Über Gletscher- und Klimawandel von 1741-1896

1742 bereiste der Genfer Pierre Martel das Tal von Chamonix. Von dieser Reise blieb der Text: „Voyage aux glacières du Faucigny“. Martel verfasste ihn als Brief an William Windham, der 1741 dieselbe Reise unternommen hatte. Der Genfer beschrieb, wie er die Gletscher und deren Umgebung untersuchte und feststellte, Gletscher wachsen in bestimmten Epochen an, in anderen schmelzen sie ab. Es sei angebracht, schrieb er, aufgrund der Überreste (vestiges) der Gletscher an den Talhängen 80 Fuß oberhalb des aktuellen Orts davon auszugehen, die Gletscher seien wesentlich reichhaltiger gewesen. „Les glacières et la vallée de glace augmentent et ne sont pas toujours dans le même état. Les glaces augmentent ou diminuent suivant le temps. Il y a apparence qu’elles ont été beaucoup plus abondantes. Il y a lieu de croire qu’elles ont du avoir plus de 80 pieds au dessus du lieu où elles sont actuellement, par les vestiges qui y sont restés.[i]

Dreißig Jahre nach Martel besuchte Gottlieb Sigmund Gruner zwar nicht das Tal von Chamonix und die glacières du Faucigny, dafür aber die helvetischen Gletscher. Auch seine Reise brachte einen Text hervor: Reisen durch die merkwürdigsten Gegenden Helvetiens, London–Bern 1778. Sein Werk ist wesentlich umfangreicher als das von Martel. Es stellt eine Bestandsaufnahme bemerkenswerter Ort der Schweiz dar. Der Text führt als „merkwürdige Orte“Gletscher auf. Auch in Gruners Text wird historischer Wandel der Gletschergrößen festgestellt. So sei der zur Reise Gruners gegenwärtige Zustand des Rhonegletschers 1778 kleiner als jene Ausdehnung, die in den Kupferstichen von Johann Jakob Scheuchzer festzustellen sei, deren Vorlagen der Naturforscher während seiner Reise ca. 1710 als Zeichnungen anfertigen ließ und in seinem „Ouresiphoites Helveticus, sive itinera per Helvetiae alpinas regiones“ als Kupferstiche hat veröffentlichen lassen.[ii]

Rhonegletscher Scheuchzer

Einen Kupferdruck, den Gruner in seinem Text erwähnte, stellt den Rhonegletscher dar. Er scheint aus zwei Teilen zu bestehen. Eine sehr zerklüftete Gletscherzunge, die aus den Bergen herabfallend brüchig, mit kleinen herauskragenden sowie chaotisch anmutenden Eisbruchteilen wie ein Eisgebirge wirkt. Gipfel um Gipfel dängen sich dicht an dicht. Der Zeichner, auf dessen Vorlage der Kupferdruck zurückgeht, stand frontal zum Gletscher. Rechts im Bild wird der Gletscher durch einen Berg eingeschränkt, der in der Legende als Mont Furca bezeichnet wird. Die kleinen Eisgipfel des Gletschers enden in einer haubenartigen Viertelkugel, wohl eine Art Schutthügel aus Eis in den die Gletscherzunge mit ihren zerklüfteten Eisgipfel am Talgrund übergeht. Jedoch wird nicht gezeigt, wie diese Bestandteile des Gletschers zusammengehören. Ein Bachlauf tritt aus dieser Viertelkugel aus. Er vereinigt sich mit einem weiteren Bachlauf, der etwas höher aus der Gletscherzunge rechts im Bild austritt. Beide Bäche vereinigen sich zur Rhone. Dieser Befund des Kupferstichs wird von einem Gemälde von William Pars von 1770/71 bestätigt. Pars wählte nicht den frontalen Blick von Norden nach Süden, sondern von West nach Ost zum Furka hin, der den Hintergrund seines Gemäldes bildet. Seinen Standpunkt wählte er direkt vor der haubenartigen Viertelkugel, die allerdings weniger mächtig wirkt als bei Scheuchzer. In dieser Ansicht wird deutlich, um was es sich dabei handelt. In der Fachsprache heißt diese Art des Gletschers, der eine Kugel oder einen Fächer ausbildet, Vorlandgletscher. Die zerklüftete Gletscherzunge, die zusammen mit der Viertelkugel den Vorlandgletscher bildet, vollzieht einen diagonalen Bildaufbau. Pars Gemälde entstand annähernd zeitgleich zur Reise Gruners und wirkt sehr real-mimetisch. Ein direkter sowie naiver Abgleich dieser Ansicht mit dem Kupferstich Scheuchzers scheint einen eindeutigen Befund zu ergeben: der Rhonegletscher hat in der Zeit von 1710-1770 an Ausdehnung verloren. Aber eine gewissenhafte Aussage darüber lässt sich nicht treffen, weil der Kupferstich eine ähnliche Perspektive benötigte wie das Gemälde von Pars.

