Alois Riegl in der Klimakrise – Vortragsmanuskript

Die Authentische Stadt. Alois Riegl in der Klimakrise

Vortrag am 12. November 2020 KuK-Kolloquium

von 

PD Dr. habil. Stefan Lindl




Einführendes Plädoyer für die Environmental Humanities

Die Klimakrise, auch wenn von der Coronakrise momentan überlagert, ist ein dringliches, weil existentielles Problem. Diese Aussage ist banal, aber sie muss hier am Anfang stehen. Zu deutlich trat in den letzten Jahren unsere Vulnerabilität zu Tage. Doch in den letzten Monaten ist Covid-19 ein Symbol globaler Probleme geworden, das gigantische Wohlstandswerte innerhalb weniger Wochen vernichten kann. Somit wirft diese globale Herausforderung seine Schatten auf die ebenso globalen Auswirkungen der Klimakrise. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, wann die Kosten des anthropogen verursachten Klimawandels alle Vorzüge des auf karbon-fossilen Energieträgern beruhenden Wohlstands hinwegstürmen und -spülen werden. Vom prognostizierten Leid der Menschen ganz zu schweigen. So werden die Rufe lauter: Metanoia! Umkehr! Der vieldiskutierte grundlegende Wandel unseres gesamten Lebensvollzugs, betrifft vor allem dessen energetische Grundlage, daraus folgend das Mobilitätsverständnis, Konzepte urbanen Wohnens, Arbeitens und urbane Resilienzstrategien. Klimaschutz muss geographisch global auf allen Ebenen erfolgen. Auch das ist eine banale Aussage, weil sie seit drei Jahrzehnten oft wiederholt, aber bislang noch nicht ausagiert wurde. Aber solch ein radikaler Wandel, der auf den ersten Blick die Téchne herausfordert und damit die Naturwissenschaften als Leitwissenschaften zu legitimieren scheint, darf eines nicht vergessen: das Kulturerbe. Und dafür sind die Kultur- und Geisteswissenschaften die Leitwissenschaften. Was die Menschheit geschaffen hat, darf nicht aus technisch-pragmatischen Gründen geopfert werden. Jedoch scheint Kulturerbe unter einem reduzierten Blick des Klimaschutzes eher Störfaktor zu sein: Es befördert die Mobilität wegen des Tourismus und damit die CO2-Emissionen. Bezogen auf alte Bauwerke, ist deren Energieverbrauch prima vista nicht vermittelbar. Eine einfache Rechnung lautete also: Weg damit! Reißt die Kathedralen der Vergangenheit ein und baut energetisch sinnvoll und CO2-neutral. 

Klimaforschung, besonders auch Urbanitätsforschung sowie auch das weite Feld der Urbanen Resilienz, kann nur reduzierte Erkenntnisse produzieren, wenn Geistes- und Kulturwissenschaften außen vor bleiben. In mehreren konkreten Projekten der Stadtentwicklung und der Renaturalisierung von Flüssen habe ich selbst erfahren dürfen, dass Naturwissenschaften im Glauben an Daten agieren und teils völlig unsinnig argumentieren, weil sie schlichtweg für die historische Grundlage blind sind. Ich spreche hier aus einer Position der anwendungsorientierten historischen Regionalforschung und möchte eine Forderung klar zum Ausdruck bringen: Klimaforschung muss, wenn sie gelingen will, und sie muss gelingen, ein transdisziplinäres Projekt werden. Alle wissenschaftlichen Disziplinen müssen im steten Austausch mit Politik, Wirtschaft, NGOs und Kulturschaffenden stehen. Kultur- und Geisteswissenschaften sind alles andere als irrelevant in diesen Prozessen. Diesem Ziel hat sich ein Forschungsschwerpunkt der Universität Augsburg verschrieben, die Environmental Humanities. Ihnen lässt sich dieser Vortrag zuordnen: „Die Authentische Stadt. Alois Riegl in der Klimakrise.“ Der Wiener Kunsthistoriker, beziehungsweise Kernstücke seines Werks, werden hier als Ausgangspunkt genommen, um genau das zu zeigen, was ich fordere: Geistes- und Kulturwissenschaften können einen aktiven Beitrag zu Klimaschutz und zur Urbanen Resilienz leisten.

Zusammengefasst geht es mir um ein geisteswissenschaftliches Leitbild für Stadtplanung und Stadtentwicklung, das Leitbild der „authentischen Stadt“. Dabei wird der Kulturerbebegriff ausgeweitet auf die gesamte kulturelle Produktion. Das hier angesprochen Kulturerbe verweist jedoch ausschließlich auf Architekturen. Gebäude sollen nach Möglichkeit weitergebaut, nicht abgerissen und nicht durch Neubauten erstsetzt werden. Ziel ist es, CO2-Emissionen durch Bewahrung von Kulturerbe zu reduzieren, historische Werte zu erhalten und sogar zu schöpfen, um Städte mit einer möglichst breiten und weiten historischen Dimension anzureichern. Das Schlagwort kulturelle Nachhaltigkeit darf hier fallen, aber auch urbane Resilienz: Geschichte wird als urbaner Wertschöpfungsprozess dargestellt, um Einzigartigkeit und Authentizität der Städte zu fördern. Daraus formuliert sich Differenz zu anderen urbanen Räumen. Geschichte ermöglicht Unterscheidbarkeit und Identität. Für die Ökonomie und die Ökologie ist das ein Vorteil, aber auch für das, was wir alle suchen und momentan arg vermissen: the good life. Gutes urbanes Leben steht und fällt mit Kultur, Kunst, Musik, Theater, Literatur, Ess- und Trinkkultur, sowie mit dem Kulturerbe, das den architektonischen Rahmen bietet. Das Leitbild „Authentische Stadt“ möchte zweierlei erreichen: Reduktion von CO2-Emissionen und Behagen und Wohlbefinden in der Stadt, das sind weiche Faktoren Urbaner Resilienz. Im wissenschaftlichen Diskurs Urbaner Resilienz sind diese weichen Faktoren bislang kaum berücksichtigt worden. Erst in den letzten Jahren sind Publikationen dazu entstanden beispielsweise von Roland Benedikter und Karim Fathi. Der Vorschlag, wie sich das Leitbild der authentischen Stadt in Strukturvorgaben für Stadtplanungsverfahren umsetzen lässt, beschreibe ich mit einem Kategoriensystem historischer Werte, die es im städtischen Bestand zu suchen und zu fördern gilt. Sie entspringen wiederum dem universellen Denkmalbegriff Alois Riegls. Damit wurde der Kunsthistoriker und Mitbegründer der Wiener Schule der Kunstgeschichte, der 1858 in Linz geboren worden war und 1905 in Wien verstarb, hinein in die Klimakrise geholt, die zu seiner Lebenszeit erst ihren Anfang nahm. Die Erderwärmung und Teile ihrer Auswirkungen war bereits zu Riegls Zeiten bekannt. Dieser Vortrag bezieht sich auf eine kürzlich erschienene, von der Stadt Wien geförderte Publikation: „Die authentische Stadt. Urbane Resilienz und Klimakult“. 

Das Klimaproblem und das Leitbild der Authentischen Stadt

Warum sollte ein aus Kultur- und Geisteswissenschaften gewonnenes Leitbild für die Stadtplanung dem Klimaschutz dienen können? Um diese Frage zu beantworten, hilft ein Blick auf die Baubranche und auch auf die Normative der UN und der EU. 

Keine andere Branche emittiert so viel CO2 und produziert zugleich so viel Müll wie die Baubranche innerhalb ihrer noch immer vorherrschenden Kultur des Neubauens. Der Einsatz von Beton ist einer der größten Klimakiller schlechthin. Tiefgaragen, die wegen der Stellplatzverordnungen, einem Gesetz, das auf das Jahr 1939 im NS zurückgeht, unumgänglich scheinen, sind für eine fatale Menge an CO2 Emissionen verantwortlich. Bauphysiker sagen: Was aus Fundamentierungen wie Tiefgaragen emittiert, kann die beste ökologische Bauweise am Gebäude nicht mehr einsparen. Das bedeutet: Wenn sie mit Beton bauen, und vorhaben, das Bauprojekt mit den Labels ‚klimaneutral‘ oder ‚ökologisch‘ zu versehen, dann ist dies ethisch nicht tragbar. Aber Neubauten brauchen wegen der gesetzlichen Verordnungen Stellplätze. Darin wird die Komplexität offenbar: Stellplatzverordnungen beruhen auf Mobilitätskonzepten des Individualverkehrs. Erst neue Mobilitätskonzepte und neue Verordnungen könnten dazu führen, den Betoneinsatz zu vermindern. Dafür sind wiederum die Gesetzgeber und in der Folge Stadtparlamente verantwortlich. Natürlich beschwert sich dann diejenige Lobby, die bereits 1939 für die Reichsgaragenordnung zuständig war: die deutsche Automobilwirtschaft, namentlich Volkswagen. Die Reichsgaragenordnung ist die bauliche Grundlage schlechthin für unser inzwischen überkommenes Mobilitätsverständnis. Aber wenn wir an dieser Stellschraube drehen, hat das enorme volkswirtschaftliche Auswirkungen und bringt, wenn nicht gleichzeitig neue prosperierende Wirtschaftszweige gefördert werden, den Wohlstand der Bundesrepublik Deutschland in Gefahr. Um Klimaschutz in der Baubranche zu ermöglichen, muss folglich ein radikales und konzertiertes Umdenken einsetzen auf legislativer, juristischer, technischer, ökonomischer, sozialer und administrativer Ebene erfolgen. Aber schon ohne legislative Neuerungen, können diese Mechanismen ausgehebelt werden: Der Erhalt von Bestandsbauten ermöglicht schon jetzt eine Abkehr. Denn er befreit von der Stellplatzverordnung und damit lässt sich Betoneinsatz massiv einschränken. Das ist sogar für Investoren in der Bauwirtschaft attraktiv. Das reicht aber natürlich nicht. Es müssen weitere Kreislaufprozesse implementiert werden, Recycling von Baustoffen und das Schlagwort Cradle-to-Cradle, das auf CO2-neutrale Baustoffe verweist, aber vor allem die Totalverwertung von Baustoffen anstrebt. Das geht mit Beton nicht, den können wir bislang nur deponieren. Kurzum, die Bauwirtschaft muss sich ändern. Aber sie hätte heute schon einen Spielraum: den Erhalt und die bauliche Weiterentwicklung von Bestandsarchitektur. 

Eine weitere Herausforderung neben der wenig erquicklichen Situation in der Baubranche ist die fortschreitende Urbanisierung. Seit dem Jahr 2008 wohnt über die Hälfte der Menschheit in Städten. In den Industrieländern liegt die Zahl der Stadtbewohner weit über dem globalen Durchschnitt: in Deutschland 77 %, in den USA über 82 %. Die UNO geht von einer fortwährenden Urbanisierung vor allem in Asien und Afrika aus. Laut einer Schätzung wird sich die weltweite Stadtbevölkerung bis 2050 durch Migration und Binnenmigration verdoppeln. Politik und Baubranche müssen klimafreundlich reagieren. Weiterbauen ist eineLösung, die übrigens bis zur industriellen Revolution in den Städten Europas gang und gäbe war. Erst mit dem fossilen Zeitalter ist die Abrissbirne überhaupt eine Option geworden. Davor erfolgten Abriss und Abtransport in mühevoller Handarbeit, die gemeinhin vermieden wurde, weil sie schlichtweg zu teuer war. Auch die Kultur des Neubauens ist somit ein fossiles Kind der CO2-Emission. 

Auf diese Urbanisierungs-Prognosen der UNO antworteten in den letzten 13 Jahren die Europäische Union und UN-Organisationen. Einschlägig ist die „Leipzig-Charta zur nachhaltigen Stadt“ von 2007, in der sich die damaligen EU-Mitgliedstaaten für den Erhalt und die Weiterentwicklung des baulichen Erbes ausgesprochen haben. Darauf folgte 2015 die UN-Resolution 70/1 „Transformation unserer Welt: Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung“. Deren sehr allgemeine Vorgaben wurden in der New Urban Agenda – Habitat III der Quito-Conference im Oktober 2016 konkretisiert. 

In der New Urban Agenda heißt es beispielsweise: 

„Wir werden die effektive Nutzung des kulturellen Erbes für die nachhaltige Stadtentwicklung fördern und erkennen seine Rolle bei der Förderung von Teilhabe und Verantwortlichkeit an. Wir werden die innovative und nachhaltige Nutzung von Baudenkmälern und architektonischen Stätten unterstützen, mit dem Ziel der Wertschöpfung durch respektvolle Wiederherstellung und Anpassung.“ 

Die Globalität dieser Absicht wird im Folgenden deutlich. 

