Kuscheln mit dem Klimawandel – COP27

Eine Kultur der ewigen Klimax steht gegen eine Kultur des verträglicheren Klimas

Klimaschutz findet auch weiterhin nicht statt. Wichtiger als die zukünftige Menschheit ist der Erhalt der gegenwärtigen Lebensqualität. Weder auf globaler, noch auf nationaler Ebene konnte während des vergangenen Jahrs 2022 gepunktet werden. Es gibt auch weiterhin keine Kultur der Minderung des Klimawandels. So heißt es: Lieber mit den Folgen des Klimawandels einvernehmlich leben, als an Sparsamkeit sterben.

Die große Substitution

Was für ein Jahr war dieses 2022? Haben wir schon 2021 mit keinem weinenden Auge verabschiedet und noch weniger 2020, so ist diese Jahr ein weiterer Höhepunkt menschlicher Niederungen. 2022 riss nationalem und globalen politischen Handeln die Masken bezüglich der Erderwärmung herunter: Auf politischer Ebene will niemand Klimaschutz betreiben, Anpassung lautet die Strategie der Menschheit. Mit Wumms und Doppelwumms wird einfach ausgeglichen, was gerade fehlt, um den Status quo zu wahren. Nur keine Einschnitte. Nur keine Ausgangssperren, nur keine Freiheitsbeschränkungen, um den sozialen Frieden heute zu stützen, nur nicht an morgen denken, wenn dann doch alles, wenn auch nicht heute, zusammenbricht. Zuviel, so glauben Politiken, wäre den Menschen durch die Pandemiemaßnahmen zugemutet worden.

In der neuen Krise, eine Krise, die sich bei uns zuvorderst als eine Ressourcenkrise äussert, ausgelöst durch den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine, scheint es nicht möglich zu sein, den Bürgern erneut etwas abzuverlangen, das ihre Lebensqualität mindert. Das trifft nicht nur für die Bundesrepublik Deutschland zu, sondern für viele, viele andere Staaten. Die allumfassende Strategie heißt: Anpassung durch Substitution. Was wegbricht wird einfach ersetzt, um die Rahmenbedingungen für die gewohnte Lebensqualität nicht ändern zu müssen. Fehlt Gas, wird Gas gekauft, koste es, was es wolle. Fehlt aufgrund des klimafreundlicheren fossilen Gases, die Elektrizität, wird sie durch die klimafeindlichen Energieträger Kohle, Öl und dazu auch Atomkraft ersetzt. Allen voran agiert die Bundesrepublik Deutschland. Sie wummst und andere können nicht mithalten, sind verärgert, über des wenig solidarische Verhalten der Bundesrepublik, die nur zusieht, dass ihre Einwohner keinen Zentimeter vom Status quo des schönen Lebens weichen müssen. Das heißt, sie sollen schon was tun: Ein bisschen Energiesparen, Standby am Fernseher ausschalten, mal zu Fuß von einem Geschoss ins andere gehen, nicht immer mit dem Lift fahren. Mobilität, die höchste Ausdrucksform deutscher Lebensqualität, wird nicht eingeschränkt, weder durch ein Tempolimit, noch durch Fahrverbote, die euphemistisch autofreier Sonntag genannt werden könnten. Nur keine Verbote! Nur kein Energie-Lockdown!

Dabei bleibt die Mitigation, die Minderung der Folgen des Klimawandels, ebenso auf der Strecke, wie die notwendige Minderung der Lebensqualität, die ernstgemeinter Klimaschutz mit sich bringt. Minderung müsste natürlich nicht negativ sein. Minderung und Verzicht lassen sich schöner ausdrücken. Es könnte eine Transformation der Lebensqualität angestrebt werden, die auf Verzicht beruht, aber gleichzeitig einen gewaltigen Gewinn mit sich bringt: das Leben zukünftiger Generationen. Aber das Ethos des Lebens durch Verzicht, wird nicht gefordert und nicht propagiert. Denn alles soll doch so schön bleiben, wie es war. Eine Kultur der ewigen Klimax steht gegen eine Kultur des verträglicheren Klimas. Kurzfristig lässt sich das nachzuvollziehen. Ob Weitblick sich darin verbirgt, mag eine andere Sache sein. Der Status quo des gewohnten guten Lebens scheint in den letzten Jahren ein gelebtes und lebbares Ideal geworden zu sein, das immer wieder erlangt werden kann.

Wie gut es funktioniert, in das gewohnte Leben zurückzukehren, zeigte sich während der abklingenden Pandemie. Vieles hätte anders werden können, doch das Meiste wurde wieder wie zuvor. Beim Klimawandel heißt es anders als während der Pandemie: Verzicht ist Gewinn später. Minderung von gewohnter Lebensqualität entspricht der Steigerung der Überlebenschance. Alle wissen das, doch gefordert und gefördert wird es nicht.

Adaptation

Folglich muss der Status quo der Kultur der Klimax unter Denkmalschutz gestellt werden. Keine Änderung soll erfolgen, um die Menschen nicht zu sehr zu inkommodieren. Also bleibt nur eines. Wenn wir die Lebensqualität nicht für den Klimaschutz preisgeben, müssen wir das Klima für die Lebensqualität opfern. Das wiederum kann nur funktionieren durch Anpassung. Wir müssen unsere Umwelt anpassen, damit unsere Lebensqualität resilient wird. Wir bauen Dämme und Deiche, schlagen Feuerschneisen, bringen Grün in die Stadt und stellen einen Entschädigungsfonds zu Verfügung, mit dem wir Gelder an diejenigen Staaten zahlen, denen wir für unseren fossilen Wohlstand die Lebensqualität via Klimawandel geraubt haben oder rauben werden. Die Malediven beispielsweise und andere under-surface-Staaten, die unter dem steigenden Meeresspiegel verschwinden oder einfach von Niederschlagsereignissen weggespült werden, fallen darunter. Anpassung und Entschädigungen sind das Mittel der Stunde auf nationaler und globaler Ebene der Politik. Auf etwas anderes lässt sich kein Konsens finden. Immer ginge es um Minderung von etwas, um Verzicht, zugunsten einer sinnvollen, finanzträchtigen, sinnvollen Transformation zu einem postfossilen Planeten. Auf die lange Zeit gesehen wäre der Verzicht wohl um einiges günstiger, als die Anpassung aufgrund der absehbaren Katastrophen. Wo sollen all die Menschen an den Küsten hinziehen? Wo werden neue Städte gebaut? Mit welchem Geld sollen diese Städte gebaut werden? Wie sollen diese Städte ernährt werden, wenn sie doch auf den Feldern gebaut werden müssen, die zuvor die Ernte pflanzlicher und tierischer Nahrungsmittel ermöglichten?

All das blieb auch auf diesem UN-Klimagipfel in Scharm asch-Schaich wieder einmal auf der Strecke. Aber natürlich nicht nur dort. Wenn die Bundesrepublik Deutschland, die sich gerne als Vorreiter der Klimapolitik verstand, auf die Verfeuerung von Kohle und Öl setzt, obwohl sie Mittel des Verzichts gehabt hätte, fehlen selbstverständlich die Argumente, um während eines Treffens der Weltgemeinschaft glaubhaft argumentieren zu können.

Es fehlt an vielem. Vor allem am Willen eine neue Kultur zu erzeugen. Anpassung an die Folgen des Klimawandels ist unverzichtbar. Um so mehr aber auch die Kultur des Klimaschutzes, eine Mitigationskultur, die den Klimawandel versucht einzudämmen. Das ist so offensichtlich, dass es geradezu seltsam klingt, es schreiben zu müssen.

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