Einen umgekehrten Befund stellte Gruner am Finsteraargletscher fest. Während unbestimmbarer Zeit sei der Gletscher angewachsen. Auf mündliche Überlieferung berufend, schrieb er, es werde erzählt, ehemals sei der aktuelle Ort eisfrei gewesen und Blümlisalp genannt worden.[iii] Auch den Grindelwaldgletscher beschreibt Gruner als ein sich wandelndes Gebilde, das durch Schwund und Wachstum gekennzeichnet sei. Wiederum bezieht er sich explizit auf Scheuchzers Abbildung.[iv] Der Gletscher sei deswegen so interessant, weil er so oft in Kupfer gestochen worden sei. Deswegen könne an den verschiedensten Abbildungen des Gletschers Schwund und Wachstum abgeschätzt werden. „Keinen, von allen Gletschern, in der Welt ist so viel Ehre bewiese worden, als diesem. Er ist nicht nur von vielen beschrieben, sondern auch zu vielen malen in Kupfer vorgestellt worden. Diese Kupfer, die den Gletscher auf sehr verschiedene Weise vorstellen, dienen aber dazu, den verschiedenen und abwechselnden Anwachs und Abnahm desselben zu zeigen. Die einzelne Zeichnung, […] stellt denselben vor, wie er sich vor etwa 50. Jahren befunden hat. Damals war er größer als jemals, und hatte einen ungeheuren Eisstock an seinem Ende; obenher aber war er beynahe eben. […] Das größere Kupfer oder die Aussicht im Grindelwald, die diese beyde Gletscher in der Ferne zeigt, und etwa 20. Jahr vorher mag gemacht worden seyn, stellt denselben vor, wie er zu selbiger Zeit gewesen; und ungefehr anjezo ist. [v]

Phänomene eines noch opaken Wandels waren durch Gruner und Martel in den Gletscherdiskurs im 18. Jahrhundert eingespeist worden. Martel gewann seine Erkenntnis aus materiellen Spuren oberhalb der damals gegenwärtigen Gletscherzunge, Gruner hingegen aus dem Vergleich mit Abbildungen und mündlichen Erzählung, denen er offensichtlich großes Vertrauen entgegenbrachte.

Bevor eine hinreichende Relation zwischen den Veränderungen der Gletscher und dem Klima diskursiv konstituiert werden konnte, musste der Diskurs durch den Treibhauseffekt angereichert werden. Jean Baptiste Fourrier beschrieb ihn 1824 mit den Worten, „c’est ainsi que la temperature est augmentée par l’interposition de l’atmosphère, parce que la chaleur trouve moins d’obstacle pour pénétrer l’air, étant à l’état de lumière, qu’elle n’en trouve pour repasser dans l’air lorsqu’elle est convertie en chaleur obscure.“[vi] So erhöht sich die Temperatur durch das Dazwischentreten der Atmosphäre, weil die Wärme in Lichtform weniger Hindernis erfährt, um in die Luft einzudringen, als wenn sie in infrarote Strahlung verwandelt ist. Diese Position entspricht dem, was heute Treibhauseffekt genannt wird. Aber auch einen anderen Klimafaktor benannte Fourier: die Meere. „Tous les effets terrestres de la chaleur du soleil sont modifiés par l’interposition de l’atmosphère et par la présence des eaux. Les grands mouvements de ces fluides rendent la distribution plus uniforme.[vii]“ Alle Wärmephänomene auf der Erde bedingt durch die Sonne werden gestaltet durch das Dazwischentreten der Atmosphäre [zwischen Erde und Weltraum] und die Gegenwart der Gewässer. Die großen Bewegungen dieser Flüssigkeiten vereinheitlichen die Verteilung [der Wärme auf der Erde].

