Funktion und Bedeutung des Färbertorplatzes in Gernsbach

Der Färbertorplatz in Gernsbach ist seit 2023 ein Thema, das immer wieder aufschlägt und sich in Text und Interview abzeichnet. Dazu gibt es hier auf meiner Website den Beitrag: „Am Kern vorbei: Gernsbacher Altstadtaufwertung und Färbertorplatz“ und ein Interview in BNN / BT: Stadtforscher Stefan Lindl: „Was gerade verloren geht, ist diese Einzigartigkeit von Gernsbach“.

Zur Bedeutung Gernsbachs

Gernsbachs Altstadt überzeugt mit einem frühneuzeitlichen Gepräge der Renaissance und des 18. Jahrhunderts, das so sehr mit dem Namen Friedrich Weinbrenner verbunden ist. Er hat nach dem Stadtbrand 1798 Pläne für den Wiederaufbau der kleinen, aber umso bedeutenderen Stadt im Murgtal angefertigt. Friedrich Weinbrenner war einer der einflussreichsten Architekten des ausgehenden 18. und vor allem beginnenden 19. Jahrhunderts. Er und seine Schüler bestimmten im Großherzogtum Baden, aber auch im Elsass wie auch in der bayerischen Rheinpfalz, die Ästhetik der Architektur des 19. Jahrhunderts. 

Gernsbach: Eine kleine historische Altstadt in großer Natur.

Gerade für die Architektur Friedrich Weinbrenners ist Gernsbach von besonderer Bedeutung. In Karlsruhe beispielsweise wurden die Weinbrennerbauten weitgehend zerstört. Was die alliierten Bomberverbände nicht schafften, wurde in der letzten Zeit aus Gründen der Nachverdichtung erledigt. So geschehen bei den Resten des Markgräflichen Palais. Viele weitere seiner Bauwerke sind verloren gegangen, doch seine Gernsbacher Stadtplanung blieb erhalten. Neben Gernsbach findet sich allenfalls in Baden-Baden eine ähnliche Dichte an Bauwerken von Friedrich Weinbrenner. Das historische Ensemble in Gernsbach verfügt über ein besonderes Potential. Gerade deswegen tragen Bürger und Stadtregierung eine besondere Verantwortung den Erhalt zu gewährleisten und vor allem mit Stadterweiterungen behutsam den Bestand zu achten. 

Bestand und Planung des Färbertorplatzes

Bestand und dessen städtebaulichen Funktion
Nun möchte die Stadt zusammen mit dem Investor Stadtsparkasse Rastatt-Gernsbach den Färbertorplatz als neues Stadtquartier entwickeln. Auf dem Färbertorplatz befindet sich momentan ein Parkplatz, der offenbar nicht für die Bedarfe der Stadt ausreicht. Der Platz liegt außerhalb der historischen Stadtmauer und ist bis heute Pufferzone von Altstadt im Süden und Stadterweiterung im Norden mit dem ehemaligen Gebäude der HLA Gernsbach (Handelslehranstalt). Der Färbertorplatz erfüllt trotz oder gerade wegen seiner mäßigen Gestaltung eine wichtige Aufgabe die Altstadt von der Stadterweiterung zu trennen und damit die Altstadt zu würdigen. Die kleineräumige, für Altstädte typische Parzellenstruktur wird in der bestehenden Stadterweiterung durch große Grundrisse konterkariert. Insofern ist der Färbertorplatz ein überaus wichtiger trennender Mittler zweier Bebauungskonzepte. Trotz seiner gegenwärtigen Nicht-Gestaltung erfüllt er seine Funktion und ermöglicht der Altstadt ihre eigenständige Ästhetik und ihren eigenen historischen Charakter beizubehalten, der Parkplatz auf dem Färbertorplatz fördert beide sogar. 

Färbertorplatz von der ehemaligen HLA aus gesehen.

Planung 
Die Stadt möchte mit dem Investor gerade in dieser für die Altstadt wichtigen Zone nachverdichten. Das ist an sich eine heikle, aber sicherlich auch umsichtig machbare Aufgabe, die aber in jeglicher Hinsicht und Ausführung die Altstadt tangiert. Die vom Architekturbüro Kühnl & Schmidt Architekten AG vorgeschlagene Konzeptstudie stellt zwei Varianten vor. Die erste Variante wird nun aufgrund eines Gemeinderatsbeschlusses bevorzugt. Es handelt sich dabei um ein Parkhaus, das als östliche Randbebauung des Färbertorplatzes errichtet werden soll. Dahinter, in Richtung Westen, werden drei bis zu viergeschossige Häuser mit einer Gesamtwohnfläche von ca. 2.200 qm geplant. Das Parkhaus soll Platz für 239 Autos bieten. 

Der karge Parkplatz hat eine wichtige Funktion für die Altstadt: Er hebt sie hervor und schafft Distanz zu Stadterweiterung im Norden. Eine sanfte Entwicklung des Platzes würde diese Gegebenheit berücksichtigen, wenn auch möglicherweise nur andeuten.

Bestand und Planung der Konzeptstudie am Färbertorplatz

Während heute der Parkplatz die Altstadt von der Stadterweiterung trennt und die Altstadt in ihren Dimensionierungen und Parzellenstrukturen nicht antastet, leitet die Konzeptstudie keineswegs sanft über zur Stadterweiterung der ehemaligen HLA. Ganz im Gegenteil wird hier radikal jeglicher historisch-ästhetischer Bestand zurückgewiesen. Eine Staffelung der Gebäude wäre angebracht, vielleicht auch die Planung eines Platzes dessen Randbebauung die Kleingliedrigkeit der Altstadt vermittelnd aufnimmt und mit ihr spielt. Ein in dieser Art dimensioniertes Parkhaus an dieser wichtigen Stelle der Altstadt, verkennt die Aufgabe und die Verantwortung gegenüber den historischen Strukturen der Stadt. Stadtentwicklung, Nachverdichtung sind eine verdienstvolle Notwendigkeit, aber sie müssen den Bestand achten, sonst verliert die Stadt unwiederbringlich historischen Wert, der einen wichtigen Wirtschaftsfaktor darstellt. Er sollte umsichtig entwickelt werden und nicht eine pragmatisch-funktional-wirtschaftliche Idee.

Es ist Gernsbach zu wünschen, dass diese Planung nicht weiterverfolgt wird. 

* Beitragsbild wurde von einer KI erzeugt und entspricht nicht den Gegebenheiten in Gernsbach. Es symbolisiert das Aufeinandertreffen der Konzeptstudie mit der Altstadt.

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