Leitbild authentische Stadt

Leitbild authentische Stadt. Ästhetik und Resilienz. Reflexionen auf die Resolution 70/1 der UN sowie die New Urban Agenda.

Vortrag am 16. Juli 2020 im Workshop Environmental Humanities, Wissenschaftszentrum Umwelt, Universität Augsburg.

Die von der Kulturabteilung der Stadt Wien (MA7) geförderte Publikation „Die authentische Stadt. Urbane Resilienz und Denkmalkult“ wird in diesem Vortrag in die normativen Rahmen der UNO Resolution 70/1 und der New Urban Agenda gestellt. Der Denkmalschutz, wie er bislang bestand, wird hinterfragt und gleichzeitig ausgeweitet auf Bauwerke, die nicht geschützt werden. Resilienz, Denkmalkult und Klimaschutz lassen sich durchaus gemeinsam befördern, obgleich sie auf den ersten Blick unterschiedlich und ausschließende Positionen zu eignen scheinen. Mit dem Leitbild der authentischen Stadt werden weiche Faktoren in den Resilienz-Diskurs eingeführt.

Weiterbauen statt Neubauen! – Das Leitbild „Authentische Stadt“ ist ein Gegenentwurf zur Neuplanung ohne Geschichte. Es beruht nicht auf dem Kult um das Original, sondern auf der performativen Erzeugung historischer Werte. Sie steigern die Qualität des urbanen Raums durch Erinnerung und Identität.

Expertisen und Konzeptionierung

Notiz: Presse zur Reese-Kaserne

15.05.2020 Aichacher Zeitung: Historiker unterstützt Bürgerinitiative

Die Aichacher Zeitung publizierte einen guten Artikel von Laura Türk über meine Stellungnahme zur Reese-Kaserne. In der Tat stützt die Stellungnahme die Anliegen der Bürgerinitiative, aber ich sehe mich nicht als deren Unterstützer. Mir geht es allein um den Bestand und die Möglichkeiten der Stadtviertelentwicklung in Hinblick auf soziale Konstruktion, Identität, Authentizität und Klimaschutz. Eine ästhetische Form urbaner Resilienz zu erzeugen, steht hier im Vordergrund. Insgesamt deckt sich meine Ansicht mit der der Bürgerinitiative.

Laura Türks Artikel in der Aichacher Zeitung

Weitere Presseartikel zur Expertise Reese-Kaserne:

Augsburger Stadtzeitung , 15. Mai 2020

Reese-Kaserne | Augsburg

Stellungnahmen: Stadtviertelentwicklung, Baurestbestand Reese-Kaserne, Augsburg

Nachhaltigkeit, Identität, Historizität

UN-Resolution 70/1, NUA – Allgemeines zum Umgang mit dem Bestand

Ob Baubestand erhalten bleibt oder nicht, unterliegt lediglich zweier Haltungen. Soll weitergebaut oder soll neu gebaut werden? Die Haltung des Weiterbauens entspringt heute einer Kultur der Nachhaltigkeit, die kulturell nachhaltig wirkt: Lokales, Historisches wird bis zu einem gewissen Grad bewahrt und weiterentwickelt, ohne die kontemporären Bedarfe zu missachten. Diese Haltung entspringt einer Bau-Kultur der Nachhaltigkeit, weil keine andere Branche so viel CO2 emittiert und keine andere so viel Abfall produziert wie die Bauwirtschaft. Abreißen und Neubauen erschafft hingegen eine Kultur des Pragmatismus, die zumeist ubiquitäre Architektur hervorbringt, die nichts Lokales und Historisches erkennen lässt. Räume werden dezidiert geschichtslos gestaltet, obgleich sie mit Hilfe des Baubestands Identität stiften könnten und ihren Bewohnerinnen und Bewohnern eine Orientierung in der Zeit ermöglichten. Identität durch Geschichte ist ein Wirtschaftsfaktor, ein Standortfaktor, der über Narrationen oder Storytelling funktioniert, dabei spielt originaler Bestand als Identifikationspunkt eine bedeutende Rolle. Wer architektonisch etwas Bedeutendes erschaffen möchte, kann auf schon Bedeutetes zurückgreifen. – Das ist die einfache Formel des Weiterbauens.

