Muss Architektur des NS vernichtet werden?

Muss Architektur des NS vernichtet werden? Oder: Der Umgang mit dem Bösen

Im Zuge der Abrissarbeiten der ehemaligen Augsburger Rees-Kaserne kristallisierten sich immer mehr Diskurspositionen heraus. Beispielsweise reduzieren einige die Reese auf ihre Entstehungszeit, den NS. Die Nazi-Kasernen seien Ausdruck der menschenverachtenden, mörderischen Pläne des Nationalsozialismus, deswegen sei es nicht bedauernswert diese Gebäude zu verlieren. Träger dieser Ansicht fanden sich im Stadtrat Augsburgs ebenso wie an verschiedenen Stellen des öffentlichen Dienstes wie auch in der Stadtbevölkerung. Auf Facebook finden sich Claqueure weit gestreut, von der Leitung des Jüdischen Museums bis zum Staatstheater. Natürlich reduziert diese Aussage die Geschichte der Gebäude auf eine kurze Phase ihrer Bestandszeit. Vergessen bleiben die Umnutzungen dieser Wehrmachtsstützpunkte. Die Displaced Persons, die US-Amerikanische Besatzungszeit, die Kooperationszeit der Bundesrepublik Deutschland mit den US-Amerikanern, die Demokratisierung dieser Gebäude bis hin zu ihrer Konversion und Zwischennutzung für Künstlerinnen und Künstler. All das ist die Geschichte dieser Gebäude, sie hört nicht mit dem 8. Mai 1945 auf, sie hat im NS begonnen und dauerte viel Jahrzehnte an. Materie ist geschichtlich, eignet Geschichtlichkeit. Sie lässt sich nicht partiell betrachten. Von den acht Jahrzehnten (1945-2020) kann eine Erfolgsgeschichte der Menschlichkeit, der Demokratisierung und der Stadtkultur erzählt werden, bis hin zur Narration der Zerstörung wegen eines Neubauprojekts. Geschichte muss erzählt werden und die NS-Geschichte ganz besonders, sie braucht materielle Sichtbarkeit, ansonsten setzt sehr schnell das Vergessen ein. Sichtbarkeit benötigen auch die sowjetrussischen Displaced Persons und die Deutsch-Amerikanische Freundschaft sowie die Künstler in der Stadt, die dort in diesen Architekturen des NS arbeiteten. All das gehört dazu. Wie wichtig dabei die Materie ist, darf nicht unterschätzt werden. Aber natürlich lassen sich viele Gründe dafür finden, sie zu beseitigen. Neue Wohnungen beispielsweise, aber warum nicht Bauen am Bestand? Warum Vernichtung? Das Erzählen der Geschichte wird schwer, wenn die Materie fehlt, die den Narrationen immer ein Anker ist. Da wird der Aufklärung geschuldete Flachware, wie historisierende Feigenblatt-Tafeln, nicht viel bringen. Nicht dass ich gegen sie etwas hätte, sie sind besser als nichts. Aber an die Macht der Materie kommen sie nicht heran. Der Ort wird durch den Abriss bereinigt. Tabula rasa, Neubeginn, seine historische Atmosphäre ist verloren.

Letztendlich ist das alles passé. Die Materie verschwand aufgrund einer demokratischen Entscheidung. Das ist respektabel. Für die Zukunft wäre es wünschenswert einen intensiven, vielstimmigen Diskurs darüber zu führen, der dann in einem Konsens endet. Dafür wäre ein offener, neutraler Ort wichtig, an dem die Parrhesia gepflegt werden kann: die Redefreiheit über Vergangenheit und Zukunft urbaner und nicht urbaner Räume. 

Abgerissene Kradhalle der Reese-Kaserne Augsburg, c: Gärtnerhaus im Park

Für mich persönlich gibt es einen bevorzugten Weg mit der Geschichte umzugehen, es ist der inklusive Weg: Weiterentwicklung der Materie, die Wissensformationen evoziert. Damit schließe ich die Beseitigung der Materie und den Verlust des Wissens aus. Materie kann unbequem sein, weil wir ihr etwas Unbequemes, Unbehagliches zuschreiben müssen. Je kritischer, je detaillierter, je sichtbarer auch durch die Materie dieses Unbequeme wird, desto nützlicher wird es für uns, für das, was wir sind: geschichtlich. 

Diese, meine Diskursposition entwickelte sich aus meiner Geschichte: 

Kunst liebe ich. Gerne umgebe ich mich mit Gemälden, Zeichnungen, Skulpturen, Plastiken. Dort wo sie mich umstehen wie umhängen, fühle ich mich wohl. Mein Behagen zwischen Kunst ruht auf einer kindlichen Prägung. An den Wochenenden übernachtete ich liebend gerne bei meinen Großeltern. In ihrem Haus hing überall Kunst, überall gab es etwas zu betrachten. Besonderen Reiz übten vier Zeichnungen aus, die Schlafzeichnungen, die großformatig, gut gerahmt an der Wand über der Treppe hingen, die zu dem winzigen Dachzimmer führte, in der mein Bett stand. Eine kühle Architekturzeichnung einer Kirche, verfertigt mit Bleistift und Aquarellfarben, eine Stadtansicht, zwei Rötelzeichnungen, der Innenraum und die Außenansicht einer Kirche. Besonders die Vedute hatte es mir angetan, gefolgt von der kühlen kolorierten Architekturzeichnung. Meine Blicke glitten an ihnen entlang auf dem Weg in die kleine kühle Dachkammer, in der das zentnerschwer empfundenen Plumeau auf mich wartete, das mir Wärme und Geborgenheit gab. Die Zeichnungen gehörten zu diesen Wochenenden, die mir Urlaube waren und für das gute Leben standen. Wären die Zeichnungen abgehängt worden, ein Unbehagen hätte die Übernachtungen gestört, wohl hätte ich nicht schlafen können. Es waren diese vier Bilder, nach denen ich mich unter der Woche sehnte. Wenn ich einst groß sei, so sagte ich mir, wollte ich selbst solche Bilder sammeln und an alle Wände hängen. Vier Zeichnungen prägten meine Wahrnehmung, meine Werte, meine Sehnsüchte. Sie waren mir über die Kindheitsjahre eine Gewohnheit geworden, ohne die meine Welt nicht denkbar gewesen wäre. Doch nichts ist von Dauer und keineswegs die Gewohnheiten. Irgendwann bemerkte ich, was es mit diesen Zeichenwerken auf sich hatte. Dazu bedurfte es eines neuen Blicks auf die Bilder. Ein Blick fern der Kindheit, ein Blick des Studenten der Kunstgeschichte. Jahrelang waren sie mir das Schöne, von geübtem, gekonntem, überlegenem Stift auf Papier gebracht und niemals hatte ich Jahreszahlen und die Beschriftungen wahrgenommen: Smolensk, 1941. Innerhalb von Sekundenbruchteilen hatte ich mich von ihnen durch das Übelkeit erzeugende Grauen in mir distanziert, ausgelöst von einer Jahreszahl und dem Namen einer Stadt. Befremdet stand ich den gerahmten Bildwerken meiner wohligen Kindheit gegenüber. Mir war mit einem Male klar, ihre Existenz verdankten sie dem zweiten Weltkrieg, der Wehrmacht. Krieg oder die Ergebnisse kriegerischer Handlungen waren darauf nicht sichtbar. Sie erschienen wie die Mitbringsel von einer harmlosen Studienfahrt eines Künstlers. Aber die Jahreszahl und der Name der Stadt ließen mich spontan ganz anders deuten. Seit meiner Kindheit hatte ich gewusst, der Zeichner sei ein Architekt gewesen, der Professor meines Großvaters. Aber nun wurde mir klar, als Wehrmachtssoldat, wohl in der Position eines Kriegsberichterstatters, hatte er die Kampfhandlungen um Smolensk begleitet. Spätestens als ich die Wehrmachtsberichte dieser Kriegstage kritisch-vorsichtig las, tabuisierte ich diese bildlichen Erzeuger meines kindlichen Wohlbehagens und verstieß sie; ich wollte nichts mehr mit ihnen zu tun haben. Sie hatten mich enttäuscht, hatten mir Schönheit, Behaglichkeit, Heimeligkeit, Schutz vorgegaukelt, obgleich sie doch genau für das Gegenteil standen, für Tod und Verbrechen, das sie einfach ausblendeten, nur die Schönheit dessen zeigten, was neben dem Krieg, dem Tod und den Verbrechen existierte. Zerrissen zwischen Schönheit und der Ablehnung des Verbrechens, befand ich mich. Aber es war alles ganz einfach. Ich hatte die Wahl, ich musste diese Relikte der NS-Zeit nicht ansehen, sie gehörten mir nicht, ich musste keine weitere Stellung beziehen, als sie abzulehnen. Doch wenn ich an sie dachte, wenn ich sie sah, wurde mir stets bewusst, welche Dissonanz Dinge erzeugen können. Sie können als schön empfunden werden. Sie können sich aber auch zum Symbol des Unmenschlichen wandeln, während die Schönheit verblasst, fast verschwindet. Lange musste ich nichts tun, lange ließen mich die Zeichnungen in Ruhe. Dann aber verstarb meine Großmutter, das Haus musste ausgeräumt werden, die Bilder befanden sich auf dem Weg in den Müllcontainer. Mir war klar: Die gehören genau dort hin. Als ich sie mit großem Schwung hineinwerfen wollte und schon hörte und sah, wie das Glas und die Rahmen zerbarsten, hielt ich sie fest, hielten sie mich fest. Ich lehnte sie an eine geschützte Wand und entsorgte anderen Hausrat ungehindert. Die Zeichnungen nahm ich mit zu mir nach Hause. Mit Scheu und Abscheu betrachtete ich sie und mit Liebe. Plötzlich wusste ich, dass es eine und vor allem meine Aufgabe sei, einen Weg zu finden, um diese Dissonanz zu lösen. Zwar konnte ich die Bilder nicht aufhängen, aber hinter einem Schrank geschoben, ließen sie sich immer wieder herausholen, um mir bewusst zu machen: Diesen Zeichnungen verdanke ich den Zugang zur Kunst, zum Schönen, zum Wohlbehagen – die erste Dimension. Diesen Zeichnungen musste ich jenseits ihrer Ästhetik aber auch Wissensformationen zuschreiben, die nicht verharmlost werden durften, die andauernd präsent sein mussten: Krieg, Tod, Vernichtung. Hätte ich die Bilder in den Container geworfen, hätte ich die Vergangenheit entsorgt, meine Kindheit, mein Wohlempfinden, aber auch mein Grauen, das Wachrufen der Wissensformationen über das Unmenschliche. Es gibt eine Verantwortung gegenüber den Dingen, ihrer Materie und den Wissensformationen, die sie evozieren. Dinge sind immer beides: Die Materie, sie allein konnte ich in meiner Kindheit erkennen, und das Immaterielle, die soziale Konstruktion, die Wissensformation, die erzählt, vermittelt werden müssen. Verschwindet die Materie, ist die Wissensformation, die soziale Konstruktion in Gefahr. 

