Weitblick mit Nebenwirkung

Svante Arrhenius, Das Werden der Welten, Leipzig 1907, S.57

„Man hört oft Klagen darüber, daß die in der Erde angehäuften Kohlenschätze von der heutigen Menschheit ohne Gedanken an die Zukunft verbraucht werden; und man erschrickt bei den furchtbaren Verwüstungen an Leben und Eigentum, die den heftigen vulkanischen Ausbrüchen in unserer Zeit folgen. Doch kann es vielleicht zum Trost ge- reichen, daß es hier wie so oft keinen Schaden gibt, der nicht auch sein Gutes hat. Durch Einwirkung des erhöhten Kohlensäuregehaltes der Luft hoffen wir uns allmählich Zeiten mit gleichmäßigeren und besseren klimatischen Verhältnissen zu nähern, besonders in den kälteren Teilen der Erde; Zeiten, da die Erde um das Vielfache erhöhte Ernten zu tragen vermag zum Nutzen des rasch anwachsenden Menschengeschlechtes.“

Eger-Viertel, Ankerbräu, Nördlingen – Zwischen Klimaschutz und Denkmalkult?

Angerbräu-Gelände / Egerviertel: In Nördlingen entsteht ein interessantes städtebauliches Projekt zwischen „Klimaschutz und Denkmalkult“. Ein nicht einfaches Gelände, das seit 2016 nicht mehr gewerblich genutzt wird, soll sinnvollerweise in den kommenden Jahren einem Entwicklungsprozess unterzogen werden. Das besondere ist die Lage in einer einmaligen historisch gewachsenen Stadtsituation. – Eine beachtliche Herausforderung.

Auf dem Gelände der Nördlinger Ankerbrauerei soll nahe dem Heilig-Geist-Spital ein Gelände der Altstadt in Wohnungen, Beratungsstelle und Kindergarten konvertiert werden. Ein Projekt in einem äusserst sensiblen Bereich an der Baldinger Mauer zwischen Oberen Wasserturm und Baldinger Tor.

Ein Augsburger Unternehmen, das sich „zukunftsweisenden Projektentwicklungen im Städtebau verschrieben hat“, plant das Viertel. Es bezeichnet sich selbst als „innovativ“, „nachhaltig“, „zukunftsorientiert“. Das Unternehmen trägt ecology im Namen. Die Herausforderung in der Altstadt von Nördlingen ein Viertel zu entwickeln ist groß. Ob das ökonomisch, ökologisch, kulturell und sozial nachhaltig unter Berücksichtigung der vorhandenen natürlichen Ressourcen (Bodenbeschaffenheit) und kulturellen Ressourcen (Stadtmauer, bestehendes und angrenzendes bauliches Kulturerbe) gelingt, wird sich in den nächsten Wochen herausstellen. In die Planung wurden wohl drei (vier?) Bestandsbauten mit einbezogen, die Entwürfe der Neubauten wurden dem historischen Stadtbild angepasst. Die historische Dimension des Brauereigeländes bleibt damit in einigen Teilen auf den ersten Blick erhalten und wird weiterentwickelt. Wobei sich auch die Frage nach einem möglichen Umgang mit dem Sudhaus als zentraler Bauteil einer Brauerei stellt, das einem Neubau weichen wird.

Kurzum: Ein auf den ersten Blick unaufgeregter Entwurf, dem es auf lange Sicht gelingen wird sich in die Altadt ästhetisch einzugliedern. Er schreibt dem Viertel verschiedene historische Werte zu, originalisitisch mit den drei Bestandsgebäuden und idealistisch mit den Satteldächern und vielen Gauben und einem komplexen Freiflächensystem sowie Durchgängen. Die Grünflächen verweisen auf die historischen Gartenanlagen in diesem Areal, die auf dem bestehenden Gelände verloren gegangen waren, aber in den frühneuzeitlichen Stadtansichten dargestellt werden.

Für die Verdichtung der Stadt Nördlingen erscheint die Planung ein guter Ansatz zu sein, auch wenn sicherlich die Weiterentwicklung von Bestandsgebäuden wünschenswert wäre. Die Bestände zu nutzen, wäre sicherlich ein Gebot einer neuen Stadtplanung. Aber die Rahmenbedingungen sind dafür schwierig. Deutlich wird das an der geplanten Tiefgarage, die auf ein allgemeines Problem der Bayerischen Bauordnung verweist.