Bestand ist in einer Kultur der Nachhaltigkeit für urbane Räume nützlich, hinreichend und notwendig im Bezug auf die UN-Richtlinien: Sein Abriss ist nicht im Sinne der UN-Resolution 70/1, Transformation unserer Welt, die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung von 2015, Ziel 11 und der New Urban Agenda (NUA), Habitat III von 2016. 

Zukunftsweisend ist eine Kultur der Nachhaltigkeit, die Einzigartigkeit und Authentizität der urbanen Räume befördert. – Eine der Ableitungen der Resolution 70/1 und der NUA ist das Leitbild der authentischen Stadt. 

Der Wert urbaner Räume: Leitbild authentische Stadt

Was macht den Wert einer authentischen Stadt im 21. Jahrhundert aus? 

  1. Historizität: Pflege und Weiterentwicklung lokaler historischer Architektur mit Geschichte, Entwicklung lokaler bzw. kultureller Leitbilder, wie das Leitbild Europäische Stadt. 
  2. Ästhetik: Exzellente, außergewöhnliche neue Architektur, die ihre eigene Geschichte zukünftig schreibt. 
  3. Technik: Bautechnische oder bauphysikalische Neubauten im Sinne einer Kultur der Nachhaltigkeit.
  4. Resilienz: Stadtentwicklungskonzepte, die urbane Vulnerabilität vermeiden. 

Diese vier, sich nicht gegenseitig ausschließenden Möglichkeiten sind zeitgemäße Formen authentischer Stadtentwicklungen. Authentische Städte sind immer originär, weil sie mit der lokalen Einzigartigkeit spielen. Authentizität steigert den Wert der Stadtviertelentwicklung, Geschichte spielt dabei immer eine besondere Rolle. Im Falle der Reese-Kaserne wäre das das Narrativ der Demokratisierung: Von der Kaserne der Wehrmacht im NS zur Unterkunft der DPs hin zur Kaserne der ur-demokratischen Streitkraft der US-Army.

Hervorragende Entwicklungsbeispiele zum Leitbild der authentischen Stadt finden sich in Nürnberg mit dem AEG-Nordareal oder dem Quelle Versandzentrum „The Q“. Hier wurde und wird Bestand genutzt, um ästhetisch einzigartige, auf Historizität des urbanen Raums gründende Stadtviertelentwicklung zu betreiben. Partizipation der Bevölkerung war in The Q die Grundlage der Entwurfsplanung. Geschichte und Erinnerung haben einen sozialen Nutzen und Wert: Sie ermöglichen Orientierung in der Zeit und Identität über Geschichten. Das kann ein Versandzentrum sein, eine Produktionsstätte wie AEG oder, um ein weiteres Beispiel in Schwaben zu nennen, eine ehemalige Baumwollspinnerei wie in Kempten. Diese Orte haben etwas Besonderes, weil sie Bestand nutzen, der völlig einzigartig und auratisch ist. Ein Nebeneffekt ist die Nachhaltigkeit dieser Weiternutzung im Sinne einer Klimaresilienz. 

Soziale Konstruktion von Stadtvierteln

Die Entwicklung von Stadtvierteln besteht nicht nur aus einer materiellen, architektonischen Komponente, die sichtbar und greifbar sind. Vielmehr werden Stadtviertel sozial konstruiert als Wissen, das erzählt und gefühlt wird, in dessen Bewusstsein die Bewohnerinnen und Bewohner leben. Dazu gehören Geschichten über die Geschichte des Viertels, Wissen über dessen Genese, beispielsweise in der Reese-Kaserne das Demokratisierungsnarrativ, die Umschreibung von der Wehrmacht zum demokratischen, bestenfalls auf Partizipation beruhender Entwicklung der Entwurfsplanung. 