„Wir werden geplante Stadterweiterungen und -verdichtungen fördern und dabei die Erneuerung, Wiederbelebung und Sanierung städtischer Gebiete priorisieren soweit angemessen, einschließlich der Sanierung von Slums und informellen Siedlungen.“

Die Leipzig-Charta wird für Europa explizit: 

„Baukultur ist eine Notwendigkeit für die Stadt als Ganzes und deren Umgebung […] Dies gilt insbesondere für die Bewahrung des baukulturellen Erbes. Historische Gebäude, öffentliche Räume und deren städtische und architektonische Werte müssen erhalten bleiben.“

Die Bundesrepublik hat sich in der New Urban Agenda mit 138 weiteren Staaten dazu verpflichtet, die Ziele umzusetzen. In der Leipzig-Charta war sie federführend. Trotzdem werden heute Bestandsbauten reihenweise abgerissen, um Neubauprojekte zu verwirklichen. Augsburg ist darin alles andere als eine rühmliche Ausnahme. Beispielsweise wurde vor kurzem der Baurestbestand der Reese-Kaserne vernichtet. Kempten, eine schwäbische Stadt vielfältiger Bausünden und Abrissgelüste im 20. Jahrhundert, veränderte sich dagegen zu einer beispielhaften Kommune der Bestandsentwicklung. Mit viel Einfallsreichtum wurde dort das Textilviertel im fortgeführt. In Nördlingen findet in wenigen Minuten eine Sitzung des Bauausschusses statt. Dort wird die Stadtviertelentwicklung eines ehemaligen Brauereigeländes verhandelt. Strukturvorgaben zur zweiten Entwurfsplanung dieses Viertels wurden dem Leitbild der ‚authentischen Stadt‘ entlehnt. In dieser Entwurfsplanung sollte weitgehend der Baubestand erhalten bleiben. Eine durch die Stellplatzverordnung notwendige großflächige und die Stadtmauer gefährdende Tiefgarage wurde durch die Bestandserhaltung auf ein Minimum verkleinert. 

In einem kleinen Rechenbeispiel lässt sich zeigen, wie sinnvoll es wäre, bauliches Kulturerbe zu erhalten: Wenn wir uns hypothetisch überlegten, einen Altbau abzureißen, um neu zu bauen, dann muss die sogenannte Graue Energie des Neubaus ermittelt und berücksichtigt werden. Die Graue Energie ist die verbrauchte Energie für die Errichtung und den Erhalt des Altbaus + die aufgewendete Energie für dessen Abriss und die Deponie + die gesamte aufgewendete Energie des Neubaus. Wird mit dieser Grauen Energie gerechnet, ließe sich der Altbau energieineffizient über viele Jahrzehnte weiterbetreiben, bevor der Energieverbrauch des Altbaus mit der verbrauchten Grauen Energie des Neubaus gleichauf ist. Energieverbrauch bedeutet selbstverständlich entsprechende CO2-Emissionen. 

Wenn nun aber der Altbau in ein Neugestaltungskonzept eingebunden wird, fällt die Energiebilanz wesentlich besser aus. Altbauten zu belassen oder anzupassen bedeutet, einen aktiven Beitrag zum Klimaschutz und gleichzeitig zum Erhalt von Kulturerbe zu leisten. Dafür tritt das Leitbild der ‚Authentischen Stadt‘ ein. Durch den Erhalt von Baubestand ist Klimaschutz gewährleistet, aber es entsteht gleichzeitig ein einzigartiger geschichtsträchtiger, nicht reproduzierbarer urbaner Raum, den wir authentisch nennen könnten. Aus dem oft unscheinbaren Baubestand soll durch das Leitbild das Authentische des urbanen Raums – seine Geschichte und seine Einzigartigkeit – mit Hilfe historischer Werte entwickelt werden. Durch einen performativen, intentionalen Akt findet die Authentisierung dieser Räume statt. Das heißt, sie müssen durch geschichtswissenschaftliche Archivarbeit, durch kunsthistorische Expertise und mit ein wenig Verständnis für die Sprechakttheorie zum Authentischen gemacht werden, das eine epistemische, ökologische und ökonomische Bereicherung für jede Stadt ist. Das Leitbild der authentischen Stadt beruht also auf einem Stadtentwicklungsverfahren sozialer Konstruktion. Während die Bauwirtschaft plant, simuliert, im Boden wühlt, Schalungsbretter montiert, Armierungen biegt, Beton gießt, Müll produziert, um die Wirklichkeit dinghaft voranzubringen und Werte zu schöpfen, und parallel unser Klima zu opfern, baut die geisteswissenschaftliche Baugemeinschaft in den Gehirnen einer Gesellschaft auf den Brachen des Unbewusste an einem urbanen Raum der Signifikanten, der Wissensformationen, der Zeitdimensionierungen und -schichtungen. Kognitive Stadtentwicklungepistemische Stadtentwicklung wären Labels für diese Art des Städtebaus. Doch um diese Stadtentwicklung im Dinglichen zu verankern, benötigt man Signifikanten, (landläufig: Zeichen). Und die bekommt man, wenn bauliches Kulturerbe erhalten und weiterentwickelt wird. An dinglichen Signifikanten hängt die Authentische Stadt. Deswegen lautet ihr Grundsatz: Weiterbauen statt Neubauen!

Was ist Kulturerbe? Was ist Kultur? 

Schon so oft fiel das Wort Kulturerbe, sein Begriff wurde angedeutet, blieb jedoch unklar. Von Ausweitung sprach ich. Kultur wird hier als eine sich wandelnde Umwelt verstanden, in der jeder Bereich des Lebensvollzugs eine bestimmte zeittypische Ausrichtung bekommt. Kultur ist also eine zeitautonome Erscheinungsform, hat Ähnlichkeiten mit der Foucaultschen episteme, dem historischen a priori, auf dem alle kulturellen Äußerungen einer Zeit beruhen. Die Kultur entwickelt innerhalb einer bestimmten Zeitspanne ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten, generiert ihre Unverkennbarkeit in Sprache, Wirtschaft, Politik, Jurisprudenz, Religionsausübung, Sport, Literatur, Musik, Kunst und Wissenschaften, Ingenieurswesen, Produktdesign, Mode, Ernährungsgewohnheiten, Administration etc. etc. Folgerichtig nenne ich alle Produkte dieser Bereiche das Kulturerbe. Es gibt dabei keine Hierarchisierungen von Hochkulturerbe, Alltagskulturerbe und Subkulturerbe. Alles was davon auf den konstruierten Zeitzusammenhang gekommen ist, den wir Gegenwart nennen, bezeichne ich als Kulturerbe. Hier in diesem Vortrag, geht es vor allem um architektonisches Kulturerbe, also um Altbauten jeglicher Art, wie gesagt, ohne eine Hierarchisierung vorzunehmen. Damit verweise ich schlichtweg auf alles Bestehende: Plattenbauten, Kathedralen, Transformatorenhäuschen, Siedlungshäuser. Und gerade die banalen Bauwerke sind es, die ich als erhaltenswert erachte, obwohl sie oder gerade, weil sie fern des Denkmalschutzes stehen. Für den Klimaschutz sind sie jedoch mehr als relevant und darüber hinaus erfüllen sie weitere wichtige Aufgaben. Sie verfügen über Mikro-Geschichte, sind bauliche Spur einer Vergangenheit mit einer spezifischen kulturellen Umwelt, die verschwunden ist. Diese historische Spur ermöglicht eine Raum-Zeit-Positionierung. Architektursoziologisch hat das Historische eine nachhaltige Wirkung auf Stadtgesellschaften. Altbauten, wenn sie erst als Altbauten und damit als Wert bewusst gemacht worden sind – und genau diese Bewusstwerdung propagiert das Leitbild Authentische Stadt –, sind beliebt, sind durch Sprache als Vergangenes in Gegenwart integriert fördern Identität und Wohlbehagen. Dazu ein Beispiel: In den 1960er Jahren wurde diskutiert Regensburg, das ganz gut durch den Bombenkrieg gekommen war, abzureißen. Ebenso gab es Anträge das Augsburger Handwerks- und Gerberviertel, das Lechviertel dem Erdboden gleich zu machen und wohl geordnete Wirtschaftswunderbauwerke mit geregelten schön breiten Straßen anzulegen. – Wie fühlt sich dieser Gedanke für Sie an? Können Sie erahnen, wie wichtig Altbauten, allgemeine Bestandsbauten, für die Atmosphäre einer Stadt sind? Wie cool sind ehemalige Gaswerke, wie eignet sich ihre Umnutzung für die Produktion und Performanz von Kunst, Musik, Literatur. In Berlin gibt es das Radialsystem, ehemals ein zentraler Punkt der Kanalisation der Stadt, an dem die Abwässer gesammelt wurden, um sie auf die städtischen Rieselfelder zu leiten. Heute erklingt dort neue Musik an der Spree. Städte und Stadtviertel mit Altbauten sind Motoren des Tourismus und auch die Immobilienwirtschaft lebt gut von Geschichten über Häuser. Geschichte ist eine Form der Wertschöpfung urbaner Räume, historische Werte sind das Kapital einer Stadt. 

Zusammenfassend möchte ich hervorheben: Kulturerbe zu erhalten, hat einen Nutzen für den Klimaschutz durch die Einsparung von CO2 und es produziert Lebensqualität eines urbanen Raums, der maßgeblich auf Kulturproduktion und dem Erhalt von Kulturerbe beruht. The Good life ist ein sozialer Motor, der mitunter durch das Leitbild der authentischen Stadt solar betrieben wird. 

Dekonstruktion des Originals und das Authentische

Auf all das antwortet das Stadtentwicklungs-Leitbild „Authentische Stadt“ mit einer in der Tat weiten Auffassung, was kulturelles Erbe und Baudenkmäler sind. Für mich ist es ein Gebot der Stunde alles, restlos alle Zeugen vergangener kultureller Umwelten darunter zu subsummieren. Alles sollte auf seine Weiterentwicklung und seine Graue Energie und die Möglichkeiten, urbane Räume historisch zu dimensionieren, untersucht werden, historischen Wert zu schöpfen und dadurch Authentizität zu generieren. Aus eigener Gutachtertätigkeit heraus weiß ich inzwischen, dass die Weiterentwicklung und Sanierung von Bestandsgebäuden nicht nur Wunschdenken eines Geisteswissenschaftlers sind, sondern sich schlicht und ergreifend rechnen. Es können nicht nur CO2-Emissionen, sondern auch Investitionssummen eingespart werden. Allen Widerreden aus den Stadtverwaltungen und Baureferaten, die meist Neubauten bevorzugen, zum Trotz. Es fehlt meist nur der Mut für das Neue im Alten. 

Doch wie genau geschieht das? Wie vollzieht sich eine Stadtentwicklung sozialer Konstruktion? Dazu schlage ich vor, zuerst ein Wort und dessen Begriff zu dekonstruieren, das den Denkmalschutz und allgemein unsere Beziehung zu Historischem definiert: das Original. Mit ihm kommen wir zu Alois Riegl, er hat das Original einerseits verteidigt, andererseits bereits schon begonnen, es erodierenden Prozessen auszusetzen. Historisch gesehen ist das Original im Bauerbe eine Erfindung des 19. Jahrhunderts, die sich aber erst kurz vor 1900 als allgemeiner Wert durchgesetzt hat. Vorher hat der sogenannte ‚Denkmalschutz‘ oder die ‚Generalkonservatorien‘ in Mitteleuropa Originale vor allem zerstört. Glauben Sie Notre Dame de Paris sei ein mittelalterliches Original, das im letzten Jahr durch einen Brand teilweise vernichtet wurde? Nein. Das meiste, das in Flammen aufging, stammte aus dem 19. Jahrhundert. Die originalen historischen Bauteile, die Notre-Dame bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts geprägt hatten, wurden vom leitenden Architekten, Éugène de Viollet le Duc, abgerissen. Glauben Sie die Welfenburg Dankwarderorde in Braunschweig, von Heinrich dem Löwen, sei ein romanisches Kleinod? Nein, es ist eine Komplettzerstörung romanischer Baurestsubstanz mit anschließendem Fantasieneubau von Ludwig Winter um 1900. Originaler Bestand spätgotischer Pfarrkirchen in Bayern, in Schwaben und auch in Baden wurden bis zu 85 % im 19. Jahrhundert zerstört. Erst ca. 1890/95 setzte ein Umdenken ein. 