Um die Tiefgarage kommt das Projekt wohl nicht herum. Für den Klimaschutz wäre dies sinnvoll. Die Bayerische Bauordnung hinkt mit ihrem strikten Stellplatzschlüssel den „Habitat III / New urban Agenda“-Vorgaben hinterher. Dadurch entsteht ein bedauerlicher Druck auf bauliches Kulturerbe und schützt die natürlichen Ressourcen nicht sonderlich.

Eine Revision des Stellplatzschlüssels der Bayerischen Bauordnung wäre unter Klimaschutzaspekten wünschenswert, kann aber nur mit entsprechenden Mobilitätskonzepten gelöst werden, die wiederum einen neuen Rahmen aufmachen, der keineswegs einfach zu lösen ist. Die historische Grundlage der Stellplatzverordnung, ist die Reichsgaragenverordnung von 1939, die dem Individualverkehr Tür und Tor öffnete und den Slogan der SPD der 1950er Jahre erst ermöglichte: „Freie Fahrt für freie Bürger.“

Zu fragen ist natürlich auch: Wie verhält sich die Planung zum Leitbild „Authentische Stadt“? Wie bezieht sich das neue Viertel auf die historischen Bedingungen der mittelalterlichen-frühneuzeitlichen Parzellierung und Nutzung? Welche Strategien des Authentifizierens ließen sich weiterentwickeln um die verschiedenen historischen Schichtungen besser herauszuarbeiten?

Rückblick: 9 Jahre regionale Umwelt- und Klimaforschung

Seit 2011 entschlossen sich das Wissenschaftszentrum Umwelt (WZU) der Universität Augsburg und der Lehrstuhl für Bayerische und Schwäbische Landesgeschichte eine „Flussbiographie“ zu verfassen, eine Umweltgeschichte des Tiroler und Bayerischen Lechs. Eine Ringvorlesung sollte den Anfang machen, eine Publikation darauf folgen. Vom gebirgsbürtigen Wildfluss über die zunehmende anthropogene Überformung bis hin zur Transformation des Flusses in eine Seenkette auf bayerischer Seite begleiteten wir den Fluss durch 1000 Jahre. Mein Beitrag galt dem Tiroler Lech, der als der letzte Wildfluss der Nordalpen gilt. Bei genauerer Betrachtung allerdings blieb nicht sehr viel davon übrig, denn selbst das scheinbar offensichtlich „Wilde“ verpassten ihm die Menschen mit ihrem unkontrollierten Holzeinschlag bis ins 19. Jahrhundert. Danach wurde auch der wilde Tiroler Lech verbaut und er wäre dem bayerischen Lech noch ähnlicher geworden, wäre der Erste Weltkrieg nicht dazwischen gekommen. 2014 erschien die dazu gehörige Publikation: „Der gezähmte Lech„.

Seitdem blieb ich mit dem klimasensiblen Alpenraum verbunden. Historische Gletscherforschung in Frankreich, Schweiz, Österreich und Italien wurde innerhalb mehrerer Exkursionen, Seminaren und einer Vorlesung behandelt. Über die Gletscherforschung entdeckte ich eher durch Zufall die historische CO2-Forschung, die sich direkt aus der Gletscherforschung des 19. Jahrhunderts ableitete. „Klima und Konsum. Gesellschaftliche Konstitution des anthropogen verursachten Klimawandels von 1600 bis Arrhenius“ ist der Ertrag davon, der den Wiener Ernst Lecher für seine bahnbrechende CO2-Forschung 1881 würdigt. In einem weiteren Beitrag widmete ich mich der historischen Gletscherforschung in Österreich durch den Deutschen und Oesterreichischen Alpenverein anlässlich des 150. Geburtstags des Deutschen Alpenvereins.

Nun geht es von den Alpen in die Städte. Neue Urbanistik im Zeichen des Klimawandels zwischen Klimaschutz und Denkmalkult unter dem Zeichen der Historischen Authentizität wird nun die ästhetische Dimension des Klimawandels im urbanen Raum der Forschungsschwerpunkt.