Es gehört der einzigartige Ort dazu, auf dem sich ein Stadtviertel entwickelt hat, also das Bewusstsein an einem Ort voller Geschichte und Geschichten zu sein. Besonders wertvoll wird ein Stadtviertel, wenn bestimmten architektonischen Elementen materieller historischer Wert zugeschrieben werden kann, an dem sich das Wissen und die Geschichten über die Geschichte festmachen lassen. Damit sind originale Gebäude-Bestandteile gemeint. Dadurch wird etwas hervorgerufen: Ein Gefühl für die 

Geschichtlichkeit eines Viertels, ein Gefühl des In-der-Zeit-Seins. Besonders deutlich wird das, wenn eine architektonische Differenz in einem Spannungsbogen von originalem altem Bestand und klar unterscheidbarer kontemporärer Architektur aus dem 21. Jahrhundert erzeugt wird. Ästhetisch gewinnen beide dadurch. Zeitautonome Ästhetik der 1930er Jahre wie im Falle der Gebäude der Reese-Kaserne werten ein neu zu entwickelndes Viertel auf, geben ihm eine historische Komponente, ein Gefühl von einem Mehr als nur Architektur, die überall stehen könnte und keine lokale Spezifik entwickelt und ausweisen kann. Sodann können Stadtviertel idealistisch mit historischem Wert versehen werden. Beispielsweise durch die Überführung spezifischer historischer Bauelemente des Bestands in kontemporäre Architektur oder Raumplanung. Im Falle der Reese-Kaserne könnte das die hufeisenförmige Platzgestaltung sein, die mit gestalterischen Mitteln bewahrt wird, also transformiert in einer anderen Gestalt sichtbar bleibt. 

Stadtentwicklung nach dem Leitbild der authentischen Stadt 

(Bebauungsplan, Entwurfsplanung im Sinne der Resolution 70/1 Agenda 2030 und der New Urban Agenda, Habitat III)

Planung für Stadtteilentwicklung kann mit dem lokalen Historischen auf verschiedene Arten spielen und Identität sowie historische Werte schaffen: 

 

Kategorientabelle der Zuschreibungsarten historischer Werte , Stefan Lindl: Die authentische Stadt. Urbane Resilienz und Denkmalkult, Wien 2020, S. 101.

Die baulichen Bestandsreste des Reese-Kasernen-Areals ließen sich im Sinne einer Kultur der Nachhaltigkeit nutzen, um ein authentisches Stadtviertel zu schaffen, das völlig einzigartige Züge trägt. Die historischen Werte, die zu einer gewichtigen sozialen Konstruktion eines Stadtviertels beitragen, wären im Falle der Reese-Kaserne in einem Bebauungsplan umsetzbar. Dies würde der Agenda 2030 und der New Urban Agenda, Habitat III entsprechen. 

Empfehlung

Der neue Bebauungsplan für das Reese-Kasernen-Areal sollte den materiellen Bestand weitestgehend nutzen, bzw. neue historische Werte aufgrund der Bestandsgrundlage schaffen. Dass die Gebäude nicht unter Denkmalschutz stehen, offenbart sich als ein gestalterischer Vorzug. Vor allem die ehemalige Soldatenkantine und die drei gegenüberliegenden Kasernenbauten verfügen über großes Potential, ebenfalls die Kradhalle. 

Eine historisch hochwertige Entwicklung ist in der ehemaligen Reese-Kaserne möglich. Es erscheint ähnlich reizvoll von den gestalterischen Möglichkeiten wie das AEG-Areal in Nürnberg, The Q in Nürnberg oder die Baumwollspinnerei in Kempten. 

Ein Stopp der Abrissarbeiten der Bestandsgebäude wäre eine begrüßenswerte Entscheidung im Sinne einer nachhaltigen, klimaresilienten Stadtentwicklung im Sinne der Vorgaben der UN. 