Der Einfluss auf klimatische Gegebenheiten, die Fourier in seinem Mémoire beschrieben hatte, wurde von John Tyndall Anfang der 1860er Jahre spezifiziert und mit Gletscherwachstum und -schwund in Bezug gesetzt. Tyndall verfasste Texte über Gletscher und deren historischen Wandel in der Schweiz, aber auch über Gletscherspuren, vor allem über gekritzte Felsen in Irland, England, Schottland und Wales. „Killarney, to which I have already referred, affords magnificient examples of ancient glacier action. No man with the slightest knowledge of the glacier operations of to-day could resist the conclusion, that the Black Valley of Killarney was once filled by a glacier fed by the snows form Magillicuddy’s Reeks.[viii]“ Im 19. Jahrhundert waren nur noch die Spuren dieser Gletscher einer fernen Kaltzeit übrig. Am Grimselgletscher hingegen war es ihm möglich, einen existierenden Gletscher zu betrachten, der aber ebenso Spuren einer historischen Ausdehnung zeigte wie das Black Valley von Killarney. Mit einem Verweis auf seine Gletscherforschungen beginnt ein Aufsatz von Tyndall aus dem Jahr 1861. Der Text verbindet den Wandel der Gletscherausdehnung mit dem Treibhauseffekt Fouriers: „The researches on glaciers which I have had the honour of submitting from time to time to the notice of the Royal Society, directed my attention in a special manner to the observations and speculations of De Saussure, Fourier, M. Puillet, and Mr. Hopkins, on the transmission of solar and terrestrial heat through the earth’s atmosphere.“[ix] Die Verknüpfung von Gletschern und Treibhauseffekt wird in Tyndalls Aufsatz durch die Spezifizierung der Treibhausgase gesteigert. Dort identifiziert er: „It is well known that our atmosphere is mainly composed of the two elements oxygen and nitrogen. Theses elementary atoms may be figured as small spheres scattered thickly in the space which immediately surrounds the earth. They constitute about 99 1/2 per cent. of the atmosphere. Mixed with theses atoms we have others of a totally different character; we have the molecules, or atomic groups, of carbonic acid, of ammonia, and of aqueous vapour.“[x] Anschließend wird der Treibhauseffekt beschrieben: „The waves of heat speed from our earth through our atmosphere towards space. Theses waves dash in their passage against the atoms of oxygen and nitrogen, and against the molecules of aqueous vapour.“[xi]

Svante Arrhenius Beitrag zu diesem Diskurs ist in mehrfacher Hinsicht entscheidend. Während Tyndall vor allem den Wasserdampf hervorhob, verschiebt Arrhenius’ Text in Anlehnung an Diskurspositionen von Ernst Lecher und Josef Maria Pernter sein Augenmerk auf die Kohlensäure, das Kohlendioxid als wichtigstes klimabestimmendes Gas. Ihm spricht er den Abkühlungs- wie auch den Treibhauseffekt zu. „Tyndall held the opinion that the water-vapour has the greatest influence, whilst other authors, for instance Lecher and Pernter, are inclined to think that the carbonic acid plays the more important part.“[xii] Diese Verschiebung zum Kohlendioxid ist entscheidend für die Richtung des Diskurses ab den 1930er Jahren, aber auch für die Interpretation des anthropogenen Anteils an de Treibhauseffekt. In Arrhenius Text findet sich folgende Regel: „Thus if the quantity of carbonic acid increases in geometric progression, the augmentation of the temperature will increase nearly in arithmetic progression.“[xiii] Diese Relation bezieht er direkt auf die geologischen Auswirkungen seiner These. Sie werden im Text Arrhenius’ mit den Aussagen zweier Kollegen aus Geographie und Geophysik erläutert: Arvid Gustaf Högbom und Luigi De Marchi. Beide prognostizierten am Ende des 19. Jahrhunderts, welche Zonen der Erde von dem Anstieg der globalen Temperaturen besonders betroffen sein werden. Auch zu den anthropogenen Gründen des Kohlendioxidausstoßes nimmt der Text von Arrhenius Bezug: „The world‘s present production of coal reaches in round numbers 500 millions of tons per annum, or 1 ton per km.2 of the earth’s surface. Transformed into carbonic acid, this quantity would correspond to about a thousandth part of the carbonic acid in the atmosphere. […] This quantity of carbonic acid, which is supplied to the atmosphere chiefly by modern industry, may be regarded as completely compensating the quantity of carbonic acid that is consumed in the formation of limestone (or other mineral carbonates) by the weathering of decomposition of silicates.“[xiv] Der Schluss aus dieser Rechnung und der von Arrhenius aufgestellten Relation von Kohlendioxid und Temperatur ist einfach: Steigt die durch Industrie bedingte Produktion von Kohlensäure / Kohlendioxid über deren natürliche Neutralisationsprozesse, so gelangt einerseits immer mehr Kohlensäure in die Ozeane, andererseits steigt die Temperatur der Erde. Dieser Anstieg der Temperatur ist anthropogen verursacht, er beruht auf der anthropogenen verursachten Freisetzung von CO2.