Innsbruck 17. Januar 2020: Ringvorlesung Klimaschutz

Ankündigung:

Die authentische Stadt. Historische Nachhaltigkeit im urbanen Raum

Freitag, 17. Januar 2020, 16.00-17.15 Uhr HSA Natwi, Technikerstr. 25a, Innsbruck

Für Klimawandel wie Klimaschutz besetzen Städte Schlüsselpositionen: Seit 2008 wohnt die Hälfte der Menschen in Städten – in Deutschland sind es 77 %. Die UNO geht von einer fortlaufenden Verstädterung vor allem in Asien und Afrika aus. In Deutschland sind die steigenden Immobilienpreise Anzeichen für den wachsenden Druck auf urbane Räume. Folglich muss neuer Wohnraum geschaffen werden, doch Neubauten befeuern den Klimawandel: Keine Branche emittiert so viel wie das Bauwesen, keine produziert mehr Abfall. Wir benötigen neue Kulturen der Nachhaltigkeit, neue Werte.

Doch wie bleiben die Städte bei allem Klimaschutz authentisch? Wie behalten sie ihre spezifischen historischen Wertigkeiten? Wie verhält sich das bauliche Kulturerbe zwischen Klimaschutz und Denkmalkult?

Der Vortrag beinhaltet alle Werkzeuge, die am Lehrstuhl für Europäische Regionalgeschichte an der Universität Augsburg zur Analyse von Kulturerbe entwickelt und erweitert wurden. Am Beispiel des Bahnhofsquartiers in Memmingen werden sie angewendet und erläutert.

Authentic City between Climate Protection and Cultural Heritage

Authentic City between Climate Protection and Cultural Heritage

Alois Riegl, a representative of the Wiener Schule der Kunstgeschichte, introduced a universalistic notion of monuments, which is reflected and further developed in this book project.

New Urban Agenda

For climate change and climate protection, urban spaces occupy key positions of the 21st century. Worldwide, the urban population will almost double by 2050 due to immigration. This means that new living spaces must be tapped, and appropriate urban concepts developed to ward off predictable social conflicts. New urbanity rests on CO2-neutral energy concepts. It rearranges mobility, uses spaces that are currently reserved for private use, activates and initiates green spaces, avoids noise emissions, and seeks to abandon the current consumer society. The city of short distances will question property. Benefiting instead of owning will not only characterize the mobility concepts. – In October 2016, these key issues were defined in the New Urban Agenda of the United Nations Conference on Housing and Sustainable Urban Development in Quito.

This agenda also includes a marginal commitment to the protection of cultural heritage. But how realistic is the protection of cultural heritage? In the long run, every fifth UNESCO World Heritage Site is threatened by sea level rise alone. Large parts of coastal cities will be below sea level. Settlement pressures on other cities will increase. What does that mean for their cultural heritage? What does climate migration mean for European old towns? Will they be musealized, removed ontologically from their function and their historicity and processes of change, „frozen“ against the oblivion of history? Are they transformed to their loss as material sources of the past? Will the cities lose their historical authenticity?

The urban architectural heritage of the cities will not be able to continue to be protected in the existing form based on the Charter of Venice (1964) through the processes of change in contemporary urban challenges. Monument protection and preservation of monuments are faced with the task of starting a revision of their previous positions, because what does the predicate „historically valuable“ mean in the future? Which categories, which new assessment tools can be developed and applied to effectively include cultural heritage in sustainability considerations? How could cultural sustainability be defined in the New City?

Historical value – Alois Riegl and the Wiener Kunsthistorische Schule in the 21st century

This study answers to these questions. It begins with Alois Riegl, one of the most influential theoreticians of cultural heritage of the late 19th and early 20th century, as well as representatives of the Kunsthistorische Wiener Schule. Riegl’s universalistic notion of monuments and his categories of contemporary values and memorial values of cultural heritage are given a reflection on the present and future challenges of the New Urban Agenda. In addition to Riegel’s utility value and relative artistic value as well as historical value and value of age, the historical value is broken down and extended to include „historical authenticity“ as an aesthetic category as well as a narrative in the form of historical authentication concepts. With this fanned-out classification of categories, it is possible to grasp, classify and assess a wide variety of phenomena of dealing with cultural heritage which Alois Riegl did not yet have to analyze, because they could not yet be in the focus of the social construction of the values around 1900.

