Urlaub im Unsichtbaren

Urlaub, was war das?

Was bleibt nach Corona und mitten im Klimawandel vom Urlaub, wenn die Mobilität wegfällt? – Die Regeln des unsichtbaren Alltags!

In diesem besonderen Jahr, das aufgrund einer Pandemie alles ehemals so unumstößliches Gegebenes hinterfragen lässt, durcheinanderschüttelt und Unsicherheit im Treibsand gesellschaftlichen Getriebes verbreitet, das Wesen des Fliegens lehrt, dass nämlich die Sicherheit immer nur im Fliegen selbst zu finden ist und keineswegs in der durchlässigen Luft, stand im Sommer die Frage nach dem Urlaub an. Wohin? Denn weg von zu Hause war doch immer ein Muss. Raus aus dem Gewohnten, hinein in etwas Anderes. Mobilität schien ehemals ein dankbares effizientes einfaches Werkzeug des Urlaubs zu sein, um den Regelbruch mit dem Gewohnten zu begehen. Vom alltäglichen Domizil in einen anderen Bezugsraum, in dem sich noch weitere Transformationen ergeben konnten: vom geregelten Leben in lebendige Regeln, die der andere Ort und seine Region mitbestimmten. So lässt das Meer seine Urlauber schwimmen, das Gebirge Wandern und Skifahren. Wer den Regelbruch zum Gewohnten, die lebendigen Regeln des Urlaubsortes aus welchen persönlichen Gründen nicht vollziehen konnte, dem blieb zumindest durch den anderen Ort die räumliche Imagination sich im Anderen, im Urlaub zu befinden. Der Ortswechsel und die damit verbundene Mobilität machten den Urlaub immer zum Urlaub. 

Menhire, Megalithkultur in Deutschland? – Aber natürlich! Nur allzu unsichtbar.

Erlaubnis geht dem Urlaub voraus. Erlaubnis zu gehen, muss von einer vorgesetzten Person oder von sich selbst erbeten werden. Das ist ein hierarchischer Schritt. Erst die erteilte Erlaubnis Urlaub zu nehmen, erstellt den Rahmen sich auf Zeit von der Hierarchie des Alltags zu lösen. Urlaub steht damit in einer Tradition grundherrschaftlicher Bindungen des Feudalzeitalters. Wer die Erlaubnis von wem auch immer eingeholt hat, durfte urlauben. Doch was folgte nach erteilter Erlaubnis zum Urlaub in der Zeit vor der Pandemie? Es war die Transformation durch Bewegung. Üblicherweise vollzog sie sich eingepfercht in einer Maschine, die weite Strecken überwindet, Flugzeug, Auto, Bahn – sie waren die Zauberformeln der Translokation. Der Raum zwischen Gewohnheit und Andersheit wurde oft nur in einem negierenden Akt überwunden: möglichst schnell, möglichst bequem hindurch ohne störende Nebeneffekte, wie Sehenswürdigkeiten oder Reifenpannen. Kinder wurden mit Hilfe von Videofilmen, -spielen und mäßiger Zuckerzufuhr sediert. Dann endlich die Ankunft. Der Transformationsraum war überwunden worden, die Urlaubsunterkunft wurde bezogen. Dort war zumindest schon einmal der Ort anders. Aber gut urlaubt nur, wer so viel wie möglich anders macht als im Gewohnten. Nach der inneren Uhr aufstehen und ins Bett gehen. Alkohol trinken oder gerade keinen, kochen, lesen, schreiben, fotografieren, malen, tauchen, schwimmen, mit dem Rad fahren, wandern oder was es sonst noch für Betätigungen gibt, die nicht alltäglich sind. Was sich hinter all diesen Phänomenen des Urlaubs versteckt, möchte ich gleich im Anschluss betrachten. Neben dem Ortswechsel und der Transformation scheint auch der Zeit eine Rolle zu spielen. Den Urlaub begrenzt ein Zeitraum. Erlaubnis zum Urlaub erhalten die Menschen nur, um danach um so besser das Gewohnte bewältigen zu können. Am Ende des Urlaubs geht es deswegen kehrt um, den Weg durch den Transformationsraum zurück. Der Zauberspruch wird genutzt für den rückkehrenden Eingang in die Welt, die das Übliche ist. Am Urlaubsort stecken sich die Urlaubskaninchen in den Zauberhut der Mobilität, am Ankunftsort greift der Alltag hinein und zieht die erholten Menschen hervor. Eine stete Geburt des Gewohnten und des Anderen hatte sich ehemals vor der Pandemie in der Urlaubsgesellschaft vollzogen. 

Aber nun herrscht Corona. Was nun? Die Pandemie lässt ähnlich wie der Klimawandel hinterfragen, wie sehr der Ortswechsel und vor allem der genutzte Zauberspruch der Translokation gefährlich für Leib und Leben ist. Manche fragen sogar, ob moralisch vertretbar. 

Kurzum: Regelbruch formuliert das Ziel des Urlaubs. Mobilität ermöglichte durch fossile Technik den Regelbruch komfortabel auf einer lokalen Ebene zu vollziehen. Sollte diese Transformation durch Translokation als verbindlichste Form des Urlaubs wegfallen, was bleibt? Corona und der Klimawandel machen schließlich das undenkbare möglich: Ein neuer Lebensvollzug, der mit weniger Mobilität und mit weniger Ortswechsel auskommen muss, etabliert sich gerade. Was bedeutet das aber für den Urlaub? Natürlich das, was ihn ausmacht, der Regelbruch, die Transformation vom Alltag ins Andere. Fällt der Urlaubsort weg, der uns ermöglichte, gelebte Regeln aus den lokalen Gegebenheiten abzuleiten, um das Andere zu erleben, heißt das noch lange nicht, dass sich dasselbe Prinzip nicht am Ort des Alltags ausleben ließe. 

Urlaub wird folglich zur Transformation des Alltagsorts in den Urlaubsort. Es ist auch klar, wie das möglich ist: Möglichkeiten unserer Wohnorte nutzen wir nur zu einem Bruchteil. Urlaub in der Nachcoronazeit und in der Epoche des Klimawandels könnte also in der Aktivierung des Unbekannten und Unbewussten vor der Haustür liegen. Folglich wird ein anderer Transformationsprozess notwendig: Unsichtbares des Alltagsorts sichtbar machen. Die Notwendigkeit der Transformation durch Mobilität verringert sich, der Alltagsort, an dem andere Regeln möglich sind wandelt sich. Weniger betrifft das, seine Ausformung in der Wirklichkeit als die individuelle Simulation, die kognitive Konstruktion von ihm. Urlaub wird zur Kopfsache. Entspannen und erholen ließe sich darin vortrefflich, allein es gibt eine Konstruktion, die mehr Macht eignet, die soziale, die Urlaub nur in der Form denken lässt, wie wir sie vor Corona gekannt haben. Aber darin offenbaren sich nur konstruierte Werte einer Gesellschaft, die schnell andere werden können. Zigaretten interessieren kaum mehr, obgleich am Beginn des 20. Jahrhunderts noch alle Menschen rauchen wollten. Leben und Gesundheit erscheinen heute teurer als die Verheißung einer Zigarette. Alkohol wird wohl ein ähnliches Schicksal widerfahren. Folglich bleibt nur eines: Warten auf die neuen Werte. Warten auf den neuen Urlaub, der sein wird, was er schon immer war: ein Regelbruch ohne lokale Transformation, ohne überbordende Mobilität. 

