Spät im Jahr 2025 ist nun im November Leonie Herrmanns „Jugendhäuser in der Stadt“ in der Reihe „Urban Habitat and Humanities“ erschienen. Herrmann ermöglicht in ihrer Studie einen Blick auf die Augsburger Jugend in den 1970er / 1980er / 1990er Jahren in verschiedenen Jugendzentren. Mit ihrer ethnologischen Perspektive wird eine Welt präsent, die bislang kaum beachtet wurde: die Welt einer Jugend in Augsburg.
Was bedeutet Stadt? Sie kennzeichnet die augenscheinlichste Verdichtung menschlichen Seins in all ihren Facetten. In keinem anderen gestalteten und konstruierten Raum wird deutlicher, was eine Genvarianz vor ca. 70.000 Jahren ausgelöst hat: den Verstand homo sapiens und die Entwicklung einer Noosphäre wie Pierre Teilhard du Chardin sie nannte, eine zweite immaterielle Welt, in der Vergangenheit und Zukunft in den Gegenwarten verschmelzen, in jenen Gegenwarten des Verstandes, des Denkens, des Erinnerns und der Zukunftsplanung. Städte zeigen, was aus dieser spezifischen menschlichen Eigenschaft erwachsen kann. In ihnen materialisiert und hypostasiert sich die Noosphäre. Dazu gehörten alle Elemente menschlichen Lebens. In gewisser Weise nimmt es Wunder, dass sich in den Städten vielerlei Institutionen entwickelt haben, wie Verwaltung, Gerichte, Schulen, Spitäler, Verteidigungsanlagen und Tempel, aber keine, die sich explizit der Jugend widmen. Zumindest wurde der Jugend erst sehr spät im letzten Jahrhundert urbaner Raum zugestanden. Das verwundert auch nicht, denn Jugend scheint eine notwendige Erfindung der Moderne zu sein. Jugend wird erst im 19. Jahrhundert erfassbar durch die Wahlrechte in den ersten Konstitutionen seit 1808. Sie schufen ein Problembewusstsein für Altersgrenzen. Es musste definiert werden, wann ein männlicher Mensch erwachsen ist. Wer nicht das Erwachsenenalter erreicht hatte, der war – nun, was war er – er war Jüngling. So wurde im 19. Jahrhundert die Jugend sichtbar, weil sie nicht vollkommen rechtsfähig war in den sich konstituierenden Rechtsstaaten. Erst langsam ab den 1950er Jahre wurde einer rechtsstaatlichen Jugend in der jungen Bundesrepublik urbaner Raum zu Verfügung gestellt.
Leonie Herrmann widmet sich in ihrer Dissertation explizit diesen urbanen Räumen, die safe spaces für eine Gesellschaftsgruppe werden sollten. So bereichert Leonie Herrmanns Studie diese Reihe, um eine vernachlässigte Gruppe, die nicht nur in der urbanen Gesellschaft keinen Platz fand, sondern auch in der geisteswissenschaftlichen Forschung bislang nicht sonderlich beachtet wurde.