Some tools for cultural heritage analysis are presented in this study. Cultural heritage can be classified with them according to their degree of authenticity, so answers levels of authenticity beyond the belief in the original.

Iconic City – Augsburg

Vorabinformationen zum Vortrag „Iconic City. Eine Augsburger Semiotik zum Verhältnis von Stadt und Bild“, Augsburg 14.-15. Mai 2020

Augsburg wird ein besonderes Verhältnis zum Bild nachgesagt. Im 18. Jahrhundert galt Augsburg als eine Stadt wie ein Bilderbuch. Das lag vordergründig an der Fassadenmalerei, die eine bunte Stadt der Scheinarchitektur, der Illusion, sowie der bildlichen Erzählungen, der Narration war. Beide Strategien, Illusion und Narration, wurden eingesetzt für die Lust an der Imagination, die auf eine Ferne zielte, die vermittels der Malerei eine ästhetische Nähe bekam. Die Produktion sowie der Handel mit Zeichen prägte Augsburg, die auf verschiedenste Wirklichkeiten verwiesen, also im Sinne von Charles S. Peirce icons waren. Lässt sich von einer Iconic City sprechen, von einer Stadt der Imagination anderer Bild- und Erzählräume? Wie verhält sich diese offenbar ausgeprägte Bildleidenschaft der Augsburger mit einer Bevölkerung, die überwiegend evangelisch war? Wie verhält sich Augsburg zum protestantisch-pietistischen Basel, Bremen, auf der anderen Seite aber zu München und Wien? Kann Augsburg wirklich eine Sonderstellung bezüglich der ikonischen Imagination zugeschrieben werde, die über die quantitative Erfassung von Malerei im Stadtraum hinausgeht?

Abbildung: Johann Evangelist Holzer, Bauerntanz, Augsburg 1736.

Klimaschutz und Denkmalkult – Werkstattbericht

Die Authentische Stadt

Neue Urbanität zwischen Klimaschutz und Denkmalkult

United Nations „New urban Agenda“ – Die Neue Stadt

Für Klimawandel wie Klimaschutz besetzen die städtischen Räume Schlüsselpositionen des 21. Jahrhunderts. Weltweit wird sich die Stadtbevölkerung bis 2050 durch Zuzug nahezu verdoppeln. Aber nicht nur Land/Stadt-, sondern auch Klimamigration wird die bestehenden Stadträume verdichten. Neue Wohnräume müssen erschlossen, entsprechende urbane Konzepte entwickelt werden, um voraussehbare soziale Konflikte abzuwehren. Neue Urbanität sitzt nicht nur auf einer Basis CO2-neutraler Energiekonzepte auf, sie ordnet die Mobilität neu, nutzt Räume, die gegenwärtig dem Individualverkehr vorbehalten sind, aktiviert und initiiert Grünflächen, vermeidet Lärmemissionen, strebt die Abkehr von der Konsumgesellschaft an. Die Stadt der kurzen Wege wird Eigentum hinterfragen. Nutzen statt besitzen wird nicht nur die Mobilitätskonzepte kennzeichnen. – Im Oktober 2016 wurden diese Eckpunkte in der „New urban Agenda“ der United Nations Conference on Housing and Sustainable Urban Development in Quito festgelegt.[1]

Kulturerbe in der Neuen Stadt

In dieser Agenda findet sich auch ein sehr schlicht ausgearbeitetes Bekenntnis zum Schutz der Kulturdenkmale. Doch wie realistisch ist der Schutz des Kulturerbes? Langfristig ist allein durch den Anstieg des Meeresspiegels jede fünfte UNESCO-Welterbestätte bedroht.[2] Große Teile von Küstenstädten werden unter dem Meeresspiegel liegen. Der Siedlungsdruck auf andere Städte wird steigen, nicht nur wegen des Anstiegs des Meeresspiegels. Was bedeutet das für deren Kulturerbe? Was bedeutet die Klimamigration für die europäischen Altstädte? Werden sie musealisiert, ontologisch aus ihrer Funktion und ihrer Geschichtlichkeit und Veränderungsprozessen herausgenommen, wider das Vergessen der Geschichte „eingefroren“? Werden sie transformiert bis hin zu ihrem Verlust als materielle Quellen der Vergangenheit? Werden die Städte ihre historische Authentizität verlieren? 