Die Erfinder und Wegbereiter des Originalen heißen Georg Dehio im Großherzogtum Baden, Georg Hager im Königreich Bayern und Alois Riegl in Österreich-Ungarn. Intellektuell gestützt wurde die soziale Konstruktion des Originals in den 1930er Jahren durch Walter Benjamin und seinem Aura-Begriff, den er gegen die Anthroposophie Rudolf Steiners in seinen Marihuana-Versuchen abgegrenzt hatte. Global gültig wurde diese Konstruktion des Originals mit der Charta von Venedig im Jahr 1964, in der das Original über alle anderen Formen des Historischen, dazu gehört auch die Rekonstruktion, erhaben erhoben wurde. Die kultische Verehrung des Originals tabuisiert es. Ist es verloren, darf es nicht rekonstruiert werden. So lautet der originalistische Imperativ der Charta von Venedig. Rekonstruktionen haben deswegen keinen Wert, sind Disneyland – so die Doxa der Denkmalschützer alter Prägung. Geht es in der Erosion mit der Zeit kaputt, muss es geschützt und in seinem Zustand des Verfalls konserviert werden. Die politische und faktische Handhabe sieht natürlich völlig anders aus. In Berlin wurde das Original des Palasts der Republik einfach mit den Argumenten zerstört, es sei mit Baugiften belastet und nicht sanierbar. – Das ist übrigens kein Argument, denn Baugifte müssen immer teuer und aufwendig entsorgt werden, gleichgültig, ob ein Bauwerk abgerissen oder saniert wird, die Kosten sind immer dieselben. –  Natürlich war der eigentliche Grund eine ganz andere toxische Belastung, die aber wieder im Bereich der sozialen Konstruktion zu finden war, im Immateriellen und nicht in der Materie. Das Original wurde abgerissen, dafür aber entschied sich ein anderes Parlament der Berliner Republik für den Neubau eines Altbaus, das heutige Humboldt-Forum. So wirr kann es gehen, so wenig können letztlich Originale wert sein. Es kommt scheinbar nur auf ihre soziale Konstruktion an, nicht auf die Qualität ihres Baubestands. 

Wie ungelenk und wenig ansprechend der Begriff des Originals ist, zeigt eine kurze beispielshafte Analyse des Eiffelturms. Gefragt werden muss: Was ist das Original? Was macht das Original zum Original? Ist der Eiffelturm ein Original, Zeugnis einer auf fossilen Energieträgern ruhenden Industriekultur des 19. Jahrhunderts? 

Im ausgehenden 20. Jahrhundert war der Turm komplett erneuert worden, der ephemer nur für die Dauer der Weltausstellung 1889 gedacht gewesen war. Jede eiserne Strebe, jede Schraube, jede Mutter, jede Niete wurde ausgewechselt, um weitere 100 Jahre Standfestigkeit zu gewährleisten. Seitdem lässt sich die Frage stellen: Wie original ist der Eiffelturm? Gibt es nun zwei originale Eiffeltürme, wenn das alte Baumaterial des 19. Jahrhunderts wieder zu einem Turm zusammengesetzt und neben dem Turm aufgebaut würde? Der eine hat die originale Form, die originale Ästhetik, den originalen Bauplatz, aber nicht mehr die originale Materie, dafür die soziale Konstruktion und die formal-historische Kontinuität. Der andere verfügte über die originale Materie, die originale Form, die originale Ästhetik, aber er wäre transloziert, besäße nicht mehr den originalen Standort und seine Einheit blieb nicht kontinuierlich erhalten. Die soziale Konstruktion wäre: „Dies ist der Turm, der aus den erodierten Bauteilen des Eiffelturms zusammengesetzt wurde. Betreten oder auch nur in seine Nähe kommen ist nicht zu empfehlen.“ Welcher Turm würde also das Prädikat original verdienen? Es ließe sich eine pragmatische Antwort geben: Den Touristen macht der Verlust der Materie des Eiffelturms nichts aus, die soziale Konstruktion und seine lokale Kontinuität, seine Ästhetik, seine Geschichtlichkeit sichern ihm die Zuschreibung des Originals zu. Sie stellen sich trotz der mangelnden originalen Materie in die langen Warteschlangen, um das klischeehafte Paris-Symbol Treppenstufe um Treppenstufe zu ersteigen oder sich körperlich wenig inkommodiert, wenn auch gedrängt, in Fahrstühlen nach oben befördern zu lassen. Für sie ist der Turm am richtigen Ort, das ist offenbar wichtig: am Champ de Mars en face à face mit dem Trocadéro. Der Ort, sein geografisch-städtebaulicher Kontext, seine Relationen, seine soziale Konstruktion, eine Kontinuität sind also mitunter entscheidend, nicht aber seine originale Materie. Ganz besonders ist die Indikation der Kontinuität, seine Form, seine Ästhetik und Funktion, für die korrekte Zuschreibung des Originalen entscheidend. Hingegen würde der Turm aus den Originalmaterialien irritieren und wohl sogar auf Ablehnung stoßen, nicht nur wegen seiner erosionsbedingten Einsturzgefahr. Er trüge etwas Sekundäres an sich: Es wäre der Turm, der aus den ausgemusterten Baustoffen des Eiffelturms errichtet wurde, aber er ist nicht der Eiffelturm selbst, weil er diskontinuierlich ist, also keine Kontinuität formaler Einheit besitzt. Aber der Eiffelturm 1 existiert nicht mehr in seiner Unberührtheit: Das Paradoxon des Originals zeigt sich darin: Die Materie spielt eine untergeordnete Rolle. Vor der originalen Materie stehen die Werte, die das Argument der Berührtheit durch Sanierung in den Vordergrund stellt, zusammen mit dem Argument der Zeitautonomie und der Kontinuität. Dazu kommt noch ein weiteres Element, der richtige Ort, also das Argument des Topos. Er ist ein Garant für das Original. 

Somit ist das Problem des Originals das Problem der Materie im Verhältnis zu seiner sozialen Konstruktion. 

Dies sei nur ein Beispiel dafür, dass Materie, die mit dem Wort und Begriff des Originals im 20. Jahrhundert untrennbar verwoben wurde, keine große Rolle für das Original spielt. Der heutige Denkmalschutz baut letztlich bis heute auf diesem verstörenden Begriff von 1900 auf, der naturalistischen Ursprungs ist und damit einer konstruktivistischen, aber heute vorherrschenden Weltsicht fernsteht. Deswegen plädiere ich dafür, zukünftig auf das Original zu verzichten und das Original durch das Authentische zu ersetzen. Das Authentische kann ebenso naturalistisch interpretiert werden. Das hieße, ein Objekt sei von sich aus authentisch und verfüge von sich aus über die Eigenschaft der Authentizität. Walter Benjamin siedelt mit seiner Aura sehr nah an dieser Auffassung. Ich jedoch bevorzuge eine konstruktivistische Interpretation: Die Eigenschaft der Authentizität wird Objekten aufgrund einiger Indikationen zugeschrieben, die ich historische Werte nenne. Durch das analytische Erkennen historischer Werte wird die Authentizitäts-Zuschreibung überhaupt erst performatorisch, also in einem Sprechakt, möglich. Das Wort ‚das Authentische‘ ist nicht so vorbelastet wie das Wort Original. Es kann, konsturktivistisch verstanden, nicht direkt analysiert werden, das Authentische bezieht sich immer auf historische Werte. Historische Werte sind die Grundlage für Authentizität und im Nachklang schützt diese in einem Sprechakt zugeschriebene Authentizität die historischen Werte. 

Alois Riegl hatte, obgleich er die wichtige Stellung des Originals ähnlich wie der Heidelberger Kunsthistoriker Georg Dehio hervorhob, eine radikale Einstellung zum Original, es durfte sich wandeln. Georg Dehio vertrat im berühmt gewordenen Denkmalstreit über den Ottheinrichsbau des Heidelberger Schlosses, das Original in seinem Zustand einzufrieren und zu schützen. Das ist ihm auch weitgehend gelungen. Riegl hingegen betonte, dass das Historische an Originalen gerade in ihrem Wandel besteht. Wandel gehört zur Zeit und deswegen ist die materielle Veränderung ein Qualitätssigel für originale Architektur. Riegls Paradebeispiel war nicht das Heidelberger Schloss, aber der Österreich-Ungarische Diokletianpalast in Split, der rekonstruiert werden sollte. Riegl setzte sich gegen diese Rekonstruktionsabsichten durch, deswegen steht heute in Split in römischen Mauern Stadtpalais und andere Bauwerke. In seinen Worten unterscheidet er einen Alterswert, in dem der Verfall eine Rolle spielt, vom historischen Wert, der auf den Ursprung eines Bauwerks verweist. Zum Alterswert gelang es ihm wahrlich Radikales zu formulieren. 

„Vom Standpunkte des Alterswertes muß eben nicht für ewige Erhaltung der Denkmale einstigen Werdens durch menschliche Tätigkeit gesorgt sein, sondern für ewige Schaustellung des Kreislaufes vom Werden und Vergehen, und eine solche bleibt auch dann garantiert, wenn an Stelle der heute existierenden Denkmale künftighin andere getreten sein werden.“

Das ist eine Ansicht, die eine zirkuläre Denkfigur in sich trägt, die für die heutige Klimakrise wie geeignet scheint. Nur der Neubaugedanke, den würde ich ihm gerne ausreden. Die Gläubigkeit an das unveräußerliche materielle Original, wird hier in einer besonderen Form aufgelöst: im Wandel. Genau das bedarf es meines Erachtens im Umgang mit Kulturerbe. Es soll bestehen bleiben, wo es nicht geht, darf es neu weiterentwickelt werden, aber all der Wandel, seine Geschichtlichkeit, fördert seine Authentizität, macht den Bestand, macht die Stadt, in der dieser Bestand steht zu einem einzigartigen Gebilde. 

Und noch einen weiteren Hinweis gab Riegl zum historischen Wert eines Gebäudes, der gegen den Alterswert läuft: 

„Die Symptome der Auflösung, die dem Alterswerte Hauptsache sind, müssen vom Standpunkte des historischen Wertes mit allen Mitteln beseitigt werden. Nur darf dies nicht am Denkmal selbst geschehen, sondern an einer Kopie oder bloß in Gedanken und Worten.“ 

Das heißt, der historische Wert ist ein sozial konstruierter und ruht auf Wissensformationen einer Gesellschaft, er haftet nicht dem Original in seiner Materie an, sondern der Immateriellen Seite des Objekts. 

An diesem Punkt des historischen Werts von Alois Riegl, wollte ich mit der Authentischen Stadt weiterdenken. Es sollte ein Kategoriensystem historischer Werte entstehen, die letztlich die soziale Konstruktion, also das Immaterielle eines Bestandsobjekts, analysieren und befördern lassen. 

Kategoriensystem der historischen Werte 

Doch nun zu dem Kategoriensystem der Historischen Werte mit denen Kulturerbe analysiert und taxiert sowie dessen Authentizität auch entwickelt werden kann. Ich gehe von sechs historischen Werten aus, die an Kulturerbe festgestellt werden können. Das ist zuerst der epistemische historische Wert, der Wissensformationen und die gesamte soziale Konstruktion eines Objekts umfasst. Er muss in Archiven und Bibliotheken gesucht werden, sowie in empirischen Studien erfasst werden. Sodann der lokale historische Wert, der durch den Ort, den genius loci, charakterisiert wird. Jeder Ort ist einzigartig auf einer Kugel und damit ein Ankerpunkt für mannigfaltige epistemische historische Werte. Weiterhin gibt es einen materiellen historischen Wert, der sich auf historische Materie bezieht und für den Begriff des Originals bedeutend war. Kulturerbe bekommt historischen Wert durch Geschichtlichkeit, also durch das In-der-Zeit-Sein, darauf weist die Aura von Walter Benjamin in seinem Aufsatz über die technische Reproduzierbarkeit des Kunstwerks. Dieser zeitlich-geschichtliche Aspekt ist nicht reproduzierbar, eine Reproduktion beispielsweise, sieht zwar aus, als wäre sie seit dem 18. Jahrhundert in der Zeit gewesen, sie ist es aber erst seit ihrer Fertigstellung im 21. Jahrhundert, wie das Humboldt-Forum in Berlin. Trotzdem halten Reproduktionen einen historischen Wert, den ästhetischen, der durchaus historisch ist. Das spielt in den rekonstruierten Stadtansichten von Danzig und Warschau eine gewichtige Rolle. Zuletzt gibt es den idealistischen historischen Wert. Das sind historische Bauprinzipien, wie Rundbögen oder Kolonnade, Gauben, Dachformen, Gebäudetypen etc. etc., die sich als historische Anklänge immer wieder in Architektur finden und sich durch Zeitunabhängigkeit ausweisen. 

