehen.

Darf ich Ihnen mitteilen, dass das höchst schädlich für meine Kolleginnen und Kollegen in der Zukunft ist? Was sollen sie denn über Ihre Amtszeiten schreiben? Titel werden entstehen wie: „Die halkyonischen Tage von München.“ „Langweile und Macht.“ „Zeit und Trägheit“.

Ich weiß, Sie fürchten etwas. Sie ahnen, dass der Klimawandel gewaltig Herausforderungen mit sich bringen wird, die Sie dazu zwingen werden, zu handeln. Einstweilen, versuchen Sie es mit bewehrten Mitteln und Handlungsmustern sowie im Zweifelsfall mit: nichts.

Ich bitte Sie, haben Sie ein Erbarmen mit meinen Kolleginnen und Kollegen. Auch bitte ich Sie, dass nicht ein Titel entstehen wird, der so lauten könnte: „Agonie der Demokratie.“ Wenn Sie auf mögliche Revolutionen mit Stagnation reagieren, dann vermeiden Sie, dass in Zukunft über Sie Geschichte geschrieben wird. Das wollen Sie doch nicht, oder? Ist das nicht Anreiz genug? Machen Sie Geschichte! Wir werden es Ihnen danken.

 

Zeit der Asymmetrie. Oder: Warum nicht Trump danken lernen?

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Trump, Seehofer, Johnson agieren nationalstaatlich, exklusiv, insulär, protektionistisch, antiliberal, antiglobal, antitransnational, antiinternational, diskriminierend, unchristlich. Sie verkörpern die Gegenentwürfe der Werte, die sich seit Ende der 1980er Jahre entwickelten und über die 1990er Jahre in einigen Bereichen der Gesellschaften etablierten. Damit stehen die drei gender, race and ethnicity gegenüber, von ihnen getrennt durch eine unüberwindbare breite sowie tiefe Spalte. Sie erscheinen vielen Menschen als unbegreifliche Wesen, weil sie durch ihre für sie so fernen Werte und Ideale kaum mit deren sozialen Wirklichkeit in Verbindung zu bringen sind. Sie wirken wie mythische Narrationen einer fernen unfassbaren Götterwelt, wie der kinderverschlingende Kronos, der Europa vergewaltigende Zeus, der gestaltwandelnde Proteus oder Ate, die Götter und Menschen verblendet und ins Verderben führt. Vielleicht sind auch Trump, Seehofer und Johnson Opfer der Ate. Doch mit was könnte Ate die drei verblendet haben, um sie ins Verderben zu führen? Es könnten Werte sein. Werte einer verlorenen Welt mit den hässlichen Fratzen des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Es sind nicht die drei als Menschen, die von Interesse wären, es sind ihre Positionen, die sie vertreten, die uns vor eine einzige Herausforderung stellen, die da heißt: Wo stehen wir? Hinter Trump, Seehofer und Johnson? Oder auf der anderen Seite der Ideen, die das Ende des 20. Jahrhunderts dem neuen Jahrhundert als Hinterlassenschaft und Richtungsweiser überließ. Das 21. Jahrhundert steht vor internationalen und globalen Aufgaben, weil wir alle auf einer Welt leben. Wir können uns nicht homöopathisieren, den Globus in Globoli atomisieren, um sogleich eine eigene Atmosphäre herumzulegen, die vor den Unbilden des Universums schützt. Bis auf weiteres sind wir alle zusammen auf diesem Planeten gefangen. Zunehmend wird deswegen Raum knapp und Luft nicht nur dreckig, sondern auch warm. Ressourcen schwinden im Drang der Begierde sie zu konsumieren. In dieses Hineingeworfen-Sein der Lebensbedingungen unterscheiden sich die Menschen nicht. Aber sonst sind sie mit eigenen, völlig unterschiedlichen Weltanschauungen ausgestattet, die von vielfältigsten kulturellen Herkünften zeugen. Wir haben alle ein Recht darauf so zu leben, wie unsere kulturellen Heimaten es uns vermittelt haben. Die Vielfalt macht es möglich, in ihrem Aufeinandertreffen Neues zu erschaffen. So funktioniert Kreativität, die wir so dringend nötig haben. Sie erschafft aus Unterschiedlichem, das aufeinander trifft, das Neue. Es liegt eine Chance in der Vielfalt, die genutzt und nicht beschränkt werden sollte. Natürlich liegt auch eine Gefahr in der Vielfalt: Veränderung und Wandel sowie Unsicherheit. Ewig ist das Problem virulent, Sicherheit aufzugeben, um Wandel zu ermöglichen. Ewig ist auch das Problem der Angst vor allem Fremden und den Fremden. Wir werden uns vor allem darüber Gedanken machen müssen, wie wir mit dem Fremden im Gewohnten umgehen. Nicht wie wir es schnellst möglich wieder losbekommen. Denn auch das Fremde im Gewohnten wird irgendwann zum Gewohnten. Man muss sich nur darauf einlassen und sich Zeit lassen. Migranten und Arbeitsmarkt heißt die utilitaristische Verbindung, die ein Schlüssel sein kann. Für die Integration hilft keine oktroyierte Leitkultur, sondern Aushandeln von Positionen und Instrumente, um die Sicherheit zu gewährleisten. Die Fremden abwehren zu können, ist eine Imagination des Reinen und Puren und nichts anderes. Ein Migrationsutilitarismus wäre eine Lösung, aber er wird die zu erwartende Menge von Klima-Migranten nicht bewältigen können, die bis in der Mitte des Jahrhunderts nach Europa kommen werden.

