Jenseits der Linie
Ausstellung von Rainer Kaiser in der Galerie Süßkind, Augsburg
18. September 2025-31. Oktober 2025
Laudatio vom 18. September 2025
Niederschrift des frei gehaltenen Vortrags am 18. September 2025 von Prof. Dr. Stefan Lindl.
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Menschen, verehrtes Publikum
Sehr freue ich mich darüber, heute hier in der Galerie Süßkind über Rainer Kaisers Kunst sprechen zu dürfen. Hierfür bedanke ich mich bei Rainer Kaiser und bei der Galeristin Sybille Terpoorten. Mit dem Titel dieser Ausstellung Rainer Kaisers machte mir der Künstler eine besondere Freude: „Jenseits der Linie“. Wo es ein Jenseits gibt, da muss es auch ein Diesseits geben. Das ist gerade in einer Stadt wie Augsburg, die das Jenseits so wie das Diesseits historisch betont von besonderer Bedeutung. Und genau auf dieses Gegensatzpaar ‚Diesseits‘ und ‚Jenseits‘ möchte ich mich in den nächsten Minuten einlassen.
Für all jene, die mich nicht kennen und noch keine Rede oder keinen Vortrag von mir gehört haben, darf ich Ihnen eine kleine Gebrauchsanweisung geben. Ich verfehle immer das Thema. Das tat ich schon in der Grundschule und diesem Prinzip bin ich bis heute treu geblieben, schließlich benötigen wir Kontinuität im Leben. Nur die Kontinuität ermöglicht es in der steten Wiederholung irgendwann die beste aller möglichen Themaverfehlungen zu leisten. Demgemäß werde ich also erst einmal nicht über Rainer Kaisers Kunst sprechen. Er kennt mich, darauf ist er vorbereitet. So dachte ich mir vor zwei Tagen, als wir über die Laudatio sprachen, wie möchte ich denn dieses Mal mein Thema verfehlen? Ich dachte an die Mona Lisa. Es ist ein Gemälde, das Sie alle kennen. Aber dann wurde mir klar, dass Leonardo viel zu nah an Rainer Kaiser ist und das Thema folglich nicht ordentlich verfehlt werden kann. Deswegen entschloss ich mich bei der Fotografie anzufangen und zwar nicht bei der Digitalfotografie, die wir heute kennen, die wir stets und immer als Möglichkeit mit unserem Smartphone immer griffbereit mit uns führen. Ich meine die Fotografie, die im 19. Jahrhundert aufkam und sich im Paris in den 1860er Jahren durchsetzte und von der französischen Hauptstadt ihren Siegeszug um die Welt antrat. Fotografie war ein Abbildungsprozess, der auf einer Mechanik und Chemie beruht. Eine Maschinerie übernahm die Aufgabe der mimetischen Künstlerinnen und Künstler, die bis zu den 1860er Jahren akribisch versuchten darzustellen, was sie sahen, also Abbilder produzierten, die nicht durch die individuelle Wahrnehmung getrübt waren, sondern am besten die Natur getreu kopieren sollte. Die Kunst bestand darin, die Zeichen- oder Maltechnik als bloße Abbildungstechnik zu nutzen. Ein guter Künstler war jener, der am besten das Abzubildende abbilden konnte, am besten war das Genaueste, das Getreueste. Dabei verschwand der potentiell gestaltende Künstler in seiner Technik und seiner Fähigkeit des Kopierens. Die Fotografie entsprach einem regelrechten Beben, einer Disruption, einem gewaltigen Bruch und eine Verunsicherung, was Kunst sei und was Kunst gewesen war. Plötzlich war klar, besser und exakter als die Maschine Fotoapparat kann kein Künstler und keine Künstlerin die Wirklichkeit darstellen. Damit zerbrachen alle bis dahin gültigen Kunstwerte. Neue Werte mussten gesucht werden.
Die Fotografie gilt deswegen in der Kunstgeschichte als die Befreierin der Kunst. Mit ihr konnten Künstlerinnen und Künstler anderes darstellen oder anderes bearbeiten, als die bis dahin gewöhnliche mimetische Bewegung der Kunst vom Außen auf das Bild, von der Realität zum möglichst identischen Abbild, welche die Künstlerische Leistung in den puren Dienst des Abbildens stellte. Kunst entsprach Fähigkeit und Technik. Doch seit den 1860er Jahren ließen sich neue Wege beschreiten, musste die Kunst sogar neue Wege finden, musste sie sich neu definieren. Kunst war eine Diesseitige Angelegenheit gewesen, die nur in der sichtbaren Welt verortet war, auch wenn sie religiöse fiktionale Inhalte behandelte, so waren diese Inhalte stehts in einer konkreten, sichtbaren Wirklichkeit verortet. Diesseitig ebene. Sie hatte dadurch die Kraft, miest religiöse Inhalte diesseitig zu machen, in die sinnliche Welt zu holen. Was aber ist dann eigentlich das Jenseits der Linie?