Frauen und die Authentizität des Memminger Fischerfests

Memmingens neue Fischerinnen
Über die Authentizität des Memminger Fischerfests 

Memmingen – diese beeindruckende Stadt mit ihrem umfassenden historischen Bestand hat ein Ritual, das Ausfischen des Stadtbachs. Eine gerade in der Frühen Neuzeit unerlässlich wichtige Angelegenheit. Denn wer glaubt, es hätte beispielsweise um 1700 keine Wasserverschmutzung gegeben, irrt. Die Bäche der Reichstädte mussten jährlich gereinigt werden, weil sie voller Schmutz, Großteils abgelagerten Kot, zu einer veritablen Gefahr wurden. Erhöhte sich die Sohle der Stadtbäche durch den Schmutz, wurden bei umfangreichen Niederschlägen die Überschwemmungsgefahr und der Schaden für die Stadt größer. Also mussten die Ablagerungen aus dem Bett des Stadtbachs herausgeholt werden. Wasser für den Bach stammt in Memmingen aus dem Beninnger Ried. Der Stadtbach, die Memminger Ach, entwässerte und entwässert es noch heute. Das Ried liegt zwischen Beninngen und Memmingen. Die Memminger Ach war Teil einer leider nicht mehr erhaltenen Wasserkunst und gehörte zu den Sieben Memminger Wahrzeichen. In Augsburg wurde eine noch komplexeres Wasserkunst aufgrund ihres Erhaltungszustands zum UNESCO-Welterbe erhoben. Memmingen hingegen hat die Wasserkunst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entfernt. Übrig geblieben ist der Stadtbach. Der bis heute wegen der Ablagerungen gereinigt werden muss. Gegenwärtig nicht mehr wegen der Fäkalien. In Augsburg fällt die Reinigung traditionell immer noch zwei Mal im Jahr an. Auch wenn die Verschmutzung nicht mehr so schwerwiegend ist wie in früheren Zeiten, als es noch keine Kanalisation gab. Während in Augsburg kein Aufheben bezüglich der Reinigung gemacht wird, ritualisierte sich in Memmingen diese jährliche Pflege des Stadtbachs. Sie oblag im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation den Zünften, die auch die Hauptnutznießer des Bachs waren. So institutionalisierte sich das Fischerfest. Bevor der Stadtbach abgelassen werden konnte, um ihn von den Ablagerungen zu befreien, mussten die Fische herausgeholt werden. Entgelt der Mühen der Zünfte waren sie. Das Ausfischen, dessen ritueller Pflege sich im 20. Jahrhundert ein Verein angenommen hatte, wurde durch eine Satzung reglementiert. Natürlich waren es um 1900 Männer, die ausfischen durften, keineswegs Frauen. Es dürfte verständlich sein, warum das so war. Es gab keine Gleichstellung. Aber auch historisch-traditionell waren die Zünfte im alten Reich männerdominiert. Frauen traten rechtlich oft nur dann in Erscheinung, wenn sie die Zunftgerechtigkeit ihrer Männer erbten, neu heiraten und sie dem neuen Mann übertrugen. Das exklusive System der Zünfte ließ wenig Spielraum. Die Pflege des Stadtbachs war damit Männersache – eine nicht ganz angenehme wohl obendrein. 

Nun gab es gerade in diesen Tagen ein noch nicht rechtsgültiges Gerichtsurteil: Auch Frauen dürfen ausfischen, Tradition wiege nicht so schwer wie Gleichberechtigung. Für Traditionalisten dürfte das sicherlich ein hartes Brot darstellen.

Aber ist damit die Authentizität des Fischerfests in Gefahr? 

Die Wirkungen des Urteils lassen sich nach den historischen Werten abfragen, die möglicherweise zunichte gemacht werden. Dazu dient die folgende Tabelle historischer Werte: 

Kategorientabelle: Historische Werte zur Authentizitätsermittlung

Epistemischer Historischer Wert: 

Die soziale Konstruktion, sie besteht aus Wissensbeständen über den Ritus, des Fischerfests wird letztlich nur erweitert, weil auch das Fischerfest sich nicht außerhalb der Zeit befindet, sondern in der Zeit bewegt wird und damit sowieso Wandelungen und steten Veränderungen unterliegt. Nun gibt es eine neue Erzählung, die das Fischerfest anreichert: Frau X hatte auf Gleichstellung der Frauen geklagt und im Jahr 2020 ihr Recht bekommen, auch wenn es noch nicht rechtsgültig ist. Dadurch wird aber die übrige soziale Konstruktion über das Fischerfest nicht angetastet. Es wird lediglich erweitert. Der epistemische Historische Wert des Fischerfests ist nicht in Gefahr. 

Lokaler Historischer Wert: 

An dem Austragungsort des Fests ändert sich nichts. Der Stadtbach bleibt weiterhin als authentischer Ort des Fests bestehen. 

Materieller Historischer Wert:

Hier wird die Beurteilung schwierig, weil es sich um einen Ritus handelt, der sich in Handlungen flüchtig, aber alljährlich materialisiert. Hier ändert sich sehr wohl etwas, wenn nun die Handlungen auch von Frauen ausgeführt werden können. Auch die andere materielle Äußerung des Fischerfests, die Satzung des Vereins, muss sich ändern. Aber auch das ist nichts Neues, denn beispielsweise die Kritik von Tierschutzverbänden hat Änderungen der Satzung bereits notwendig gemacht. Wandel ist für alles, das in der Zeit ist, Normalität. Der materielle historische Wert bleibt größtenteils weiterhin erhalten, lediglich übliche und notwendige Änderungen vollziehen sich. Erhaltung der reinen Tradition widerspräche dem Leben. 

Temporaler Historischer Wert:

Das Spektakle des Ausfischens ist seit vielen Jahrhunderten belegt durch Archivalien des Stadtarchivs. Es befindet sich in der Zeit, es ist geschichtlich und gerade seine Geschichtlichkeit macht es authentisch. Zur Geschichtlichkeit gehört geradezu der Wandel, wie der Wandel eines Menschen, der in seiner Biografie sichtbar wird. Der Wandel macht authentisch, einzigartig unverwechselbar. Auch dieser Historische Wert wird nicht angegriffen. Niemand würde zum zünftischen „Ursprung“ – was das auch immer sei – des Fischerfests zurückkehren können, denn das Heilige Römische Reich deutscher Nation gibt es genauso wenig wie das Zunftwesen. Also auch hier ist die Authentizität des Fischerfests nicht durch das Urteil in Gefahr. 

Ästhetischer Historischer Wert:

Dieser Wert erfasst das Wahrzunehmende des Ritus des Ausfischens. Wird es zeitautonom-historisch betrieben? Sehen die Fischer aus wie um 1700? Das ist nicht der Fall, obgleich im Rahmen des Wallensteinfests durchaus eine historische Ästhetik des 17. Jahrhunderts gepflegt wird. Doch die Fischer, bald womöglich auch die Fischerinnen, pflegen und pflegten diesen historischen Wert nicht. Sie stiegen und steigen immer zeitgemäß gekleidet in den Bach. 