[i]                 Pierre Martel: Voyage aux glacières de Faucigny 1742, in: William Windham, Pierre Martel: Relations de leurs deux voyages aux glaciers de Chamonix, Genf 1879, S. 35-68, hier S. 48.

[ii]                Johann Jakob Scheuchzer: Ouresiphoites Helveticus, sive itinera per Helvetiae alpinas regiones, Leyden 1723, 2. Band, S. 278.

[iii]              Gottlieb Siegmund Gruner: Reisen durch die merkwürdigsten Gegenden Helvetiens, London–Bern 1778, 1. Teil, S. 249.

[iv]                Johann Jakob Scheuchzer: Ouresiphoites Helveticus, sive itinera per Helvetiae alpinas regiones, Leyden 1723, 3. Band, S. 482.

[v]                 Gruner, 2. Teil, S. 13f.

[vi]                Jean Baptiste Fourrier: Mémoire sur les températures du globe terrestre et des espaces planétaires, in: Mémoires de l’Académie royale des sciences de l’Institut de France, vol. 7 (1827), S. 569-604, hier S. 587.

[vii]               Fourrier, S. 599.

[viii]              John Tyndall: Mountaineering in 1861. A vacation Tour, London 1862, S. 71f.

[ix]                John Tyndall: On the Absorption and Radiation of Heat by Gases and Vapours, and on the Physical Connexion of Radiation, Absorption, and Conduction. – The Bakerian Lecture, in: The London, Edinburgh, and Dublin Philosophical Magazine and Journal of Science, 4 (1861), S. 169-194, hier. S. 169.

[x]                 John Tyndall: On Radiation through the Earth’s Atmosphere, in: The London, Edinburgh, and Dublin Philosophical Magazine and Journal of Science, 4 (1863), S. 200-206, hier S. 201.

[xi]                Tyndall: On Radiation, S. 202.

[xii]               Svante Arrhenius: On the Influence of Carbonic Acid in the Air upon the Temperature of the Ground, in: Philosophical Magazine and Journal of Science Series 5, Volume 41, April 1896, S. 237-276, hier S. 239.

[xiii]              Arrhenius, S. 267.

[xiv]              Arrhenius, S. 270.

Arrhenius im Jahr 1896 und der Klimavertrag von Paris

Der schwedische Physiker und Chemiker Svante August Arrhenius fasste in einem Aufsatz das Wissen seiner Zeit über den Treibhauseffekt und die anthropogenen Einflüsse auf den Treibhauseffekt zusammen. Jean Baptiste Fourrier hatte ihn 1824 entdeckt, John Tyndall setzte den Treibhauseffekt mit der Gletscherschmelze in Relation und beschrieb Treibhausgase. Arrhenius machte, wie einige seiner Wiener Kollegen, Kohlendioxid dafür verantwortlich.
Eine bemerkenswerte Lektüre. Der Aufsatz wurde im April 1896 veröffentlicht:

Svante Arrhenius: On the Influence of Carbonic Acid in the Air upon the Temperature of the Ground, in: Philosophical Magazine and Journal of Science, Series 5, Volume 41, April 1896, S. 237-276.


„Tyndall held the opinion that the water-vapour has the greatest influence, whilst other authors, for instance Lecher and Pernter, are inclined to think that the carbonic acid plays the more important part.“

„Thus if the quantity of carbonic acid increases in geometric progression, the augmentation of the temperature will increase nearly in arithmetic progression.“

„The world‘s present production of coal reaches in round numbers 500 millions of tons per annum, or 1 ton per km.2 of the earth’s surface. Transformed into carbonic acid, this quantity would correspond to about a thousandth part of the carbonic acid in the atmosphere. […] This quantity of carbonic acid, which is supplied to the atmosphere chiefly by modern industry, may be regarded as completely compensating the quantity of carbonic acid that is consumed in the formation of limestone (or other mineral carbonates) by the weathering of decomposition of silicates.“


Beitragsbild: Photogravure Meisenbach Riffarth & Co. Leipzig.Zeitschrift für Physikalische Chemie, Bd. 69, (1909).