Priv. Doz. Dr. habil. Stefan Lindl 

Aus dem Kurzgutachten, Lehrstuhl für EuroRegio und BayLG, Universität Augsburg für die Initiative Augsburgs Erbe bewahren!, Mai 2020.

Beitragsfoto c: Martina Vodermayer Gärtnerhaus im Park Augsburgs Erbe bewahren!

Teaser: Authentic city

Authentic city. Urban resilience and cult of the monument

Continue building instead of building new! – The mission statement Authentic City is an alternative to designing without a story. It is not based on the cult of the original, but on the performative creation of historical values. They increase the quality of the urban space through memory and identity.

Around 1900, with modern monument protection, the original material developed into the highest good. Reconstructions, however, were considered historically worthless. Despite this clear devaluation compared to the original, they, like „insignificant“ buildings, give the urban space historical value. If the original object is also deconstructed, its material appears marginal compared to its social construction. Only through speech acts does she make an original out of matter. This raises the question of whether the concept of the original is even suitable for assessing the historical value of existing buildings. Rather, it requires an egalitarian perspective: the evaluating original is replaced by the neutral authentic. An object becomes authentic when it is evidently ascribed historical values that encompass epistems, matter, time, space, aesthetics and ideas.

The authentic has a special effect on us. It triggers emotional states, feelings of admiration, awe, enthusiasm. It wants to create the authentic city in order to make an aesthetic contribution to urban resilience.

Buchankündigung: Die authentische Stadt

Die authentische Stadt. Urbane Resilienz und Denkmalkult

(Passagen Architektur), Passagen Verlag, Wien 2020

Weiterbauen statt Neubauen! – Das Leitbild „Authentische Stadt“ ist ein Gegenentwurf zur Neuplanung ohne Geschichte. Es beruht nicht auf dem Kult um das Original, sondern auf der performativen Erzeugung historischer Werte. Sie steigern die Qualität des urbanen Raums durch Erinnerung und Identität.

Um 1900 entwickelte sich mit dem modernen Denkmalschutz die originale Materie zum höchsten Gut. Rekonstruktionen wurden hingegen als historisch wertlos erachtet. Trotz dieser deutlichen Abwertung gegenüber dem Original verleihen sie, wie auch „unbedeutende“ Bauwerke dem urbanen Raum historischen Wert. Wird das originale Objekt obendrein dekonstruiert, erscheint seine Materie marginal im Vergleich zu seiner sozialen Konstruktion. Nur sie macht durch Sprechakte aus Materie ein Original. So stellt sich die Frage, ob sich das Konzept des Originals überhaupt eignet, historischen Wert von Baubestand zu taxieren. Es bedarf vielmehr einer egalitären Sichtweise: So wird das wertende Original durch das neutrale Authentisch ersetzt. Authentisch wird ein Objekt, wenn ihm evident historische Werte zugeschrieben werden, die Episteme, Materie, Zeit, Raum, Ästhetik und Ideen umfassen.

Das Authentische hat auf uns eine besondere Wirkung. Es löst emotionale Zustände aus, Gefühle der Bewunderung, der Ehrfurcht, der Begeisterung. Sie will die authentische Stadt hervorrufen, um einen ästhetischen Beitrag zur urbanen Resilienz zu leisten. 