Inzwischen hängen die Bilder unter vielen anderen in Petersburger Hängung an einer Wand unserer Wohnung. Jedes Mal – wirklich jedes Mal – ermahnen sie mich und manchmal erfreuen sie mich, wenn sie mich in meine Kindheit zurückkatapultieren. Vernichtung ist niemals eine Lösung. Kritische Inklusion sehr wohl. Dinge verpflichten. Drei Möglichkeiten haben wir mit ihnen umzugehen: belassen, anpassen oder beseitigen. Im unkritischen Belassen schwingt die Verehrung im Jetzt, das Beseitigen bringt das Vergessen in der Zukunft, das kritisch-analytische Anpassen ist die unbequemste Form, weil sie das Vergangene bewusst vor Augen führt und in die Zukunft transportiert und für sie bewahrt. Damit ist sie wohl die sinnvollste Form für die Menschen, die in Vergangenheit und Zukunft leben und jeden Augenblick das Jetzt schon verlassen haben, wenn sie glauben es zu leben. 

„Authentische Stadt“ erschienen

Die authentische Stadt ist nun erschienen und im Buchhandel auch als Print-Version pünktlich zur Frankfurter Buchmesse 2020 erhältlich.

Es ist immer ein schönes Moment, wenn die Paketpost kommt und Druckexemplare eines Buchs in das Treppenhaus stellt. Zurück in der Wohnung steht das Paket auf dem Tisch, einer Schatzkiste gleich. Was wird darin sein? Natürlich, weiß ich das. Aber: Wie sieht es aus? Wie fühlt es sich an? Wie erfüllt es den Raum? Als pdf der Druckfahnen kenne ich es, als ebook auch. Aber dieser Zauber der Materie, die Mystik des Analogen, das Buch als griffbereites haptisches Objekt, die Manifestation der Gestaltung, das alles kann nur ein Buch, so sinnvoll und ethisch notwendig ich die digitale, stets verfügbare Version auch halte.



Nun liegt es in den Händen und muss sogleich auf Reisen gehen. Wird es gelesen? Hilft es ein wenig Ordnung im Umgang mit Kulturerbe zu schaffen? Wird es Umsetzung erfahren in Stadtplanungen und Stadtviertelentwicklungen? Wird es Qualifikationsarbeiten als Literatur dienen? Wird es einst gewirkt haben? Fragen über Fragen, die in den Momenten des ersten Griffs und des ersten Durchblätterns in den Sinn kommen. Und schon geht es weiter: Wie wird der nächste dieser Momente sein? Welches Druckwerk wird wann wieder in meinen Händen liegen?

Für jetzt ist es mehr als genug: „Die authentische Stadt. Urbane Resilienz und Denkmalkult, Wien 2020“.

Zum Passagen-Verlag

Erhältlich als ebook oder Print im Buchhandel. Deutschland: 17.90 Euro, Österreich: 18.40 Euro.

Denken am Bestand: Computer vs. Handschrift

Paul Jandl schreibt über die Handschrift in der NZZ und bewegt. Handschrift gehe uns verloren. Handschrift sei Ausdruck von Körper und Geist, von Muskelkraft, physischer Tatenkraft und Gedanken, aber auch Sprechakt in einer ästhetischen Form der Individualität und keineswegs der normierten Times, Calibri, Helvetica. Gedanken und Schreiben, Schreiben in Gedanken, Gedanken entwickeln durch die Führung des Stifts. Ich gebe seinen Beobachtungen recht. Ich liebe es, leere Seiten am liebsten mit dem Tintenfüller, aber auch mit jeglichem anderen Schreibstift zu bedecken. Kladden stehen eng an eng in einem Regal. Zeugen meines Denkens über Jahre. Zudem zieren Stapelweise lose Blätter meine Zeichen und Bilder. Handschrift hat ihre großen Vorzüge. Aber Denken lässt sich nicht nur mit dem Füller in der Hand. Die Tastatur ist für mich ebenso wichtig. Den spezifischen Möglichkeiten am Computer zu texten, bin ich sehr dankbar. Das gab es vor seiner massenhaften Verbreitung nicht: Weder Handschrift, noch Schreibmaschine erlaubten es, zirkuläre Schreib- und Denkprozess mit geringstem Aufwand zu nutzen. Gedanken können über lange Zeit immer wieder und immer wieder weiterentwickelt werden: Denken am Bestand nenne ich das. Gerne vergleiche ich das mit verschiedenen Tätigkeiten des Bildhauens: Skulptur und Plastik. Die Handschrift lässt auf der weißen Seite die Form der Gedanken linear entstehen. Sie müssen fertig sein. Die Handschrift bearbeitet das Rohmaterial, daraus wird eine Textskulptur. Die Tastatur hingegen entwickelt die weißen Gedanken am Bildschirm in zirkulären Prozessen, es gibt keinen Zeitpunkt an dem das Dokument ein räumliches Ende nimmt, wie es die papierene Seite einfordert. Handschrift – und auch die Schreibmaschine – gestalten das Papier wie eine Skulptur. Die Tastatur gestaltet hingegen die Worte in einem Prozess des steten Überarbeitens. Fertig ist der Text, wenn er fertig erscheint. Nicht genau dann, wenn das Ende der Seite erreicht wird. 

Kladden aus meiner Bibliothek

Handschriftlich entwickelte ich in den letzten Jahren Ideen. Aber der Computer ermöglichte es mir, sie in unterschiedlichen Geschwindigkeiten immer und immer wieder zu bearbeiten. Ohne die überdauernde, wenig ephemere Sinnlichkeit der Handschrift würde mir etwas abgehen. Aber die Möglichkeiten des Digitalen und der daraus folgenden Textproduktion möchte ich nicht missen. 

10 Jahre Schlossgartenschlacht – Stuttgart 21

Das ästhetische Ende der Demokratie?

Über die Politik des Unbehagens

Vor 10 Jahren am 30. September unter den Eindrücken der Schlossgartenschlacht in Stuttgart entstand der folgende Essay. Er wurde nie veröffentlicht. 10 Jahre danach liest er sich in der Retrospektive erstaunlich.

Vor allem der Protest gegen das Projekt Stuttgart 21, aber auch die neu aufflammende Anti-Atomkraftbewegung offenbart die Unfähigkeit der repräsentativen Demokratie mit Ästhetik und Emotionen umzugehen. Für sie gibt es schlichtweg keinen Platz. Die repräsentative Demokratie ist ein Produkt der Aufklärung, also der Vernunft. Sie hat ein natürliches Kommunikationsproblem mit emotionalen Regungen: Gegen Proteste die sich aus Denksystemen konstituieren, können sie sich wehren, aber gegen das Gefühl von Unbehagen nicht. Eine emotionale, unaufgeklärte Bewegung bereitet der repräsentativen Demokratie in ihrer jetzigen Form ein Ende. 

von 

Stefan Lindl 

Eigentlich ist nichts erstaunlich an Stuttgarts Protest. Selbst wenn es heißt, er sei undemokratisch und verhindere die Bereitschaft der Investoren, weitere Großprojekte zu finanzieren und versperre Innovationen überhaupt. In der württembergischen Stadt verläuft alles normal. Stuttgart ist überall! Es passiert genau das, was immer wieder und überall geschieht. Gleichgültig, ob die Stadt New York, Augsburg, Hamburg, München oder Salzburg heißt, die Ereignisse laufen stets ähnlich ab: Eine Stadtregierung will ein neues Bau- oder Kunstwerk errichten. Deswegen schreibt sie die Aufgabe aus, nach einer Zeit sichtet sie die eingegangenen Lösungen und einigt sich nach langwieriger, entnervender Diskussion. Wird das Ergebnis der Verhandlungen publik, schweigen in manchen Fällen die Bürger und nehmen die Entscheidung ihrer politischen Repräsentanten ohne Widerworte hin. Manchmal aber widersetzen sie sich ihrem eigenen repräsentativen Votum. Es gibt lautstarken Protest, wenn die Projekte ästhetisch so einschneidend sind und die Ästhetik der Gewohnheit verletzen wie in Stuttgart. Oft gelingt es den Bürgern zu verhindern, was sie nicht wollen, bevor der ästhetische Wandel ihrer Stadt sich vollziehen kann. Meistens ist ihnen Erfolg beschieden, wenn eine nahende Wahl sich zum Katalysator ihres Willens aufschwingt. In anderen Fällen lindert die Gewohnheit die anfängliche Ablehnung gegen die Neuerung im Stadtbild. Bei wieder anderen Gegebenheiten will sich die Macht der Gewohnheit gegen das ästhetische Unwohlsein der Bürger auch nach Monaten oder Jahren nicht durchsetzen. In New York gibt es dafür ein bekanntes Beispiel von Michael Serra. Sein Kunstwerk „Tilted Arc“ wurde in einer Nacht- und Nebelaktion von der Stadtverwaltung auf einen Schrottplatz verfrachtet, nachdem der Protest der Anrainer einfach nicht verebben wollte. 

