Link zum BNN-Interview vom 19. Oktober 2023
Murgtalperle im Bestand
„Murgtalperle“ wird die badische Kleinstadt mit ihrem weitgehend intakten historischen Stadtbild genannt. Die Bomber, von deren Last die Nachbarstadt Gaggenau getroffen und zerstört wurde, hatten die Altstadt Gernsbachs verschont. Ein Glücksfall, auf den viele baden-württembergische Städte nicht als großen Wert verweisen können, ein architektonischer Schatz, einzigartig, ohnegleichen. Obendrein ist er mit einem prominenten Namen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verbunden, mit Friedrich Weinbrenner, dessen Architekturschule in Karlsruhe das Großherzogtum Baden bis heute prägt. Sein Klassizismus gab Baden-Baden und der Residenzstadt Karlsruhe an zentralen Plätzen ihre unverkennbaren, weltbekannten und von der UNESCO geschützten Stadtansichten. Weinbrenner übernahm die Gernsbacher Stadtplanung nach dem verheerenden Stadtbrand von 1798. Viele prominente Bauwerke Gernsbachs hat er entworfen, sind mit seinem Namen verbunden. Doch das ist nicht alles, was die Stadt einzigartig und sehens- sowie entdeckenswert macht: Allen voran steht das sogenannte „Alte Rathaus“. Es wurde von dem Holzhändler und Murgschiffer Johann Jakob Kast 1617/18 in Auftrag gegeben. Der kurpfälzische Heidelberger Baumeister Johann Schoch hat den Bau wohl entworfen und ausgeführt. Das Kast`sche Haus ist eines der herausragenden süddeutschen Beispiele der Renaissance. Die berühmte, im 19. Jahrhundert rekonstruierte Schaufassade des Friedrichsbaus im Heidelberger Schloss, gehört dazu, aber auch das Schloss Gottesaue in Karlsruhe, in dem heute die Hochschule für Musik untergebracht ist. Schlösser, reichstädtische Funktionsbauten in Straßburg gehen auf ihn zurück, aber neben all den herrschaftlichen und reichstädtischen Architekturen verwirklichte er in Gernsbach ein repräsentatives Bürgerhaus, das seinesgleichen nicht finden kann.
Gernsbach verfügt durch seine gewaltige historische Wertigkeit über einen Schatz, der das Kapital der Stadt ist.

Weinbrenner und Schoch sind allerdings nicht alles. Denn Schoch, wenn er es denn wirklich war, baute für einen Murgschiffer. Kast hatte seinen Reichtum durch das Holzgewerbe erlangt, wie die gesamte Stadt wirtschaftlich in irgendeiner Form vom Holz abhing, als Flößer, als Holzarbeiter oder Händler bis in die Niederlande. Die Transformation vom Holzhandel zur Papiermacherstadt ist nur eine beinahe zwingende Sequenz aus der Holzwirtschaft nach dem Zeitalter der Flößerei. Das Papiermacherzentrum steht stellvertretend für diese Transformationsgeschichte der Murgtalperle. Die wirtschaftliche Abhängigkeit von den Waldungen des Schwarzwalds und der Forstwirtschaft zeitigten ein tiefes Verständnis von Umwelt, Klima und Ressourcenumgang. Der in Gernsbach tätige Forstmeister von 1824 bis 1845 , Wilhelm Franz von Kettner, publizierte ein weithin beachtetes Zeugnis zum Ressourcenumgang, die „Beschreibung des badischen Murg- und Oosthals, Frankfurt am Main 1843“. Seine klimatischen exzellenten Erfassungen der einzelnen Klima- und sich in die Höhen staffelnden Wachstumszonen sind heute ein bedeutendes Zeugnis der klimatischen Verhältnisse in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Kurz nach der Abberufung von Kettners aus Gernsbach zum badischen Oberforstmeister nach Karlsruhe fand ein anderes Ereignis in Gernsbach statt, das Gernsbacher Gefecht vom 29. Juni 1849. Die Revolutionsarmee unter dem Oberbefehl von Ludwik Mierosławski, bestehend aus Pfälzer sowie Badener Einheiten und Murgtaler Freiwilligen mit 13.000 Mann standen 60.000 Soldaten des Bundes aus Preußen, Nassau, Württemberg, Hessen, Mecklenburg und Bayern gegenüber. Es war nach den Niederlagen bei Waghäusl und Durlach die letzte Verteidigungslinie, die Murglinie, zwischen Rastatt und Gernsbach und das letzte Gefecht vor der dreiwöchigen Belagerung Rastatts. Gernsbach wurde dadurch wie Rastatt zu einem der Orte der Demokratie. 29 Menschen starben im Gefecht. Die Toten der Bundestruppen liegen auf dem katholischen Friedhof. Ein Gedenkstein an das Gefecht liegt nicht ganz leicht auffindbar abseits des Zentrums der Stadt auf dem evangelischen Friedhof.