Zu den Seiten des Passagen Verlags Wien

Stille Tage Kaiserzeit Corona-Tagebuch 3

Stille Tage Kaiserzeit

Corona-Tagebuch 3

Statistisch dröhnt und knattert von Freitag bis Sonntag alle fünf Minuten ein archaisch-fossiler Autoposer unter unserem Balkon. Wir wohnen in der Altstadt. Glücklich sind wir, denn wer in der Stadt lebt, verfügt über das Privileg, Lärmemissionen in der ersten Reihe genießen zu dürfen. Manchmal sogar in der VIP-Variante. Da trinken wir dann Champagner zu den Austern. Inzwischen erkennen wir die Motzprotzautos an dem Sound der Auspufflöcher. Der weiße Audi erregt besonders viel Aufmerksamkeit. Noch bevor er nur in Sichtweite kommt, erbebt die Stadt, als wäre er Gott der Plattentektonik. Dann kommt er. Biegt ein in die Marktstraße, zweihundert Meter entfernt von uns. Kaum um die Kurve beginnt die Zeremonie, die einer festen Liturgie folgt. Sogleich verkündigt der Fahrer mit den kurzen Haaren, den nackten Schläfen und dem Bart das Poser-Evangelium: Crrrrrrrrrrrrrrreeeeeeeeed-d-d-d-d-d-OOOOOOOOOOOOOOO OOOOOO OOOOOOO O O O . 

Während des letzten Sommers lagen wir oft nebeneinander in den Liegestühlen auf unserem Balkon. Ein Glas Wein in der Hand. Wir unterhielten uns im Stroboskop-Modus, sprachen immer dann, wenn wieder ein Poser vorüber war und der nächste das Gespräch verunmöglichen würde. In Urlaub und Stille schwelgten wir. Andächtige, erhabene tiefe Ruhe im Nirgendwo Frankreichs oder in der Wüste. Wir entführten uns mit unseren Gesprächsfetzen zur Heterotopie, zum Anderen Raum, den Flaumeichenwäldern, den Prärien, in’s nur du und ich. 

Doch wie war es wohl früher? Wie klang die Stadt? Sagen wir in der Kaiserzeit vor dem Ersten Weltkrieg 1914? Da gab es die Trambahnen, ganz wenige Autos, Menschenstimmen, Fuhrwerke, kein Grundrauschen von der fernen Umgehungsstraße oder der Autobahn. Ab und an ein Zug. Durch Klänge wurde der Tag von den vielen Glocken der Kirchtürme strukturiert, die alle um dieselbe Zeit erwachten und meldeten: „Ich bin noch da!“ Über der Stadt schwamm für kurze Zeit die zähe Glockenspeise. Dann wurde es wieder still. Ein Hahn krähte auf dem gebrannten Lehmboden, das war‘s. Ein paar Jahre später, im Sommer 1918, waren fast alle Glocken verschwunden. Eingeschmolzen und transformiert in Kriegsgerät. Nur noch die wenigen denkmalgeschützten alt-ehrwürdigen Glocken schlugen sich ihren Weg durch das Schweigen der Städte. Aber auch die eingeschmolzenen ergaben sich nicht der Ruhe. Sie lärmten als Geschütze an der Front. So flogen wir im Gespräch durch den Raum und durch die Zeit. Entspannung stellte sich in der aufreibenden Atmosphäre der Poser ein. Doch nur für einen Augenblick. Die Simulation der Ruhekulisse in den letzten Monaten des Kaiserreichs zerriss der nächste aufgebohrte Auspuff.

Sonntag in der Stadt, 22. März 2020. Kein fossiler Poser mehr. Unfassbar angenehm ist diese Stille. Corona als historische Erfahrung und Zukunftsvision der Neuen Stadt. 

Was war Corona? – Corona-Tagebuch 2

Was war Corona? Bruder Virus: Zuchtmeister der Behaglichkeit

Corona-Tagebuch 2

Was wird bleiben? Betrachten wir die Corona-Krise aus der Zukunft vom Standpunkt, wie die Corona-Krise gewesen sein wird. Corona wird sich als der größtmögliche Schock mit den keineswegs denkbaren größtmöglichen katastrophalen Auswirkungen erwiesen haben, der alle in spektakulär kurzer Zeit in ein neues Zeitalter hineinkatapultiert hat. Das hatte die Welt dringend notwendig gehabt, aber an den Ort, an den das Virus uns beförderte, hatten viele nicht hingewollt. Das Virus: Zuchtmeister der Unbeugsamen.