Idealistischer Historischer Wert:

Das Prinzip des Ausfischens wird mit ihm erfasst, die abstrakten Strukturen, die in der Vereinssatzung festgehalten werden: Ausfischen, das Aussehen und die Größe des Fangwerkzeuges (Bären), der (die) Fischerkönig (in), das Schlachten der Fische. Diese historischen Prinzipien werden nicht durch das neue Recht der Frauen angetastet. Auch hier bleibt der Historische Wert erhalten. 

Authentizität? 

Die Summe der historischen Werte geben auf die Frage nach der Authentizität des Fischerfests Antwort: Sie wird durch das Urteil nicht angetastet. Trotz dem neuen Recht der Frauen, bleibt es auch weiterhin historisch, historisch wertvoll und authentisch. 

Kürzlich erschienen: Die authentische Stadt

Kürzlich erschienen als ebook: Die authentische Stadt. Urbane Resilienz und Denkmalkult, Wien 2020. (Print-Version im Oktober 2020)

Das Verbot der EU von Einweggeschirr und Trinkhalmen aus Kunststoff ab 2021 markiert ein gewaltiges Problem der Konsumgesellschaft: Noch immer ist die Kreislaufwirtschaft zu wenig ausgeprägt. Ressourcen werden aufgebraucht, aber nicht rückgeführt, CO2 wird freigesetzt, aber nicht wieder gebunden. Für einen effektiven Klimaschutz ließen sich an mannigfaltigen Stellschrauben drehen. Nicht nur durch ein Verbot von Einweggeschirr, sondern auch in der Bauwirtschaft. Bislang wird dort wirtschaftlich kostenbezogen gedacht: Sobald sich ein Gebäude amortisiert hat, kann es abgerissen werden, weil die Sanierungs- und Unterhaltskosten zu hoch, der Baustandard zu alt ist. Das wäre in der Tat auch kein Problem, wenn der Cradle-to-Cradle-Grundsatz eingehalten werden würde, das heißt, wenn der Baubestand in CO2-neutral in Kreislaufprozesse eingebunden werden könnte. Das funktioniert bedauerlicherweise bislang nicht. Beton, aber auch Ziegel verbrauchen in der Herstellung Unmengen an Energie und setzen Unmengen an C02 frei. Werden sie, wie momentan noch üblich, abgerissen und verkippt, entstehen gewaltige energetische Dissonanzen. Eine andere Möglichkeit läge darin, den Baubestand zu nutzen und weiterzuentwickeln, auch wenn er sich amortisiert hat. 

An dieser Stelle setzt das Leitbild „Authentische Stadt“ an. Baubestand wird darin als Kulturerbe verstanden, an dem Vergangenheit sichtbar gemacht werden kann. Eine Stadt besteht nicht nur aus Materie, sondern in weit höherem Maße aus sozialer Konstruktion, also Wissen über die Materie. Sie zu entwickeln ist die Absicht des Leitbilds „Authentische Stadt“. In der gleichnamigen Publikation werden die (semiotische) Beziehungen von Materie und sozialer Konstruktion untersucht. Der Begriff des Originals, der für das 20. Jahrhundert so wichtig war, wird dekonstruiert und der neutrale Begriff des Authentischen dagegengesetzt. Authentizität entsteht aus einer Reihe von historischen Werten, die in der Publikation aus vielen Beispielen hergeleitet werden. Auch eine Anleitung zur Anwendung des Leitbilds Authentische Stadt“ findet sich darin. Sie spricht sich für den Erhalt von Bausubstanz aus, aber auch für deren ökonomische und ökologische Weiterentwicklung, nicht für deren Musealisierung. 

Wenn Baubestand erhalten bleiben und weiterentwickelt werden soll, dann bedarf es einer Methode ihn nach Authentizitätsprinzipien zu analysieren. Genau dafür ist „Die authentische Stadt. Urbane Resilienz und Denkmalkult“ geschrieben worden. Gefördert wurde das Buchprojekt von der Stadt Wien.

– Für eine andere Baukultur, die das Klima genauso wie kulturelles Erbe schützt. 

Erhältlich im Buchhandel und sofort für den download bereit.

Rezensionsanfragen: presse@passagen.at

Virus? Niemals! Ein Mensch!

Virus? – Niemals! Ein Mensch!

Das anthropomorphe Verursacherprinzip

In meiner Kindheit lernte ich ein irritierendes Phänomen kennen. An einem Fluss, nach dem die letzte Kaltzeit im Alpenraum benannt worden war, wuchs ich auf. Stolz war ich auf den Namen: Würm-Kaltzeit oder Würmeiszeit. Diese Würm, eigentlich kein schöner Name, roch nicht wirklich gut, außerdem hatten die Behörden ein Badeverbot verhängt, weil sich ein Haufen von Kolibakterien mit wenigen Wassermolekülen um das Flussbett stritten. Das lag an einer nicht fertiggebauten Kläranlage. Aber in den Bakterien vebarg sich nicht das irritierende Phänomen. Es bestand im Umgang der Anwohner mit dem Fluss. 

Die Maße der Würm lassen es nicht zu, von einem großen Fluss oder gar von einem Strom zu sprechen. Für Nichtschwimmer oder nicht geübte Schwimmer konnte die Würm jedoch tödlich sein. Deswegen durften alle kleineren Kinder aus der Nachbarschaft nicht nahe an ihren Ufern spielen. Begründet wurde das mit einer mythischen Wesen, einem ominösen Wassermann oder auch Nix, der, wenn er an dem Ufer ein Kind wahrnehme, mit seinen nassen kühlen Fingern das Kind packe und in den Fluss ziehe, um es mit sich zu nehmen. So viele Geschichten werden von ihm und seinesgleichen erzählt. In Tirol heißt der Blutschink. Ein anthropomorphes Hybridmonster, das es auf Kinder abgesehen hat. Dann gibt es den tschechischen Vodník oder den schottischen Shellycoat. Sie alle angelten oder griffen nach den Kindern am Ufer. 