Wir stehen wohl unter den Vorzeichen des Klimawandels vor der Offenheit und dem Umgang mit dem Fremden ohne Wahl, ohne Alternative. Wir müssen Instrumente entwickeln, um mit Migration umgehen zu lernen. Es wird nicht helfen, Integration als Aufgabe des Fremden zugunsten einer Leitkultur zu definieren. Wir brauchen keine Leitkultur, sondern eine Globalkultur, die die vielen kulturellen Heimaten mit einem Verständnis für das Globale ausstattet, um Probleme bewältigen zu können, die mehr sind als homöopathische Globoli, sondern ein großer Globus. Narrative wie Trump, Seehofer und Johnson sie liefern, sind gegen all das gerichtet. Sie wollen weitermachen in der Vergangenheit und redlich naiv die Zukunft verneinen.

Jedoch sind alle drei wertvoll. Wir werden lernen müssen ihnen zu danken. An diesen Figuren müssen wir uns abarbeiten, indem wir uns positionieren. Wollen wir das 19. Jahrhundert, Einheit, starke Normative, Nationalstaat, Ausgrenzung, Diskriminierung und Unmenschlichkeit? Oder wollen wir die Ideale des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts, die bedeuten Vielfalt in allen Bereichen, starke Grundnormative, Globalität (und nicht Globulität) und den Versuch einer Inklusion, die Vermeidung von Diskriminierung, die uns so arg im Griff hat? Wollen wir Menschlichkeit?

Wir brauchen Ideen, die quer zum Normalen laufen. Vielfalt kann nicht in den Systemen bestehen, die in den Jahrhunderten vor uns geschaffen und ausgehandelt wurden. Vielfalt braucht eine Umwandlung der Systeme, sonst siegt der Unfriede, den wir jetzt gerade erleben.

Wir leben in einem Zeitalter der Asymmetrie. Die Ideen und Vorstellungen von gender, race und ethnicity sind politisch-normativ längst fixiert. Aber die Politik hat vergessen sich selbst zu reformieren, damit diese Ideen auch gelebt werden können. Trump, Seehofer, Johnson sind Giganten, die Rollenträger und Medien der mythischen Narrative, die mit Wortgewalt den Bestand der alten, überlebten Ordnung erhalten wollen. Ihre Gigantomachie besteht aus ihrem Wollen, die neuen Götter, die neuen Werte zu stürzen.  – Wollen wir das auch? Oder können wir vielleicht dankbar werden, dass sie diese Rollen übernommen haben, um uns klar von ihnen distanzieren zu können? Liegt ihr Nutzen in einer Intentionalisierung der Distinktion, nichts mit ihnen zu tun haben zu wollen. Indem sie die alten Werte hochhalten wie Standarten eines vergangenen Kriegszugs, vernichten sie sie. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit und damit eine Frage, wie schnell sie durch ihre Provokationen weiter empören in ihrer Gigantomachie gegen Ideale der Vielfalt repräsentiert durch gender, race and ethnicity. Die Hoffnung bleibt, dass die Demokratien durch sie nicht ausgehöhlt werden, sondern eine Transformationsphase passieren, um sich den Gegebenheit der Zukunft anpassen zu können. Mit Passivität allerdings wird diese Passage der Transformation misslingen.

 


Beitragsbild: Virgil Solis, Gigantomachie.