Am bereits bekannten Beispiel des Eiffelturms lässt sich das gut beschreiben: 

In seiner jetzigen materiellen Konfiguration verfügt er über den epistemischen historischen Wert: Er verweist auf eine vielgliedrige soziale Konstruktion und individuelle Wissensformationen, die auf eigenen Erfahrungen beruhen. Zudem verfügt er über einen lokalen historischen Wert. Er steht dort, wo der ursprüngliche Turm stand, sogar auf dessen, wenn auch sanierten Fundamenten. Es gibt also eine lokale historische Kontinuität, die in der Authentizitätsempfindung mitunter entscheidend ist. Der heutige Eiffelturm verfügt aber nicht mehr über einen materiellen historischen Wert. Der ist durch die Sanierungsmaßnahmen im ausgehenden 20. Jahrhundert verschwunden. Doch im Sinne Alois Riegls Alterswert verfügt der heutige Turm über eine eigene Geschichtlichkeit, den historischen Wert des In-der-Zeit-seins, zu dem der ehemalige ursprüngliche Turm gehört, aber auch die Weiterverwertung seiner Materialien. Nur ein kurzer Kommentar: Hier vermenge ich den Alterswert von Riegl absichtlich mit historischen Werten und etikettiere ihn um. Das ist kein Fehler, das ist Absicht. Gerade die Sanierung, gerade sein Wandel verleiht ihm einen temporalen historischen Wert. Ebenso verfügt er über einen ästhetischen historischen Wert. Der heutige Turm entspricht in unserer Wahrnehmung dem ursprünglichen Turm. Auch einen idealistischen historischen Wert hat der Turm. Das betrifft aber nur seine Fachwerkbauweise, er liegt in einem europäischen Baudiskurs, zudem das fränkische Fachwerk, wie das englische oder das nordfranzösische gehört. 

Den einzigen historischen Wert, den der heutige Eiffelturm entbehrt, ist der materielle. Ansonsten verfügt er über alle anderen historischen Werte, die ihm Authentizität zuschreiben lassen. – Aber, und das ist der Unterschied, er ist im Sinne der Charta von Venedig, kein Original, denn ihm geht die originale Materialität ab.

Dies sei nun nur ein Beispiel, wie Bauwerke analysiert und authentifiziert werden können. Der Eiffelturm hat nicht viel mit Klimaschutz zu tun. Jedoch können diese Kategorien der historischen Werte für Stadtplanungsprozesse auf jeglichen Bestand angewendet werden. Es lassen sich damit die historischen Werte und damit die Empfindung der Authentizität einer Stadt auch bewusst steigern. Das ermöglicht einerseits das Bewahren und Weiterentwickeln von Bestand und damit aktiven Klimaschutz und andererseits erzeugt dies einen atmosphärisch-ästhetischen Resilienz-Aspekt, denn Authentizität bewirkt Wohlbefinden und Wohlbefinden erzeugt emotionale und psychische Resilienz. 

Je mehr historische Werte in einem Stadtentwicklungskonzept am Bestand herausgearbeitet werden können, desto authentischer wird die Umsetzung des Konzepts im urbanen Raum wirken, desto mehr Nähe entsteht zur fernen Vergangenheit. Das Authentische löst Gefühle aus. Sie will das Leitbild der authentischen Stadt produzieren. Wie gut das gelingen kann, können wir an uns selbst beobachten, wenn wir vor einem prominenten Kulturerbe stehen, es betrachten oder nur davon reden oder es besuchen wollen. Kulturerbe oder auch nur die Lieblingsdinge der Kindheit, die wir plötzlich in einem Karton wiederfinden, sie alle wirken emotional auf uns, bewirken etwas in unseren Körpern. Der Zauber von Geschichten und Geschichte, den wir introspektiv kennen, soll hier als abschließendes Argument dienen. Das Leitbild der authentischen Stadt versteht körperliche Reaktionen als Bereicherung: Wohlbehagen ist ein weicher Faktor urbaner Resilienz, hervorgerufen von historischen Werten und der Zuschreibung des Authentischen an bauliches Kulturerbe. So plädiere ich für das Gute Leben in der Stadt. 

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit. 



Announcement: Foundation of „Culture of Climate Change“ open access and print series

Foundation of Series of Publication: CCC – Culture of Climate Change. Heritage & History as Basis of Urban Development

The climate crisis is an urgent problem because it is existential. This statement is banal, but it has to be at the beginning. It is only a matter of time before the costs of anthropogenic climate change will storm away and wash away all the benefits of carbon-fossil fuel prosperity. Not to mention the predicted suffering of people. So the calls get louder: Metanoia! Repentance! The much-discussed fundamental change in our entire life, primarily affects its energetic basis, resulting in the understanding of mobility, concepts of urban living, working and urban resilience strategies. Geographically, climate protection must be global at all levels, which is also a banal statement because it has often been said and written for three decades, but has not yet been acted out. But such a radical change, which at first glance challenges Téchne and thus seems to legitimize the natural sciences as the leading sciences, must not forget one thing: cultural heritage. And for this, the cultural and human sciences are the leading sciences. What mankind has created must not be sacrificed for technical and pragmatic reasons. However, from a reduced perspective of climate protection, cultural heritage seems to be more of a disruptive factor: It promotes mobility because of tourism and thus CO2 emissions. In relation to old buildings, their energy consumption cannot be conveyed prima vista. So a simple calculation was: Get rid of it! Tear down the cathedrals of the past and build energetically sensible and CO2-neutral.

Climate research, especially urbanity research as well as the broad field of urban resilience, can only produce limited knowledge if the humanities and cultural sciences are left out. If climate research is to succeed, and it must succeed, it must be a transdisciplinary project. All scientific disciplines must be in constant exchange with politics, business, NGOs and cultural workers. Cultural and human sciences are anything but irrelevant in these processes. The question: What contribution can cultural heritage in its broadest sense and history make to sustainable and resilient urban development is the focus of this book series.

To increase the visibility of this content, the CCC – Culture of Climate Change. Heritage & History as Basis of Urban Development | Culture of climate change. Cultural Heritage & History as the Basis of Urban Development was founded in order to make current research visible to open access and print.

Gründung der Reihe „Culture of Climate Change. Heritage & History as Basis of Urban Development“

Ankündigung: Gründung der Reihe CCC – Culture of Climate Change. Heritage & History as Basis of Urban Development | Kultur des Klimawandels. Kulturerbe & Geschichte als Grundlage der Stadtentwicklung 

Die Klimakrise ist ein dringliches, weil existentielles Problem. Diese Aussage ist banal, aber sie muss hier am Anfang stehen. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, wann die Kosten des anthropogen verursachten Klimawandels alle Vorzüge des auf karbon-fossilen Energieträgern beruhenden Wohlstands hinwegstürmen und -spülen werden. Vom prognostizierten Leid der Menschen ganz zu schweigen. So werden die Rufe lauter: Metanoia! Umkehr! Der vieldiskutierte grundlegende Wandel unseres gesamten Lebensvollzugs, betrifft vor allem dessen energetische Grundlage, daraus folgend das Mobilitätsverständnis, Konzepte urbanen Wohnens, Arbeitens und urbane Resilienzstrategien. Klimaschutz muss geographisch global auf allen Ebenen erfolgen, auch das ist eine banale Aussage, weil sie seit drei Jahrzehnten oft gesagt, geschrieben, aber bislang noch nicht ausagiert wurde. Aber solch ein radikaler Wandel, der auf den ersten Blick die Téchne herausfordert und damit die Naturwissenschaften als Leitwissenschaften zu legitimieren scheint, darf eines nicht vergessen: das Kulturerbe. Und dafür sind die Kultur- und Geisteswissenschaften die Leitwissenschaften. Was die Menschheit geschaffen hat, darf nicht aus technisch-pragmatischen Gründen geopfert werden. Jedoch scheint Kulturerbe unter einem reduzierten Blick des Klimaschutzes eher Störfaktor zu sein: Es befördert die Mobilität wegen des Tourismus und damit die CO2-Emissionen. Bezogen auf alte Bauwerke, ist deren Energieverbrauch prima vista nicht vermittelbar. Eine einfache Rechnung lautete also: Weg damit! Reißt die Kathedralen der Vergangenheit ein und baut energetisch sinnvoll und CO2-neutral. 

Klimaforschung, besonders auch Urbanitätsforschung sowie auch das weite Feld der Urbanen Resilienz, kann nur reduzierte Erkenntnisse produzieren, wenn Geistes- und Kulturwissenschaften außen vor bleiben. Klimaforschung muss, wenn sie gelingen will, und sie muss gelingen, ein transdisziplinäres Projekt werden. Alle wissenschaftlichen Disziplinen müssen im steten Austausch mit Politik, Wirtschaft, NGOs und Kulturschaffenden stehen. Kultur- und Geisteswissenschaften sind alles andere als irrelevant in diesen Prozessen. Die Frage, welchen Beitrag können Kulturerbe in seinem weitesten Sinn und Geschichte zur nachhaltigen und resilienten Stadtentwicklung beitragen, ist die Klammer dieser Buchreihe.

Zur Erhöhung der Sichtbarkeit dieser Inhalte wird nun die Buchreihe „CCC – Culture of Climate Change. Heritage & History as Basis of Urban Development | Kultur des Klimawandels. Kulturerbe & Geschichte als Grundlage der Stadtentwicklung“ gegründet, um open access aktuelle Forschungen sichtbar zu machen. 

Neues zum Egerviertel in Nördlingen, November 2020

Am 12. November 2020 tagte der Bau-, Verwaltungs- und Umweltausschuss der Stadt Nördlingen zum aktuellen Stand des Egerviertels. Der Stadtplaner Prof. Dipl.-Ing. Florian Burgstaller, BDA, von der Hochschule Karlsruhe, hielt einen anregenden Vortrag über eine mögliche historische Entwicklungsstrategie des Viertels, das auf einigen Prinzipien ruht: Weiterentwicklung des Bestands, weitestmögliche Bestandserhaltung, Identität durch Betonung der Geschichte, Stärkung des ehemaligen Nutzens des Ankerbräugeländes und dessen Sichtbarmachung in der zentralen Bedeutung des Sudhauses.

Burgstallers Planung deckt sich erfreulicherweise in der konzeptionellen Ausrichtung mit dem Leitbild Authentische Stadt und den Vorschlägen und Analysen, die ich zu diesem durchaus nicht ganz unheiklen Thema seit Januar 2020 unterbreitet habe. In meiner Vorlesung „Die authentische Stadt“ im Wintersemester 2019/20 entwickelten meine Studierenden mit mir ein mögliches Gestaltungsszenario. In der Augsburger Allgemeinen folgte ein Artikel darüber innerhalb der Forschungsbeilage der Universität Augsburg. Dazu auch mein Blogbeitrag auf dieser Seite: Eger-Viertel, Ankerbräu, Nördlingen – Zwischen Klimaschutz und Denkmalkult? In der im September erschienen Publikation „Stefan Lindl: Die authentische Stadt. Urbane Resilienz und Denkmalkult, Passagen Architektur, Wien 2020“ findet sich eine ausführliche Analyse des Egerviertels, allerdings nur in einer etwas anonymisierten und abgewandelten, doch leicht erkenntlichen Form. S. 129-140.

Es ist überaus interessant und erfreulich eine gestalterische Ausformulierung zu sehen, die dem Leitbild Authentischen Stadt entspricht. Es lag bislang nur als eine architekturtheoretische Grundlage in meiner Wiener Publikation vor.

Zur Präsentation der Konzeption von Prof. Dipl.-Ing. Florian Burgstaller:

Prof. Dipl.-Ing. Florian Burgstaller

Beispielsanalyse Leitbild „Authentische Stadt“ Egerviertel Nördlingen

Der folgende Text bezieht sich auf die Publikation „Die authentische Stadt. Urbane Resilienz und Klimakult, Passagen Architektur, Wien 2020“. ErschienenSeptember 2020. Der Text pseudonymisiert das Egerviertel, es ist jedoch leicht zu erkennen, um welches Bauprojekt es sich hier handelt.





„Als Beispiel für eine Entwicklung eines Stadtquartiers soll eine pseudonymisierte Stadt mit einem zu entwickelnden Quartier dienen, das auf dem Gelände einer stillgelegten Brauerei entstehen soll. 