Schaden konnte nicht von einem Fluss ausgehen, sondern nur von einem anthropomorphen Wesen: Ein Mann, der im Wasser wohnt und Böses über die Menschen bringen möchte. Irritierend ist auch der Glaube, Kindern könnten Gefahren nicht anders klar gemacht werden als durch die Wesen des Bösen, seien sie auch noch so irreal. Aber als Spiegelbild der göttlich-heilig-guten Wesen lassen sie sich perfekt in das christliche vormoderne Weltbild einfügen, dessen Auswirkungen noch heute in Nikolaus (katholisch), Weihnachtmann (protestantisch), Christkind und Osterhase die höheren Mächte in ihrem Gutsein nahebringen. Es ist offenbar schwer für Menschen den Weltenlauf ohne das Wollen und Zutun von Menschen oder menschenähnlichen Wesen zu akzeptieren. Da werden Götter konstruiert, die wie Menschen aussehen, da werden Hexen und Hexer erzeugt, weil das Wetter schlecht ist, da werden Judenheiten und andere Minderheiten zu den Tätern und Verursachern von Pandemien erklärt und erbittert diskriminiert, bekämpft und getötet. Konstruierte Kausalitäten von Phänomen und Täter, seien sie auch noch so weit hergeholt, geben offenbar ein Gefühl der Geborgenheit und Sicherheit, vor allem der Kontrollierbarkeit. Die unbekannte Gefahr wurde und wird greifbar, konnte entweder gelyncht werden oder beschuldigt, gefoltert und sodann gerichtet werden. Mit dieser anthropomorphen Schuldkonstruktion gaben sich die Menschen der Illusion hin, das unsichtbare Böse wieder beherrschen zu können. Schuldige wurden für die unerklärliche Phänomene des Bösen belangt, die das Leben einschränkten. Selbst die Erklärungen, für die Gott herangezogen wurde, beinhalteten menschliche Eigenschaften: der strafende, der rächende Gott war es dann, der die Menschheit mit den Pocken bestrafte. Wer dagegen Jenners Vaccination einsetzte, wurde folgerichtig zum Gotteslästerer erklärt. Hauptsache eine anthropomorphe Erklärung konnte herangezogen werden, schon war und ist der Mensch zufrieden. Menschen brauchen Verursacherinnen und Verursacher, sie akzeptieren nur schwerlich die Launen der Natur. 

Einmal passierte das Entsetzliche in meiner Kindheit: Ein Mädchen aus der Nachbarschaft war verschwunden. Unauffindbar. Für uns Kinder war es naheliegend, den Wassermann verantwortlich zu machen. Aber der fiel den Erwachsenen gar nicht erst ein. Sie reagierten gereizt auf unsere Schreckensvermutungen. Auch verwarfen sie die weitaus realistische Erklärung, das Mädchen sei in den Fluss gefallen und ertrunken – ein banaler schrecklicher, ein schrecklich banaler Unfall. Das Prinzip Hoffnung stand gegen diesen Deutungsversuch. Nun wurde deswegen ein böser Mann vermutet, der das Mädchen entführt habe. Verdächtigungen wurden ausgesprochen. Die Polizei suchte vergeblich. Dann, zwei Wochen später, wurde das Mädchen gefunden. Im Wasser hatte es sich in dem Rechen eines Wehres verfangen und die unangenehmste aller Erklärungen verwandelte sich in die wahrscheinlichste: der Unfall, der sich wohl still und schnell vollzogen hatte, unbemerkt von den Menschen. Die schreckliche Gewissheit ließ keinen Platz mehr für anthropomorphe Schuldige, weder für den Wassermann, noch für den Entführer. 

Die gewaltige Eigendynamik, die das anthropomorphe Verursacherprinzip mit sich bringt, trägt das Potential der Lösung durch Gewalt in sich. Das scheint heute nicht anders zu sein, als während der Judenpogrome des Jahres 1348, der Hexenprozesse während der Kleinen Eiszeit und der Shoa des 20. Jahrhunderts. 

An der vormodernen Rechtspraxis lässt sich die Funktionsweise gut studieren: Bestraft wurde öffentlich. Verurteilte wurden nicht in der Strafpraxis geläutert, es ging vielmehr um Abschreckung, aber auch um eindeutige Schuldzuweisung und Bereinigung von Schuld im Strafritual: Die kognitive Dissonanz, die strafrelevante oder natürliche Phänomene, wie bedrohliches zerstörerisches Wetter, hervorgerufen hatten, wurde durch die öffentlich vollzogene Strafe neutralisiert, die Normalität des Lebens wieder hergestellt und mit ihr die Hoffnung auf das Ende der Anomalie. Mit diesen als vormodern verharmlosten Praktiken, die aber offenbar Faktoren unseres scheinbar zivilisierten Lebens sind, die immer wieder auftauchen können, haben wir es heute in unserer Pandemie zu tun. Sie lassen uns einen Hauch davon erahnen, wie die Pest im 14. Jahrhundert wahrgenommen wurde. – Im Blick auf das Virus wird aber auch klar: Wir sind nie vollkommen modern gewesen und werden es wohl auch nie werden. 

The Good Life – was sonst!

The Good Life – was sonst! Corona und das gute Leben

Baden-Baden nennt sich nach einem historischen Territorium, das es schon lange nicht mehr gibt. Die Doppelung erklärt sich gut mit dem anderen längst vergangenen badischen Territorium, Baden-Durlach. In Durlach wurde regiert, dort lag die Residenz Baden-Durlachs. Ebenso verhält es sich mit der Stadt Baden. Über ihr siedelte bis zum Pfälzer Erbfolgekrieg das Residenzschloss des badischen Teilterritoriums – Baden-Baden. Längst übertrug sich der Namen des Territoriums auf die Stadt. 

Ein Spaziergang durch Baden-Baden verunmöglicht es, sich an einer weiteren Wiederholung vorbeizuschmuggeln, dem Stadtslogan: The Good-Good Life. Nicht einfach The Good Life, nein, The Good-Good Life lässt sich hier finden. Was für eine Verheißung! Eine Aussage mit Tiefgangpotentialnucleus oder mit banalster Normalnulldominanz der Oberfläche. 

Wir alle wollen es, das gute Leben. Und wie Hartmut Rosa es bereits analysierte, es geht nur mit Entschleunigung, mit Reduktion, mit Umbewertung unserer Möglichkeiten. Das gute Leben ist Ziel und Sinn des Lebens. Zwar heißt es auch ganz funktionalistisch: Der Sinn des Lebens ist zu leben. Aber der Satz erscheint so vegetativ, so unkultiviert, so unmenschlich. Das vegetative Leben reicht doch nicht für das gute Leben!

The Good Life besteht aus einigen systemischen Fixpunkten: Existenzsicherung, reichhaltige soziale Konstruktion über die dingliche Wirklichkeit, Möglichkeiten, die geschaffene kulturellen Produkte zu genießen, die Menschenhand entwickelt hat, Möglichkeiten der kulturellen Produktion zu erschaffen sowie unbeschwerte Zeit für deren Genuss. Der Mensch als Demiurg, der Welten des Schönen erschafft und darüber spricht! Seine Werke zu genießen, ist eine der Grundlagen des Good Life. Genieße wahrnehmend das Geschaffene und erschaffe das Genossene durch den Genuss es zu kommunizieren! Darin liegt das Geheimnis des Good Life

So deutlich wie in der Coronazeit war uns das wohl noch nie bewusst. Es gibt kein Good Life ohne die Produkte der Kulturen, der Erzeugnisse aus Menschenhand der Demiurginnen und Demiurgen und ohne die Kommunikation über sie. Die Kommunikation erschafft Mythen, Lebenselixiere einer übervegetativen Lebensauffassung, die uns in die Pflicht nimmt, unsere Existenz zu erhalten und den Genuss des Schönen zu ermöglichen. 