Ob Stuttgarts Bahnhof ebenso auf einem Friedhof der verlorenen Ideen landet, bleibt noch ungewiß. Schließlich steht hinter dem Bauprojekt nicht nur eine Stadtregierung. Ein bundesdeutsches Großunternehmen mit großen Ambitionen und eine Landesregierung mit hochfliegenden Träumen wollen den Bahnhof und seine Tunnelführung verwirklichen, die enorme Summen verschlingen dürfen. Das Projekt ist Produkt einer unübersichtlichen Maschinerie von Macht und Interessen, deren Trägheitsmomente sich nur schwerlich bezwingen lassen. Groß dimensionierte, stadtbildwandelnde Bauprojekte dienen darüber hinaus der Memoria der Gestalter. Wobei nur in seltenen Fällen, wie bei dem Pariser Eugen Gustav Hausmann, der zuständige Verwaltungsbeamte noch vor den Architekten genannt wird. Die gigantischen Ausmaße machen „Stuttgart 21“ zu mehr als nur zu einer Skulptur eines Künstlers wie Markus Lüpertz oder Michael Serra, die auf bares Unverständnis stößt. Eine Skulptur ist nur ein Splitter im Auge der ästhetischen Gewohnheit. Die Dimension von „Stuttgart 21“ lässt sich jedoch noch nicht einmal mit einem „Balken“ erfassen.

Nicht zuerst geht es in Stuttgart um einen Wandel des Stadtbilds, der durch einen ästhetischen Zuwachs zustande käme. Es ist eher eine Ästhetik des Verschwindens, die Protest hervorruft: Der Bonatz-Bahnhof wird reduziert auf das Nötigste. Durch den Abriß der Flügelbauten und das Entfernen der Geleise erhält der Bahnhofsbau eine Umwidmung, die an einen Sakralbau gemahnt und nicht mehr an ein Verkehrszentrum. Ein langgezogenes Kirchenschiff, dazu ein überragender Kirchturm lassen zu, das Gebäude als Kirche zu interpretieren. Insofern sakralisiert der Architekt, was er zerstört. Er wertet auch ab, er stuft den Bau zurück – warum eigentlich nicht? Ist es die Umwidmung, die ästhetisch unmöglich erscheint? Der Bonatz-Bahnhof wird allenfalls ein Bahnhof ohne Bahn sein. Das erscheint möglicherweise zuerst als ein Widerspruch. Aber darum geht es: Um die Ästhetik des Verschwindens, eine Ästhetik der Blenden und des Verblendens. Warum soll so viel Geld ausgegeben, so viel Mühe aufgewendet werden, um etwas zum Verschwinden zu bringen, also, um etwas unsichtbar zu machen? Gut – Unsichtbarkeit des Notwendigen aber Häßlichen hat natürlich seinen Reiz. Aber gibt es auch einen entsprechenden Nutzen für die Allgemeinheit? Nach der Ästhetik des Verschwindens möge, so der Willen der Politiker, eine Ästhetik des Gestaltens Raum einnehmen, die Stuttgart in eine neue Hemisphäre heben soll. Ein neues Stadtviertel soll entstehen, wo einst verrostete Gleise grauen Schotter durchpflügten. Wie dieses Stadtviertel aussehen könnte, steht noch in den Sternen. Gewiß ist jedenfalls, es werde ein dichtes Werk aus Verwaltung, Macht, Investoreninteressen vermengt mit einer gehörigen Portion Lobbyismus. Ob das städtebauliche Werk sich auch den Begriff der Schönheit aneignen kann, bleibt genauso ungeklärt wie die Verwirklichung des Bahnhofs selbst. 

So unvorstellbar groß die Bausummen sind, so groß ist auch der Protest, der keine gesellschaftlichen oder ideologischen Grenzen kennt. In diesem Protest scheinen alle vereint zu sein. Ihm gegenüber stehen die Befürworter des Projekts „Stuttgart 21“, die von dem Diskurs der repräsentativen Demokratie vereinnahmt worden sind. Sie verkünden halb angriffslustig, halb beleidigt, die Widerständler seien undemokratisch, weil sie mit ihrem Protest den Weg der repräsentativen Demokratie verlassen. Einst hätten sie die Wahl gehabt, hätten andere Vertreter in die Stadt- oder Landesregierung schicken können, nun käme ihr Protest zu spät. Wer einmal die Wahl hatte, der müsse mit seiner Entscheidung leben. Das heißt, er muß mit den Entscheidungen leben, die jene für ihn treffen, für die er sich ehemals entschieden hat. Eine Entscheidung zweiter Ordnung. Nur wenn dieses repräsentativ-demokratische Vorgehen verläßlich eingehalten werde, könnten Investoren auch weiterhin Großprojekte in Deutschland unterstützten, formulierte in ähnlichen Worten kürzlich der Chef der Bahn. Daß natürlich auch die repräsentativ-demokratisch Gewählten verläßlich Wort halten sollten, was sie den Repräsentierten vor der Wahl versprochen haben, versteht sich dann von selbst. Allein das geht nicht immer. Demokratie beruht auf Versprechen, die nicht immer eingelöst werden können. Versprechen sollten eher als Allegorie aufgefaßt werden: So sähen die Entscheidungen aus, auch wenn sie nicht die Entscheidungen sind, die getroffen werden. Deswegen gibt es keine Verläßlichkeit, denn die äußeren Zwänge sind stärker als das noch so aufrichtige Versprechen. Deswegen haben Wähler kein Anrecht darauf, daß Versprechen auch wirklich von ihren Volksvertretern umgesetzt werden. Im Gegenzug kann kein repräsentativ-demokratisch gewählter Politiker das Anrecht auf ruhige, schweigende Bürger geltend machen, die ihm das Feld der Entscheidungen repräsentativ-demokratisch zu überlassen haben. Darüber hinaus tragen auch die Investoren wie Wähler und Politiker das Risiko gesellschaftlichen Lebens. Leben ist geprägt durch Geschichtlichkeit, durch Wandel. Rahmenbedingungen ändern sich und lassen alte Ideen alt aussehen. 

All das macht Stuttgart jedoch nicht zu einem außerordentlichen Fall. Stuttgart ist überall! Und doch unterscheidet sich das Ausmaß des Protests von ähnlichem Wandel des Stadtbilds. Der Protest ist längst kein regionales Thema mehr, sondern hat eine bundespolitische Ebene erreicht. Aber was ist weiterhin das Besondere an Stuttgart? Findet sich die Besonderheit in dem beleidigten Grundton der Befürworter wieder, der den empörten Bürgern zum stummen Vorwurf macht, daß sie Spielregeln missachten? Stuttgarts Protest hat die verstörenden Ausmaße, die in früheren Jahrzehnten nur ideologische Proteste erreichten. Aber in der schwäbischen Stadt geht es nicht um links oder rechts, es geht vielmehr um Ästhetik, um die Wahrnehmung, um das unbeschreibliche Gefühl des Unbehagens. Ein gewohntes Bild von der Stadt soll für etwas Unbestimmtes, Ungewohntes und Unkalkulierbares weichen. Stuttgart steht in der Tat vor einem gewaltigen ästhetischen Wandel, der nicht abzuschätzen und vor allem nicht vorstellbar ist, weil es bis jetzt keine Vorstellungen von dem gibt, das entstehen soll. 

Die Politik des Verstands

„Ho, Ho, Ho Chi Minh!“ „Leute, so kommen wir nicht weiter!“ „Die Lösung ist „Das Kapital“ und nicht der Kapitalismus.“ – Wie einfach war das doch ehemals in der noch sehr jungen Bundesrepublik Deutschland, West Deutschland, solche Sprüche einzuschätzen. Für das Bürgertum waren diese Aufgebrachtheiten Ausdruck ideologischer Verbrämtheit von beruhigenderweise zahlenmäßig wenigen, verwirrten obendrein linken Studenten. Ihre Geisteshaltung erkannte es zielsicher als Gefahr für die Gesellschaft, für die Demokratie. Die Studenten ordneten sich selbst ideologisch nicht dem kapitalistischen Westen zu, sondern dem Osten mit seinen verwirklichten Anklängen an den Marxismus. Historisch gesehen war es eine prekäre Situation: Die Diktatur war überwunden worden, daraufhin die Demokratie installiert. Sie stand in den 1960er Jahren ökonomisch auf festem Grund. In diese prosperierende Zeit skandierten tausende, sie wünschten sich eine andere Staatsform. Sie waren die akademische Zukunft, gleichzeitig aber auch irgendwie die Feinde des Landes. Das mochte den ein oder anderen Bürger durchweg irritieren. Die akademisch ausgebildeten Zukunftsträger gerierten sich als Sargträger der jungen Demokratie, die mit all ihren Schwächen gemessen an der Vergangenheit regelrecht ein irdisch-deutsches Paradies darstellte. Aus der Sicht der Studenten war diese Demokratie in ihren kapitalistischen Fundamenten und personellen Kontinuitäten aus dem nationalsozialistischen Deutschland untragbar. Aber letztlich waren die Proteste kein nationales Ereignis. Innerhalb einer internationalen Bewegung formte sie sich mit bundesdeutschen Besonderheiten aus. Mitten zu einer Hochzeit des Kalten Kriegs hinterfragte die Bewegung die Position des Westens.