Lechbilder – Rüdiger Lange, Kunstverein Aichach

Im Kunstverein Aichach im SanDepot Aichach, Donauwörther Straße 36, Aichach wird noch bis zum 27. August 2017 die Ausstellung von Rüdiger Lange „Lechbilder“ gezeigt. Der Ansatz Rüdiger Langes ist sehr empfehlenswert.

Mein Beitrag zu Rüdiger Langes Bildern:

Kein anderer Fluss in Bayern wird ähnlich für die Wasserkraft genutzt wie der Lech. Er ist eigentlich kein Fluss mehr, sondern ein Mischwesen, ein Zentaur aus Fluss und See. Nicht ein See, sondern viele künstliche Seen sind es, alle verschlossen durch teils kolossale Staumauern. Von seiner Ursprünglichkeit hat der Fluss fast alles in Bayern eingebüßt. Er ist nicht mehr wild und ungebändigt. Er breitet sich nicht mehr mit seinen vielen Armen und Nebenarmen und Nebenarmen der Nebenarme in einem weiten Kiesbett aus. Kontrolliert gesteuert und gemäßigt ist sein Abflussverhalten, das dazu dient, Strom zu erzeugen und im Fall der Fälle Hochwasser zu vermeiden. Er ist industrialisiert und strotzend vor Künstlichkeit. Die romantische Natur scheint entlang seiner Ufer kaum auffindbar zu sein und die ursprüngliche Schönheit des Lechs gibt es nicht mehr. Der Lech, der wilde Gebirgsfluss ist verloren. Aber auch die Biotopvielfalt, die Kiesbänke, die Auwälder, die Heiden, und die ehemals so reiche Biodiversität mit einzigartigen Tier- und Pflanzenarten wurden von den Staudämmen zerstört.
Der Maler Rüdiger Lange durchbricht diese melancholische Verlusterfahrung. Er spielt in seinen großformatigen Landschaftsbildern mit der gegenwärtigen Ästhetik des industrialisierten Lechs. In seinen Bilder begreift er ‚Landschaft’ als etwas vom Menschen Gestaltetes, das in all seiner Künstlichkeit eine bestechende Ästhetik aufweist. Sie oszilliert zwischen Naturerscheinung, Naturkonstitution und Technik. Die Gemälde werden vor Ort gemalt, in der Landschaft en plein air. Gefertigt im schnellen Malduktus fangen sie kurze Augenblicke am Lech ein. Teils sind sie wie abstrakte Bilder einer Seenlandschaft, teils entwickeln sie ihre Kraft im Aufeinanderprallen atemberaubender Natur und dominanter betonierter Staumauern.
„Was ist das Schöne?“, scheint Rüdiger Lange zu fragen. Ist es der alte verschwundene Lech? Ist das Schöne am neuen Lech nicht auch zu finden? Es liegt zwischen Natur und Technik. Langes Bilder entstanden entlang des gesamten Lechlaufs. Auch den weitgehend ursprünglichen Lech in Tirol malte er. Dort gibt es die Auwälder, die weiten Kiesbänke, die Flussläufe und -läufchen. Rüdiger Lange baut mit diesen gegensätzlichen Motive weitere Spannung zwischen Natur und Artenvielfalt in Tirol und den Ingenieursleistungen und dem gezähmten Lech in Bayern auf. Alle Aspekte des Verlusts und des Seins spiegeln sich in seinen Bildern wieder: Bewegt, mit Brüchen versehen, abstrahiert und doch gegenständlich, kritisch und manchmal umwerfend schön. Seine Bilder sind so vielfältig, wie es der Lech einmal war.