Einen Fixpunkt des Good Life hat uns Corona geschenkt: die Entschleunigung. Es ist zu hoffen, sie zu erhalten, auch auf für das Klima und damit für unsere Existenz. Nun brauchen wir nur noch die Kultur zurück. Sie ist in der Tat nicht „systemrelevant“, denn in einem System gibt es keinen Teil, der systemrelevanter sein könnte als ein anderer. Möge das Unwort des Jahres 2020 dazu führen unser System in seiner Relevanz zu erkennen.

Wir brauchen Wege zum Schönen. 

Maître du temps: Au revoir Claude, au revoir Prince d’Abomey. Une nécrologie

Maître du temps: Au revoir Claude, au revoir Prince d’Abomey. Une nécrologie

Aucune information: je ne sais pas comment, je ne sais pas quand. À un moment donné en juillet 2020, Claude Kalume Wa Mukadi Dah Vignon, prince d’Abomey / Bénin, a disparu de ce monde pour passer à celui des ancêtres. Aucune nécrologie ne peut être trouvée sur Internet pour une personne étonnamment remarquable: militant des droits civiques, militant pour la paix, poissonnier, conférencier, médiateur de l’Afrique en théorie et en pratique, citoyen originaire de Munich, né en République du Congo. Controversé, ridiculisé, adoré, admiré – un homme grand et évidemment inconnu. La dernière trace que j’ai de lui se trouve dans ma boîte e-mail. Là, il m’a écrit au début de janvier 2018: «Je te souhaite, en 2018, bonne chance, bonne santé, grandes expériences positives. J’espère te revoir. Claude.« J’ai répondu que je l’appellerai bientôt. Mais je ne l’ai pas fait. Trop d’autres choses pressées. C’était une période difficile pour moi. Donc, notre rencontre n’a jamais eu lieu, j’espérais la prochaine opportunité. Maintenant, il s’avère que c’était la dernière pour moi de le revoir. Il est gaspillé et ne reviendra pas. Maintenant, c’est la mémoire.

Pour un Européen comme moi, Claude était un énorme défi. Mais j’aimerais raconter l’histoire depuis le début: un ami commun, Jörg Linke, nous a réunis au printemps ou à l’été 2004. Il faut célébrer 10 ans de démocratie en Afrique du Sud. Un spectacle avec une table ronde, de la musique, une salutation du Consul général, ancien maire de Cape Town. La modération, le co-commentateur lors de la table ronde et la modération du consul général étaient mes tâches. Des conversations, de nombreux contacts, du vin sud-africain, de la cuisine africaine et de la danse ont été payés. Claude a organisé le repas et il a eu une idée pour la table ronde: il voulait, c’était toujours sa mission, rapprocher l’Afrique des Européens. Son concept était basé sur un dialogue entre l’Africain – Claude – et l’Européen – moi. Il s’est avéré assez bien que je n’avais tout simplement aucune idée de l’Afrique. Pour autant que je me souvienne, cette conférence, ou plutôt ce dialogue, a été annoncée sous la devise «L’Europe a l’horloge, l’Afrique le temps». Mon travail consistait à jouer le rôle du colonialiste et à argumenter dans cette perspective et – à perdre. Claude, d’un autre côté, était l’Africain supérieur sage et narratif qui m’a fait comprendre à quel point j’étais colonialiste, même si je n’en étais même pas conscient. 

Une expérience intéressante et éducative. Claude a mis une anecdote après l’autre. Un système narratif additif de narration, un principe narratif que jusque-là je n’avais entendu que d’E.T.A. Hoffmann savait si je devais organiser et diriger et aussi diriger dramaturgiquement afin de l’européaniser lui et sa narration. Il m’avait donc positionné comme le chef colonial des arguments et des récits et m’avait constamment demandé ce rôle. Ces multiples ruptures dans les relations entre l’Afrique et l’Europe étaient typiques de lui. Tout était toujours dans l’équilibre, le but: la déconstruction de positions auxquelles on croyait fermement. Pour moi, cette conversation était une expérience imprévisible. Claude m’avait raconté quelques-unes de ses anecdotes, mais celle qu’il allait dire maintenant comment je devrais y faire face n’était pas prévue. «Nous allons faire ça. Cela fonctionnera bien. Tu verras », dit-il. Seuls des principes de base généraux ont été établis. Comme je pouvais jongler avec des inconnus et que j’étais pratiqué dans l’improvisation, je pensais que j’étais en quelque sorte à la hauteur. Il n’y avait en fait aucune autre préparation pour cette conversation devant un public pas trop grand, mais pas trop petit non plus. Mais je devrais bientôt me rendre compte que les accords n’étaient ni vraiment possibles ni nécessaires. S’impliquer en Afrique, c’est le sujet de cette conversation.

Le début de notre table ronde se rapprochait. Nous nous sommes assis sur un banc rouge et avons commencé à parler de nulle part au public encore bavard, qui était dans une tente chaude et surpeuplée avec nous. Claude a provoqué avec des déclarations pourquoi moi, l’Européen, j’étais responsable de la mort de tant d’Africains au Congo, au Rwanda. Le génocide des Héros et ma proximité avec Lothar von Trotha m’ont été montrés sur notre confortable banc rouge. Notre incapacité européenne à vivre la diversité, il m’a enduit pouce par pouce d’une quantité infinie de charme et d’esprit sur mon sandwich allemand. Pourquoi ne pouvons-nous pas comprendre que le culte des ancêtres est pratiqué le matin, que l’homme-médecine vient et que le chapelet est dit dans l’église le soir? Le chamanisme et le pape étaient un merveilleux match. L’Afrique est inclusive, l’Europe exclusive. Tout ce qui ne va pas selon notre ordre est mauvais et doit être prosélytisé. Mais en fait on devrait dire: Oubliez l’Afrique, elle pourrait s’aider elle-même. Il était de cet avis. Toute «aide au développement» est un acte de colonialisme! Claude Kalume m’a demandé beaucoup d’improvisation. J’ai quitté la table ronde avec le sentiment d’avoir complètement échoué. Ce qu’il voulait de moi, je ne l’avais pas réalisé à mes yeux. Mais il a évidemment vu les choses différemment. Depuis ce soir, nous sommes en contact régulier. A cette époque, il était encore Claude et non prince d’Abomey.

Il voulait avoir toute une série de tables rondes avec moi sur l’Afrique et l’Europe. Mais il n’y en avait qu’un de plus. Il a eu lieu à Tutzing et s’intitulait «Du schwarz, ich weiß!». Un jeu de mots allemand, selon son goût: „Ich weiß“, ça signifie deux chose: je suis blanc et je sais. La discussion était prévue pour 19h30. Nous avions convenu de nous réunir vers 18h00 pour discuter de la soirée et la structurer un peu. J’avais la montre, j’étais l’Européen et j’étais à l’heure. Claude n’est pas venu. Il avait le temps. À 19 heures, je suis devenu agité, car j’aurais aimé lui parler du processus pendant au moins quelques minutes. Mais Claude n’est tout simplement pas venu. Je l’ai appelé. Une première fois, une deuxième fois, une troisième. Mais Claude n’a pas répondu au téléphone. Je n’avais pas d’autre choix que d’apprendre ce que signifie n’avoir qu’une seule montre. La maison Roncalli, le lieu, se remplissait. De plus en plus d’Européens munis d’horloges étaient assis dans les rangées de la salle de conférence. Chacun me regarda avec impatience. Et que dire de Claude? Il est resté à l’écart de cette impatience. Il était 19 h 40 et les Européens avec les montres au poignet s’impatientaient. L’organisateur m’a demandé où allait Claude, m’a reproché son absence. Mais je ne savais pas. A 19h45, l’Européen en moi a décidé de monter sur scène et de parler d’Europe et d’Afrique en préparation jusqu’à ce que Claude Kalume Mukadi vienne finalement. Des spécialistes de l’Afrique de l’Académie pour l’éducation politique de Tutzing étaient assis dans la salle. C’était horrible parce que je n’étais pas un expert, j’étais juste l’Européen qui animait. Je n’ai aucun souvenir de ce que je disais sur scène en détail.