So irritierend die studentischen Phänomene in den 1960er Jahre wohl von bürgerlicher Seite wahrgenommen wurden, so einfach ließen sie sich kategorisieren: 

Die Apo und die K-Gruppen dachten anders und waren deswegen anders. Ihr Protest formierte sich aus der Differenz zweier Denksysteme: einerseits das Marxistische, das im Westen nur Denksystem war, andererseits die Wirklichkeit des demokratischen Kapitalismus westlicher Prägung. Kapitalismus lässt sich nur auf Differenzen gründen. Den Unterschied von arm und reich, den Unterschied von gebildet und ungebildet, den Unterschied von Niedriglohn und Hochlohn, nur in der bewussten Akzeptanz von Differenzen kann der Kapitalismus gedeihen. Das bedeutete in den Augen der Protestbewegung: westliche Demokratien existieren nur wegen ihres Wirtschaftsystems, dem Kapitalismus. Der Kapitalismus funktioniert nur mit Differenz, um Wertschöpfungen zu ermöglichen. Hinter dieser gewinnsteigernden Differenz verbirgt sich jedoch nichts anderes als Ausbeutung und Ungerechtigkeit. Demokratien westlicher Prägung gründen auf Ungleichheit. Wer Ungerechtigkeit und Ausbeutung abschaffen möchte, muss die Differenzen abschaffen, wer die Differenzen abschaffen möchte, schafft in der Sequenz auch den Kapitalismus ab und mit ihm die Demokratien. 

Auf der anderen Seite lebte es sich natürlich sehr gut mit den Differenzen, weswegen sich die Bürgerlichen herzlich wenig von der Abschaffung dieser Differenzen versprachen. So prallte das marxistisch geprägte Denksystem auf das andere, demokratische, das jedoch den Vorteil hatte, erlebbar und erfahrbar zu sein und als kapitalistisch-demokratisches Lebensgefühl mit all seinen Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten wohl existierte. (In Frankreich sprang der Funke von denen, die das Prinzip des Kapitalismus durchschaut hatten und es anprangerten, auf jene über, die durch Differenz den Kapitalismus ermöglichten: die Arbeiter als die ausgenutzte Seite des kapitalistischen Systems. In Deutschland blieb der Protest sehr exklusiv. )

Wie in Deutschland gab es wegen dieses Unterschieds klare Gruppengrenzen zwischen Protestierenden und Bürger, die nur von wenigen überschritten wurden. Darin steckt ein signifikantes Kennzeichnen des ideologischen Protests. Er wird nur von bestimmten Gruppen getragen, die sich exklusiv verhalten. Wer ehemals nicht so dachte wie sie, war nicht dabei. Geschweige denn, dass jemand, der nicht so dachte wie die Gruppe, bei der Gruppe dabei sein wollte. Insofern beruht der ideologische Protest auf einem einfachen Protestmechanismus, denn es gibt immer klare Fronten. Gefährlich wird der ideologische Protest für eine bestehende Gesellschaft nur dann, wenn eine Mehrheit dieser Gesellschaft sich neu ideologisiert und die Gesellschaft in ihrer bisherigen Form kollabieren lässt. Oder die ideologisierte Gruppe versucht, ihr Denken durch bestimmte Praktiken der Macht umzusetzen, die terroristische Züge tragen können. Die Identifizierbarkeit der Protestgruppen ist jedoch leicht über ihr Gedankengut möglich. Eine stabile Demokratie wird jedoch den ideologischen Protest als eine, wie auch immer geartete Bereicherung aufnehmen können. Entweder weiß sie nach der Konfrontation mit dem ideologischen Protest, wo genau ihre Grenzen zum anderen Denken verlaufen oder es ist ihr möglich, bestimmte Forderungen aus dem Protest zu übernehmen, die in das eigene System implementierbar sind. In beiden Fällen hat sich das demokratische System gewandelt, bereichert, aber auch selbstreflektierend stabilisiert. Damit funktioniert der ideologische Protest als ein der Aufklärung nahe liegender, kritischer Bestandteil. Rationale Konzepte und Systeme können rational diskutiert und kritisiert werden. Der ideologische Protest gegen herrschende Zustände verfügt damit durchaus über eine wichtige Funktion innerhalb der repräsentativen Demokratie, die in der Tradition der Aufklärung steht. Ratio trifft auf Ratio und Kritik bringt den Fortschritt.

Politik der Ästhetik

Das war Politik, die Politik des 20. Jahrhunderts. Es war eine Zeit lebendiger Demokratie, die das Prinzip der Repräsentativen Demokratie meist nicht anrührte. Politik machten die Politiker, die wurden gewählt, damit sie jene Politik machten, die das wählende Volk ihnen auftrug. Heute ist gerade dieses Prinzip gefährdet, nicht durch Ideologie, sondern durch Ästhetik, durch die Wahrnehmung. Es geht nicht mehr darum, wie die Gesellschaft sein sollte, sondern wie die Welt aussehen soll. Es geht um Bilder, um innere, endogene Bilder von der Welt und dem Erscheinungsbild der Welt der Objekte. Der Protest in Stuttgart und alle ähnlichen Proteste beruhen auf Unbehagen durch Wahrnehmung, nicht auf dem Unbehagen des Verstandes, der Differenzen in einem Denksystem entdeckt. Ästhetik, also die Wahrnehmung durch unsere Sinne, ist so wichtig und gewichtig geworden, wie ein Gedankensystem überhaupt nicht mehr sein kann. Proteste, Kritik, Empörung aufgrund von Sinneseindrücken, aufgrund von Unbehagen sind keineswegs ein Phänomen des 21. Jahrhunderts. Es gibt sie in der Folge des Zusammenbruchs der Ständeherrschaft im ausgehenden 18. Jahrhundert. Seitdem die Herrschaft des Adels abgelöst wurde durch wie auch immer konstitutionell legitimierte Repräsentanten gibt es auch die Politik des Ästhetischen und den ästhetischen Protest, der auf Sinneseindrücke und Emotionen beruht. Eingriffe in das Stadtbild wurde den Stadt- und Machthaltern nicht verziehen. Selbst nach 150 Jahren wird dem Baron Haussmann in Paris sein städtebaulicher Eingriff in den Jardin du Luxembourg nachgetragen. Aber das betrifft lediglich die Memoria eines einzelnen Menschen, der im Seconde Impire unter Louis Napoleon III. eine ganze Stadt umgekrempelt hat. Es betraf und betrifft letztlich auch nur eine Stadt. Doch in Stuttgart scheint sich dieses Prinzip auszuweiten. 

In unserer sozialen und politischen Gegenwart wird die Ratio zurückgedrängt und die Aufklärung verliert sich in einer Ästhetik des Unbehagens. Protest richtet sich nicht gegen Zustände, die sich als „ungerecht“ bezeichnen und gut ideologisch begründen lassen. Der Protest richtet sich vielmehr gegen die Ästhetik des Wandels. Er kennt keinen logischen Ausdruck, er kennt nur Unbehagen, emotionale und deswegen wortlose Abwehr gegen eine bevorstehende Änderung der gewohnten Wahrnehmung. Es geht nicht gegen anderes Denken, um den logos, sondern um einen Wandel von Sinneseindrücken. 

Dieser Wandel kann ein neuer Bahnhof sein, ein Kunstwerk oder die Verlängerung von Restlaufzeiten von Atomkraftwerken. Der ideologische Protest verfügt  momentan über keine größere Relevanz. Diese andere Protestform lässt jedoch das Gebäude der repräsentativen Demokratie wanken: der ästhetische Protest. Er wird von der medialen Revolution getragen, die eine enorme Aufwertung des Individuums und der Reichweite individueller Meinungsäußerung ermöglicht. 

Welchen Protest muß demokratisch legitimierte Macht mehr fürchten, ideologisch motivierten oder ästhetischen Protest? Der ideologische Protest ist exklusiv, der ästhetische Protest ist dagegen inklusiv. Was als unschön, unfein, ungut wahrgenommen wird, findet Mitstreiter aus allen Schichten und allen Denkrichtungen sowie -ismen. Die Ideologie kann für Ihren Protest nur diejenigen rekrutieren, die in der Ideologie selbst aufgehen. Damit ist der ästhetische Protest für die demokratisch legitimierte Macht wesentlich problematischer als die ideologische. Denn die ästhetische Empörung kann Mehrheiten wesentliche besser motivieren. 

Die Grünen sind und waren vor allem eine ästhetische Partei. Die Ästhetik erklärt ihren Erfolg, weniger ihre ideologischen Implikationen. 

Unsere repräsentative Demokratie braucht einen Umbau. Gegen die Gefahr des Lobbyismus und der Machtwillkür der gewählten OIigarchen, sollte deren Kontrolle durch direkte demokratische Prinzipien erfolgen, die natürlich rechtlich verbindlich ist, um eine Planungshoheit zu gewährleisten. „Wählen und Maulhalten!“, das ist die Devise der Harldliner der repräsentativen Demokratie in Deutschland: „Ihr habt uns die Macht gegeben, wir lassen sie uns nicht einschränken, denn ihr habt sie uns gegeben.“ Es zeigt sich eine Differenz von repräsentativem, altem Verständnis der Demokratie und dem Wollen der Bürger nach Mitbestimmung, nach direkter Mitbestimmung. Dorthin wird unse Weg führen. Da wirken die Argumente und Anschuldigungen und die Taten der Hardliner Mappus, Rech und Grube wie Katalysatoren. Sie sind Figuren in einem Spiel das Entwicklung der Demokratie heißt. Die drei spielen sehr erfolgreich und sehr gut. Vor allem Spielen sie den unaufhörlichen Fortschritt. Man muss ihnen dankbar sein, dass sie diese unangenehme Rolle so selbstverständlich übernehmen. Aber der Grund dafür ist ein einfacher: Die Rolle hat sie übernommen, nicht umgekehrt. Sie sind zu Gefangenen ihrer Funktion geworden. Deswegen darf man das Stuttgarter Triumvirat durchaus von Herzen bemitleiden. 