Es ist verständlich, dass niemand in die neue Zeit wollte. Nun ja, es gab einige Ausnahmen: Fridays-for-Future wünschte es sich, davor attac und so viele, die um die Auswirkungen der Klimakrise und auch deren Kosten wussten. Aber das fossile Wirtschaftsgefüge hatte uns die Welt so behaglich einrichten lassen, von ihm wollte niemand weg, insgeheim nicht einmal die, die wussten, dass wir davon dringend fortmüssen. Natürlich können wir nicht einfach nur so von heute auf morgen ein System verlassen, das höchst behaglich ist. Selbst wenn wir wissen, dass seine Auswirkungen tödlich sein und maximal gefährlich für die Menschheit werden wird, wie es ehemals vor der Corona-Krise mit der Klimakrise war. Das schwarze Eiapopeia unter den Bohrtürmen und Frackinganlagen war doch einlullend schön gewesen. Zumindest für ein paar Gesellschaften auf dieser Erde, die anderen hatten ja Pech gehabt, aber auch sie waren systemrelevant. Kapitalismus braucht Differenz und Potentialgefälle. 

Wir hatten es damals besser gewusst, dass die fossile Mobilität eines der großen Probleme ist, unsere Autos, unser tägliches hin und her, die vielen Flüge über den Globus. Wir wussten, viele urbane Räume werden an den Küsten verloren gehen, wir wussten, wie sich die Binnenmigration auswirken wird, wir wussten, wie sehr uns Wetterereignisse zusetzen werden, wir wussten, dass viele, sehr viele Menschen sterben werden, bedingt durch das Klima, die langen Hitzephasen, Wetterereignisse, soziale Unruhen, Kriege und letztlich auch wegen neuer Krankheiten, die durch den Klimawandel hervorgerufen werden. Wir nahmen die Vernichtung der Biodiversität in Kauf, possierliche und auch seltsame Tiere verschwanden, aber: uns gut. Wir wussten, dass Gewinne nur durch möglichst große Unterschiede gemacht werden können: Billig Arbeitskräfte und anspruchsvolle Konsumierende machten das Leben zur Party, daraus nährt sich sattsam das Wachstum. Unsere Vorteile waren so gewaltig, dass wir keine Angst vor der Zukunft hatten, deswegen blieben wir im System. Außerdem wussten auch alle: Ein System kann man nicht einfach so umstellen. Sofort ginge das nicht, wie Fridays-for-Future es forderte, hieß es. Naiv, unwissend weltverbesserisch, ungebildet wurden diese Kinder und Jugendlichen genannt, die auch noch die Schule schwänzten und sich dadurch das heilige Leistungsprinzip in Frage gestellt hatten. Man müsse doch auf die Sozialverträglichkeit achten, lautete die Botschaft gegen die Schulschwänzer. Die Welt ist viel komplizierter, Kinder können das nicht überblicken. Wir bleiben im System und gehen langsam über in ein neues. Sehr langsam, nur Langsamkeit ist sozialverträglich. Noch einmal und immer wieder hörten wir: „Die Welt ist viel zu kompliziert!“ – Nein, ist sie nicht! Corona hat es gezeigt. Die Überwindung eines Systems geht ganz einfach und ganz schnell. Und zwar tatsächlich wegen der Gefahren, die prognostiziert worden waren: Alle Gewohnheiten, die Globalität und Wachstumskapitalismus ausgelöst hatten, so lautete eine der Vorhersagen, werde in der Form des Jahres 2020 die notwendigen Klimaschutzziele nicht erreichen lassen, die wichtig wären, um die globale Erwärmung abzumildern oder zu gar zu stoppen. Corona machte es dann doch möglich.