Mais le calme me revint lentement car je sentais que l’Afrique m’avait atteint. Je n’étais plus assis sur une scène, il n’y avait pas de rangées de chaises devant moi, j’étais assis sous un baobab et je racontais sur Claude ce que je savais de lui, quelle sagesse je savais de lui. J’ai également raconté des histoires de mon point de vue. Il était 20 h 15, 20 h 20, après quoi j’ai arrêté de regarder mon poignet. À un moment donné, tout à coup, Claude est venu s’asseoir à côté de moi sur la chaise qui était vacante depuis si longtemps. Il n’a pas dit un mot sur le retard. Après tout, il avait le temps. Il était maître du temps. Nous avons entamé notre conversation, elle s’est déroulée d’elle-même, nous avons parlé au public et évidemment ils n’étaient pas mécontents. Claude n’a pas lésiné sur la critique et l’autocritique et il nous a donné une chose en cours de route: „Vous vous définissez par les choses – mais être humain n’est possible que par les autres!“ Certains jours, il était une machine à aphorisme. Chaque minute, ils volaient autour des oreilles de ses interlocuteurs, souvent dans le café de la Beethovenplatz à Munich. Nous avons suivi notre propre chemin. Claude est sacré prince d’Abomey, devient diplomate, ambassadeur de la paix, rapproche l’Afrique de l’Europe et l’Europe des Européens. Je l’ai vu de loin à des conférences qu’il donnait maintenant seul. Il a continué à déconstruire et a levé le miroir. Il avait raison sur beaucoup de choses. Tu as toujours raison, Claude. Dans ta compréhension du monde, tu es plus parmi nous, même si dans un monde parallèle.

Koalition des Niedergangs: CO2 und SPD

Olaf Scholz wird niemals Kanzler der Bundesrepublik Deutschland werden. Der Grund liegt auf der Hand: Die CO2-Konzentration in der Stratosphäre ist schlichtweg zu hoch.

Olaf Scholz wird SPD-Kanzlerkandidat. Glückwunsch! Nun könnte der politische Reigen beginnen, hätte er einen Widerpart. Aber der fehlt bislang. Auch mit einem Gegenspieler dürfte klar sein: Kanzler wird Scholz niemals werden, obgleich er sehr sympathisch wirkt und offenbar als Politiker Kompetenzen und Führungsstärke vorweisen kann. Und doch: Seine Nominierung ist so ehrenvoll wie aussichtslos. Das liegt nicht an ihm, sondern an der CO2-Konzentration in der Stratosphäre. Je mehr CO2-Ausstoß, desto schlechter die Ergebnisse der ältesten deutschen Partei. Diese These des Niedergangs der SPD scheint nur auf den ersten Blick etwas weiter aus den peripheren Regionen intellektuell-politischen Spieltriebs hergeholt zu sein. Nun, es handelt sich auch nicht um eine evidente kausale Verknüpfung von COund SPD, so doch um zwei Phänomene, bewirkt durch die konsequente und massenhafte Nutzung von fossilen Energieträgern. Beim CO2 zeigt sich das ganz offensichtlich: Ohne die massive Energiegewinnung aus fossilen Brennstoffen wäre der CO2-Gehalt in der Atmosphäre nicht gegeben. Die Aussage, ohne die Verbrennung fossiler Ressourcen gäbe es die SPD nicht, fordert dagegen ein wenig mehr erklärende Details. 

c: Olaf Kosinsky / kosinsky.eu

SPD – die Rauchgeborene

Ein Blick ins 19. Jahrhundert legt offen, wie sehr moderne Staatlichkeit, Demokratie, Ende der vorherrschenden Agrarwirtschaft und Beginn der Industrialisierung zusammenhängen. Sie alle drehen sich Planetengleich um die Sonne der exothermen Freisetzung von fossil gespeicherter Energie. Verbrennung, Rauchschwaden, Schlote agierten als Zeugen des Fortschritts. Was auch immer dampfte, rauchte und stank, es war gut. Die Bauernbefreiung ohne Verbrennung? – Unvorstellbar. Der Finanzbedarf moderner Staaten ohne fossile Brennstoffe? – Nicht zu decken! Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung, Partizipation – nicht ohne Industrialisierung und Industrialisierung nicht ohne CO2-Emissionen. Die alten grundherrschaftlichen / gutsherrschaftlichen Bindungen zerbrachen 1848 zu einer Zeit, in der etwas Neues erschien und möglich geworden war: die Arbeiterschaft. Sie, die Rauchgeborene, verängstigt beäugt von Adel und Bürgertum, schlug plötzlich in den Städten als anthropogenes Phänomen exothermer Reaktionen auf. Ihre Rechte, ihre Pflichten befanden sich in einem Bereich urbaner Wildheit, hatten sich noch nicht konstituiert. Die Arbeiterschaft, Untertanin der Maschinen, Maschinistin der aufstrebenden Wirtschaftsmächte, rußgeschwärzt eifrig Kohlen in die Brennkammern der Moderne schaufelnd, als Arbeitskraft ausgebeutet und nicht mit partizipativen Möglichkeiten und Rechten innerhalb der Gesellschaft ausgestattet, war angewiesen auf eine politische Vertretung. Um die Arbeiterschaft als Vollenderin Prometheus‘ Diebestat zu verstehen, als die Grundlage des Wohlstands der modernen Zivilisationen, dafür bedurfte es der SPD und ihrer Vorgängerinnen. Wie keine andere Partei verwob sie auf maschinellen Webstühlen in den Shedhallen der Textilindustrie die verschiedenen Fäden des 19. Jahrhunderts zum roten Tuch, das als Schal noch heute die Hälse vieler Genossinnen und Genossen ziert, ein Tuch aus den mechanischen Webstühlen, angetrieben durch exotherme Reaktion mit der kollateralen Wirkung der Erderwärmung.

Symbol der Emissionsgesellschaft

Es gibt viele Gründe für den Niedergang der SPD. Aber die Koalition von Politik und Verbrennung, von Fossilem und Sozialem, die Offensichtlichkeit des jahrzehntelangen Nutzens der CO2-Emissionen kulminieren in der SPD. Sie tat und tut sich immer noch so ungemein schwer mit dem Klimaschutz und das nicht von ungefähr, sondern weil sie die Partei darstellt, die der Emissionsgesellschaft all ihre Rechte und Pflichten ordnete. Sie war Heilsbringerin und ebenso segensreich, wie die Nutzung der fossilen Energieträger den Wohlstand brachte, von dem wir zehren.