Integration in Augsburg: Interview zusammen mit Hayati Kasli von Marcus Ertle

 

In der Neuen Szene 9/18 erschien ein Interview über Augsburg, die Stadt der Renaissance, aber auch die Stadt mit nahezu 50 % Bürgern, die einen Migrationshintergrund haben. Beides geht nicht ganz schlecht zusammen, aber vieles könnte noch viel besser sein. Ein Gespräch mit dem gebürtigen Augsburger Hayati Kasli und dem Bürger mit Migrationshintergrund, Stefan Lindl. Das Interview führte Marcus Ertle.

 

Neue Szene 9 18

https://www.yumpu.com/de/document/view/61994567/neue-szene-augsburg-2018-09

S. 30f.

Beitragsbilder: Marcus Ertle, Screenshot von Neue Szene 9/18

climate and consumption – re-evaluating Svante Arrhenius

 

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Announcing a new discourse analysis:

Climate and consumption. Social constitution of anthropogenic climate change from 1600 to Svante Arrhenius

Abstract:

Svante Arrhenius is considered the „Father of Climate Change“. The idea of „anthropogenic climate change“ allegedly goes back to him. But this statement is not tenable on closer examination of the discourse of climate change. Hardly any position of Svante Arrhenius is genuine. He is in a long tradition of discourse from 1600 until the publication „On the Influence of Carbonic Acid in the Air upon the Temperature of the Ground“ (1896). These different positions of discourse are recorded and analyzed in the present study. Svante Arrhenius is re-evaluated and classified into the following topics: Glacier, Ice Age, Greenhouse Effect, Atmospheric Carbon Dioxide. The study area is located in the Alps of Savoy, Switzerland and Tyrol.

 

St. Mang: Authentizität des Thaumaturgen

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Aktuell vorbereitet wird der Beitrag:

 Authentizität des Thaumaturgen

Authentisierungskonzepte im Bild- und Architekturprogramm Johann Jakob Herkomers in St. Mang

Der Beitrag erscheint im Kunstverlag Josef Fink (Lindenberg im Allgäu) anlässlich der Herkomer-Tagung im Oktober 2017. In dem Aufsatz wird untersucht, mit welchen Authentisierungskonzepten im Bild- und Architekturprogramm Johann Jakob Herkomers den Reliquien des Heiligen Magnus um 1700 historischer Wert zugeschrieben wurde. Auch wird betrachtet, welche Bereiche ausgespart werden, die gewöhnlich zu einem zentralen Verehrungsort gehören.

Aus der Analyse vor allem des Bildprogramms ergibt sich ein unerwarteter Einblick in das Verhältnis von Materie und Zeichen. Sie mussten offenbar in Bezug gesetzt werden können. Eine Notwendigkeit des Überprüfbaren, also der materiellen Überprüfbarkeit, eine Art Empirie des Göttlichen musste gewährleistet sein, um historischen Wert und Authentizität den Reliquien zuzusprechen. Nicht nur die Authentizität-Konstitution von Reliquien, sondern auch die Konstitution von Wahrheit und Autorität des Heiligen gehen damit einher.

Natur: verehrte Optimissima

Verehrte Optimissima…

Ein Essay über den Drang der Natur zum Leben

Dieser Essay erschien im Katalog von Gabriele Lockstädt „Reflecting Nature“, S. 45f. Ihre Lechbilder, die sie in vielen Spaziergängen in der Auseinandersetzung mit dem Lech südlich von Landsberg am Lech produziert hatte. Selbstverständlich weiß ich, dass dieser Essay angreifbar ist auf einer Ebene, die ich hier mitunter betrachte, auf der Eben des Lechs und der Vernichtung seiner Biodiversität aufgrund der Vernichtung seiner Biotopdiversität durch den Wunsch nach Energiegewinnung und Landgewinn. Mir geht es aber um eine andere Ebene, die ich lediglich mit dem Lech erläutere. Für mich stand ein Reflex auf anthropogene Einflüsse im Vordergrund. In einer Zeit nach dem Anthropos wird eines nicht zerstört sein: der Drang nach Leben. 

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Verehrte Optimissima …

von

Stefan Lindl

 

 

Natur ist Optimissima. Wo kein Weg scheint, wird sie immer einen finden.

