D-Day, Werte, Ordnung, Wirklichkeiten

FD P-Day – Jagszenen aus der Spoken Reality

Von Stefan Lindl

Während der täglichen Nachrichtenlektüre stolperte, nein, ich korrigiere, stürzte ich über den FD P-Day der Liberalen Partei Deutschlands in das plappernde Reich der Spoken Reality, fand mich wieder in der Leichtigkeit der haltlosen Worte. Schwerelos ließe sich über den FD P-Day urteilen, der Umgang mit diesem Papier sei katastrophal, ‚D-Day‘ sei geschmacklos, die Aggression, die darin steckt, sei erbärmlich. Ja, in der Tat, das Geeiere und die Bauernopferei, die suspekte Schuldzuweisung hin zu offenbar freiflottierende Mitarbeitern, die einfach mal so ein Papier entwerfen, das die Bundesrepublikanische Regierung stürzen soll, ist vielleicht merkwürdig. Es zeigt den Zustand einer Partei, die offenbar führungslos ist, in der Chaos herrscht, in der Mitarbeiter eine Revolution vorbereiten, von der weder der Generalsekretär Bijan Djir-Sarai noch der Parteivorsitzende Christian Lindner etwas wissen. Stinkt dieser Fisch von der Heckflosse? 

Egal, was die FDP ist oder wovon sie riecht, wir wünschten uns ein wenig mehr Ernsthaftigkeit von dieser Partei, wir wünschten uns Verantwortungsbewusstsein, Transparenz und vielleicht dann irgendwann auch einen moralischen Kompass. Wahrscheinlich muss der vergangenen und gegenwärtigen FDP die Regierungsfähigkeit abgesprochen werden, zumindest ließe sie sich bezweifeln. Ernsthaftigkeit, Verantwortungsbewusstsein, Transparenz und Moral sind hehre Wünsche. So einfach erweist sich das allerdings in der Gegenwart nicht, in der die Werteordnungen nicht mehr starr, sondern enorm dynamisch geworden sind. Was vor drei Jahrzehnten noch einen Rücktritt unumgänglich machte, wird heute leicht verziehen, weil, ja, warum eigentlich? 

So lautete die relativistische und konstruktivistische These: Wir wissen alle, dass nichts ist, wie es eigentlich ist, sondern alles konstruiert, gemacht wird. Wir deuten unsere sozialen Interaktionen und Ereignisse mit Narrativen, die für sich (be)stehen und keinerlei Rückbezüglichkeit zu diesen Interaktionen und Ereignissen besitzen, denen wir schon irgendwie ein Dasein außerhalb unseres Bewusstseins zuschreiben. Soziale Interaktionen sowie Ereignisse werden sprachlich durch Narrative gemacht, es entsteht eine Spoken Reality. Diese Spoken Reality wird um so fester, je weiter sie gestreut werden kann. Es kommt also auf die quantitative Diffusion der Narrative an. Wer es schafft die Narrative zu setzen, erschafft die Wahrhaftigkeit unserer sozial-konstruierten Welt. Deswegen ist der FD P-Day nichts erstaunliches, sondern einfach ein Symptom postmoderner Banalität unserer gegenwärtigen Gesellschaft. Wegen der Narrative lässt sich die FDP auch nicht verurteilen. Sie macht, was alle tun, was wir alle tun, und in gewisser Weise macht die FDP das nur sehr bewusst, was wir alle auch nur tun können. Wir konstruieren mit Narrativen, erklären, deuten die Phänomene denen wir begegnen. Das schließt aber nicht aus, dass wir alle Narrative einfach so hinnehmen. Einige widersprechen so sehr unserem Gefühl sozialer Interaktionen und institutioneller Hierarchien, dass ihre mannigfaltige Redundanz in steter Wiederholung zu emotionalen Abwehrreaktionen begleitet von ungläubigem Ostergelächter über die himmelschreiende Dreistigkeit führt. Wenn das eintritt, dann ist eine alte Wertewelt noch ein wenig in Ordnung. Dann steckt darin der Glaube, dass zumindest die soziale Realität etwas Verpflichtendes hat, dem wir mit Verantwortung entgegentreten müssen, wenn wir nicht wollen, dass unsere Gesellschaft implodiert.

