Reese-Kaserne | Augsburg

Stellungnahmen: Stadtviertelentwicklung, Baurestbestand Reese-Kaserne, Augsburg

Nachhaltigkeit, Identität, Historizität

UN-Resolution 70/1, NUA – Allgemeines zum Umgang mit dem Bestand

Ob Baubestand erhalten bleibt oder nicht, unterliegt lediglich zweier Haltungen. Soll weitergebaut oder soll neu gebaut werden? Die Haltung des Weiterbauens entspringt heute einer Kultur der Nachhaltigkeit, die kulturell nachhaltig wirkt: Lokales, Historisches wird bis zu einem gewissen Grad bewahrt und weiterentwickelt, ohne die kontemporären Bedarfe zu missachten. Diese Haltung entspringt einer Bau-Kultur der Nachhaltigkeit, weil keine andere Branche so viel CO2 emittiert und keine andere so viel Abfall produziert wie die Bauwirtschaft. Abreißen und Neubauen erschafft hingegen eine Kultur des Pragmatismus, die zumeist ubiquitäre Architektur hervorbringt, die nichts Lokales und Historisches erkennen lässt. Räume werden dezidiert geschichtslos gestaltet, obgleich sie mit Hilfe des Baubestands Identität stiften könnten und ihren Bewohnerinnen und Bewohnern eine Orientierung in der Zeit ermöglichten. Identität durch Geschichte ist ein Wirtschaftsfaktor, ein Standortfaktor, der über Narrationen oder Storytelling funktioniert, dabei spielt originaler Bestand als Identifikationspunkt eine bedeutende Rolle. Wer architektonisch etwas Bedeutendes erschaffen möchte, kann auf schon Bedeutetes zurückgreifen. – Das ist die einfache Formel des Weiterbauens.

Bestand ist in einer Kultur der Nachhaltigkeit für urbane Räume nützlich, hinreichend und notwendig im Bezug auf die UN-Richtlinien: Sein Abriss ist nicht im Sinne der UN-Resolution 70/1, Transformation unserer Welt, die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung von 2015, Ziel 11 und der New Urban Agenda (NUA), Habitat III von 2016. 

Zukunftsweisend ist eine Kultur der Nachhaltigkeit, die Einzigartigkeit und Authentizität der urbanen Räume befördert. – Eine der Ableitungen der Resolution 70/1 und der NUA ist das Leitbild der authentischen Stadt. 

Der Wert urbaner Räume: Leitbild authentische Stadt

Was macht den Wert einer authentischen Stadt im 21. Jahrhundert aus? 

  1. Historizität: Pflege und Weiterentwicklung lokaler historischer Architektur mit Geschichte, Entwicklung lokaler bzw. kultureller Leitbilder, wie das Leitbild Europäische Stadt. 
  2. Ästhetik: Exzellente, außergewöhnliche neue Architektur, die ihre eigene Geschichte zukünftig schreibt. 
  3. Technik: Bautechnische oder bauphysikalische Neubauten im Sinne einer Kultur der Nachhaltigkeit.
  4. Resilienz: Stadtentwicklungskonzepte, die urbane Vulnerabilität vermeiden. 

Diese vier, sich nicht gegenseitig ausschließenden Möglichkeiten sind zeitgemäße Formen authentischer Stadtentwicklungen. Authentische Städte sind immer originär, weil sie mit der lokalen Einzigartigkeit spielen. Authentizität steigert den Wert der Stadtviertelentwicklung, Geschichte spielt dabei immer eine besondere Rolle. Im Falle der Reese-Kaserne wäre das das Narrativ der Demokratisierung: Von der Kaserne der Wehrmacht im NS zur Unterkunft der DPs hin zur Kaserne der ur-demokratischen Streitkraft der US-Army.

Hervorragende Entwicklungsbeispiele zum Leitbild der authentischen Stadt finden sich in Nürnberg mit dem AEG-Nordareal oder dem Quelle Versandzentrum „The Q“. Hier wurde und wird Bestand genutzt, um ästhetisch einzigartige, auf Historizität des urbanen Raums gründende Stadtviertelentwicklung zu betreiben. Partizipation der Bevölkerung war in The Q die Grundlage der Entwurfsplanung. Geschichte und Erinnerung haben einen sozialen Nutzen und Wert: Sie ermöglichen Orientierung in der Zeit und Identität über Geschichten. Das kann ein Versandzentrum sein, eine Produktionsstätte wie AEG oder, um ein weiteres Beispiel in Schwaben zu nennen, eine ehemalige Baumwollspinnerei wie in Kempten. Diese Orte haben etwas Besonderes, weil sie Bestand nutzen, der völlig einzigartig und auratisch ist. Ein Nebeneffekt ist die Nachhaltigkeit dieser Weiternutzung im Sinne einer Klimaresilienz. 