Zum Kunstverein Aichach

Reinhard Lange wird von der Galeristin Claudia Weil vertreten. Claudia Weil Galerie, Rinnenthal 

der architekt 4/17 – Authentisches jenseits des Originals

Am 18. August 2017 erscheint in der Verbandszeitschrift „der architekt“ des BDA – Bund deutscher Architekten:

Kategorien der Authentizität. Authentisches jenseits des Originals

„Authentisches“ und „Authentizität“ sind in den letzten Jahren zu Begriffen eines weiten Forschungs- und Tätigkeitsbereichs geworden. Auch der Architektur steht der Begriff nicht mehr fern.  Authentische Architektur, die zeitlich autonome Architektur, wird in diesem Artikel mit weiteren Begriffen der Authentizität und des Authentischen konfrontiert.

Der BDA widmet der Authentizität und dem Authentischen ein ganzes Heft mit Beiträgen aus verschiedenen Perspektiven auf das Authentische.

Link: der architekt 4/17

 

 

SIA – Signifikanten-Interaktionsanalyse

Vorankündigung 

Passagen Philosophie

Der Umgang mit Gewordenem. Signifikanten-Interaktionsanalyse

Stefan Lindl

2017. Ca. 112 Seiten. 6 SW-Abbildungen.

12,8 x 20,8 cm. Brosch.

Ca. € 12,90

ISBN 978-3-7092- 0292-0

Erscheinungstermin: Herbst 2017

Wie gehen wir mit Gewordenem um, wie bedingt das Gewordene unser Handeln? Wie interagieren das Gewordene und wir? Das sind grundlegende Fragen unseres Alltags, die in diesem Buch zum Prinzip einer kulturwissenschaftlichen Methodeder Signifikanten-Interaktionsanalyse – erhoben werden.

Die Analyseobjekte der Signifikanten-Interaktionsanalyse (SIA) werden als Formationen verstanden, die aus materiellen, perzeptiven, emotionalen, sprachlichen Signifikanten bestehen. Signifikanten verweisen aufeinander und bedingen sich relational, so dass für sich stehende, eigentlich bedeutungslose Signifikanten in ihrem relationalen Verbund Aussagekraft entfalten. Jede Aussage beruht auf einer Interaktion mehrerer Signifikanten. Jeder Signifikant wird als potentieller Aktant verstanden. Mit der SIA lassen sichdie Interaktionen zwischen Signifikanten auf formalisierte Aussagen reduzieren. Dies geschieht mittels dreier Interaktionsmodi – Belassen, Anpassen oder Beseitigen –, die aus dem Umgang mit Gewordenem abgeleitet werden. Die formalisierten Aussagen können Werthaltung, Wertschöpfung, Wertvernichtung, Identität, Integrität, Einzigartigkeit und Differenz von Signifikanten erfassen.

 

Zur Kurzbeschreibung der SIA 

Zur Ankündigung auf der Seite des Passagen Verlags, Wien 

Architektur in den Alpen, 3. April 2017, Kloster Ettal

Stefan Lindl: Königsschlösser, Hütten, Spiegelglas. Die Konstitution der Alpen durch Architektur.

„Es wäre äußerst einleuchtend zu sagen, der Alpenraum definiere Architektur als alpenländisch, aber wesentlich valider und evidenter ist es zu postulieren, die Architektur konstituiere das Alpenländische der Alpen.“

Eine alpenländische Architekturgeschichte über zwei Jahrhunderte zwischen Tradition, Historisierung, Bruch und Verschwinden aus kulturhistorischer Perspektive.

3. 4. 2017, um 12.15 Uhr, Kloster Ettal

Anmeldung bis zum 27. März 2017:

kolloquium-ettal@hdbg.bayern.de

Weitere Informationen 

Foto: Stefan Lindl, März 2016, Schloss Tirol, Dorf Tirol bei Meran.

Kloster Ettal: „Der Alpenraum: Natur – Kultur – Konflikt (Tagung)“

Aktualisiert: Das Programm zum Alpenkolloquium

Stefan Lindl

Kloster Ettal: Montag, 3.4.2017, Chinesensaal, 9.00 bis ca. 17.45 Uhr

Mit Marita Krauss, Lothar Schilling, Jon Mathieu, Felix Guffler, Michael Wedekind, Stefan Lindl, Christian Malzer, Nadja Hendriks, Friederike Kaiser, Robert Groß.

Kolloquiumsflyer

Eine Veranstaltung der Universität Augsburg, Lehrstuhl für Europäische Regionalgeschichte sowie Bayerische und Schwäbische Landesgeschichte / Lehrstuhl für Geschichte der Frühen Neuzeit in Zusammenarbeit mit dem Haus der Bayerischen Geschichte. Kloster Ettal, Landkreis Garmisch-Partenkirchen

Partner: Bayerische Staatsforsten, Bayerische Forstverwaltung.