Ein Fluss bedeutet langes Leben. Ein See hingegen schwindet und siecht schnell dahin. Auch wenn wir diese Asymmetrie der zwei Leben von Fluss und See als Menschen nicht mitbekommen, am Maßstab des Erdzeitalters gemessen sind Flüsse die Schildkröten unter den Wasseransammlungen und die Seen eher die Kaulquappen. Dass die Seen äußerst schnell vergehen, liegt nicht zuletzt an den lebensfrohen sprudelnden Flüssen. Was ist überhaupt ein Fluss? – Eine Ansammlung von Wassertropfen, die von der Gravitationskraft und den verschiedenen Uferbedingungen ständig „im Fluss gehalten werden“ im Gegensatz zu den Wassertropfen im See, deren Tropfenverbände stabiler sind. Wenn sich ein Fluss wild durch und aus dem Gebirge stürzt, besteht er aber nicht allein aus einer quirlenden Menge Wassertropfen. Sie sind nur das hinreißende Transportmittel für das, was einen Fluss weiterhin ausmacht: Brocken, Steine, Steinchen, Sande, Sedimente, Tiere, Pflanzen, Samen. Ein Gebirgsfluss mahlt, spaltet und schleift scharfkantige Steine, die als Erosionsmaterial aus dem Gebirge vom Wasser mitgenommen werden. Mit dem Wasser gehen sie auf Reise. Ein Fluss schwemmt, schleppt, rollt, schiebt Gebirgsbrösel, um sich jung zu halten. Mit den Steinen verjüngt er immer wieder auf’s Neue sein Flussbett. Gäbe es nicht genug Steine im Fluss, es entstünde ein Canyon. Mit Steinen füllt er die Vertiefungen wieder auf, die er selbst seinem Flussbett zufügt. So einfach ist das Prinzip eines wilden Flusses und das Prinzip seines langen Lebens. Ein Fluss verbreitet Pflanzen- und Tierarten entlang seines Laufs und irgendwann ergießt er sich in einen See. Langsam füllt sich der See mit der Schlepplast des Flusses. Er selbst putzt und bereitet weiter sein Bett und hält sich jugendlich. Es dauert, bis der See verlandet ist. Kein Mensch wird diesen kaum spürbaren Vorgang überblicken können. Für Menschen sind beide, Fluss und See, Naturwesen, die nicht dem Altern unterliegen, zu wenig Wandel, zu unmerklich sichtbar verändernde Unterschiede, deswegen bleibt für sie der Fluss der Fluss, der See der See. Doch irgendwann, wenn der See gefüllt ist, währt der Fluss und der See verwandelt sich in sumpfiges Land.

So verliefe das Schicksal der Flüsse und der Seen auf lange Dauer, wenn nicht Ereignisse einträten, die alles veränderten: Ein Bergsturz im Gebirge, der den Fluss umleitet und den See austrocknet. Ein Klimawandel, der den Fluss zu Gletschereis erstarren oder die Hitze einer Wärmeperiode ihn versiegen lässt. Oder ganz banal: Der Mensch, der den Fluss, nur weil es ihm so sehr gefällt, nach seinen Regeln und nach seinem Willen bedingt, um ihn auszubeuten.