Beinahe könnte man denken Hegel hat recht mit seinem Weltgeist. Ich glaube nicht, dass der Wandel der Demokratie einer Teleologie folgt. Aber es sieht so aus als wäre der Weltgeist durch Diskurse ersetzt, die einfach radikal wirken. Diese Diskurse nehmen Besitz von bestimmten Leuten und treiben sie mit ihrer Logik immer weiter. Am Ende wird der Diskurs siegen, der die größte Macht hat. Momentan sieht es nicht so aus, als seien das die Befürworter von Stuttgart 21. Sie haben es mit dem Polizeieinsatz soweit gebracht, dass der eigentliche Hintergrund endlich offen zu Tage tritt: Es ist ein Machtkampf von zwei Diskursen: direkte gegen repräsentative Demokratie. – Die direkte wird siegen. Ob sie das Bauvorhaben stoppen kann, ist nicht gewiss. Sieger sind auf alle Fälle die Demonstranten – Verlier heißen Mappus, Merkel, Rech (das fahle, fiese Licht im unbedeutenden Hintergrund). Verlierer werden die alten Parteien sein, die nicht das Ästhetische verteidigen, wie die Grünen. Wir sehen hier einen Kampf der Ästhetik. Die demokratischen Machthaber aus BW machen alles, um diesen Kampf zu verlieren. 

Urlaub im Unsichtbaren

Urlaub, was war das?

Was bleibt nach Corona und mitten im Klimawandel vom Urlaub, wenn die Mobilität wegfällt? – Die Regeln des unsichtbaren Alltags!

In diesem besonderen Jahr, das aufgrund einer Pandemie alles ehemals so unumstößliches Gegebenes hinterfragen lässt, durcheinanderschüttelt und Unsicherheit im Treibsand gesellschaftlichen Getriebes verbreitet, das Wesen des Fliegens lehrt, dass nämlich die Sicherheit immer nur im Fliegen selbst zu finden ist und keineswegs in der durchlässigen Luft, stand im Sommer die Frage nach dem Urlaub an. Wohin? Denn weg von zu Hause war doch immer ein Muss. Raus aus dem Gewohnten, hinein in etwas Anderes. Mobilität schien ehemals ein dankbares effizientes einfaches Werkzeug des Urlaubs zu sein, um den Regelbruch mit dem Gewohnten zu begehen. Vom alltäglichen Domizil in einen anderen Bezugsraum, in dem sich noch weitere Transformationen ergeben konnten: vom geregelten Leben in lebendige Regeln, die der andere Ort und seine Region mitbestimmten. So lässt das Meer seine Urlauber schwimmen, das Gebirge Wandern und Skifahren. Wer den Regelbruch zum Gewohnten, die lebendigen Regeln des Urlaubsortes aus welchen persönlichen Gründen nicht vollziehen konnte, dem blieb zumindest durch den anderen Ort die räumliche Imagination sich im Anderen, im Urlaub zu befinden. Der Ortswechsel und die damit verbundene Mobilität machten den Urlaub immer zum Urlaub. 

Menhire, Megalithkultur in Deutschland? – Aber natürlich! Nur allzu unsichtbar.

Erlaubnis geht dem Urlaub voraus. Erlaubnis zu gehen, muss von einer vorgesetzten Person oder von sich selbst erbeten werden. Das ist ein hierarchischer Schritt. Erst die erteilte Erlaubnis Urlaub zu nehmen, erstellt den Rahmen sich auf Zeit von der Hierarchie des Alltags zu lösen. Urlaub steht damit in einer Tradition grundherrschaftlicher Bindungen des Feudalzeitalters. Wer die Erlaubnis von wem auch immer eingeholt hat, durfte urlauben. Doch was folgte nach erteilter Erlaubnis zum Urlaub in der Zeit vor der Pandemie? Es war die Transformation durch Bewegung. Üblicherweise vollzog sie sich eingepfercht in einer Maschine, die weite Strecken überwindet, Flugzeug, Auto, Bahn – sie waren die Zauberformeln der Translokation. Der Raum zwischen Gewohnheit und Andersheit wurde oft nur in einem negierenden Akt überwunden: möglichst schnell, möglichst bequem hindurch ohne störende Nebeneffekte, wie Sehenswürdigkeiten oder Reifenpannen. Kinder wurden mit Hilfe von Videofilmen, -spielen und mäßiger Zuckerzufuhr sediert. Dann endlich die Ankunft. Der Transformationsraum war überwunden worden, die Urlaubsunterkunft wurde bezogen. Dort war zumindest schon einmal der Ort anders. Aber gut urlaubt nur, wer so viel wie möglich anders macht als im Gewohnten. Nach der inneren Uhr aufstehen und ins Bett gehen. Alkohol trinken oder gerade keinen, kochen, lesen, schreiben, fotografieren, malen, tauchen, schwimmen, mit dem Rad fahren, wandern oder was es sonst noch für Betätigungen gibt, die nicht alltäglich sind. Was sich hinter all diesen Phänomenen des Urlaubs versteckt, möchte ich gleich im Anschluss betrachten. Neben dem Ortswechsel und der Transformation scheint auch der Zeit eine Rolle zu spielen. Den Urlaub begrenzt ein Zeitraum. Erlaubnis zum Urlaub erhalten die Menschen nur, um danach um so besser das Gewohnte bewältigen zu können. Am Ende des Urlaubs geht es deswegen umgekehrt zurück auf dem Weg durch den Transformationsraum. Der Zauberspruch wird genutzt für den rückkehrenden Eingang in die Welt, die das Übliche ist. Am Urlaubsort stecken sich die Urlaubskaninchen in den Zauberhut der Mobilität, am Ankunftsort greift der Alltag hinein und zieht die erholten Menschen hervor. Eine stete Geburt des Gewohnten und des Anderen hatte sich ehemals vor der Pandemie in der Urlaubsgesellschaft vollzogen. 

Aber nun herrscht Corona. Was nun? Die Pandemie lässt ähnlich wie der Klimawandel hinterfragen, wie sehr der Ortswechsel und vor allem der genutzte Zauberspruch der Translokation gefährlich für Leib und Leben ist. Manche fragen sogar, ob moralisch vertretbar. 

Kurzum: Regelbruch formuliert das Ziel des Urlaubs. Mobilität ermöglichte durch fossile Technik den Regelbruch komfortabel auf einer lokalen Ebene zu vollziehen. Sollte diese Transformation durch Translokation als verbindlichste Form des Urlaubs wegfallen, was bleibt? Corona und der Klimawandel machen schließlich das undenkbare möglich: Ein neuer Lebensvollzug, der mit weniger Mobilität und mit weniger Ortswechsel auskommen muss, etabliert sich gerade. Was bedeutet das aber für den Urlaub? Natürlich das, was ihn ausmacht, der Regelbruch, die Transformation vom Alltag ins Andere. Fällt der Urlaubsort weg, der uns ermöglichte, gelebte Regeln aus den lokalen Gegebenheiten abzuleiten, um das Andere zu erleben, heißt das noch lange nicht, dass sich dasselbe Prinzip nicht am Ort des Alltags ausleben ließe. 

Urlaub wird folglich zur Transformation des Alltagsorts in den Urlaubsort. Es ist auch klar, wie das möglich ist: Möglichkeiten unserer Wohnorte nutzen wir nur zu einem Bruchteil. Urlaub in der Nachcoronazeit und in der Epoche des Klimawandels könnte also in der Aktivierung des Unbekannten und Unbewussten vor der Haustür liegen. Folglich wird ein anderer Transformationsprozess notwendig: Unsichtbares des Alltagsorts sichtbar machen. Die Notwendigkeit der Transformation durch Mobilität verringert sich, der Alltagsort, an dem andere Regeln möglich sind wandelt sich. Weniger betrifft das, seine Ausformung in der Wirklichkeit als die individuelle Simulation, die kognitive Konstruktion von ihm. Urlaub wird zur Kopfsache. Entspannen und erholen ließe sich darin vortrefflich, allein es gibt eine Konstruktion, die mehr Macht eignet, die soziale, die Urlaub nur in der Form denken lässt, wie wir sie vor Corona gekannt haben. Aber darin offenbaren sich nur konstruierte Werte einer Gesellschaft, die schnell andere werden können. Zigaretten interessieren kaum mehr, obgleich am Beginn des 20. Jahrhunderts noch alle Menschen rauchen wollten. Leben und Gesundheit erscheinen heute teurer als die Verheißung einer Zigarette. Alkohol wird wohl ein ähnliches Schicksal widerfahren. Folglich bleibt nur eines: Warten auf die neuen Werte. Warten auf den neuen Urlaub, der sein wird, was er schon immer war: ein Regelbruch, jedoch ohne große Translokation, ohne überbordende Mobilität. 