Soziale Konstruktion von Stadtvierteln

Die Entwicklung von Stadtvierteln besteht nicht nur aus einer materiellen, architektonischen Komponente, die sichtbar und greifbar sind. Vielmehr werden Stadtviertel sozial konstruiert als Wissen, das erzählt und gefühlt wird, in dessen Bewusstsein die Bewohnerinnen und Bewohner leben. Dazu gehören Geschichten über die Geschichte des Viertels, Wissen über dessen Genese, beispielsweise in der Reese-Kaserne das Demokratisierungsnarrativ, die Umschreibung von der Wehrmacht zum demokratischen, bestenfalls auf Partizipation beruhender Entwicklung der Entwurfsplanung. 

Es gehört der einzigartige Ort dazu, auf dem sich ein Stadtviertel entwickelt hat, also das Bewusstsein an einem Ort voller Geschichte und Geschichten zu sein. Besonders wertvoll wird ein Stadtviertel, wenn bestimmten architektonischen Elementen materieller historischer Wert zugeschrieben werden kann, an dem sich das Wissen und die Geschichten über die Geschichte festmachen lassen. Damit sind originale Gebäude-Bestandteile gemeint. Dadurch wird etwas hervorgerufen: Ein Gefühl für die 

Geschichtlichkeit eines Viertels, ein Gefühl des In-der-Zeit-Seins. Besonders deutlich wird das, wenn eine architektonische Differenz in einem Spannungsbogen von originalem altem Bestand und klar unterscheidbarer kontemporärer Architektur aus dem 21. Jahrhundert erzeugt wird. Ästhetisch gewinnen beide dadurch. Zeitautonome Ästhetik der 1930er Jahre wie im Falle der Gebäude der Reese-Kaserne werten ein neu zu entwickelndes Viertel auf, geben ihm eine historische Komponente, ein Gefühl von einem Mehr als nur Architektur, die überall stehen könnte und keine lokale Spezifik entwickelt und ausweisen kann. Sodann können Stadtviertel idealistisch mit historischem Wert versehen werden. Beispielsweise durch die Überführung spezifischer historischer Bauelemente des Bestands in kontemporäre Architektur oder Raumplanung. Im Falle der Reese-Kaserne könnte das die hufeisenförmige Platzgestaltung sein, die mit gestalterischen Mitteln bewahrt wird, also transformiert in einer anderen Gestalt sichtbar bleibt. 

Stadtentwicklung nach dem Leitbild der authentischen Stadt 

(Bebauungsplan, Entwurfsplanung im Sinne der Resolution 70/1 Agenda 2030 und der New Urban Agenda, Habitat III)

Planung für Stadtteilentwicklung kann mit dem lokalen Historischen auf verschiedene Arten spielen und Identität sowie historische Werte schaffen: 

 

Kategorientabelle der Zuschreibungsarten historischer Werte , Stefan Lindl: Die authentische Stadt. Urbane Resilienz und Denkmalkult, Wien 2020, S. 101.

Die baulichen Bestandsreste des Reese-Kasernen-Areals ließen sich im Sinne einer Kultur der Nachhaltigkeit nutzen, um ein authentisches Stadtviertel zu schaffen, das völlig einzigartige Züge trägt. Die historischen Werte, die zu einer gewichtigen sozialen Konstruktion eines Stadtviertels beitragen, wären im Falle der Reese-Kaserne in einem Bebauungsplan umsetzbar. Dies würde der Agenda 2030 und der New Urban Agenda, Habitat III entsprechen. 

Empfehlung

Der neue Bebauungsplan für das Reese-Kasernen-Areal sollte den materiellen Bestand weitestgehend nutzen, bzw. neue historische Werte aufgrund der Bestandsgrundlage schaffen. Dass die Gebäude nicht unter Denkmalschutz stehen, offenbart sich als ein gestalterischer Vorzug. Vor allem die ehemalige Soldatenkantine und die drei gegenüberliegenden Kasernenbauten verfügen über großes Potential, ebenfalls die Kradhalle. 

Eine historisch hochwertige Entwicklung ist in der ehemaligen Reese-Kaserne möglich. Es erscheint ähnlich reizvoll von den gestalterischen Möglichkeiten wie das AEG-Areal in Nürnberg, The Q in Nürnberg oder die Baumwollspinnerei in Kempten. 

Ein Stopp der Abrissarbeiten der Bestandsgebäude wäre eine begrüßenswerte Entscheidung im Sinne einer nachhaltigen, klimaresilienten Stadtentwicklung im Sinne der Vorgaben der UN. 

Priv. Doz. Dr. habil. Stefan Lindl 

Aus dem Kurzgutachten, Lehrstuhl für EuroRegio und BayLG, Universität Augsburg für die Initiative Augsburgs Erbe bewahren!, Mai 2020.

Beitragsfoto c: Martina Vodermayer Gärtnerhaus im Park Augsburgs Erbe bewahren!

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