Skizze: Geschichte als Umwelt

Auf dem Weg zum historisch-enaktivistischen Bewusstsein

Walking

Kleine Überlegungen aus den letzten Jahren bringen mich auf den Weg, Geschichtswissenschaft neu zu betrachten. Seit Jahren gehe ich mit meinen Studentinnen und Studenten spazieren, um eine Geschichte als Umwelt zu erleben. Das sind Stadtspaziergänge oder einfach auch nur Spaziergänge über den Campus der Universität Augsburg. Ich zielte auf die unsichtbare, weil narrative Stadt hinter den historischen Gebäuden oder hinter der urbanen ‚Landschaft‘. Ich erzählte und ich ließ erzählen, um eine narrative Stadt narrativ ‚sichtbar‘ zu machen, die nicht für die sinnliche perzeptive Wahrnehmung existiert, sondern nur gedanklich-apperzeptiv erfahrbar wird. Ich wählte die leibliche Erfahrung im Raum, in der Materie der Stadt, in der ville, um ein Bewusstsein, ein historisches Bewusstsein für die cité, die immaterielle Stadt zu erzeugen. 

Stadtentwicklung in der Klimakrise

Parallel dazu beteiligte ich mich im Jahr 2026 an Stadtplanungswettbewerben zusammen mit dem studio morgenwald in Augsburg und dem studio weiter in Baden-Baden/Berlin. Die Grundlage meiner Beiträge war immer das Leitbild „Authentische Stadt“, das ich aus meiner Habilitationsschrift entwickelte und vor allem eine transformative Stadtplanung der narrativen Stadt in der Klimakrise anvisierte. Die authentische Stadt kommt nicht ohne Materie aus, sie benötigt Bauwerke, gestaltete Umwelten, um eine narrative Stadtentwicklung zusammen mit einer materiellen Stadttransformation zu gewährleisten. Es sollte also das Selbstverständnis von der Stadt für die Bürgerinnen und Bürger, aber genauso für die Gäste der Stadt entwickelt werden und entstehen. 

Enaktivismus

Wenn nun diese beiden Stränge mit phänomenolgischen Bewusstseinstheorien gekoppelt werden, lässt sich Erstaunliches erzeugen. Walking und das Leitbild der authentischen Stadt können genutzt werden, um ein historisches Bewusstsein zu erzeugen. Diese Art des Historischen Bewusstseins hat nicht wirklich etwas mit dem Geschichtsbewusstsein von Jörn Rüsen zu tun, sondern mit der Theorie eines phänomenologischen Bewusstseins. Jörn Rüsen legt ergründet sein Geschichtsbewusstsein durch Wissen, das heißt durch Sprache. Dies gehört grundlegend auch dazu, aber mir geht es um die Leiblichkeit, das Erleben und die Erfahrung. 

„Geschichte ist Umwelt.“

Geschichte wird zur Umwelt, zu einer materiellen und immateriellen, in der sich in der Bewegung im Raum, im Handeln, im Erzählen, im Empfinden, im Erleben gemeinsam mit dem Außen und dem Innen des Nervensystems sowie intersubjektiv-sozial Bewusstsein bildet. Es geht also nicht um Wissen über die Welt, sondern um: 

Wie die Welt für jemanden geworden ist und wie die Welt für jemanden geworden sein wird. Vergangenheit ist nicht etwas, das rekonstruiert werden muss, sondern etwas, das nachklingt im Jetzt. Analog zur Bewusstseinsdefinition des Enaktivismus ließe sich das historisch-phänomenologische Bewusstsein definieren. Für den Enaktivismus ist Bewusstsein ein lebendiger Vollzug verkörperten Sinnkonstutuierens in einer stetigen Beziehung zwischen Mensch, bzw. allgemein Organismus und Welt. Historisch-phänomenologisches Bewusstsein wäre die wahrgenommene, verkörperte, sozial geteilte und materiell vermittelte Praxis, in der Menschen Vergangenes als in ihrer gegenwärtigen Welt wirksam erfahren und dadurch Möglichkeiten, Verpflichtungen und Risiken der Zukunft erschließen, aber auch durch die erfolgende Verortung in der Zeit ein Wohlbefinden in einer historischen urbanen Situation empfinden.

Wie wird eine geschichtlich gewordene Welt für handelnde Körper überhaupt wahrnehmbar, bedeutsam und veränderbar? Wie lässt sich dies steigern? Denn in der Steigerung läge die Entwicklung und Ertüchtigung des historischen Bewusstseins. 

Historisches Bewusstsein ist der verkörperte und intersubjektiv organisierte Vollzug, in dem Menschen in gegenwärtigen Situationen Spuren, Sedimente und Folgen vergangenen Handelns als geschichtlich gewordene Bedeutungs- und Handlungshorizonte erfahren. Sie können sie deuten und praktisch auf Zukunft hin fortschreiben oder verändern. Historisches Bewusstsein im enaktivistischen Sinn wird somit zu einem Ziel der Geschichtswissenschaft. Nicht nur Wissen narrativ erzeugen, sondern es in ein Bewusstsein verwandeln, diese enaktivistische Geschichtswissenschaft erhielte damit die Aufgabe, Geschichte als Umwelt zu begreifen, in die Organismen Bezüglichkeiten aufbauen. Dort bildet sich zwischen der materiellen und immateriellen Geschichte als Umwelt und dem Nervensystem der Organismen das Bewusstsein, das historische Bewusstsein. 

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