(In einer früheren Version stand hier ein Absatz über Bikonfessionalität der Stadt – das war ein Fehler, auf den mich der Stadtarchivar Wolfgang Froese hingewiesen hat. S. u. sein Kommentar. Herzlichen Dank! )

In diesem kurzen Abriss finden sich die markantesten Einzigartigkeiten der Stadt. Noch gar nicht erwähnt sind die vielen anderen Schätze, der Katz`sche Garten, der Storchenturm, die Zehntscheuer, der Uranstein, Kaltenbronn, die badische Schweiz, das Ensemble Reichental, die Tiroler Heuhütten, die „unsichtbaren“ Handschriften- und Buchschätze des Stadtarchiv Gernsbach, die Kulturlandschaft, die Industrie- und Wirtschaftsbauten, der badische Historismus in Obertsrot, die Vielfalt der Fauna und noch vieles, vieles mehr.
Die Große Klammer ist für alle Elemente des Stadtbereichs von Gernsbach das Holz und die Schifferschaft.

Ubiquitär nicht einzigartig – die Altstadtaufwertung Gernsbach
Nun soll diese einzigartige Altstadt aufgewertet werden. In der Tat gibt es viele Probleme, allen voran der niedrige Einheitswert der Immobilien. Er müsste steigen, um die Gebäude der Altstadt ihrem historischen Wert entsprechend sanieren zu können. Um den Einheitswert zu erhöhen und die Sanierungszuschüsse für die Eigentümer zu ermöglichen, wurden Aufwertungsmaßnahmen in einem Rahmenplan festgelegt. Die autofreie Altstadt wurde als grundlegender Bestandteil dieser Amelioration identifiziert. Nur mit einer autofreien Zone schien es möglich, die Altstadt zu beleben. Im Allgemeinen tut es Altstadtbereichen ästhetisch gut, wenn keine Autos herumstehen, wenn die Blicke frei über die Fassaden von unten bis oben schweifen, wenn Kinder spielen können und nicht gleich neben der Schwarzwälder Kirschtorte auf der Freifläche des Cafés ein Verbrenner vorüberrollt. Ob die Parkplatzsituation vor den ehemaligen Toren der Altstadt dem „sowieso totgesagten“ Einzelhandel dienlich ist oder nicht, sei dahingestellt. Es sei weiterhin dahingestellt, ob eine befahrbare Altstadt nicht auch sinnvoll wäre, speziell in diesem Fall. Auch ließe sich fragen, ob nicht ein tragfähiges basales Gesamtkonzept, die Aufwertung der Gernsbacher Altstadt und deren Einheitswerts ermöglichen könnte, ohne die Altstadt zwingend vom Autoverkehr zu befreien. Dieses Gesamtkonzept könnte sich auch damit beschäftigen, welche Form der Events man möchte: Party oder andere Ausformungen von Kultur? Platz für ein Stadtmuseum? Raum für Papier? Raum für einen Ort der Demokratie? Alles wäre denkbar, alles wäre möglich und vielleicht auch günstiger im Sinne der Nachhaltigkeit als so manch eine geplante Schönheitsoperation.

Aber es wird anders gehandelt. Die oben erwähnten Einzigartigkeiten Gernsbachs werden nicht berücksichtigt. Dafür wurde ein ubiquitärer Maßnahmenkatalog an der Oberfläche der Altstadt teils bereits umgesetzt, der den modischen Altstadtausstattungen entspricht:

Ein Stadtstrand, Design-Sitzecken als „Möblierung“ der verkehrsberuhigten Hauptstraße. Nun sollen die gastronomischen Außenbereiche noch aus der Verschattung geholt werden und in die badische Sonne gestellt werden. Die Hauptstraße soll umbenannt in „Marktplatz“, Gassen sollen durch Hängeschmuck vertunnelt werden, die Brücke über die Murg soll formensprachlich reduziert und zu einer möblierten Aufenthaltszone verwandelt werden, wiederum mit Sitzinseln und wahlweise mit Blick auf den Verkehr nach und von Baden-Baden oder die Murg und den Wörthgarten. Die zauberhaften Hausfassaden sollen ebenso wie die Brunnen der Stadt inszenierend mit Lichtgestaltung noch verzauberter werden.

Das ist alles sicherlich schön, festlich, einiges sinnvoll erscheinend, einiges nicht. Doch fehlen die Fragen und die Antworten: Was zeichnet Gernsbach aus? Was ist Gernsbach? Wie wird das in diesem Konzept abgebildet? – Ist Gernsbach wirklich Hängeschmuck?

