Digitale Universität der Zukunft

Die Lehre im Zeitalter der Informationen

Transsubstantiation des Lehrenden und Post-Postmoderne Lern- und Lehrformen

27. November 2013 – Eine Skizze für ein Manifest

 

1. Die Bolognareform hat die alten akademischen Spielregeln weggefegt. Dabei ist die Bolognareform nicht etwa nur der europäischen Gleichmacherei und der Globalisierung geschuldet. Beide sind meines Erachtens eher Zufälligkeiten. Die Reform bezeichnet vielmehr die digitale Wende des akademischen Lebens. Die computergestützten Anmeldeverfahren, die Prüfungsverwaltung, die digitale Planung eines Studiums, all das konnte nur mit einer Reform eingeführt werden – und es musste eingeführt werden, weil die Zeit es so will. Diese Dimension der Bolognareform scheint mir immer noch nicht flächendeckend angekommen zu sein.

2. Systeme sind gefräßig. Eine Kopplung unseres analogen akademischen Lebens mit digitalen Systemen kann nur darauf hinauslaufen, dass sich beide Systeme aneinander angeleichen müssen. Die Programmierung von Computern hat ihre Grenzen, wie auch das analoge System. Letzteres hat seine Grenzen erreicht und muss sich in einer weiteren Stufe des Bolognaprozesses dem Digitalen gefügig machen. Das bedeutet, es müssen Reformen auf infrastruktureller Ebene und auf der Ebene der Lehre erfolgen.

3. Infrastrukturell müsste über Wandel nachgedacht werden, das heiß die Art der Verwaltung, die Planung der Raumvergabe, die Optimierung von Zeitslots, in denen bestimmte Fächer bestimmte Veranstaltungen abhalten, sollten dem in der Tat starren Systemen des Digitalen geöffnet werden. – Sicherlich so, dass die analoge Welt im Einklang damit kommen kann.

4. Freiheit, Selbstbeschäftigung mit Inhalten sind in einem digitalisierten Gesamtsystem auf den ersten Blick schwer zu finden oder zu implementieren, wenn mit den traditionellen Lehrkonzepten weitergemacht wird. Deswegen wird sich die Lehre wandeln müssen. Heute herrscht weitgehend noch folgendes Prinzip vor: In den Veranstaltungen wird Stoff vermittelt, die Studierenden bereiten im nachhinein diesen Stoff nach und auf, erweitern ihr Wissen. Ich setze mich für ein gerade umgekehrtes Prinzip ein: Studierende eignen sich geleitet durch Onlinelehrmaterialien Bestandteile eines Themengebiets an. In den akademischen Veranstaltungen werden sie durch den Dozierenden moderierend vertieft. Dieses Prinzip der ‚Sozialen Wissensplastik‘ teste ich seit Jahren, allerdings ohne die online basierten Möglichkeiten wie Videoaufzeichnungen, dynamische Präsentationen zu nutzen.

5. Die Rolle des Dozierenden verschwindet, der akademische Lehrer wird zu einem Moderierenden, der Wissen in einer sozialen Wissensplastik zusammenführt. Seine Online-Vorbereitung und -strukturierung der Inhalte wird zu einem Teil seinem Deputat angerechnet. Denn hier verlagert sich die Lehre intensiv ins Digitale. Dadurch könnten die Sitzungszahl der Veranstaltungen reduziert werden. Das würde sich auf die Raumplanung von Universitäten positiv auswirken.

6. Der Gewinn für die Studierenden wäre Freiheit, die mit der Bolognareform abhanden gekommen ist. Aber sie bekommen auch die Möglichkeit mit Wissen in einer zeitgemäßen Form umzugehen. Informationen sind überall vorhanden, sie oberflächlich zu rezipieren kann jeder alleine. Ihre Vernetzung und ihre Kohärenzen müssen aber erst konstruiert werden. – In der Konstruktion von Kohärenz des Wissens könnte die Universität der Zukunft ihre neue Aufgabe finden – neben der Zeit für Forschung.

 

 

November 2013, Dominikanergasse, Augsburg

S.L.

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