Bestand: Urbaner Kontext 

Die Kleinstadt Echtingen liegt im Schwäbischen und hat einen Altstadtbereich mit einem mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Baubestand von ca. 85 %. Kriegsschäden sind in dieser Stadt nicht zu verzeichnen. Die Stadtmauer der ehemaligen Reichsstadt ist nur auf der Westflanke der Stadt zum Bahnhof geöffnet, sonst markiert sie die Grenze von Altstadt und suburbaner Zone. Das Areal der ehemaligen Brauerei liegt im Norden der Stadt direkt an einem Stück intakter Stadtmauer. Im Süden grenzt das Areal an den Fluss, der die Stadt durchquert, die Schönach. Das heißt, das Gelände liegt außerhalb des Altstadtkerns. Europäische Altstädte bestehen immer aus einem hochkonzentrierten Stadtkern und lockerer Garten- und Siedlungsstruktur zwischen Zentrum und Stadt- mauer. So ist es auch in Echtingen. In diesem ehemaligen lo- ckeren Siedlungsbereich mit viel Grün liegt das Areal. Das Grün, das noch bis in 19. Jahrhundert existiert hatte, musste der Abfüllanlage und der Lagerhalle sowie den Garagen wei- chen. Auf dem Gelände sind die frühneuzeitlichen Parzellen noch erkennbar, auf denen sieben Gebäude stehen. Sechs davon gehen auf Gebäude vor 1800 zurück, das siebte ist das ehemalige Sudhaus aus den 1950er-Jahren. Der Baubestand und die Parzellen sind auf den fünf historischen Stadtansich- ten und Plänen zu sehen, der erste und wohl bekannteste stammt aus dem Jahre 1524. Schon auf dieser ersten Stadtan- sicht strukturieren Wege die Grünzone des Geländes. Ähnlich blieb das Verhältnis Grünzone und Bebauung auch im 17. Jahrhundert. Auf dem Plan von 1648 ist bereits an der nord- westlichen Ecke des Geländes ein dreigeschossiges Gebäude erkennbar, das in der Mitte des 20. Jahrhunderts durch das Sudhaus ersetzt werden sollte. Die Brauerei existiert urkund- lich seit dem Jahr 1617. Aus den Steuerlisten wird ersichtlich, dass dieses Eckgebäude bereits der Familie Borger gehörte. Die Familie hatte über die Jahrhunderte die Gartenanteile um das Eckhaus erworben. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts gehört ihr das gesamte Areal zwischen Stadtmauer im Norden, Schönach im Süden, gegen Osten grenzt es an die Mauern des ehemaligen Heilig-Geist-Spitals. Im Westen dient die Schiffgasse als Begrenzung. Das genannte Eckhaus ist das einzige historische Gebäude, das der im 19. und 20. Jahrhun- dert wachsenden Brauerei zum Opfer fiel. Alle anderen Gebäude sind frühneuzeitlicher Bestand. Auf der Wand des Sudhauses mit großer Fensterfläche, die einen direkten Blick auf den Sudkessel erlaubt, waren das Emblem und der Schriftzug der Brauerei gemalt worden: Schiffsbräu Echtingen. Die üb- rigen Gebäude dienten der Verwaltung, der Gastronomie, der Lagerung und als Wohnungen der Familie Borger sowie der Angestellten. Die Grünflächen wurden im 20. Jahrhundert as- phaltiert. Bewuchs ist nur noch minimal Richtung Schönach erhalten. Eine große Linde spendet den Tischen im Wirtsgar- ten Schatten. Zwei Bestandsgebäude sind besonders hervor- zuheben: das Verwaltungsgebäude rechts des Sudhauses und ein Walmdachgebäude aus dem 18. Jahrhundert in der südöst- lichen Ecke zwischen Schönach und Heilig-Geist-Spital. Das Verwaltungsgebäude ist ein im Grundriss quadratischer Bau, der aus einem Gebäude des 15. Jahrhunderts entwickelt wur- de und durch eine straßenseitige zentrierte Gaube sich der Aufmerksamkeit nicht entziehen kann. Der Baukörper scheint weitgehend gepflegt und intakt zu sein. Das zweigeschossige Walmdachgebäude aus dem 18. Jahrhundert ist größtmöglich versehrt. Es hatte einer angesehenen Händler- familie gehört. Auch dieses Gebäude beruht auf zwei Vorgän- gerbauten, die im 18. Jahrhundert zusammengefasst worden waren und eine einheitliche Fassadengestaltung bekamen. Bereits im 16. Jahrhundert war das Gebäude von einem Garten mit ansprechender Gestaltung umgeben. Es ist das stattlichste Gebäude des Areals. Wahrscheinlich wegen seiner großzügigen Zweigeschossigkeit wurde es umgebaut zu drei Garagen für die Lastkraftwägen der Schiffsbrauerei. Hinter den drei fast traufhohen Garagentoren aus Aluminium öffnet sich eine Großraumgarage. Das Haus war vollständig ent- kernt worden. Der Dachstuhl ist jedoch nicht frei sichtbar, sondern durch eine Decke abgehängt, die reichhaltige Spuren aus Stuck erkennen lässt. Sogar sind fahle Reste von Decken- malerei bei besserer Ausleuchtung und genauerem Blick er- kennbar. Im Norden des Gebäudes wurde ein weiterer Gara- genbau errichtet. Der im Stadtarchiv befindliche Bauantrag weist das Jahr 1967 aus. Der Zweckbau scheint mit minimals- ten baulichen Mitteln ausgeführt worden zu sein. Die übrigen Bestandsgebäude sind durchweg frühneuzeitliche Fachwerk- gebäude aus dem 15. Jahrhundert. Allesamt sind sie unbe- wohnt und heruntergekommen. Der historische Bestand ist nahezu identisch mit dem Kataster von 1817. Auch die Stadt- pläne aus den vorausgehenden Jahrhunderten zeigen kaum einschneidende Änderungen. Lediglich im 20. Jahrhundert wurde in der Zeit des Wachstums viel asphaltiert und schlecht hinzugebaut: der Garagenanbau an das bürgerliche Walmdachhaus angefügt, eine Abfüllhalle und eine Lagerhalle errichtet. 

Das gesamte Areal ist hervorragend dokumentiert und der Bestand, wenn auch dem Verfall preisgegeben, historisch in seinem Ensemble wertvoll, als ein historischer Zeuge eines Brauereibetriebs, der fast vierhundert Jahre die Stadt und de- ren Umland mit Bier versorgte. Der Brauereigasthof „Zum Schiff“ war eine beliebte Restauration am Ufer der Schönach bis zur Stilllegung im Jahr 2007. 2013 wurde das Gelände von der Stadt gekauft, um der Wohnungsnot zu begegnen. In der mehrjährigen Phase der Entscheidungsfindung und Planung wurde das Gelände für Kunstausstellungen und als Begegnungszentrum genutzt. Die Fachwerkhäuser boten vier Übungsräume für lokale Bands und fünf Ateliers für Künst- ler. Eine typische urbane Zwischennutzung des Areals zeigt sich darin. Inzwischen erfolgte eine Ausschreibung. Drei In- vestoren haben ihre Konzepte für Mischnutzung vorgestellt. Eine Jury hat sich aufgrund von Gutachten des Landesamts für Denkmalpflege für einen belanglosen Investorenentwurf entschieden. Seitdem das Konzept der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, findet – wie in den meisten vergleichbaren Fällen – eine historische Wertschöpfung des Areals durch den städtischen historischen Verein statt. Getragen werden diese Bemühungen von den Ängsten der Nachbarschaft, die Nach- teile für ihre Wohnsituation fürchten. Deswegen unterstützen sie die Tätigkeiten des historischen Vereins, der eine Schautafel vor dem ehemaligen Sudhaus anbrachte. Sie erläutert den historischen Wandel des Geländes der Schiffsbrauerei. Die Diskussion hält an. 

Zuordnung von historischen Werten: 

Epistemischer Wert 

Der hohe epistemische Wert ist durch die Dokumentation des Areals in bildlichen Darstellungen der Stadtpläne, durch viele Fotografien seit 1866 und lückenloses Archivmaterial seit 

dem 15. Jahrhundert belegt. Die erst relativ kurze Zeit zu- rückliegende Schließung der Brauerei und des Brauereigasthofs garantieren für einen hohen Erinnerungswert des Gelän- des in der Bevölkerung. Die Schautafel des historischen Ver- eins ermöglicht die Performanz des Wissens über das Areal und schöpft damit epistemischen historischen Wert. Der Straßenname „Schiffsgasse“ wird auch in Zukunft die Erinnerung an das Areal ermöglichen, sollte sie nicht umbenannt werden. 

Materieller Wert 

Obwohl die Gebäude teils stark verändert wurden, ist die his- torische Materialität der Gebäude vorhanden. Es kann ihnen materieller Wert zugeschrieben werden. Dies betrifft auch das Sudgebäude aus den 1950er-Jahren, das auch von der technischen Ausstattung kaum verändert wurde. 

Temporaler Wert 

Die Dokumentation des historischen Wandels, aber auch die klar ersichtlichen Bauabschnitte der einzelnen Gebäude spre- chen für hohen temporalen Wert, der den historischen Wandel ästhetisch erfahrbar macht. Sogar die Grünzonen sind in ihrer Entwicklung zur Asphaltwüste sichtbar. Letztlich zeigen das bauliche Ensemble und die Raumaufteilung das Jahrhunderte währende In-der-Zeit-Sein des Areals. Die Schautafel am Sudhaus steigert die Empfindung des Authentischen der Ästhetik, indem es das In-der-Zeit-Sein erläutert und spezifiziert in verschiedenen Narrationen. 

Lokaler Wert 

Die Lage des Areals und seiner Gebäude ist seit Jahrhunderten dokumentiert. Die Bebauung zeugt von der Entwicklung der Streubebauung und des großzügigen Grünbereichs. Es besteht kein Zweifel an dem historischen Wert. 

Ästhetischer Wert 

Das gesamte Areal bietet eine Fülle von zeitautonomen Bau- formen, die auf klar voneinander abgrenzbaren Entstehungszeiten hinweisen. Somit verfügt das Ensemble über einen hohen ästhetischen Wert. 

Idealistischer Wert 

Eine Zuschreibung dieses historischen Werts ist nicht möglich. 

Zusammenfassung 

Insgesamt verfügt das Ensemble über eine Vielzahl histori- scher Werte, die ein starkes Empfinden von Authentizität des Geländes ermöglichen. Der geografische und anthropogene Ort hat durch seine historische Dimensionierung das Potenzial, Identität zu stiften und damit eine hohe Rückbezüglichkeit der zukünftig dort wohnenden und handelnden Menschen zu erzeugen. Dazu sollten die historischen Werte bestmöglich erhalten oder transformiert werden. Rücksichtnahme auf Kli- maschutzaspekte, aber auch im Hinblick auf die Wirtschaftlichkeit eingeschlossen. Identität, die Geschichte und Ort erzeugen, erschaffen Wohlbehagen, die eine gute Stadtviertelplanung in einer Mischnutzung berücksichtigen sollte. Ge- schichte ermöglicht es, die eigene Position in der Zeit zu bestimmen, die in einer Stadtviertelentwicklung beruhend auf historischen Werten gelingt. Sie erzeugt Immobilienwert auf der ökonomischen Seite, Wohlbefinden auf der Seite der Resilienzsteigerung des urbanen Raums. 

Entwurfsanalyse für Entwicklungskonzepte 

Erfassung des Entwurfs 

Der durch die Jury ausgewählte und dem Stadtrat empfohlene Entwurf des global agierenden Investors UrbanArchTec- 

Group wurde auch vom Landesamt für Denkmalpflege favo- risiert. In der Ausschreibung wurde festgelegt, das Verwaltungsgebäude und das Walmdachgebäude, das als Garage benutzt wurde, sollten erhalten bleiben und in die Konzeption einbezogen werden. Die frühneuzeitliche Parzellenstruktur sollte zumindest partiell sichtbar bleiben. Aufgrund der Garagen- und Stellplatzverordnung müssen ausreichend Stellplätze für die Wohneinheiten, ein behördliches Gebäude und die Kindertagesstätte berücksichtigt sein. Bei 62 vorgegebenen Wohneinheiten wird dadurch eine Tiefgarage erforderlich. 

Der Siegerentwurf bezieht lediglich die beiden historischen Gebäude ein, entwickelt die Fachwerkgebäude nicht mit. Sie müssen der Tiefgarage und einer extensiven Wohnbebauung weichen. Die Parzellenstruktur ahmt die Baureihe an der Schönach sanft nach, ansonsten orientieren sich die Architek- turen für die Wohneinheiten an der Höhe des Sudhauses. Sie sind der einfachen Baustruktur des Sudhauses nachempfunden: Schlichte dreigeschossige Satteldachhäuser mit ausgebauten Dachstühlen, die von einer Vielzahl von Dachgauben belichtet werden. Die Südfassaden werden alle durch Balko- ne strukturiert. Die Fenster sind mit Fensterläden zu verschatten. Entlang der Stadtmauer sind drei hohe Gebäudeteile geplant, die durch kleinere identische quadratische Gebäude ohne Bauabstände verbunden werden. Auf dem Bauort des ehemaligen Sudhauses steht senkrecht zur Stadtmauer ein Gebäude, das dem Entwurf der drei anderen, großen Baukör- per entspricht. Die Balkone sind nach Osten ausgerichtet. Südlich von dem Gebäude, das das Sudhaus ersetzt, ist das sanierte Verwaltungsgebäude der Brauerei eingeplant, das sich äußerlich kaum verändert, nur an der Ostseite erhöht ein angestellter Balkon den Wohnwert des Penthouse im Ober- und Dachgeschoss. Zwischen den beiden Gebäuden befindet sich eine Durchfahrt, wie sie bereits im Bestand enthalten ist. Ein Schwibbogen zwischen beiden Architekturen kennzeich- net wie im historischen Bestand diese Durchfahrt, die zugleich Einfahrt in die Tiefgarage ist. Entlang der Schönach sind mehrere Gebäudeteile geplant, die sich an der frühneu- zeitlichen Parzellenstruktur orientieren. Zwischen diesen Ge- bäuden und dem bislang als Garagen genutzten und zu erhal- tenden Walmdachhaus ist ein Platz geplant, der auf die histo- rische Grünzone anspielt, die im 20. Jahrhundert in eine As- phaltwüstung verwandelt wurde. Der Platz ist abschüssig zur Schönach hin und bietet Erholungs- und Aufenthaltsqualität. Die historische Grünzone ist nur marginal durch eine Rasen- bepflanzung aufgenommen. Darunter befindet sich die Tief- garage. Das gesamte Areal wurde auch neu benannt: Das Schiffsbrauerei Areal wurde umbenannt in Schönachquartier. Nur die Schiffsgasse soll an die historische Nutzung des Areals erinnern. 