Die Parteigängerin des Verbrennens ist heute selbst verbrannt und steht letztlich auf der falschen Seite, die politisch richtige wäre, der Klimaschutz – aber wie will sie dort hin, wenn doch die Geschichte sie hält? Olaf Scholz wird genau diese Aufgabe gemeistert haben, wenn er einst doch Kanzler geworden sein wird.

Herr der Zeit. Nachruf auf Claude Kalume Mukadi, Prince d’Abomey

Herr der Zeit: Adieu Claude, adieu Prince d’Abomey. Ein Nachruf

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Keinerlei Informationen: Ich weiß nicht wie, ich weiß nicht wann. Wohl irgendwann im Juli 2020 verschwand Claude Kalume Wa Mukadi Dah Vignon, Prinz von Abomey / Benin, aus dieser Welt, um in die der Ahnen hinüberzugehen. Keine Todesanzeige, kein Nachruf findet sich im Internet auf einen erstaunlich bemerkenswerten Menschen: Bürgerrechtler, Friedensaktivist, Fischhändler, Vortragsreisender, Vermittler Afrikas in Theorie und Praxis, Urmünchner aus der Republik Kongo. Umstritten, belächelt, verehrt, bewundert – ein großer und offenbar doch ein unbekannter Mann. Die letzte Spur, die ich von ihm habe, findet sich in meinem e-mail-Postfach. Da schrieb er mir in den frühen Januartagen des Jahres 2018: „Dir, wünsche ich in 2018, viel echtes Glück, Gesundheit, große positive Erlebnisse. Freue mich auf ein Wiedersehen mit dir. Claude.“ Ich antwortete, ich riefe ihn bald an. Getan habe ich es nicht. Zu viel andere Dinge drückten und drängten. Es war eine schwierige Zeit für mich. So blieb unser Treffen ungeschehen, ich hoffte auf die nächste Gelegenheit. Nun zeigt sich, es war die letzte für mich gewesen, um ihn wiederzusehen. Sie ist vertan und kehrt nicht wieder. Nun ist’s Erinnerung. 

Für einen Europäer wie mich war Claude eine gewaltige Herausforderung. Aber ich möchte die Geschichte von vorne erzählen: Ein gemeinsamer Freund, Jörg Linke, brachte uns im Frühjahr oder Sommer 2004 zusammen. 10 Jahre Demokratie in Südafrika sollten gefeiert werden. Ein Spektakel mit Podiumsdiskussion, Musik, einem Grußwort der Generalkonsulin, vormals Bürgermeisterin von Kapstadt. Moderation, Mitdiskutant an der Podiumsdiskussion und Anmoderation der Generalkonsulin waren meine Aufgaben. Konversation, viele Kontakte, südafrikanischer Wein, afrikanisches Essen und Tanz gab es als Bezahlung. Claude organisierte das Essen und er hatte eine Idee für die Podiumsdiskussion: Er wollte, das war immer seine Mission, Afrika den Europäern näherbringen. Sein Konzept beruhte auf einem Zwiegespräch des Afrikaners – Claude – und des Europäers – ich. Es traf sich dabei ganz gut, dass ich schlichtweg keine Ahnung von Afrika hatte. Dieser Vortrag oder besser dieses Zwiegespräch wurde, soweit ich mich erinnern kann, unter dem Motto „Europa hat die Uhr, Afrika die Zeit“ angekündigt. Meine Aufgabe bestand darin, die Rolle des Kolonialisten zu spielen und aus dieser Perspektive zu argumentieren und – zu verlieren. Claude hingegen war der weise und narrativ überlegene Afrikaner, der mir klarmachte, wie sehr ich doch Kolonialist sei, obgleich ich mir dessen gar nicht bewusst war. Eine interessante und lehrreiche Erfahrung. Claude reihte eine Anekdote an die andere. Ein additives Erzählsystem des Zuerzählens, ein Narratioinsprinzip, das ich bis dahin nur von E.T.A. Hoffmann kannte, sollte ich ordnen und lenken und auch dramaturgisch führen, um ihn und sein Erzählen zu europäisieren. Er hatte mich also als Kolonialherr der Argumente und der Narrationen positioniert und forderte diese Rolle konsequent von mir ein. Diese mehrfachen Brechungen des Verhältnis von Afrika und Europa waren typisch für ihn. Immer war alles in der Schwebe, das Ziel: die Dekonstruktion fest geglaubter Positionen. Für mich war dieses Gespräch ein unabsehbares Experiment. Claude hatte mir einige seiner Anekdoten erzählt gehabt, aber welche er nun vortragen würde, wie ich damit umgehen sollte, das wurde nicht geplant. „Das machen wir schon. Das wird gut klappen. Du wirst sehen“, sagte er. Nur allgemeine grundlegende Prinzipien waren festgelegt worden. Da ich mit Unbekannten durchaus jonglieren konnte und in der Improvisation geübt war, glaubte ich der Angelegenheit irgendwie gewachsen zu sein. Weitere Vorbereitung auf dieses Gespräch vor einem nicht allzu großen, aber auch nicht allzu kleinen Publikum, gab es eigentlich nicht. Aber ich sollte bald erkennen, dass Absprachen auch nicht wirklich möglich und nötig waren. Einlassen auf Afrika, darum ging es auch bei diesem Gespräch. 

Der Beginn unseres Podiumsgesprächs rückte näher. Wir setzten uns auf eine rote Bank und begannen wie aus dem Nichts in das noch quasselnde Publikum zu sprechen, das sich in einem heißen, überfüllten Zelt mit uns befand. Claude provozierte mit Aussagen, warum ich, also ich der Europäer, für den Tod so vieler Afrikaner in Kongo, in Ruanda verantwortlich sei. Der Genozid an den Hereros und meine Nähe zu Lothar von Trotha wurde mir auf unserer lauschigen roten Bank vor Augen geführt. Unsere europäische Unfähigkeit die Vielfalt zu leben, schmierte er mir Zentimeter um Zentimeter mit unendlich viel Charme und Witz auf meine deutsche Stulle. Wieso können wir eigentlich nicht verstehen, dass am Vormittag Ahnenkult betrieben wird, der Medizinmann kommt und am Abend der Rosenkranz in der Kirche gebetet wird? Schamanentum und der Papst passten doch wunderbar zusammen. Afrika sei inklusiv, Europa exklusiv. Alles was nicht nach unserer Ordnung gehe, sei schlecht und müsse missioniert werden. Aber eigentlich müsste man sagen: Vergesst Afrika, es könnte sich selbst helfen. Dieser Meinung war er. Jede „Entwicklungshilfe“ ein Akt des Kolonialismus! Claude Kalume forderte mir viel Improvisationsvermögen ab. Das Podiumsgespräch verließ ich mit dem Gefühl völlig versagt zu haben. Das, was er von mir wollte, hatte ich in meinen Augen nicht erfüllt. Doch er sah es offenbar anders. Seit diesem Abend standen wir in regelmäßigem Austausch. Damals war er noch Claude und nicht Prinz von Abomey. 