Bauprojekte
Vom Norden her wird die Altstadt von Gernsbach kompromisslos zugebaut. Die Entwicklung des Pfleiderer Areals, das nun marketingschön „Wörthgarten“ heißt, verdeckt von Norden kommend den Blick auf die Stadt mit einer ubiquitären Architektur. Sie steht überall – in Stuttgart, in Karlsruhe, in München. Sicherlich das nennt man Mode und noch schöner: zeitautonomes Bauen, aber die Kubatur scheint dem Ensemble der Altstadt wenig angemessen. Das Projekt steht langsam vor dem Abschluss und das neue Projekt, noch wesentlich sensibler in der Nähe des Altstadtbereichs geplant, wurde schon verkündet. Entgegen des mit Bürgerbeteiligung entwickelten und vom Gemeinderat beschlossenen Rahmenplans soll am Färbertorplatz, in unmittelbarer Nähe der Altstadt, ein Areal mit Parkhaus und drei Wohnblöcken in Holzhybridbauweise entstehen. Vorgesehen war im Rahmenplan ein flächiges eingeschossiges Parkdeck. Die Kubatur der Planung des Parkhauses ist überzogen, seine riegelhafte gigantische Höhe wird das fortsetzen, was bereits im Wörthgarten verwirklicht worden ist: das Verschwinden der Altstadt. Dort sollte unbedingt nachgesteuert werden. Einspruch gegen diese Pläne wäre sehr wünschenswert und vor allem eines, mehr Umsicht und Aufmerksamkeit gegenüber dem filigranen Schatz der Altstadt. Historische Werte sind einzigartig und bis auf ihre Ästhetik nicht wiederholbar. Die Altstädte sind beliebt und benötigen gar nicht so viel ästhetische Aufwertung, um zu funktionieren. Sie einzuschränken, sollte in einer breiten Diskussion vor sich gehen. Ansonsten droht das, was bereits im Gange ist, keineswegs die Aufwertung, sondern die Marginalisierung der Stadtkörper hinter ubiquitären Neubaustrukturen.
Fazit:
Ein Gesamtkonzept, das auch die zu entwickelnde Gestaltungssatzung strukturiert, wäre höchst erforderlich für die Erhaltung und Weiterentwicklung der Perle unter den Murgtalperlen.
Textversion: Am Kern vorbei – Download
Bemerkungen zu meiner Perspektive auf Gernsbach: Im Gernsbacher Fall bin ich als Bürger der Stadt auch betroffen und blicke nicht nur aus der Richtung der „Authentischen Stadt“ auf die Projekte.
Vielen Dank für diesen überaus lesens- und bedenkenswerten Beitrag. Als Mensch, der Gernsbach seit Schulzeiten kennt und hier inzwischen längst wieder Wurzeln geschlagen hat, ist man ja zuweilen unnötig zurückhaltend, wenn es gilt, die Einzigartigkeit Gernsbachs zu betonen. Bitte sehen Sie es mir nach, wenn ich Sie dennoch in einem Punkt korrigieren möchte. Gernsbach war eine bikonfessionelle Stadt, aber nicht nach Konfessionen räumlich geteilt. Seit 1505 und damit vor der Reformation war die Grafschaft Eberstein eine Gemeinherrschaft der Markgrafen von Baden und der Grafen von Eberstein und damit eben nicht zerteilt wie seit 1387. Die Reformation 1556/57 fand in einem kurzen Zeitfenster statt, als beide Landesherren, Philibert von Baden und Wilhelm IV. von Eberstein, evangelisch waren. Als nach dem Rufacher Vertrag 1624 der überwiegende Teil der Grafschaft rekatholisiert wurde, blieb Gernsbach mit Staufenberg und Scheuern als Restgebiet der evangelischen Linie der Ebersteiner noch fast rein evangelisch. Die Bischöfe von Speyer als Lehnsherren kamen erst 1660/61 nach dem Aussterben der Ebersteiner in männlicher Linie ins Spiel. Wir haben hier ein klassisches Beispiel, dass nach dem Westfälischen Frieden zwei katholische Landesherren über eine weit überwiegend evangelische Bevölkerung herrschten, diese in ihrer Religionsausübung aber geschützt war. Bereits 1640 kam es zu dem bis heute gültigen Modus vivendi, dass die Jakobskirche dem evangelischen, die Liebfrauenkirche dem katholischen Gottesdienst dienen sollten. Als Stadtarchivar kann ich mich zu der Diskussion über die Baupläne am Färbertorplatz nicht öffentlich äußern, ich möchte sie aber ermuntern, sich weiter mit Ihrer Expertise in das Gespräch um die Zukunft der Altstadt einzubringen. Bitte auch gerne mehr als nur mit diesem Blog.
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Vielen herzlichen Dank für diese wichtigen Ergänzungen!!! Ich bin sehr dankbar von dem Kenner der Gernsbacher Geschichte diese Erläuterungen zu bekommen. Zu schnell war mein oberschwäbischer Blick auf die Konfessionalität.
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