Abgleich der Entwurfsplanung mit dem Bestand durch SIA (Signifikanten-Interaktionsanalyse) 

Für die Bewertung der Entwurfsplanung nach ihren histori- schen Werten und ihrem Empfinden des Authentischen lässt sich ein einfaches Werkzeug schematisch und evident einsetzen. Es ist abgeleitet aus der Signifikanten-Interaktionsanalyse (SIA), mit der Wandel von Zuständen schnell erfassbar wird. Der komplexe Name ist letztlich auf ein simples Prinzip zurückzuführen: Mit historischem Bestand können wir lediglich mit drei verschiedenen Modi umgehen. Wir können ihn belassen, ihn anpassen oder ihn beseitigen. Diese drei Grund- prinzipien verstehen sich als Frageschematismus: Zuerst muss festgelegt werden, was betrachtet wird. Im Falle der Stadtentwicklung wird immer von der Entwurfsplanung aus- gegangen. Sie wird in Relation zum historischen Bestand gesetzt. Was wird betrachtet im Entwurf? Auf was bezieht es sich im historischen Bestand? Welche Modifikation erfährt der historische Bestand im Entwurf? Wird er belassen, wird er angepasst oder beseitigt? In einem weiteren Schritt kann die historische Wertigkeit bestimmt werden. 

Im Beispiel des Schiffbrauereigeländes von Echtingen lassen sich folgende Entwurfselemente in Relation zum Vorbestand setzen: 

1) Administrationsgebäude, 2) das Walmdach-Garagenge- bäude mit Anbau, 3) die Fachwerkgebäude aus der Frühen Neuzeit mit mittelalterlichen Kernen, 4) die frühneuzeitliche Parzellenstruktur entlang der Schönach, 5) die Parzellen- struktur entlang der Stadtmauer, 6) die Kubatur des Sudhau- ses, 7) der Schwibbogen zwischen ehemaligem Sudhaus und Administrationsgebäude, 8) Platz an der Schönach vs. Historische Grünzonen, 9) der Name Schönachquartier vs. Schiffs- brauereiareal. 

  1. 1)  Das zu sanierende Administrationsgebäude:
    – Außenerscheinung des Entwurfs belässt die 

Ästhetik des Bestands
– Selbst der Balkon ist kein Bestandteil des 

Gebäudes, sondern wird als freistehendes – Objekt angefügt. 

  1. 2)  Das Walmdachgebäude mit Anbau
    – Wird angepasst und in einen ästhetischen 

Vorzustand überführt.
– Der Garagenanbau für Pkws wird beseitigt

das Walmdachgebäude freigestellt. 

  1. 3)  Bebauung anstelle der Fachwerkgebäude 

– Die Fachwerkgebäude werden beseitigt.

  1. 4)  Die frühneuzeitliche Parzellenstruktur an der 

Schönach
– Bleibt belassen. 

  1. 5)  Die frühneuzeitliche Parzellenstruktur entlang der Stadtmauer 

– Wird beseitigt

  1. 6)  Die Kubatur des Sudhauses 

– Bleibt belassen und gibt die Höhe der Wohn- bebauung entlang der Stadtmauer und auf dem 

Bauplatz des ehemaligen Sudhauses vor.
7) Der Schwibbogen zwischen ehemaligem Sudhaus 

und Administrationsgebäude
– Wird beseitigt, aber neu ausgeführt. 

  • 8)  Platz an der Schönach vs. Historische Grünzonen – Der Platz an der Schönach passt die 

historische Grünzone an, übernimmt die 

Funktion. 

  • 9)  Der Name Schönachquartier vs. 

Schiffsbrauereiareal
– Der gewohnheitsmäßige Name des Areals 

Schiffsbrauereiareal wird beseitigt durch Schönachquartier. 

Dieses einfache relationale Analyseverfahren nach der SIA hilft im nächsten Schritt, die historischen Werte der Ent- wurfsplanung zu bestimmen. 

Der epistemische Wert des Geländes bleibt unangetastet. Der lokale Wert ist stark vermindert durch die Umbenennung des Areals in Schönachquartier. So wird ersichtlich, was das Konzept eigentlich möchte: weg von dem Authentischen, weg von der Geschichte und der Identität des Geländes. Folg- lich vermindert sich der lokale historische Wert, weil das Konzept starke ubiquitäre Züge trägt. Es negiert Geschichte und seine Identität, macht den Ort zu einem Nicht-Ort. Ledig- lich der baulich-urbane Kontext entlässt den Entwurf nicht ganz in die Geschichtslosigkeit. Materieller Wert wird überall eingebüßt. Die Fachwerkbauten werden entfernt und nicht weiterentwickelt. Besonders betrifft dies auch das Sudhaus, das als Identifikationspunkt dienen könnte. Es wird beseitigt und hätte durchaus den historischen Wert der Vornutzung punktuell steigern können, wenn es in die Entwurfsplanung einbezogen worden wäre. Anklänge an das Sudhaus finden sich nur als idealistischer Wert, der sich in der Höhe der Bau- werke wiederfindet. Es wird damit ein rein städtebaulicher Bezugspunkt entwickelt, aber nicht als historischer Wert argumentiert. Die frühneuzeitliche Parzellenstruktur an der Schönach hat hohen lokalen und temporalen historischen Wert, der sich gut in die Umgebungsbebauung eingliedert. An der Stadtmauer hingegen sticht die Bebauung übermäßig her- aus und zerstört historischen ästhetischen und idealistischen Wert. Der Schwibbogen zwischen ehemaligem Sudhaus und Administrationsgebäude wird aus dem Vorbestand neu ausgeführt übernommen, ihm lässt sich idealistischer Wert hinzufügen. Der Platz an der Schönach übernimmt idealistisch die Grünzonen und Gartenstruktur der frühneuzeitlichen Stadt. Ansonsten ist von der historischen Gartenstruktur kaum mehr übrig als der Anklang der unprätentiösen Rasen- flächen auf der Tiefgarage, der minimalen idealistischen Wert hinzufügt. Insgesamt verfügt die Entwurfsplanung über viel Potenzial, historische Werte zu steigern und damit auch das Empfinden des Authentischen voranzubringen. Unter den Gesichtspunkten der authentischen Stadt sind einige gute Elemente vorhanden, aber es könnten noch viel mehr sein. 

In Bezug auf die Resilienz, die historische Werte und ihre Schöpfung sowie Steigerung ermöglichen, könnte an diesem Entwurf noch einiges getan werden. Es wäre wichtig, Identifikationsräume zu schaffen, die Verbundenheit und Erholung bieten. Das sind Ausprägungen von Resilienz im urbanen Raum, die im Klimawandel mehr und mehr notwendig wer- den. Die Grünzonen und Gartenanlagen sind ein Beispiel dafür, welche Funktion sie für die Resilienz haben: Mit dem Klimawandel, steigenden Temperaturen durch erhöhte Son- neneinstrahlung in urbanen Räumen, sind Grünzonen ein evidenter Teil der Resilienz. Sie machen gegen Hitze wider- standsfähig. Die Tiefgarage verhindert es, tiefwurzelnde Bäume einzuplanen. Es müssten andere Wege gefunden werden. Neben dieser rein funktionalen Resilienz wäre auch wichtig, das Wohlbehagen zu betrachten. Die Entwurfsplanung hält keine Raumteilung durch Pflanzen bereit, entwickelt keine intimen Räume im Raum zwischen den Baukörpern. 

Aus dem Aspekt der Kultur eines nachhaltigen Bauens heraus verliert der Entwurf. Weiterentwicklung des Baubestandes erfolgt nur dort, wo es nach den Vorgaben der Ausschreibung unbedingt geboten ist. Die Garagen- und Stellplatzverordnung macht die Tiefgarage notwendig, nur eine offene Mobi- litätslösung könnte dieses Problem der hohen Betoneinbringung vermeiden. 

In dieser operationalisierten Form könnte eine Begutachtung mittels historischer Werte und dem Empfinden des Authentischen vollzogen werden. Sie lässt sich leicht auf andere Ent- wicklungsprojekte übertragen. Notwendig erweist sich dabei immer ein interdisziplinäres Vorgehen. Mikrohistorische Stadtforschung ist die Grundlage für den epistemischen An- teil, also für die soziale Konstruktion. Bauhistorische Analysen müssen ebenso einfließen, um eine valide Bestimmung zu ermöglichen. Die Resilienz, die mit historischen Werten und dem Empfinden des Authentischen erschaffen werden kann, liegt auf einer ästhetischen Dimension, die auf Identität, Inte- grität und Wohlempfinden abzielt. Dieses Wohlempfinden wird erzeugt durch die individuelle Positionierung in Raum und Zeit, die atmosphärisch von den entwickelten Stadtquar- tieren ausgeht. Über die historischen Konzepte der Klimaresilienz in den Städten lässt sich ebenso forschen und diese Erkenntnisse einbeziehen. Eine wichtige Funktion übernehmen die Grünzonen, die historisch in den Städten Europas belegt sind, ebenso das Prinzip des Weiterbauens. Interdisziplinäre historische Forschung wird damit zu einem Beitrag zur Klimaresilienz.“

Vernissage: Zwischen Berg und tiefem, tiefem Tal

Zwischen Berg und tiefem, tiefem Tal

Über Hendrik Jonas und Reinhard Osiander

von

Stefan Lindl 

Am 15. November 2020 von 11.00 Uhr bis 16.00 Uhr findet die Corona-Vernissage in der Galerie Süßkind statt, Dominikanergasse 9, 86150 Augsburg. Da wegen Covid-19 keine reguläre Vernissage möglich ist und damit keine Rede, bleibt nur noch die Schrift ohne Performanz. Anbei also meine Laudatio auf Hendrik Jonas (Berlin) und Reinhard Osiander (Bremen). Die Ausstellung ist bis 30. Januar 2021 zu sehen.

Perfektion des Verschwindens

Antonio Stradivari verhält sich zu San Martino di Castrozza wie Michelangelo Buonarroti zu Carrara. Der Geigenbauer streifte durch den berühmten Bergwald, der Foresta dei Violini, mit seinem Haselfichtenbestand über den tiefen Tälern der Dolomiten. Den Maler und Bildhauer zog es hingegen auf die weißen Berge der westlichen Toskana mit Blick auf das blaue Mittelmeer, um den Abbau des nicht weniger prominenten Marmors zu überwachen. Beide, Stradivari und Michelangelo, suchten nach dem besten Material für ihre gerühmten Werkstücke. Nur das Erhabenste des Besten für die Besten des Erhabenen. Die mystifizierenden Erzählungen über diese Suchen nach dem Material der beiden Meister lassen vermuten, das Material spiele eine übergeordnete gewichtige Rolle in der Herstellung von Skulptur und Violinen. Allein wer heute vor den Skulpturen oder den Instrumenten steht, sieht von dem Material nichts, einfach nichts. Wer die Geigen hört, nimmt Reinheit und Volumen wahr. Material ging auf in Form und Klang, ist aber nicht mehr als solches wahrnehmbar. Michelangelos David vereinnahmt die Betrachter in seiner Gestalt, nicht als Stein. Darin verbirgt sich eine Paradoxie: Die Erzählungen über die Foresta dei Violini und Carraras Steinbrüche betonen das Material, Sorgfalt und Aufwand es zu wählen und zu beschaffen. Doch erstaunlicherweise diente es nur als Mittel zum Zweck, um möglichst vollkommene, wirklichkeitsgetreue Menschenleiber zu formen oder die besten Korpora für Saiteninstrumente herzustellen. Das Material spielte nach dem Gestaltungsprozess keine Rolle mehr. Es diente dem Ergebnis, ohne selbst noch wahrgenommen zu werden. Aber auch der Werkprozess verschwand, als seien die Werke aus dem Nichts entstanden. Stradivari und Michelangelo erscheinen seltsam entrückt, überstrahlt von dem Werk. Künstler, Material und Werkprozess verschwanden hinter der Perfektion. – Perfektion des Verschwindens. 