Der Lech

Lange Zeit war der Lech ein kräftiger wilder gebirgsbürtiger Fluss. Der Augsburger Augustusbrunnen zeigt ihn als bärtigen wilden nackten sehnigen Mann, ein Herrscher mit einem bekrönenden Kranz geflochten aus Tannenzweigen und -zapfen, dessen linker Arm sich auf sein Herrschaftszeichen, ein Ruder, stützt. Er scheint der wilde Augustus zu sein, der natürliche Herrscher über Land und Stadt. Der Kranz des Wilden wiederholt sich auf Augustus’ Kopf im Lorbeer, das Ruder im Schwert. Augustus steht beherrschend über dem wilden Lech. Doch nur auf dem Brunnen steht er über ihm, denn der Lech überdauerte auch den großen Augustus zumindest bis ins 20. Jahrhundert. Dann kam keine Eiszeit, kein Bergsturz, keine Trockenperiode. Es kam der Mensch und dressierte den wilden Gebirgler. Hinter Füssen bezwingt seit Beginn der 1950er Jahren ein Kraftwerk den wilden Lech und hindert ihn am ungestümen fließen. Kurz dahinter wird dem Lech gestattet, seine Wasser im Forggensee zu verteilen. Sein Reisegepäck, die Steine aus dem Gebirge, die er über Jahrhunderte Richtung Donau gerollt, gerissen und geschoben hatte, musste der Wilde in Tirol abgeben. Nicht in einem Schließfach oder in der Gepäckaufbewahrung, sondern in einem banalen Kies- und Quetschwerk. Nach Bayern darf er nichts mitnehmen. Zu gefährdet sind die wertvollen Turbinen der Laufwasserkraftwerke und ebenso wertvoll sind die Wasserspeicher, die künstlichen Seen, die sich nicht mit Kies aus den Bergen füllen sollten, sondern nur mit Wasser, dem Energieträger des Lands am Lech. Auf das Kraftwerk Horn folgt der Forggensee und das Kraftwerk bei Roßhaupten, dort wo ehemals der Heilige Mang mit seinem Stab einen Drachen besiegt haben soll, ist kein Fluss mehr, sondern ein idyllischer See, zumindest im Sommer. Auf den Forggensee folgt der Premer Lechsee, dann die Staustufe Lechbruck, darauf der Urspring Lechsee. So reiht sich See an See an See an See, schön gestaut, schön gebaut. Es sind jugendliche Seen die ein Wasser aus dem Gebirge speist. Vorbei ist die Zeit, als der Lech herrschte und aus dem Land, das er durchfloss, machte, was er wollte mit dem Material, das seine Hochwasser gerade mit sich führten. Der Lech war ein breites Kiesfeld gewesen, das sich manchmal zu Schluchten verjüngte oder sich manchmal schon im Mittelalter domestizieren lassen musste wie in Landsberg durch das Karolinenwehr. Aber sonst war er breit und weit eine Schotterwüstung, die allein seinem wilden Gestaltungsdrang unterlag. Einmal lief er hier, ein andermal riss er sich sein Hauptbett dort, lagerte ab, nahm mit, reicherte an. Aber nun, seit der Lech eine Seenkette geworden war, führt er kein Gepäck mehr mit sich. Während er sich zuvor noch selbst sein Bett immer wieder auffüllte, kann er an den wenigen freien Stellen, an denen er ein eingezwängter Fluss ist, sein Bett nicht mehr regenerieren. Er gräbt sich tiefer und tiefer. Der Fluss stirbt und ist vielleicht bereits gestorben – nicht seine Lech-Stauseen, sie leben als künstliche gebaute Welten.

Der Mensch hat diesen neuen Lech gestaltet. Die Regel vom Fluss mit dem langen Leben gilt nicht mehr für ihn. Die Seen sind nun Pflicht. Der Fluss ist Vergangenheit mit ihm eine ganze Reihe von Tieren, die sich spezialisiert hatten auf die Zonen seiner Wildnis, des Wandels der Flussläufe, der Verlagerungszonen, auf die Auenwälder und die von den Hochwassern zurückgelassenen Tümpeln, die immer wieder vom Wasser rasierten und abgeschwemmten Heiden. All das gibt es nicht mehr, weil der wilden Lech ein Hamster der Zivilisation geworden ist und für sie an ihren Rädern dreht. Der Strom stillt nun den Durst nach Elektrizität. Die Vielfalt der ehemals verbreiteten Arten vermindert sich, verschwindet, ist Vergangenheit. Ein Verlust, von Menschen bedingt. Aber Verlust stimmt nur traurig, wer Verlust und Wert des Verlorenen kennt. Der Natur ist der Verlust völlig gleichgültig, sie kennt ihre Werte nicht; Werte sind Menschwerk. Sie richtet sich immer neu ein, gibt Raum für immer neues Leben. Keinen Unterschied machen da die von Menschen gebauten Umwelten. Arten verschwinden in ihr, die besonders waren. Gleichzeitig bevölkert sie die neuen räumlichen Bedingungen mit Pflanzen und Tieren. So sind die größten Populationen von Schlingnattern nicht in der Abgeschiedenheit fern der Wander- und Radwege zu finden, sondern auf den betonierten Querverbauungen der Solstufen des Lechs, die in den letzten Flussstrecken des Lechs liegen, um ihm die Kraft zu nehmen. Sie sind die Symbole der Naturfeindlichkeit, des hemmungslosen Nutznießens der Natur durch den Menschen. Aber die Schlingnattern sehen das anders. Auf den Betonplatten und -mauern fühlen sich die hoch geschützten Nattern wohler als in den kaum frequentierten „Natur“ zwanzig Meter von dem Betonguss entfernt. Wer würde denken, dass eine Betonwüstung, das ästhetisch offensichtliche Gegenteil von Natur, ein wertvolles Habitat ist? Die Natur ist eigenwillig, sie macht, was sie will und über die Bauwerke der Menschen ist sie auch erhaben, sie bevölkert munter ohne sich zu bekümmern. Aus allen Menschenwerken holt sie das Beste für sich heraus. Sie ist stärker als das, was sie zurückdrängen soll. Sie vereinnahmt. Sie beklagt Verluste nicht, sondern macht immer das Machbare.