Das Problem des FD P-Day, aber nicht nur das FD P-Day, ist sicherlich die Dynamik der Werteordnungen. Wenn das Bewusstsein vorherrscht, dass es nichts Wirklicheres gibt, außer die gesetzten und mächtigen oder weniger mächtigen Narrative, so ist einfach alles möglich. Haitianische Migranten fangen Katzen, um sie zu essen. Chemtrails kontrollieren uns. Und spätestens seit Baruch de Spinoza gibt es ein imperium in imperio, einen Deep State, der im Verborgenen verschwörerisch agiert und dunkle Ziele vertritt. So unglaublich diese Narrative sind, so werden sie doch zu sozial konstruierten Tatsachen, wenn sie nur oft genug und am besten von Autoritäten wiederholt werden. Die Sozialen Medien leisten das ihre. Jede Tatsache ist eine konsensuale Tatsache, additiv ergeben diese Tatsachen die Spoken Reality. Eine Reality hinter dieser Spoken Reality gibt es nicht mehr. Wenn alles nur gesagt ist und nichts ist, dann zieht eine gewisse Gleichgültigkeit ein. Denn warum sollte ein sich widersprechenden Aussagensystem eines Generalsekretärs einer Partei noch ein Problem darstellen? Alles ist doch konstruiert! Nur auf die Quantität der Performanz von Narrativen kommt es an. Oder anders gesagt: Die Gesellschaft ist vergesslich, neu gesetzte Narrative, oft genug wiederholt, ersetzen die alten. Die Wiederholung legitimiert sie. Aber die Relativität jeder widersprüchlichen Aussage führt möglicherweise zu einem gelangweilten Achselzucken. Das große Projekt der Aufklärung kann hier nur verzweifeln und resigniert den Rückzug in die nächste Eremitage antreten. Es scheitert an der Erkenntnis, dass es keine Fixpunkte mehr gibt. Die Grenzen verschwimmen, die Bereiche überlappen sich, die Argumente drehen sich, bis sie zu einem heillosen Nichts kohärenzlos zusammengeschrumpft sind. Aber warum ist das so? Schließlich müssen wir aus der Perspektive einer konstruktivistischen Weltsicht davon ausgehen, dass es schon immer so war: Wirklichkeit wird narrativ konstruiert und wurde schon immer narrativ konstruiert. Was fehlt also? 

Abhanden gekommen sind Werteordnungen, Fixpunkte, in denen die Narrative an- und eingehängt werden können, an denen wir Widersprüche festmachen und moralisch werten können. Die liegen nicht unbedingt irgendwo draußen, außerhalb unserer Sprachsysteme und sprachlichen sozialen Konstrukte, sie liegen im atmosphärischen Kollektiv unseres Verständnis von Gesellschaft und deren kollektiven sozialen Konstruktion des Wirklichkeitsverständnisses – in erster Linie des Verständnisses einer sozialen Wirklichkeit.

Diese Fixpunkte allerdings gibt es nicht mehr. Deswegen können alle alles sagen. Rechtsextreme fühlen sich vom Rechtsstaat unterdrückt, glauben deswegen die Legitimation für Widerstand und Gewalt schöpfen zu dürfen, weil der Rechtsstaat von ihnen als Unrecht empfunden wird. Wenn das Grundgesetz durcheinandergewirbelt wird, indem einige Artikel, die durch andere beschränkt sind, absolut gesetzt werden, dann fällt die Norm. Auch das Grundgesetzt ist in deren Augen nur sprachlich gesetzt, eine Spoken Reality, die zu hinterfragen sei. Aber das Grundgesetzt ruht auf einer Übereinkunft, eine soziale Übereinkunft einer Mehrheit. Das zählt (selbst wenn Bayern sich der Übereinkunft entzogen hatte). Doch wie mit diesem Grundgesetzt umgegangen wird, die Übereinkunft wurde schließlich 1949 getroffen, ist eine Aufgabe von uns. Wie wollen wir mit der Erkenntnis umgehen, dass alles konstruiert ist? Wir müssen uns dessen bewusstsein, aber ebenso müssen wir uns dessen bewusst werden, was verbindlich ist. Gefühlte Unwahrheiten, um so mehr überprüfbare, führen nicht weiter. Wir bräuchten einen Grundkonsens, der holistische gedacht ist, der durchaus uns gegeben ist, durch das Grundgesetzt, durch den ‚gesunden Menschenverstand‘ wie Hierarchien und Institutionen funktionieren, wie wir gerne zusammenleben wollten. All das ist doch eigentlich gegeben, könnte uns eigentlich als Grundlage dienen.

Wir haben die Instrumente für Gemeinwohl, aber uns fehlt offenbar der Glaube an und die Verantwortung bezüglich dieser Übereinkunft unserer vorausgehenden Generationen. Wir haben beispielsweise ein Grundgesetz. Wir haben Fixsterne! Und dennoch fürchten wir Meteoriten und rennen Kometen hinterher. Das ließe sich ändern und sollte sich ändern.

Image: ai generated.

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