Perfektion der Präsenz

Jahrhunderte sind seit dem Wirken der Beiden vergangen und in diesem Fluss der Zeit wandelte sich das Bild der Meister, von denen sich zwei gefunden haben, um gemeinsam auszustellen. Kennengelernt haben sie sich vor Jahren in Augsburg, der eine stammt aus Kaufbeuren, der andere aus Bobingen. Ihre Wege trennten sich, um einer einfachen Regel zu folgen: von A nach B. Bei Jonas war dieses B Berlin, bei Osiander zuerst Berchtesgaden, dann Bremen. Nun kehren sie zurück mit einer gemeinsamen Ausstellung in einer bemerkenswerten Galerie in Augsburg

Jedoch begründet Freundschaft noch lange nicht, warum gemeinsam Kunst ausgestellt werden sollte. Sie garantiert auch keine Stimmigkeit, wenn Kunst in Räumen zusammenkommt. Als diese Worte geschrieben wurden, gab es das vereinigende Fest der Kunst von Jonas und Osiander noch nicht. Darüber zu schreiben, ob das Konzept funktioniert, schien eine etwas spekulativ gewagte Aufgabe zu sein, die einen gewissen seherischen Charakter nicht verbergen kann. So blieb nur die Annahme: Die Kunstwerke beider freundschaftlich verbundener Künstler passen hervorragend zusammen. Natürlich gilt auch bei ihnen: Kunst ist immer einzigartig, deswegen äußert sie sich vor allem in ihrer Unterschiedlichkeit. Doch auch das dünne feste Garn der Übereinstimmung verwebt der beiden Künste. Nur was haben Osiander und Jonas mit Stradivari und Buonarroti zu tun? 

Es ist ganz einfach: So wenig auf den ersten Blick die beiden Italiener, Geigenbauer und Künstler, miteinander verbunden sind, so eint sie das Prinzip ihres Gestaltens: die Perfektion des Verschwindens. Vergleichbar dazu sind auch Jonas und Osiander. So unterschiedlich der Maler und Illustrator sowie der Holzbildhauer auch sein mögen, so liegt ihre Stimmigkeit und Übereinstimmung doch im gestalterischen Prinzip, in der Perfektion der Präsenz. Das beginnt bereits im Auffinden der Materialien, die sie für ihre Kunst verwenden. Jonas verwendet Fundstücke als Grundlage seiner Malerei: Ein Aktenordner, eine gerollte Lehrtafel aus der Schule, ein Umzugskarton, ein Stück Holz, das aufwendig bearbeitet wird, bis es als Grundlage für Kunst dient und selbst dieses Kunstwerk wird, weswegen diese Materialien auch stets sichtbar bleiben. Sie finden sich nicht erhaben in den entlegenen Höhenregionen der Dolomiten oder des Apennin, sie finden sich vor und hinter der Haustüre des alltäglichen urbanen Lebens. Dinge, die gut für Flohmärkte oder gar den Sperrmüll sind, werden zum Material der Kunst, zur Grundlage höchst anspruchsvoller Arbeitsgänge, dem Auftragen vieler Farbschichten, dem mechanischen Bearbeiten der Schichten, erneutem Übermalen. Das Banale hat gar nichts mit der Foresta dei Violoini oder den Steinbrüchen von Carrara zu tun. Aus dem Nichts wird das Kunstwerk. Marcel Duchamps lässt sich assoziieren. Aus dem Banalen wird bei ihm durch Zuschreibung Kunst: „Es sei Kunst!“, das genügt. Doch verhält es sich bei Jonas anders, das Banale wird nicht durch Zuschreibung Kunst, sondern durch gewaltige, langjährig erworbene Fähigkeiten, die aus dem Unscheinbaren eine diaphane, feine künstliche Welt machen, Tiere, die zu leben scheinen. Doch ist der Anspruch von Jonas nicht die mimetische Abbildung der Wirklichkeit. Die Tiere geben nicht vor, Tiere zu sein, sie sind künstlerisch entstandene Tiere. Die Farbverlaufsspuren sprechen dafür: Ein Mensch hat es gemacht. Der Mensch, der Künstler wird und bleibt sichtbar wie das Material, die Fundstücke, die aus dem Banalen sublimiert werden, durch Kunst erhaben gemacht werden. Dazu wären weder Buonarroti noch Stradivari in ihren Zeiten fähig gewesen, dies ist ein kontemporärer Zug der Kunst. Die Italiener eignen sich also um die Eigenart von Jonas, aber auch Osiander, aus der Differenz zu schöpfen. 

Reinhard Osiander geht ähnlich, wenn auch nicht identisch vor. Sein Material für seine Kunst ist Abfallholz, das zufällig anfällt, wenn Bäume entfernt werden müssen. Er arbeitet gerne mit Lindenholz, aber es muss nicht die oder jene bestimmte Linde sein, sondern eine, die aus welchen Gründen auch immer ihre Lebenszeit beendet hat. Osiander transformiert das Holz in Kunst, darin besteht es weiter, verschwindet nicht. Seine Skulpturen und seine Mischformen, Skulpturenplastiken, bewahren das Material und den gestalterischen Prozess, der, wie bei Hendrik Jonas, Teil des Kunstwerkes ist. Spuren von der Kettensäge werden nicht weggefeilt, geschliffen und poliert, sie bleiben, sie sind Kunst und lärmen ein wenig in die Welt: Das ist eine Kettensäge! Selbst wenn die Figuren von Osiander bemalt werden, das Holz, das Material bleibt sichtbar, der Künstler bleibt in der Kunst. Darin sind die beiden eins. 

Es gibt auch Unterschiede, die ein anders Wesen der Kunst erscheinen lassen: die Einzigartigkeit. Inhaltlich scheinen Jonas und Osiander ähnliche Themen zu bearbeiten: Tiere. Doch die Tiere verweisen auf divergierende Konzepte und Bedeutungen. Hendrik Jonas‘ Tiere stehen für Heimat, ein Gefühl von Heimat, das sie auslösen. Es steckt wohl seine Suche nach Geborgenheit und seine Sehnsucht dahinter, die sie bedienen, auslösen, nähren, auch sättigen. Osianders Tiere entspringen einer möglicherweise ähnlichen Gefühlswelt, aber es ist nicht die seine, es ist die der anderen. Zufällig schnitzte er sein erstes Tier und alle, die es sahen, wollten es. Seine Kunst bedient das Gefühl von Weihnachten, von Krippenfiguren, mit denen Kinder spielen wollen, die sie aber nicht anfassen dürfen. Osianders Kunstwelt bedient sich aus Märchen, klischeehaften Narrativen einer einfach existierenden Welt ohne Sorgen, mit stetem Sonnenschein, ohne Komplexität. Er konzipiert das Idyll auf den ersten Blick. Doch dann wird es konterkariert durch die Sichtbarkeit der Arbeitsprozesse, durch das Menschliche, repräsentiert durch die Spuren der Arbeit, die den Künstler in jedem seiner Stücke präsent halten. Diese Ambivalenz von Unbeschwertheit und künstlerischer Produktion macht das Besondere Osianders Kunst aus. Darin liegt auch der Grund, warum sein Publikum ihn dazu brachte, immer mehr von diesen Skulpturen und Skulputrenplastiken zu verwirklichen. Offenbar spielen Rückkopplungsprozesse der Nachfrage eine nicht ungewichtige Rolle in Osianders Kunstwelt der Tiere. Sein Publikum hat Anteil an dem künstlerischen Schaffen. 

Thematisch nahe und doch gegensätzlich stehen die Tierwelten von Hendrik Jonas und Reinhard Osiander nebeneinander – different und doch passend, sich gegenseitig ergänzend. Ob all das tatsächlich zutrifft, wird die Ausstellung zeigen. Um einen Besuch werden Sie also nicht herumkommen, trotz Corona.

Galerie Süßkind

Semiotik der Maske

Ich bin Maskenträger aus Überzeugung in Augsburg – momentan ein Corona-Hotspot. Doch will sich mir ein Phänomen des Infektionsschutzes nicht so recht in all seinen Dimensionen erschließen.

Wenn ich aus meiner Haustüre hinaustrete, befinde ich mich inmitten der Altstadt Augsburgs. Dort stellt mir die Jahrhunderte alte Stadtplanung drei Möglichkeiten zur Auswahl, wohin ich mich wenden kann: Links nach Osten, geradeaus nach Süden, rechts nach Westen. Nach Süden und Westen könnte ich ohne Maske gehen. Will ich aber nach Osten, dann muss ich meine Maske über Nase und Mund ziehen. Das Haus, in dem ich wohne, liegt ganz nahe der Grenzlinie des innerstädtischen Maskensektors. Ein Unbehagen überkommt mich stets an dieser Haustüre, weil dort die Konstruiertheit der Grenze so erbarmungslos deutlich wird. Funktionalistisch, bezogen auf den Infektionsschutz, kann sie nicht erklärt werden. Denn wo liegt der Unterschied von Osten zu Süden und Westen? Sind der Süden und Westen weniger infektiös als der Osten? Sehr unwahrscheinlich! Da es wohl keinen funktionalistischen Grund gibt, bleibt als Interpretation der symbolische Akt, der sich in der Maskenpflicht offenbart. Der Vorteil des Virus ist das Problem der Menschen: Es ist gefährlich invisibel. Im Osten wird deswegen das Virus sichtbar gemacht via Maske, im Süden und Westen jedoch nicht. Es steht mir im Osten ins Gesicht geschrieben. Die Maske fungiert als Kleiderordnung meiner, unserer Vulnerabilität. Wir kleiden uns für alle sichtbar mit dem Virus, konstruieren symbolisch unsere Nähe und Zugehörigkeit zur Corona-Zeit, obwohl funktional-infektionstechnisch uns die Maske vom Virus fernhalten sollte. Semiotisch stellt sich die Maske jedoch gleich mit dem Virus. Anders ausgedrückt: Die Maske ist das sichtbare Virus. 

Das erinnert an die Ständegesellschaft der Vormoderne, an die Kleider- und Trachtenordnungen des 19. Jahrhunderts und natürlich auch an das düster-dunkle 20. Jahrhundert. Es wurde über eine Textilie nach außen getragen, was sonst unmöglich zu sehen war. 

Das leuchtet ein. Alle, die eine willkürliche Grenze der Altstadt überschreiten, kleiden sich mit einem Symbol der Möglichkeit der Infektion, kleiden sich mit dem Gegenstand, der das Virus sichtbar macht, der das Virus symbolisch verkörpert. Nun, das ist eine einfache und effektive Form der Kommunikation wie die Südtiroler Schürzensprache, die Mitra, die Uniform der Militärs, die Stola, die Burka oder die Kippa. Sie alle sind Informationsträger verschiedener Textilsprachen. Seit Jahrtausenden funktioniert das, um Distinktion zu üben, um Differenz zu markieren. Friedrich Wilhelm Voigt, der Hauptmann von Köpenick, wusste welche Macht ein Stück Stoff verleiht. Andere dagegen trugen keinen Stoff. Nacktheit entsprach Göttlichkeit, weil sich im Nackten die Differenz zur gekleideten Menschheit zeigte. Ein ewiges Textilienspiel und eine konkrete Varianz davon werden hier im Corona-Hotspot Augsburg manifest. Was vor 2000 Jahren bereits an Textilien abgelesen werden konnte, das trifft auch heute nicht auf Analphabetismus. Sie sind Träger von Informationen und das seit Ewigkeiten. 

Nur frage ich mich, warum Textilien im digitalen Zeitalter des 21. Jahrhunderts immer noch als Informationsträger so gewichtig sind, warum hingegen andere, zeitgemäßere, wie die social media, in der Corona-Krise so wenig genutzt werden, zumindest hier in meiner Stadt. Warum wird das Virus nicht durch Informationen aktuell sichtbar gemacht über Twitter, Facebook, Instagram, sondern durch ein Stück Stoff, das jedoch nicht überall benutzt werden muss, obwohl es doch funktional wichtig wäre, es überall zu tragen? Warum erfahren wir nichts Genaueres über die Orte der Infektion? Warum nicht darüber, welche Altersgruppen sich auf lokaler Ebene infizieren? Warum steht nirgends etwas über die Anzahl der Fälle, deren Infektionsursache nicht rekonstruierbar ist? Warum wird, obwohl detaillierte Daten und Informationen digital schnell weitergereicht werden könnten, davon so wenig Gebrauch gemacht? Warum bleibt das Virus in Augsburg digital so unsichtbar?

Die Maskenpflicht drängt uns die Anwesenheit des Virus ins Bewusstsein, aber so beeindruckend die Maske auch ist, als so informationsarm erweist sie sich. Sie macht das Virus nur sichtbar. Selbst auf den dritten Blick mutet diese Art, Aufmerksamkeit zu schaffen, an, als sei sie viel zu eingeschränkt, zu wenig, zu unangemessen in einer digitalen Demokratie, in der Transparenz problemlos und schnell hergestellt werden könnte.