Das bauliche Kulturerbe der Städte wird durch die Veränderungsprozesse der gegenwärtigen urbanen Herausforderungen nicht weiterhin in der bestehenden Form auf der Charta von Venedig gründend geschützt werden können. Denkmalschutz und Denkmalpflege stehen vor der Aufgabe eine Revision ihrer bisherigen Positionen einzuleiten, denn was bedeutet in Zukunft das Prädikat „historisch wertvoll“? Welche Kategorien, welche neuen Bewertungswerkzeuge lassen sich entwickeln und anwenden, um das Kulturerbe in Nachhaltigkeitsüberlegungen tatsächlich nachhaltig einzubeziehen? Wie ließe sich in der Neuen Stadt kulturelle Nachhaltigkeit definieren?

Historischer Wert – Alois Riegl im 21. Jahrhundert

Auf diese Fragen antwortet das vorliegende Buchprojekt. Es nimmt seinen Ausgang bei Alois Riegl, einem der einflussreichsten Kunst- und Denkmaltheoretiker des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts sowie Vertreter der kunsthistorischen Wiener Schule. Riegls universalistischer Denkmalbegriff und seine Kategorien der Gegenwartswerte und Erinnerungswerte des Denkmals erfahren in dem vorliegenden Buchprojekt eine Reflexion an den gegenwärtigen und zukünftigen Herausforderungen der New Urban Agenda. Neben Riegels Gebrauchswert und relativen Kunstwert sowie historischen Wert und Alterswert wird hier der historische Wert differenziert aufgeschlüsselt und um die Kategorie der historischen Authentizitäten als ästhetische Kategorie sowie als Zuschreibungsnarrativ in Form von historischen Authentisierungskonzepten erweitert. Mit dieser aufgefächerten Kategoriensystematik lassen sich verschiedenste Phänomene des Umgangs mit Kulturerbe erfassen, klassifizieren und taxieren, die Alois Riegl noch nicht analysieren musste, weil sie von der sozialen Konstruktion der Werte um 1900 noch nicht im Blickfeld stehen konnten.

Eine Reihe von „Werkzeugen“ zur Analyse von Kulturerbe werden in diesem Buchprojekt vorgestellt. Kulturerbe lässt sich mit ihnen nach ihrem Grad der „Echtheit“ einordnen, beantwortet also Authentizitätsstufen jenseits des Glaubens an das „Original“. 

Es richtet sich nicht nur als Theorie- und Methodenkonstrukt an die Geisteswissenschaften, sondern ganz konkret an die Praxis des Umgangs mit Kulturerbe: Architekten, Ingenieure, Denkmalschützer und -pfleger, Kulturpolitiker und alle, die mit Interesse Kulturerbe betrachten und dessen Wert bemessen wollen. 


[1]                http://habitat3.org/documents-and-archive/

[2]                Ben Marzeion und Anders Levermann: Loss of cultural world heritage and currently inhabited places to sea-level rise, https://iopscience.iop.org/article/10.1088/1748-9326/9/3/034001

Erinnern: 1989

30 Jahre: 9. November
Stefan Lindl 
 
Zusammen saßen wir
um den Wohnzimmertisch
der Bonner Republik,
tranken Darjeeling second flush 
aus diaphanen Tassen, 
philosophierten pessimistisch,
glaubten an weiter, weiter so 
des grauen Jahrzehnts, 
zerrieben zwischen den Blöcken 
zerfressen vom Krieg, 
angekratzt, drangsaliert 
von Rheinischer Politik. 
Waren nicht für den Krieg, 
bezahlten in der Währung 
Lebenszeit, Verlust zweier Jahre.
Ungezügelte Wut, weil die Regierung
unsere Freiheit beschnitt. 
Kein Lichtblick, keine Frühlingsluft, 
keine fliegenden Ideen. 
Eine Mauer aus Zeit.
Kann es wirklich sein? 
Da tut sich nichts. 
Welcher Trotz in uns als Replik. 
Nicht mit uns! Kriegt uns nicht!
Sind stärker, härter, jünger, 
schlauer, genialer sowieso!
Ganz Anti, ganz Verdruss 
über die böswillige 
Missachtung unserer Jugend.
Wir schworen uns 
Transparenz und Demokratie, 
Liebe, flache Hierarchie, 
wenn wir einst den 
Scherbenhaufen erben. 
 