Frauen und die Authentizität des Memminger Fischerfests

Memmingens neue Fischerinnen
Über die Authentizität des Memminger Fischerfests 

Memmingen – diese beeindruckende Stadt mit ihrem umfassenden historischen Bestand hat ein Ritual, das Ausfischen des Stadtbachs. Eine gerade in der Frühen Neuzeit unerlässlich wichtige Angelegenheit. Denn wer glaubt, es hätte beispielsweise um 1700 keine Wasserverschmutzung gegeben, irrt. Die Bäche der Reichstädte mussten jährlich gereinigt werden, weil sie voller Schmutz, Großteils abgelagerten Kot, zu einer veritablen Gefahr wurden. Erhöhte sich die Sohle der Stadtbäche durch den Schmutz, wurden bei umfangreichen Niederschlägen die Überschwemmungsgefahr und der Schaden für die Stadt größer. Also mussten die Ablagerungen aus dem Bett des Stadtbachs herausgeholt werden. Wasser für den Bach stammt in Memmingen aus dem Beninnger Ried. Der Stadtbach, die Memminger Ach, entwässerte und entwässert es noch heute. Das Ried liegt zwischen Beninngen und Memmingen. Die Memminger Ach war Teil einer leider nicht mehr erhaltenen Wasserkunst und gehörte zu den Sieben Memminger Wahrzeichen. In Augsburg wurde eine noch komplexeres Wasserkunst aufgrund ihres Erhaltungszustands zum UNESCO-Welterbe erhoben. Memmingen hingegen hat die Wasserkunst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entfernt. Übrig geblieben ist der Stadtbach. Der bis heute wegen der Ablagerungen gereinigt werden muss. Gegenwärtig nicht mehr wegen der Fäkalien. In Augsburg fällt die Reinigung traditionell immer noch zwei Mal im Jahr an. Auch wenn die Verschmutzung nicht mehr so schwerwiegend ist wie in früheren Zeiten, als es noch keine Kanalisation gab. Während in Augsburg kein Aufheben bezüglich der Reinigung gemacht wird, ritualisierte sich in Memmingen diese jährliche Pflege des Stadtbachs. Sie oblag im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation den Zünften, die auch die Hauptnutznießer des Bachs waren. So institutionalisierte sich das Fischerfest. Bevor der Stadtbach abgelassen werden konnte, um ihn von den Ablagerungen zu befreien, mussten die Fische herausgeholt werden. Entgelt der Mühen der Zünfte waren sie. Das Ausfischen, dessen ritueller Pflege sich im 20. Jahrhundert ein Verein angenommen hatte, wurde durch eine Satzung reglementiert. Natürlich waren es um 1900 Männer, die ausfischen durften, keineswegs Frauen. Es dürfte verständlich sein, warum das so war. Es gab keine Gleichstellung. Aber auch historisch-traditionell waren die Zünfte im alten Reich männerdominiert. Frauen traten rechtlich oft nur dann in Erscheinung, wenn sie die Zunftgerechtigkeit ihrer Männer erbten, neu heiraten und sie dem neuen Mann übertrugen. Das exklusive System der Zünfte ließ wenig Spielraum. Die Pflege des Stadtbachs war damit Männersache – eine nicht ganz angenehme wohl obendrein. 

Nun gab es gerade in diesen Tagen ein noch nicht rechtsgültiges Gerichtsurteil: Auch Frauen dürfen ausfischen, Tradition wiege nicht so schwer wie Gleichberechtigung. Für Traditionalisten dürfte das sicherlich ein hartes Brot darstellen.

Aber ist damit die Authentizität des Fischerfests in Gefahr? 

Die Wirkungen des Urteils lassen sich nach den historischen Werten abfragen, die möglicherweise zunichte gemacht werden. Dazu dient die folgende Tabelle historischer Werte: 

Kategorientabelle: Historische Werte zur Authentizitätsermittlung

Epistemischer Historischer Wert: 

Die soziale Konstruktion, sie besteht aus Wissensbeständen über den Ritus, des Fischerfests wird letztlich nur erweitert, weil auch das Fischerfest sich nicht außerhalb der Zeit befindet, sondern in der Zeit bewegt wird und damit sowieso Wandelungen und steten Veränderungen unterliegt. Nun gibt es eine neue Erzählung, die das Fischerfest anreichert: Frau X hatte auf Gleichstellung der Frauen geklagt und im Jahr 2020 ihr Recht bekommen, auch wenn es noch nicht rechtsgültig ist. Dadurch wird aber die übrige soziale Konstruktion über das Fischerfest nicht angetastet. Es wird lediglich erweitert. Der epistemische Historische Wert des Fischerfests ist nicht in Gefahr. 

Lokaler Historischer Wert: 

An dem Austragungsort des Fests ändert sich nichts. Der Stadtbach bleibt weiterhin als authentischer Ort des Fests bestehen. 

Materieller Historischer Wert:

Hier wird die Beurteilung schwierig, weil es sich um einen Ritus handelt, der sich in Handlungen flüchtig, aber alljährlich materialisiert. Hier ändert sich sehr wohl etwas, wenn nun die Handlungen auch von Frauen ausgeführt werden können. Auch die andere materielle Äußerung des Fischerfests, die Satzung des Vereins, muss sich ändern. Aber auch das ist nichts Neues, denn beispielsweise die Kritik von Tierschutzverbänden hat Änderungen der Satzung bereits notwendig gemacht. Wandel ist für alles, das in der Zeit ist, Normalität. Der materielle historische Wert bleibt größtenteils weiterhin erhalten, lediglich übliche und notwendige Änderungen vollziehen sich. Erhaltung der reinen Tradition widerspräche dem Leben. 

Temporaler Historischer Wert:

Das Spektakle des Ausfischens ist seit vielen Jahrhunderten belegt durch Archivalien des Stadtarchivs. Es befindet sich in der Zeit, es ist geschichtlich und gerade seine Geschichtlichkeit macht es authentisch. Zur Geschichtlichkeit gehört geradezu der Wandel, wie der Wandel eines Menschen, der in seiner Biografie sichtbar wird. Der Wandel macht authentisch, einzigartig unverwechselbar. Auch dieser Historische Wert wird nicht angegriffen. Niemand würde zum zünftischen „Ursprung“ – was das auch immer sei – des Fischerfests zurückkehren können, denn das Heilige Römische Reich deutscher Nation gibt es genauso wenig wie das Zunftwesen. Also auch hier ist die Authentizität des Fischerfests nicht durch das Urteil in Gefahr. 

Ästhetischer Historischer Wert:

Dieser Wert erfasst das Wahrzunehmende des Ritus des Ausfischens. Wird es zeitautonom-historisch betrieben? Sehen die Fischer aus wie um 1700? Das ist nicht der Fall, obgleich im Rahmen des Wallensteinfests durchaus eine historische Ästhetik des 17. Jahrhunderts gepflegt wird. Doch die Fischer, bald womöglich auch die Fischerinnen, pflegen und pflegten diesen historischen Wert nicht. Sie stiegen und steigen immer zeitgemäß gekleidet in den Bach. 

Idealistischer Historischer Wert:

Das Prinzip des Ausfischens wird mit ihm erfasst, die abstrakten Strukturen, die in der Vereinssatzung festgehalten werden: Ausfischen, das Aussehen und die Größe des Fangwerkzeuges (Bären), der (die) Fischerkönig (in), das Schlachten der Fische. Diese historischen Prinzipien werden nicht durch das neue Recht der Frauen angetastet. Auch hier bleibt der Historische Wert erhalten. 

Authentizität? 

Die Summe der historischen Werte geben auf die Frage nach der Authentizität des Fischerfests Antwort: Sie wird durch das Urteil nicht angetastet. Trotz dem neuen Recht der Frauen, bleibt es auch weiterhin historisch, historisch wertvoll und authentisch. 

Kürzlich erschienen: Die authentische Stadt

Kürzlich erschienen als ebook: Die authentische Stadt. Urbane Resilienz und Denkmalkult, Wien 2020. (Print-Version im Oktober 2020)

Das Verbot der EU von Einweggeschirr und Trinkhalmen aus Kunststoff ab 2021 markiert ein gewaltiges Problem der Konsumgesellschaft: Noch immer ist die Kreislaufwirtschaft zu wenig ausgeprägt. Ressourcen werden aufgebraucht, aber nicht rückgeführt, CO2 wird freigesetzt, aber nicht wieder gebunden. Für einen effektiven Klimaschutz ließen sich an mannigfaltigen Stellschrauben drehen. Nicht nur durch ein Verbot von Einweggeschirr, sondern auch in der Bauwirtschaft. Bislang wird dort wirtschaftlich kostenbezogen gedacht: Sobald sich ein Gebäude amortisiert hat, kann es abgerissen werden, weil die Sanierungs- und Unterhaltskosten zu hoch, der Baustandard zu alt ist. Das wäre in der Tat auch kein Problem, wenn der Cradle-to-Cradle-Grundsatz eingehalten werden würde, das heißt, wenn der Baubestand in CO2-neutral in Kreislaufprozesse eingebunden werden könnte. Das funktioniert bedauerlicherweise bislang nicht. Beton, aber auch Ziegel verbrauchen in der Herstellung Unmengen an Energie und setzen Unmengen an C02 frei. Werden sie, wie momentan noch üblich, abgerissen und verkippt, entstehen gewaltige energetische Dissonanzen. Eine andere Möglichkeit läge darin, den Baubestand zu nutzen und weiterzuentwickeln, auch wenn er sich amortisiert hat. 

An dieser Stelle setzt das Leitbild „Authentische Stadt“ an. Baubestand wird darin als Kulturerbe verstanden, an dem Vergangenheit sichtbar gemacht werden kann. Eine Stadt besteht nicht nur aus Materie, sondern in weit höherem Maße aus sozialer Konstruktion, also Wissen über die Materie. Sie zu entwickeln ist die Absicht des Leitbilds „Authentische Stadt“. In der gleichnamigen Publikation werden die (semiotische) Beziehungen von Materie und sozialer Konstruktion untersucht. Der Begriff des Originals, der für das 20. Jahrhundert so wichtig war, wird dekonstruiert und der neutrale Begriff des Authentischen dagegengesetzt. Authentizität entsteht aus einer Reihe von historischen Werten, die in der Publikation aus vielen Beispielen hergeleitet werden. Auch eine Anleitung zur Anwendung des Leitbilds Authentische Stadt“ findet sich darin. Sie spricht sich für den Erhalt von Bausubstanz aus, aber auch für deren ökonomische und ökologische Weiterentwicklung, nicht für deren Musealisierung. 

Wenn Baubestand erhalten bleiben und weiterentwickelt werden soll, dann bedarf es einer Methode ihn nach Authentizitätsprinzipien zu analysieren. Genau dafür ist „Die authentische Stadt. Urbane Resilienz und Denkmalkult“ geschrieben worden. Gefördert wurde das Buchprojekt von der Stadt Wien.