Bewegung nach 1860 – von Innen auf das Bild
Die Fotografie ermöglichte es Kunst anders zu verstehen. Es wurde die Wirklichkeit von Wahrnehmung der Wirklichkeit unterschieden und von der kognitiven Repräsentation dieser Wirklichkeit als eine Gesamtheit von endogenen, also inneren, Bildern, Sprache, Gefühlen, Emotionen, Wahrnehmungsformen. Mit diesem Bewusstsein, dass Künstlerinnen und Künstler die Wirklichkeit durch einen menschlichen Filter der Wahrnehmung sehen und sie nach ihrem Können konstruieren, wurden die neue Wege der Kunst erst möglich. Plötzlich stellten Künstler und Künstlerinnen fest, dass ihre kognitive Abbildung der Welt darstellungswürdig ist. Sie betrieben Introspektion, schauten in sich, bildeten diese kognitiven Welten ab, die in ihren Gehirnen die Vorstellung von Wirklichkeit entsprach. Das Gegensatzpaar Diesseits und Jenseits der Linie läßt sich gut in diese neue Vorstellung einbringen. Dieseits der Linie ist alles das, was sichtbar ist. Das Jenseits hingegen liegt im Reich der Vorstellung, in der Kognition, in den Gehirnen, in der Anima, der Seele, dem Bewusstsein. Gleichgültig welche Ausdrücke wir auch immer dafür verwenden wollen. Das Jenseits der Linie liegt im Unsichtbaren und bei Rainer Kaiser entspricht das Unsichtbare seinen Gefühlen, seinen endogenen Bildern, seinen Gedanken, Vorstellungen, seinem Hoffen und Wähnen, seinem Vorstellen und Imaginationen. Auf dieses Jenseits der sichtbaren Linien zielen seine Bilder, die er uns in dieser Ausstellung zeigt. Die Abbildungsbewegung geht also von innen nach außen, von seinem Jenseits der Linien, dem unsichtbaren Wirklichkeitsraum in seinem Kopf, hinaus zu den Kunstwerken. Sie sind, so ließe sich sagen, das Abgebildete. Rainer Kaiser lässt uns über seine Kunst an seinen Vorstellungen von Welt und Wirklichkeit teilhaben. Sie sind die sichtbare Spitze eines des unsichtbaren Eisbergs, sind das sichtbare Spektrum einer keineswegs vollständig sinnlich wahrnehmbaren Lichtgestalt. Das wird sichtbar in den dreischichtigen Bildern, in denen drei Lagen, die lose miteinander fixiert sind, von der Komplexität der unsichtbaren Welt Rainer Kaisers zeugen. Diese Bilder unterliegen Wandel, wie auch die Welt der Vorstellungen Rainer Kaisers. Sie verrutschen, liegen ab und an anders, gehorchen oder widerstreben der Gravitationskraft. Alles Zufall. Der Zufall spielt darin als Gestalter und Künstler eine Rolle, wie sich die Kunst präsentiert, wie wir Betrachterinnen und Betrachter sie wahrnehmen können.
Die Wahrnehmungsbewegung von außen nach innen
Ein weiterer Bestandteil in diesem Spiel der Kunst ist das Publikum, sind die Betrachterinnen und Betrachter der Werke von Rainer Kaiser. Für sie bleibt die Bewegung vom Bild über die sinnliche Wahrnehmung in die eigene nur für jedes einzelne Individuum erkennbare, denkbare und apperzeptiv, also ohne sinnliche Wahrnehmung, erlebbare Innenwelt. Das Betrachten ist ein besonderer Prozess, der durch die individuellen Filter der Wahrnehmung das Bild formt. Betrachterinnen und Betrachter werden damit zu Co-Künstlerinnen und -künstler Rainer Kaisers. Sie gestalten durch den Wahrnehmungsprozess und die Fähigkeiten das Wahrgenommene kognitiv zu verarbeiten die Kunst Rainer Kaisers in ihrem Kopf. Damit kommt neben dem Zufall, der die Bilder von Rainer Kaiser verändert, ein weiteres Prinzip der Gestaltung zum Tragen, das außerhalb der gestalterischen Kontrolle des Künstlers liegt. Die Rezeption seiner Kunst hat er nicht im Griff, auch sie liegt jenseits seiner Linien, liegt in einem individuell und nicht kollektiv erfahrbaren unsichtbaren Raum. Das Jenseits der Linie befindet sich also im Künstler und in den Betrachterinnen und Betrachtern. Es ist interessant, wenn dies weitergedacht wird. Es ließe sich die Frage stellen, wie viele Kunstwerke es pro Bild von Rainer Kaiser denn überhaupt gibt: Die Zahl der betrachtenden Menschen entspricht der Zahl der Kunstwerke, die sich auf ein Bild von Rainer Kaiser beziehen. Jenseits der Linie wird damit auch für die Galeristin zum interessanten Ausstellungsprojekt, denn auch das Publikum ist Teil der Kunst, ist Teil der Ausstellung, die sich über den gesamten geografischen Raum erstreckt, in dem sich diese Menschen bewegen. Das Jenseits der Linie wird dadurch auch geografisch unermesslich. Eine erstaunliche Form der partizipativen Kunst!f
Für die Kunst Rainer Kaisers gilt deswegen: Niemand kann die Gesamtheit seines Jenseits seiner Linien erfassen, wahrscheinlich nicht einmal er. Aber er lässt uns teilhaben durch seine Bilder, sie sind uns Trost, sind tröstlich, dass wir nicht mehr zu sehen bekommen können. Dafür gilt mein herzlicher Dank. Danke Rainer, dass Du uns einen Einblick gibst in dieses komplexe und unsichtbare Jenseits Deiner Linien.
Wir haben alle nur die Sprache, um weiteren Trost zu spenden. Wir haben mit der Sprache die Möglichkeit uns auszutauschen über unsere unsichtbaren Welten, welche die Kunst Rainer Kaisers in den Betrachterinnen und Betrachtern entstehen lassen. Deswegen sollten wir heute den Abend nutzen und reden und verhandeln, was das Unsichtbare ist. Das Unsichtbare Rainer Kaisers, aber auch das Unsichtbare in uns, in all jenen, die Wahrnehmen. Vielen Dank für den Trost, lieber Rainer, wie sollten ihn feiern.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.