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Vortrag von Stefan Lindl über:

Königsschlösser, Hütten, Spiegelglas. Die Konstitution der Alpen durch Architektur.

Architektur konstituiert seinen Kontext, sie schreibt ihrer Umgebung zu, was Erbauende in ihr sehen oder in ihr sehen wollen, wie sie die Umwelt verstehen oder verstanden wissen wollen. Welche Zuschreibung mit welcher Architektur und mit welchem Architekturtypus getroffen wird, ist das Thema dieses Vortrags: Versteckt oder tarnt sich die Architektur konstituiert sie die Umgebung als Natur. Präsentiert sich die Architektur dominant, so wird sie verstärkt durch eine Antiklimax der…

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Unveröffentlicht 2: „Obermenzing“ Boubas Umu, Claas Triebel, Marian Kalus


Obermenzing ist ein bemerkenswerter, vor 250 Jahren hätte man gesagt, ein merkwürdiger Teil Münchens. Selten zerrissen, vielfältig, homogen, flach und tief zugleich, widersprüchlich, enantiodromisch. Obermenzing ist der enantiodromischte Stadtteil Münchens. Bahnhofsniederungen, Kulturhöhepunkte, Gewerbehässlichkeiten, Verkehrschaos, Fahrradwege, Stauzonen und Spielstraßen, Ruhezonen mit Schlosspark, Nymphen und Eremiten. Nicht zuletzt wird Obermenzing von einem Fluss  durchlaufen, der so berühmt ist wie das Oktoberfest, Kreide, Trias, Jura und Archaikum: die Würm.

Ebenso klingt „Obermenzing“, ein Stück privater Musikgeschichte, das während der Haidhausensession im August 2002 von Andreas Kaps (b), Peter T. Lenhart (dr), Claas Triebel (kaoss, pulse), Marian Kalus (echo), Stefan Lindl (as) eingespielt wurde.

Unveröffentlicht: „Haidhausen“ Boubas Umu und Claas Triebel, Marian Kalus

 

Im August 2002 nahmen Andreas Kaps (b) , Peter T. Lenhart (dr), Stefan Lindl (sax etc.) und Claas Triebel (koass pad, Waldorf pulse)  sowie Marian Kalus (decks) in einer verregneten Sommernacht 17 Stücke in einem Haidhausener Studio in München auf. Die improvisierten Musikstücke liefen unter dem Programm „Stadtviertel“. Das serielle Stück umu Nr. 10 „Haidhausen“ blieb ebenso unveröffentlicht wie die anderen auch.


sub-bavaria über Boubas Umu


McLuhan über Nachrichten und Gedächtnisverlust

„Der innere Trip ersetzt den äußeren Trip. Die rechte Hemisphäre ist ein innerer Trip, eine Phantasiewelt. Heute ist das, was wir Nachrichten nennen, Phantasie. Genauso wie sie mit Lichtgeschwindigkeit entstehen, verschwinden sie auch wieder. Eine weitere Eigenschaft der Lichtgeschwindigkeit ist der Gedächtnisverlust. Die Konzentrationsdauer wird geringer und das Gedächtnis schwächer. Für die Bildungseinrichtungen ist das ein großes Problem. Man hat mit Studierenden zu tun, die sich nicht mehr lange Konzentrieren und sich kaum noch an etwas erinnern können.“

Wäre das, was Sie 1978 feststellten, ein Problem der Kontinuität, das immer weiter in den Abgrund führt, Herr McLuhan, so wäre heute 2017 Unterricht gar nicht mehr möglich. – Aber der Gedächtnisverlust klingt bei Betrachtung aller Phänomene unseres Weltgeschehens als durchaus nachvollziehbar. Wir sind der Lichtgeschwindigkeit der Nachrichten ausgesetzt, deren Mündlichkeit eine Schriftlichkeit der social media geworden ist, und leiden unter einer gewaltigen Amnesie. Ich denke, und ich meine das nicht ironisch schmunzelnd, es ist Zeit, dass die Geschichtswissenschaft wieder eine Leitwissenschaft wird, weil sie sich im Erinnern übt.


Marshall McLuhan. Das Medium ist die Botschaft, Dresden 2001, S. 29.