– Für eine andere Baukultur, die das Klima genauso wie kulturelles Erbe schützt. 

Erhältlich im Buchhandel und sofort für den download bereit.

Rezensionsanfragen: presse@passagen.at

Virus? Niemals! Ein Mensch!

Virus? – Niemals! Ein Mensch!

Das anthropomorphe Verursacherprinzip

In meiner Kindheit lernte ich ein irritierendes Phänomen kennen. An einem Fluss, nach dem die letzte Kaltzeit im Alpenraum benannt worden war, wuchs ich auf. Stolz war ich auf den Namen: Würm-Kaltzeit oder Würmeiszeit. Diese Würm, eigentlich kein schöner Name, roch nicht wirklich gut, außerdem hatten die Behörden ein Badeverbot verhängt, weil sich ein Haufen von Kolibakterien mit wenigen Wassermolekülen um das Flussbett stritten. Das lag an einer nicht fertiggebauten Kläranlage. Aber in den Bakterien vebarg sich nicht das irritierende Phänomen. Es bestand im Umgang der Anwohner mit dem Fluss. 

Die Maße der Würm lassen es nicht zu, von einem großen Fluss oder gar von einem Strom zu sprechen. Für Nichtschwimmer oder nicht geübte Schwimmer konnte die Würm jedoch tödlich sein. Deswegen durften alle kleineren Kinder aus der Nachbarschaft nicht nahe an ihren Ufern spielen. Begründet wurde das mit einer mythischen Wesen, einem ominösen Wassermann oder auch Nix, der, wenn er an dem Ufer ein Kind wahrnehme, mit seinen nassen kühlen Fingern das Kind packe und in den Fluss ziehe, um es mit sich zu nehmen. So viele Geschichten werden von ihm und seinesgleichen erzählt. In Tirol heißt der Blutschink. Ein anthropomorphes Hybridmonster, das es auf Kinder abgesehen hat. Dann gibt es den tschechischen Vodník oder den schottischen Shellycoat. Sie alle angelten oder griffen nach den Kindern am Ufer. 

Schaden konnte nicht von einem Fluss ausgehen, sondern nur von einem anthropomorphen Wesen: Ein Mann, der im Wasser wohnt und Böses über die Menschen bringen möchte. Irritierend ist auch der Glaube, Kindern könnten Gefahren nicht anders klar gemacht werden als durch die Wesen des Bösen, seien sie auch noch so irreal. Aber als Spiegelbild der göttlich-heilig-guten Wesen lassen sie sich perfekt in das christliche vormoderne Weltbild einfügen, dessen Auswirkungen noch heute in Nikolaus (katholisch), Weihnachtmann (protestantisch), Christkind und Osterhase die höheren Mächte in ihrem Gutsein nahebringen. Es ist offenbar schwer für Menschen den Weltenlauf ohne das Wollen und Zutun von Menschen oder menschenähnlichen Wesen zu akzeptieren. Da werden Götter konstruiert, die wie Menschen aussehen, da werden Hexen und Hexer erzeugt, weil das Wetter schlecht ist, da werden Judenheiten und andere Minderheiten zu den Tätern und Verursachern von Pandemien erklärt und erbittert diskriminiert, bekämpft und getötet. Konstruierte Kausalitäten von Phänomen und Täter, seien sie auch noch so weit hergeholt, geben offenbar ein Gefühl der Geborgenheit und Sicherheit, vor allem der Kontrollierbarkeit. Die unbekannte Gefahr wurde und wird greifbar, konnte entweder gelyncht werden oder beschuldigt, gefoltert und sodann gerichtet werden. Mit dieser anthropomorphen Schuldkonstruktion gaben sich die Menschen der Illusion hin, das unsichtbare Böse wieder beherrschen zu können. Schuldige wurden für die unerklärliche Phänomene des Bösen belangt, die das Leben einschränkten. Selbst die Erklärungen, für die Gott herangezogen wurde, beinhalteten menschliche Eigenschaften: der strafende, der rächende Gott war es dann, der die Menschheit mit den Pocken bestrafte. Wer dagegen Jenners Vaccination einsetzte, wurde folgerichtig zum Gotteslästerer erklärt. Hauptsache eine anthropomorphe Erklärung konnte herangezogen werden, schon war und ist der Mensch zufrieden. Menschen brauchen Verursacherinnen und Verursacher, sie akzeptieren nur schwerlich die Launen der Natur. 

Einmal passierte das Entsetzliche in meiner Kindheit: Ein Mädchen aus der Nachbarschaft war verschwunden. Unauffindbar. Für uns Kinder war es naheliegend, den Wassermann verantwortlich zu machen. Aber der fiel den Erwachsenen gar nicht erst ein. Sie reagierten gereizt auf unsere Schreckensvermutungen. Auch verwarfen sie die weitaus realistische Erklärung, das Mädchen sei in den Fluss gefallen und ertrunken – ein banaler schrecklicher, ein schrecklich banaler Unfall. Das Prinzip Hoffnung stand gegen diesen Deutungsversuch. Nun wurde deswegen ein böser Mann vermutet, der das Mädchen entführt habe. Verdächtigungen wurden ausgesprochen. Die Polizei suchte vergeblich. Dann, zwei Wochen später, wurde das Mädchen gefunden. Im Wasser hatte es sich in dem Rechen eines Wehres verfangen und die unangenehmste aller Erklärungen verwandelte sich in die wahrscheinlichste: der Unfall, der sich wohl still und schnell vollzogen hatte, unbemerkt von den Menschen. Die schreckliche Gewissheit ließ keinen Platz mehr für anthropomorphe Schuldige, weder für den Wassermann, noch für den Entführer. 

Die gewaltige Eigendynamik, die das anthropomorphe Verursacherprinzip mit sich bringt, trägt das Potential der Lösung durch Gewalt in sich. Das scheint heute nicht anders zu sein, als während der Judenpogrome des Jahres 1348, der Hexenprozesse während der Kleinen Eiszeit und der Shoa des 20. Jahrhunderts. 

An der vormodernen Rechtspraxis lässt sich die Funktionsweise gut studieren: Bestraft wurde öffentlich. Verurteilte wurden nicht in der Strafpraxis geläutert, es ging vielmehr um Abschreckung, aber auch um eindeutige Schuldzuweisung und Bereinigung von Schuld im Strafritual: Die kognitive Dissonanz, die strafrelevante oder natürliche Phänomene, wie bedrohliches zerstörerisches Wetter, hervorgerufen hatten, wurde durch die öffentlich vollzogene Strafe neutralisiert, die Normalität des Lebens wieder hergestellt und mit ihr die Hoffnung auf das Ende der Anomalie. Mit diesen als vormodern verharmlosten Praktiken, die aber offenbar Faktoren unseres scheinbar zivilisierten Lebens sind, die immer wieder auftauchen können, haben wir es heute in unserer Pandemie zu tun. Sie lassen uns einen Hauch davon erahnen, wie die Pest im 14. Jahrhundert wahrgenommen wurde. – Im Blick auf das Virus wird aber auch klar: Wir sind nie vollkommen modern gewesen und werden es wohl auch nie werden. 

The Good Life – was sonst!

The Good Life – was sonst! Corona und das gute Leben

Baden-Baden nennt sich nach einem historischen Territorium, das es schon lange nicht mehr gibt. Die Doppelung erklärt sich gut mit dem anderen längst vergangenen badischen Territorium, Baden-Durlach. In Durlach wurde regiert, dort lag die Residenz Baden-Durlachs. Ebenso verhält es sich mit der Stadt Baden. Über ihr siedelte bis zum Pfälzer Erbfolgekrieg das Residenzschloss des badischen Teilterritoriums – Baden-Baden. Längst übertrug sich der Namen des Territoriums auf die Stadt. 

Ein Spaziergang durch Baden-Baden verunmöglicht es, sich an einer weiteren Wiederholung vorbeizuschmuggeln, dem Stadtslogan: The Good-Good Life. Nicht einfach The Good Life, nein, The Good-Good Life lässt sich hier finden. Was für eine Verheißung! Eine Aussage mit Tiefgangpotentialnucleus oder mit banalster Normalnulldominanz der Oberfläche. 

Wir alle wollen es, das gute Leben. Und wie Hartmut Rosa es bereits analysierte, es geht nur mit Entschleunigung, mit Reduktion, mit Umbewertung unserer Möglichkeiten. Das gute Leben ist Ziel und Sinn des Lebens. Zwar heißt es auch ganz funktionalistisch: Der Sinn des Lebens ist zu leben. Aber der Satz erscheint so vegetativ, so unkultiviert, so unmenschlich. Das vegetative Leben reicht doch nicht für das gute Leben!

The Good Life besteht aus einigen systemischen Fixpunkten: Existenzsicherung, reichhaltige soziale Konstruktion über die dingliche Wirklichkeit, Möglichkeiten, die geschaffene kulturellen Produkte zu genießen, die Menschenhand entwickelt hat, Möglichkeiten der kulturellen Produktion zu erschaffen sowie unbeschwerte Zeit für deren Genuss. Der Mensch als Demiurg, der Welten des Schönen erschafft und darüber spricht! Seine Werke zu genießen, ist eine der Grundlagen des Good Life. Genieße wahrnehmend das Geschaffene und erschaffe das Genossene durch den Genuss es zu kommunizieren! Darin liegt das Geheimnis des Good Life

So deutlich wie in der Coronazeit war uns das wohl noch nie bewusst. Es gibt kein Good Life ohne die Produkte der Kulturen, der Erzeugnisse aus Menschenhand der Demiurginnen und Demiurgen und ohne die Kommunikation über sie. Die Kommunikation erschafft Mythen, Lebenselixiere einer übervegetativen Lebensauffassung, die uns in die Pflicht nimmt, unsere Existenz zu erhalten und den Genuss des Schönen zu ermöglichen. 