Die Gefahren, die durch unseren fossilen Lebenswandel, unsere fossilen Werteordnungen und Rechtfertigungsordnungen präsent waren, die niemand jedoch wahrhaben hatte wollen, waren plötzlich durch Corona weltweit vor Augen gerückt worden. Innerhalb weniger Tage wurde das ehemals, um alles in der Welt zu erhaltende Wirtschaftssystem, pulverisiert. Das fossile Wirtschaftssystem bedrohte plötzlich massenhaft Existenzen – nicht Corona –, es erwies sich als überhaupt sozialverträglich, weil es sich absolut nicht als krisenresisten zeigte. Corona machte deutlich, wie filigran die Gesellschaften wirklich waren, wie wenig die urbanen Räume über Resilienz verfügten. Plötzlich wurde offenbar, dass das kapitalistische Lebenselixier, die möglichst große Differenz von Arm und Reich, in der Krise das gesamte auf Wachstum ausgerichtete System bedroht. Das System war gescheitert an einer Krise und das mit Ansage: Corona. 

Corona-Tagebuch 1

Am Freitag, den 13. März, schrammte die Quarantäne an mir vorbei. Eine Person, mit der ich mittelbaren Kontakt hatte, sei positiv getestet worden. Mein Umfeld reagierte besonnen, besorgt bis panisch. Mein Name war an das zuständige Gesundheitsamt weitergegeben worden, nun wartete ich auf Information. Wenn es denn sein soll, muss das sein. Aber was macht man in einer solchen Wartesituation mit der Eventualität zwei Wochen in Quarantäne gehen zu müssen? – Shopping, was sonst! Ich kaufte das, was alle kaufen: Toilettenpapier. Toilettenpapier ist universell einsetzbar. Nichts ist so praktisch wie Toilettenpapier. Wenn in der Quarantäne die Nase zu laufen beginnt, wenn die Kaffeefilter ausgehen, wenn die Nachbarn lärmend feiern und keine Ohropax zu finden ist, gibt es eine Lösung. Wenn die Langeweile quält, alle Filme angeschaut, alle Bücher gelesen sind, dann habe ich kilometerlangen Spaß. Ich sitze mit mehreren Farbstiften und markiere die Punkte auf dem Toilettenpapier. Daraus lassen sich dezent farbenfrohe Girlanden erstellen für die Party am Abend. Da habe ich mich mit mir verabredet. Kopfhörer auf, Lichter gedimmt und los geht es. Für die Ekstase eine Tasse Echinaceatee. Im Wind meines Tanzes flattert das Toilettenpapier. Und dann nach fünf Tagen, wenn der Koller mich packt, dann hänge ich sie ab, lasse sie den Balkon hinunter, um ungesehen herunter zu klettern und die Quarantäne zu durchbrechen in der Nacht. Sechs Meter und fünfzig Zentimeter – die Länge einer Rolle schafft das mit spielender Leichtigkeit. 

Das waren meine Gedanken und vor allem die Hoffnung, wenn es denn sein soll, auf einen milden Krankheitsverlauf. Soweit kam es nicht, denn eine Nachricht gab Entwarnung. Das Gesundheitsamt schrieb, es trifft mich nicht. Noch nicht. Habt mit den andren Erbarmen und helft! 

Widerstand für die offene Gesellschaft. Die Notwendigkeit der Resilienz urbaner Räume