Er wollte mit mir eine ganze Reihe von Podiumsdiskussionen über Afrika und Europa abhalten. Es kam aber nur noch zu einer weiteren. Sie fand in Tutzing statt und trug den Titel „Du schwarz, ich weiß!“. Ein Wortspiel, ganz nach seinem Geschmack. Die Diskussion war auf 19.30 Uhr angesetzt. Wir hatten uns verabredet gegen 18.00 Uhr den Abend zu besprechen und ein wenig zu strukturieren. Ich hatte die Uhr, ich der Europäer, und war pünktlich. Claude kam nicht. Er hatte die Zeit. Um 19.00 Uhr wurde ich unruhig, denn zumindest ein paar Minuten hätte ich doch gerne mit ihm über den Ablauf gesprochen. Doch Claude tauchte einfach nicht auf. Ich rief ihn an. Ein erstes Mal, ein zweites Mal, ein drittes. Aber Claude ging nicht ans Telefon. Mir blieb nichts anderes übrig als zu lernen, was es bedeutet, nur eine Uhr zu haben. Das Roncalli-Haus, der Veranstaltungsort, füllte sich. In den Reihen im Vortragssaal saßen immer mehr Europäer mit Uhren. Jede einzelne blinkte mich ungeduldig an. Und was war mit Claude? Er blieb dieser Ungeduld fern. Es war inzwischen 19.40 Uhr und die Europäer mit den Uhren an den Handgelenken wurden unruhig. Die Veranstalterin fragte mich, wo denn Claude bliebe, machte mich für sein Fernbleiben verantwortlich. Aber ich wusste es doch nicht. Um 19.45 Uhr entschied sich der Europäer in mir, auf die Bühne zu gehen und über Europa und Afrika so lange vorbereitend zu reden, bis Claude Kalume Mukadi vielleicht doch noch kommen würde. Im Saal saßen Afrikaspezialisten der Tutzinger Akademie für politische Bildung. Grauenvoll war das, denn ich war kein Experte, ich war doch nur der Europäer, der moderierte. Ich habe keine Erinnerung mehr, was ich da auf der Bühne von mir gab. Es kehrte aber langsam Ruhe in mir ein, denn ich spürte, dass mich Afrika erreicht hatte. Ich saß nicht mehr auf einer Bühne, vor mir befanden sich keine Stuhlreihen, ich saß unter einem Baobab und erzählte über Claude, was ich von ihm wusste, was ich von ihm an weisen Sprüchen kannte. Additiv erzählte ich hinzu, berichtete aus meiner Perspektive. Es war 20.15 Uhr, 20.20 Uhr, danach blickte ich nicht mehr auf mein Handgelenk. Irgendwann unvermittelt kam Claude und setzte sich neben mich auf den so lange vakanten Stuhl. Kein Wort verlor er darüber, dass er zu spät war. Er hatte schließlich die Zeit. Er war Herr der Zeit. Wir begannen unser Gespräch, es lief von selbst. Wir sprachen mit dem Publikum und offensichtlich war es nicht unzufrieden. Claude sparte nicht an Kritik und Selbstkritik und er gab uns eines auf den Weg: „Ihr definiert euch über Dinge – das Menschsein ist aber nur über andere Menschen möglich!“ Einer von vielen Sätzen Clauds, die einfach saßen. An manchen Tagen war er eine Aphorismenmaschine. Im Minutentakt flogen sie seinen Gesprächspartnern um die Ohren, oft war das im Café am Beethovenplatz in München.

Wir gingen unserer Wege. Claude wurde gekrönter Prinz von Abomey, wurde Diplomat, Friedensbotschafter, brachte Afrika nach Europa und Europa den Europäern näher. Ich sah ihn von der Ferne bei Vorträgen, die er nun alleine bestritt. Er dekonstruierte weiter und hielt den Spiegel vor. Recht hatte er in vielen Dingen. Recht hast Du immer noch, Claude. In Deinem Weltverständnis bist Du auch weiter unter uns, auch wenn in einer parallelen Welt.

Sorry. I could not determine the image rights. I took the photo of Claude Kalume Mukadi from his FB-site. I would be grateful for a subsequent approval.

The Hotel Formerly Known As Drei Mohren

Maximilian’s – Hotel drei Mohren in Augsburg. Tradition und Correctness.

Vortrefflich lässt sich streiten, ob ein Name, der geschichtsträchtig seit Jahrhunderten gebräuchlich ist, geändert werden darf. Generell lässt sich sagen, ja, selbstverständlich, wenn Wort und Begriff als anstößig und nicht mehr zeitgemäß im Lebensvollzug empfunden werden, dann ist das durchaus denkbar. Es steht schließlich nur die Gewohnheit entgegen. In ein paar Jahren wird der Wandel nicht mehr auffallen. Für jene, die den Vorzustand nicht gewohnt sind, ist eine Namensänderung sowieso nicht problematisch. Er fällt nicht einmal auf. Der Goldene Saal im Rathaus Augsburg dürfte aus orthodoxer Denkmalsicht als Rekonstruktion nicht existieren. Heute, 30 Jahre nach der Rekonstruktion, ist fast ganz Augsburg froh darum. Touristen sind beglückt darüber. Rekonstruktion hin oder her. Der Stadtgesellschaft stockt der Atem bei Veranstaltungen in der rekonstruierten Halle, all das Gold und all die Pracht, Zeichen des alten Augsburgs, längst vergangen. Gewohnheit heilt die Wunden. Wo Empörung ehemals blühte, sprießt nun Begeisterung. Dies sollte nicht vergessen werden. 

Trotzdem schmerzt es die Gewohnheit, wenn ein geschichtsträchtiges Hotel, das Drei Mohren, nicht mehr dem Namen nach existiert. Es war eines der vielen Dreier-Konstellationen in Augsburg. Drei Könige, Drei Königinnen etc. Nun sind die Mohren nicht mehr zeitgemäß, nun müssen sie weichen. Das mag sinnvoll sein für eine zeitgemäße Gesellschaftsform. Für die Tradition, die Gewohnheit und die Identität der Stadt ist es schlecht, wenn der Name nicht mehr erinnert wird. Das Drei Mohren – wie es auch immer nun genannt werden wird – sollte historisiert werden und die Debatte um den Namen sollte selbst reflektierend kontextuell eingeordnet werden. Das Drei Mohren muss als Geschichte, als soziale Konstruktion bleiben, möge es auch Maxmilian’s heißen.

Übrigens: Maximilian – ist eigentlich der Kaiser gemeint? Auch da sollten wir natürlich genau hinschauen in Zeiten, in denen die Demokratie auf dem Spiel steht und zumindest stetig hinterfragt wird. Feiert dieser Name nicht die Feudalgesellschaft, die wir mühevoll im langen 19. Jahrhundert überwunden haben? So einfach ist das alles nicht. Maximilian — war das nicht der Wegbereiter für ein Reich, in dem die Sonne niemals unterging, ein Reich, das wie kein anderes für Kolonialismus stand? Dieser Name führt in der Tat aus dem Regen und doch sogleich unter die nächstgelegene Traufe.