Einen Fixpunkt des Good Life hat uns Corona geschenkt: die Entschleunigung. Es ist zu hoffen, sie zu erhalten, auch für das Klima und damit für unsere Existenz. Nun brauchen wir nur noch die Kultur zurück. Sie ist in der Tat nicht „systemrelevant“, denn in einem System gibt es keinen Teil, der systemrelevanter sein könnte als ein anderer. Möge das Unwort des Jahres 2020 dazu führen unser System in seiner Relevanz zu erkennen.

Wir brauchen Wege zum Schönen. 

Maître du temps: Au revoir Claude, au revoir Prince d’Abomey. Une nécrologie

Maître du temps: Au revoir Claude, au revoir Prince d’Abomey. Une nécrologie

Aucune information: je ne sais pas comment, je ne sais pas quand. À un moment donné en juillet 2020, Claude Kalume Wa Mukadi Dah Vignon, prince d’Abomey / Bénin, a disparu de ce monde pour passer à celui des ancêtres. Aucune nécrologie ne peut être trouvée sur Internet pour une personne étonnamment remarquable: militant des droits civiques, militant pour la paix, poissonnier, conférencier, médiateur de l’Afrique en théorie et en pratique, citoyen originaire de Munich, né en République du Congo. Controversé, ridiculisé, adoré, admiré – un homme grand et évidemment inconnu. La dernière trace que j’ai de lui se trouve dans ma boîte e-mail. Là, il m’a écrit au début de janvier 2018: «Je te souhaite, en 2018, bonne chance, bonne santé, grandes expériences positives. J’espère te revoir. Claude.« J’ai répondu que je l’appellerai bientôt. Mais je ne l’ai pas fait. Trop d’autres choses pressées. C’était une période difficile pour moi. Donc, notre rencontre n’a jamais eu lieu, j’espérais la prochaine opportunité. Maintenant, il s’avère que c’était la dernière pour moi de le revoir. Il est gaspillé et ne reviendra pas. Maintenant, c’est la mémoire.

Pour un Européen comme moi, Claude était un énorme défi. Mais j’aimerais raconter l’histoire depuis le début: un ami commun, Jörg Linke, nous a réunis au printemps ou à l’été 2004. Il faut célébrer 10 ans de démocratie en Afrique du Sud. Un spectacle avec une table ronde, de la musique, une salutation du Consul général, ancien maire de Cape Town. La modération, le co-commentateur lors de la table ronde et la modération du consul général étaient mes tâches. Des conversations, de nombreux contacts, du vin sud-africain, de la cuisine africaine et de la danse ont été payés. Claude a organisé le repas et il a eu une idée pour la table ronde: il voulait, c’était toujours sa mission, rapprocher l’Afrique des Européens. Son concept était basé sur un dialogue entre l’Africain – Claude – et l’Européen – moi. Il s’est avéré assez bien que je n’avais tout simplement aucune idée de l’Afrique. Pour autant que je me souvienne, cette conférence, ou plutôt ce dialogue, a été annoncée sous la devise «L’Europe a l’horloge, l’Afrique le temps». Mon travail consistait à jouer le rôle du colonialiste et à argumenter dans cette perspective et – à perdre. Claude, d’un autre côté, était l’Africain supérieur sage et narratif qui m’a fait comprendre à quel point j’étais colonialiste, même si je n’en étais même pas conscient. 

Une expérience intéressante et éducative. Claude a mis une anecdote après l’autre. Un système narratif additif de narration, un principe narratif que jusque-là je n’avais entendu que d’E.T.A. Hoffmann savait si je devais organiser et diriger et aussi diriger dramaturgiquement afin de l’européaniser lui et sa narration. Il m’avait donc positionné comme le chef colonial des arguments et des récits et m’avait constamment demandé ce rôle. Ces multiples ruptures dans les relations entre l’Afrique et l’Europe étaient typiques de lui. Tout était toujours dans l’équilibre, le but: la déconstruction de positions auxquelles on croyait fermement. Pour moi, cette conversation était une expérience imprévisible. Claude m’avait raconté quelques-unes de ses anecdotes, mais celle qu’il allait dire maintenant comment je devrais y faire face n’était pas prévue. «Nous allons faire ça. Cela fonctionnera bien. Tu verras », dit-il. Seuls des principes de base généraux ont été établis. Comme je pouvais jongler avec des inconnus et que j’étais pratiqué dans l’improvisation, je pensais que j’étais en quelque sorte à la hauteur. Il n’y avait en fait aucune autre préparation pour cette conversation devant un public pas trop grand, mais pas trop petit non plus. Mais je devrais bientôt me rendre compte que les accords n’étaient ni vraiment possibles ni nécessaires. S’impliquer en Afrique, c’est le sujet de cette conversation.

Le début de notre table ronde se rapprochait. Nous nous sommes assis sur un banc rouge et avons commencé à parler de nulle part au public encore bavard, qui était dans une tente chaude et surpeuplée avec nous. Claude a provoqué avec des déclarations pourquoi moi, l’Européen, j’étais responsable de la mort de tant d’Africains au Congo, au Rwanda. Le génocide des Héros et ma proximité avec Lothar von Trotha m’ont été montrés sur notre confortable banc rouge. Notre incapacité européenne à vivre la diversité, il m’a enduit pouce par pouce d’une quantité infinie de charme et d’esprit sur mon sandwich allemand. Pourquoi ne pouvons-nous pas comprendre que le culte des ancêtres est pratiqué le matin, que l’homme-médecine vient et que le chapelet est dit dans l’église le soir? Le chamanisme et le pape étaient un merveilleux match. L’Afrique est inclusive, l’Europe exclusive. Tout ce qui ne va pas selon notre ordre est mauvais et doit être prosélytisé. Mais en fait on devrait dire: Oubliez l’Afrique, elle pourrait s’aider elle-même. Il était de cet avis. Toute «aide au développement» est un acte de colonialisme! Claude Kalume m’a demandé beaucoup d’improvisation. J’ai quitté la table ronde avec le sentiment d’avoir complètement échoué. Ce qu’il voulait de moi, je ne l’avais pas réalisé à mes yeux. Mais il a évidemment vu les choses différemment. Depuis ce soir, nous sommes en contact régulier. A cette époque, il était encore Claude et non prince d’Abomey.

Il voulait avoir toute une série de tables rondes avec moi sur l’Afrique et l’Europe. Mais il n’y en avait qu’un de plus. Il a eu lieu à Tutzing et s’intitulait «Du schwarz, ich weiß!». Un jeu de mots allemand, selon son goût: „Ich weiß“, ça signifie deux chose: je suis blanc et je sais. La discussion était prévue pour 19h30. Nous avions convenu de nous réunir vers 18h00 pour discuter de la soirée et la structurer un peu. J’avais la montre, j’étais l’Européen et j’étais à l’heure. Claude n’est pas venu. Il avait le temps. À 19 heures, je suis devenu agité, car j’aurais aimé lui parler du processus pendant au moins quelques minutes. Mais Claude n’est tout simplement pas venu. Je l’ai appelé. Une première fois, une deuxième fois, une troisième. Mais Claude n’a pas répondu au téléphone. Je n’avais pas d’autre choix que d’apprendre ce que signifie n’avoir qu’une seule montre. La maison Roncalli, le lieu, se remplissait. De plus en plus d’Européens munis d’horloges étaient assis dans les rangées de la salle de conférence. Chacun me regarda avec impatience. Et que dire de Claude? Il est resté à l’écart de cette impatience. Il était 19 h 40 et les Européens avec les montres au poignet s’impatientaient. L’organisateur m’a demandé où allait Claude, m’a reproché son absence. Mais je ne savais pas. A 19h45, l’Européen en moi a décidé de monter sur scène et de parler d’Europe et d’Afrique en préparation jusqu’à ce que Claude Kalume Mukadi vienne finalement. Des spécialistes de l’Afrique de l’Académie pour l’éducation politique de Tutzing étaient assis dans la salle. C’était horrible parce que je n’étais pas un expert, j’étais juste l’Européen qui animait. Je n’ai aucun souvenir de ce que je disais sur scène en détail.

Mais le calme me revint lentement car je sentais que l’Afrique m’avait atteint. Je n’étais plus assis sur une scène, il n’y avait pas de rangées de chaises devant moi, j’étais assis sous un baobab et je racontais sur Claude ce que je savais de lui, quelle sagesse je savais de lui. J’ai également raconté des histoires de mon point de vue. Il était 20 h 15, 20 h 20, après quoi j’ai arrêté de regarder mon poignet. À un moment donné, tout à coup, Claude est venu s’asseoir à côté de moi sur la chaise qui était vacante depuis si longtemps. Il n’a pas dit un mot sur le retard. Après tout, il avait le temps. Il était maître du temps. Nous avons entamé notre conversation, elle s’est déroulée d’elle-même, nous avons parlé au public et évidemment ils n’étaient pas mécontents. Claude n’a pas lésiné sur la critique et l’autocritique et il nous a donné une chose en cours de route: „Vous vous définissez par les choses – mais être humain n’est possible que par les autres!“ Certains jours, il était une machine à aphorisme. Chaque minute, ils volaient autour des oreilles de ses interlocuteurs, souvent dans le café de la Beethovenplatz à Munich. Nous avons suivi notre propre chemin. Claude est sacré prince d’Abomey, devient diplomate, ambassadeur de la paix, rapproche l’Afrique de l’Europe et l’Europe des Européens. Je l’ai vu de loin à des conférences qu’il donnait maintenant seul. Il a continué à déconstruire et a levé le miroir. Il avait raison sur beaucoup de choses. Tu as toujours raison, Claude. Dans ta compréhension du monde, tu es plus parmi nous, même si dans un monde parallèle.