Aus diesem Blickwinkel ist die Natur der pure Optimismus. Sie macht gangbar. Gleichgültig in welcher Umgebung, sie macht möglich, was auch immer möglich sein mag. Immer wieder gebiert sie neues Leben, andere Arten, ohne Rücksicht, ob in der „unberührten“ Natur oder in der von Menschen geschaffenen Kultur. Sie macht, was geht.

Es ist dieser Optimismus der Natur, die Gewissheit, dass die Naturprinzipien überall und immer walten, die uns ein Spaziergang in der Natur als Gefühl meist unbewusst vermittelt. Sie schert sich nicht darum, was verloren gegangen ist oder geht, sie macht aus allen Umständen lediglich das Beste. Nichts scheint so kraftvoll zu sein, wie dieser Drang zum Leben. Das machte die Natur auch mit dem Lech. Seine ursprüngliche Wildheit war verloren, als der Mensch in großem Stil seine Kraft nutzte. Der Fluss wurde zum See. Diese Katastrophe für die Artenvielfalt, wandelte die Natur um, mit ihrer Notwendigkeit Leben zu generieren. So kritisch die Eingriffe am Lech gesehen werden können, so erhaben ist dort wahrzunehmen, das alles gebändigt werden kann, aber nicht das Leben. Das geht weiter und immer weiter und immer weiter. Kraftvollerer Optimismus lässt sich nirgendwo schöpfen als im Kontakt mit den Prozessen der Natur. – Verehrte Optimissima …

 

Allianz im Treibhaus: Ende des C02-Investments?

 

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Eine bemerkenswerte Pressemitteilung veröffentlichte die Allianz Gruppe am 04. Mai 2018. Sie trete der Science Based Target Initiative bei. Dies habe zur Folge, dass die Allianz nun auf weitere Einzelversicherungen mit Kohlekraftwerken oder Kohleminen im Bau oder im Bestand mit sofortiger Wirkung verzichte. Diese Meldung scheint auf den ersten Blick eine lang ersehnte zu sein. Ein großes Fragezeichen bleibt jedoch. So wird Verzicht geübt, aber nur im vom Unternehmen gesetzten Normalfall, nicht im wahrscheinlich überwiegend zutreffenden Regelfall:

„In der Schaden- und Unfallversicherung verzichtet die Allianz mit sofortiger Wirkung auf die Einzelversicherung von Kohlekraftwerken und -minen im Bau oder Bestand.“

Die auffällige Relativierung erfolgt im darauf folgenden Satz:

„Unternehmen, die Strom aus mehreren Quellen erzeugen, wie Kohle, andere fossile Brennstoffe oder erneuerbare Energien, werden zunächst weiter versichert und individuell auf Basis definierter Nachhaltigkeits-Kriterien (ESG) geprüft.“

Was das nun de facto bedeuten soll, bleibt in der Pressemitteilung unklar, denn welche großen Energieanbieter erzeugen Strom nicht aus mehreren Quellen? Gerade auch die Formulierung „andere fossile Brennstoffe“ dürfte aufhorchen lassen. Sind sie nicht für die C02-Emission mitverantwortlich? Es sicherlich sinnvoll langfristig auf Kohle zu verzichten. Ein wichtiger Schritt. Der Diskurs wird angereichert, die Ausrichtung und die Signalwirkung sind sicherlich positiv im Jahre 3 nach dem Pariser Klimaabkommen.

Zu hoffen bleibt, dass sich die Haltung gegenüber der Kohle auch auf die anderen fossilen Energieträger ausweitet. Das Problem ist jedoch das Jahr 2040. Berücksichtigt man das Standardszenario von The Limits to Growth wird das Jahr 2040 viel zu spät sein, um positive Auswirkungen auf den Klimawandel zu generieren. Das alles hätte von dieser Argumentationsbasis aus gesehen, wesentlich früher passieren müssen. Doch dagegen stand in der Bundesrepublik nicht nur die SPD, die Sorge trug, ihre Wähler zu verlieren. Aber auch das hat letztlich nichts gebracht.

Zur Pressemitteilung der Allianz Gruppe