Sommer 89, in West-Berlin 
nur Teichoskopie,
wir mit goldenen Locken 
in den langen Haaren
in der Hand ein Bier.
Ihr bekommt uns nicht!
Unsere Raserei
war unsere Tugend, 
war regenerative Energie, 
unser Antrieb gegen 
den aufgezwungenen Krieg. 
 
Dann kamen die Montage, 
wir glaubten es kaum. 
Leipzig! Leipzig, 
Hoffnungsschimmer,
Leipzig, erfüllte 
sich dort unser Traum?
„Nikolaikirche“ presste 
Tränen, unfassbares Glück.
Kann es sein? 
Ein Rauschen im knorrigen Baum
der Mächte, ein Raunen 
der letzten farbigen Blätter. 
"Wir sind das Volk!", 
skandierten sie, 
die Unbekannten 
hinter dem Zaun.
Am 9. November 
jubelten wir mit ihnen, 
tanzten um das Loch 
im düsteren Himmel.
Nun, nun endlich kamen wir, 
am Ende der Wut 
stand Triumph über 
die alte Rheinische Republik. 
Es brach an die Renaissance
des Individuums, des Körpers. 
Diversität, Liebe, 
schnelle Elektro-Beats, 
Upper, Ecstasy, Taurin 
verkloppten Hypnos, 
nur nicht schlafen, 
ekstatisches Zucken
auf 130 bpm,
Trance ohne Ende
auf den zerfließenden Blöcken. 
Kein Stein blieb auf dem 
andern seit dem 9. November.
 
Fünf Monate zuvor tranken 
wir noch Tee aus diaphanen 
Tassen, ohne Ziel.  

Unsere Replik. 

Kulturerbe im Klimawandel

Die Authentische Stadt. Erinnern, Vergessen und historische Nachhaltigkeit in urbanen Räumen

Vorlesung im Wintersemester 2019/2020, Donnerstags von 15.45-17.15 Uhr, Universität Augsburg, HS IV

Der Raum: Bayerisch-Schwaben, Baden-Württemberg, Vorarlberg und Schweiz

Die Zeit: Von der Antike bis in die Gegenwart

Der Inhalt: Eine Neue Urbanistik fordert der Klimawandel. In den nächsten Jahrzehnten wird mehr als die Hälfte der Menschheit in Städten wohnen, so eine Prognose. Zu lösen gibt es mannigfaltige absehbare Probleme. Die Nachhaltige Stadt wird eine Stadt der kurzen Wege sein, eine Stadt mit quantitativ geringem Individualverkehr. Grün sollen die Städte, ehemalige Straßen in Erholungszonen transformiert werden. Ruhig, aber auch kommunikativ soll die neue, nachhaltige Stadt sein. Energieeffizienz versteht sich von selbst, regenerative Energien sind ihre energetische Grundlage. Mobilität wird neu gedacht: Teilen, nicht eignen! Wiederverwertung, Nachhaltigkeit, Reparatur statt Wegwerfkonsum, wie wir ihn noch heute kennen.

Doch wo bleibt bei all diesem Klima- und Menschenschutz der Denkmalschutz? Das Kulturerbe in der Klimakrise muss in Zeiten des urbanen und des klimatischen Wandels neu gedacht werden. Was bedeutet das Prädikat „historische wertvoll“? Welche Kategorien, welche neuen Bewertungswerkzeuge lassen sich anwenden, um das Kulturerbe in Nachhaltigkeitsüberlegungen nachhaltig einzubeziehen? Wie ließe sich eine historische Nachhaltigkeit definieren?