Vorwort zu: Die Authentische Stadt. Zwischen Klimaschutz und Denkmalkult

Noch vor ein paar Wochen war klar, wer von Resilienz urbaner Räume spricht, bleibt unverstanden, visionärer freischwebender Außerirdischer im Raum der alten industrialisierten kapitalisierten globalisierten Welt, die ein bisschen aufgerüttelt worden war von streikenden Schülerinnen und Schüler, die keine Lust auf Schule hatten. Die Widerstandskraft der Städte zu stärken, das war ein Thema für die ferne Zukunft, nichts für die Allgemeinheit. Für die Wissenschaft, die Stadtentwicklungsforschung war Resilienz eine Notwendigkeit, ein brennendes unmittelbar anstehendes Problem, aber nichts, das berührt, das Menschen außerhalb der Universitäten, Forschungsinstitute, Hochschulen, Think Tanks und einige Ämter und Behörden betrifft. Immer wieder haben Terroranschläge das Thema und die Frage aufgeworfen: Wie schützen wir die Städte? Doch je entfernter der Terror, desto größer das Sicherheitsgefühl, bis wieder der Terror aufrüttelte. Aber Terror erweist sich nur als die eine Seite der Widerstandskraft der Städte, die andere verbirgt sich in den Bereichen, die unseren Wohlstand überhaupt erst hervorgerufen haben: Nutzung und Ausbeutung des fossilen sowie die daraus folgende Industrialisierung und Mobilität, Kapitalismus und die verschiedenen Globalisierungsphasen. Die Resultate daraus sehen wir nun in einer Krise mit Ansage. Wir haben an dieser Stelle viel zu wenig getan, obgleich seit 2008 mehr als die Hälfte der Menschen in den hochsensiblen Räumen der Städte wohnen, obwohl es in Deutschland 77 % sind und in anderen westlichen Ländern noch mehr. Wir haben Bedarf an Resilienz. Und erst jetzt können wir ihn spüren und vor allem sehen, selbst wir, die als Forschende das Problem im Blick hatten, hätten sich wohl diese Auswirkungen von Covid-19 nicht vorstellen können. 

Innerhalb von wenigen Stunden ist alles anders geworden. Und wir stehen vor dem Scherbenhaufen unserer Unzulänglichkeiten. Zu wenig wurde das Thema Teil des allgemeinen Diskurses, zu wenig wurde die digitale Infrastruktur auf- und ausgebaut, zu wenig über Mobilität nachgedacht. Die Ökonomie, ja, immer die Ökonomie, die Arbeitsplätze müsse einbezogen werden, hieß es: „Zukunft ja, aber bitte sozialverträglich!“ Die Ethik der Nachhaltigkeit hat gerade darauf immer Rücksicht genommen. Heute sehen wir, dass nur Resilienz und die daraus folgenden Änderungen Sozialverträglichkeit gewährleisten hätte können. Das betrifft vor allem die Mobilität und die Energiewirtschaft, die eine Transformation benötigen. Sie sind mit der Digitalisierung in einer Atmosphäre digitaler Kultur Schlüsselthemen der Zukunft und genau darin liegt für die Bundesrepublik Deutschland das größte ökonomische Problem, dort muss eine mutige Transformation erfolgen, die kurzfristig per se nicht sozialverträglich sein kann. Doch dieses Risiko muss eingegangen und bedacht werden, sonst erlangen wir keine Resilienz urbaner Räume, die wir in der Corona-Krise schon so nötig gehabt hätten. Obendrein stehen wir vor einer Situation in der „sozial“ plötzlich Gefahr bedeutet. Nicht die möglichen Folgen eines lediglich prognostizierten Klimawandels sind eine Gefahr für das Soziale, das Soziale ist Gefahr für unser individuelles Leben. Ein Renversement der Werte wurde von einem Virus vor Augen geführt, das die UN und die Wissenschaft seit Jahren für sehr absehbar gehalten haben. Es sei nur noch eine Frage der Zeit, war die Meinung.

Wir müssen Widerstand ermöglichen und unsere urbanen Räume schützen und trotzdem die Möglichkeit einer offenen Gesellschaft im Auge behalten, damit wir menschlich bleiben und humanitäre Hilfe leisten können. Das tönt ein wenig wie die Quadratur des Kreises, aber es lohnt sich. Die Digitalisierung wird dabei eine der wichtigen Rollen spielen, um eine nachhaltige neue Kultur der Mobilität zu ermöglichen. Wir stehen vor dem größten Strukturwandel seit der fossilen Zeitenwende im 19. Jahrhundert. Neben dem Stillstand unseres sozialen Lebens in diesen Tagen im März 2020 sollten wir neben den Ängsten, neben den Kranken und Toten eines nicht aus dem Blick verlieren, die Zukunft, in der wir aus all dem gelernt haben werden. – Resilienz, für eine urbane offene Gesellschaft!