Zwar scheinen digitale technische Möglichkeiten unbegrenzt zu sein, de facto aber werden die so wichtigen Informationen lediglich von einem Stück Stoff reduktiv transportiert. Das ist sicherlich schon etwas im Analogen, könnte jedoch noch mehr im Digitalen sein.

Ich bin Maskenträger in Augsburg und würde sie gerne, wenn sie denn so notwendig ist, über das Symbolische hinaus benutzen müssen. Für die Diffusion der Informationen gibt es zeitgemäßere Wege.

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Während ich diese Zeilen noch einmal lese, gehen zwei Damen an mir vorüber. – Keine Maske. Die eine empört sich: „Wenn jetzt (mein?) Test negativ ist, wovon ich ausgehe, dann ist doch die Quarantäne aufgehoben, oder?“ – Ich werde mich wohl verhört haben.

Muss Architektur des NS vernichtet werden?

Muss Architektur des NS vernichtet werden? Oder: Der Umgang mit dem Bösen

Im Zuge der Abrissarbeiten der ehemaligen Augsburger Rees-Kaserne kristallisierten sich immer mehr Diskurspositionen heraus. Beispielsweise reduzieren einige die Reese auf ihre Entstehungszeit, den NS. Die Nazi-Kasernen seien Ausdruck der menschenverachtenden, mörderischen Pläne des Nationalsozialismus, deswegen sei es nicht bedauernswert diese Gebäude zu verlieren. Träger dieser Ansicht fanden sich im Stadtrat Augsburgs ebenso wie an verschiedenen Stellen des öffentlichen Dienstes wie auch in der Stadtbevölkerung. Auf Facebook finden sich Claqueure weit gestreut, vom Jüdischen Museums bis zum Staatstheater. Natürlich reduziert diese Aussage die Geschichte der Gebäude auf eine kurze Phase ihrer Bestandszeit. Vergessen bleiben die Umnutzungen dieser Wehrmachtsstützpunkte. Die Displaced Persons, die US-Amerikanische Besatzungszeit, die Kooperationszeit der Bundesrepublik Deutschland mit den US-Amerikanern, die Demokratisierung dieser Gebäude bis hin zu ihrer Konversion und Zwischennutzung für Künstlerinnen und Künstler. All das ist die Geschichte dieser Gebäude, sie hört nicht mit dem 8. Mai 1945 auf, sie hat im NS begonnen und dauerte viel Jahrzehnte an. Materie ist geschichtlich, eignet Geschichtlichkeit. Sie lässt sich nicht partiell betrachten. Von den acht Jahrzehnten (1945-2020) kann eine Erfolgsgeschichte der Menschlichkeit, der Demokratisierung und der Stadtkultur erzählt werden, bis hin zur Narration der Zerstörung wegen eines Neubauprojekts. Geschichte muss erzählt werden und die NS-Geschichte ganz besonders, sie braucht materielle Sichtbarkeit, ansonsten setzt sehr schnell das Vergessen ein. Sichtbarkeit benötigen auch die sowjetrussischen Displaced Persons und die Deutsch-Amerikanische Freundschaft sowie die Künstler in der Stadt, die dort in diesen Architekturen des NS arbeiteten. All das gehört dazu. Wie wichtig dabei die Materie ist, darf nicht unterschätzt werden. Aber natürlich lassen sich viele Gründe dafür finden, sie zu beseitigen. Neue Wohnungen beispielsweise, aber warum nicht Bauen am Bestand? Warum Vernichtung? Das Erzählen der Geschichte wird schwer, wenn die Materie fehlt, die den Narrationen immer ein Anker ist. Da wird der Aufklärung geschuldete Flachware, wie historisierende Feigenblatt-Tafeln, nicht viel bringen. Nicht dass ich gegen sie etwas hätte, sie sind besser als nichts. Aber an die Macht der Materie kommen sie nicht heran. Der Ort wird durch den Abriss bereinigt. Tabula rasa, Neubeginn, seine historische Atmosphäre ist verloren.

Letztendlich ist das alles passé. Die Materie verschwand aufgrund einer demokratischen Entscheidung. Das ist respektabel. Für die Zukunft wäre es wünschenswert einen intensiven, vielstimmigen Diskurs darüber zu führen, der dann in einem Konsens endet. Dafür wäre ein offener, neutraler Ort wichtig, an dem die Parrhesia gepflegt werden kann: die Redefreiheit über Vergangenheit und Zukunft urbaner und nicht urbaner Räume. 

Abgerissene Kradhalle der Reese-Kaserne Augsburg, c: Gärtnerhaus im Park

Für mich persönlich gibt es einen bevorzugten Weg mit der Geschichte umzugehen, es ist der inklusive Weg: Weiterentwicklung der Materie, die Wissensformationen evoziert. Damit schließe ich die Beseitigung der Materie und den Verlust des Wissens aus. Materie kann unbequem sein, weil wir ihr etwas Unbequemes, Unbehagliches zuschreiben müssen. Je kritischer, je detaillierter, je sichtbarer auch durch die Materie dieses Unbequeme wird, desto nützlicher wird es für uns, für das, was wir sind: geschichtlich. 

Diese, meine Diskursposition entwickelte sich aus meiner Geschichte: 

Kunst liebe ich. Gerne umgebe ich mich mit Gemälden, Zeichnungen, Skulpturen, Plastiken. Dort wo sie mich umstehen wie umhängen, fühle ich mich wohl. Mein Behagen zwischen Kunst ruht auf einer kindlichen Prägung. An den Wochenenden übernachtete ich liebend gerne bei meinen Großeltern. In ihrem Haus hing überall Kunst, überall gab es etwas zu betrachten. Besonderen Reiz übten vier Zeichnungen aus, die Schlafzeichnungen, die großformatig, gut gerahmt an der Wand über der Treppe hingen, die zu dem winzigen Dachzimmer führte, in der mein Bett stand. Eine kühle Architekturzeichnung einer Kirche, verfertigt mit Bleistift und Aquarellfarben, eine Stadtansicht, zwei Rötelzeichnungen, der Innenraum und die Außenansicht einer Kirche. Besonders die Vedute hatte es mir angetan, gefolgt von der kühlen kolorierten Architekturzeichnung. Meine Blicke glitten an ihnen entlang auf dem Weg in die kleine kühle Dachkammer, in der das zentnerschwer empfundenen Plumeau auf mich wartete, das mir Wärme und Geborgenheit gab. Die Zeichnungen gehörten zu diesen Wochenenden, die mir Urlaube waren und für das gute Leben standen. Wären die Zeichnungen abgehängt worden, ein Unbehagen hätte die Übernachtungen gestört, wohl hätte ich nicht schlafen können. Es waren diese vier Bilder, nach denen ich mich unter der Woche sehnte. Wenn ich einst groß sei, so sagte ich mir, wollte ich selbst solche Bilder sammeln und an alle Wände hängen. Vier Zeichnungen prägten meine Wahrnehmung, meine Werte, meine Sehnsüchte. Sie waren mir über die Kindheitsjahre eine Gewohnheit geworden, ohne die meine Welt nicht denkbar gewesen wäre. Doch nichts ist von Dauer und keineswegs die Gewohnheiten. Irgendwann bemerkte ich, was es mit diesen Zeichenwerken auf sich hatte. Dazu bedurfte es eines neuen Blicks auf die Bilder. Ein Blick fern der Kindheit, ein Blick des Studenten der Kunstgeschichte. Jahrelang waren sie mir das Schöne, von geübtem, gekonntem, überlegenem Stift auf Papier gebracht und niemals hatte ich Jahreszahlen und die Beschriftungen wahrgenommen: Smolensk, 1941. Innerhalb von Sekundenbruchteilen hatte ich mich von ihnen durch das Übelkeit erzeugende Grauen in mir distanziert, ausgelöst von einer Jahreszahl und dem Namen einer Stadt. Befremdet stand ich den gerahmten Bildwerken meiner wohligen Kindheit gegenüber. Mir war mit einem Male klar, ihre Existenz verdankten sie dem zweiten Weltkrieg, der Wehrmacht. Krieg oder die Ergebnisse kriegerischer Handlungen waren darauf nicht sichtbar. Sie erschienen wie die Mitbringsel von einer harmlosen Studienfahrt eines Künstlers. Aber die Jahreszahl und der Name der Stadt ließen mich spontan ganz anders deuten. Seit meiner Kindheit hatte ich gewusst, der Zeichner sei ein Architekt gewesen, der Professor meines Großvaters. Aber nun wurde mir klar, als Wehrmachtssoldat, wohl in der Position eines Kriegsberichterstatters, hatte er die Kampfhandlungen um Smolensk begleitet. Spätestens als ich die Wehrmachtsberichte dieser Kriegstage kritisch-vorsichtig las, tabuisierte ich diese bildlichen Erzeuger meines kindlichen Wohlbehagens und verstieß sie; ich wollte nichts mehr mit ihnen zu tun haben. Sie hatten mich enttäuscht, hatten mir Schönheit, Behaglichkeit, Heimeligkeit, Schutz vorgegaukelt, obgleich sie doch genau für das Gegenteil standen, für Tod und Verbrechen, das sie einfach ausblendeten, nur die Schönheit dessen zeigten, was neben dem Krieg, dem Tod und den Verbrechen existierte. Zerrissen zwischen Schönheit und der Ablehnung des Verbrechens, befand ich mich. Aber es war alles ganz einfach. Ich hatte die Wahl, ich musste diese Relikte der NS-Zeit nicht ansehen, sie gehörten mir nicht, ich musste keine weitere Stellung beziehen, als sie abzulehnen. Doch wenn ich an sie dachte, wenn ich sie sah, wurde mir stets bewusst, welche Dissonanz Dinge erzeugen können. Sie können als schön empfunden werden. Sie können sich aber auch zum Symbol des Unmenschlichen wandeln, während die Schönheit verblasst, fast verschwindet. Lange musste ich nichts tun, lange ließen mich die Zeichnungen in Ruhe. Dann aber verstarb meine Großmutter, das Haus musste ausgeräumt werden, die Bilder befanden sich auf dem Weg in den Müllcontainer. Mir war klar: Die gehören genau dort hin. Als ich sie mit großem Schwung hineinwerfen wollte und schon hörte und sah, wie das Glas und die Rahmen zerbarsten, hielt ich sie fest, hielten sie mich fest. Ich lehnte sie an eine geschützte Wand und entsorgte anderen Hausrat ungehindert. Die Zeichnungen nahm ich mit zu mir nach Hause. Mit Scheu und Abscheu betrachtete ich sie und mit Liebe. Plötzlich wusste ich, dass es eine und vor allem meine Aufgabe sei, einen Weg zu finden, um diese Dissonanz zu lösen. Zwar konnte ich die Bilder nicht aufhängen, aber hinter einem Schrank geschoben, ließen sie sich immer wieder herausholen, um mir bewusst zu machen: Diesen Zeichnungen verdanke ich den Zugang zur Kunst, zum Schönen, zum Wohlbehagen – die erste Dimension. Diesen Zeichnungen musste ich jenseits ihrer Ästhetik aber auch Wissensformationen zuschreiben, die nicht verharmlost werden durften, die andauernd präsent sein mussten: Krieg, Tod, Vernichtung. Hätte ich die Bilder in den Container geworfen, hätte ich die Vergangenheit entsorgt, meine Kindheit, mein Wohlempfinden, aber auch mein Grauen, das Wachrufen der Wissensformationen über das Unmenschliche. Es gibt eine Verantwortung gegenüber den Dingen, ihrer Materie und den Wissensformationen, die sie evozieren. Dinge sind immer beides: Die Materie, sie allein konnte ich in meiner Kindheit erkennen, und das Immaterielle, die soziale Konstruktion, die Wissensformation, die erzählt, vermittelt werden müssen. Verschwindet die Materie, ist die Wissensformation, die soziale Konstruktion in Gefahr. 

Inzwischen hängen die Bilder unter vielen anderen in Petersburger Hängung an einer Wand unserer Wohnung. Jedes Mal – wirklich jedes Mal – ermahnen sie mich und manchmal erfreuen sie mich, wenn sie mich in meine Kindheit zurückkatapultieren. Vernichtung ist niemals eine Lösung. Kritische Inklusion sehr wohl. Dinge verpflichten. Drei Möglichkeiten haben wir mit ihnen umzugehen: belassen, anpassen oder beseitigen. Im unkritischen Belassen schwingt die Verehrung im Jetzt, das Beseitigen bringt das Vergessen in der Zukunft, das kritisch-analytische Anpassen ist die unbequemste Form, weil sie das Vergangene bewusst vor Augen führt und in die Zukunft transportiert und für sie bewahrt. Damit ist sie wohl die sinnvollste Form für die Menschen, die in Vergangenheit und Zukunft leben und jeden Augenblick das Jetzt schon verlassen haben, wenn sie glauben es zu leben.