1. Preis für „Idyll an der Ohrn“ – klimapositive Stadtplanung historisch argumentiert

Leitbild ‚Authentische Stadt’ in Ohrnberg-Öhringen

Das Leitbild ‚Authentische Stadt‘ zielt auf Erhalt von materiellen Strukturen, auf deren bauliche Weiterentwicklung. Materie ist aber nicht vordergründig das Entwicklungsobjekt, vielmehr sind es die Narrationen, die durch Materie im Prozess des Wahrnehmen und Erinnerns getriggert werden. Bauliche Struktur, die vermeintlich viele Narrationen evozieren kann, also über ein hohes ästhetisches Narrationspotentialität verfügt, wird als warm und angenehme empfunden. Das Leitbild ‚Authentische Stadt‘ zielt darauf ab, materiell und kognitiv ein hohes und dichtes Narrationspotential zu erzeugen. Das Ziel ist das gute Leben und ein gemeinschaftliches Selbstverständnis. Stadtplanung wird folglich mehrdimensional verstanden: materiell und narrativ-kognitiv. Dies wurde auch in dem Projekt „Idyll an der Ohrn“ als konzeptionelle Grundlage festgelegt. Die Ortsteilplanung für den Öhringen Ortsteil Ohrnberg, federführend entwickelt vom Augsburger Landschaftsarchitekturbüro Studio Morgenwald in Zusammenarbeit mit den Architekten von studio weiter (Baden-Baden / Berlin), dem Mobilitätsplanungsbüro 1komma2 sowie Prof. Dr. Stefan Lindl (Europäische Regionalgeschichte, Universität Augsburg), steht exemplarisch für eine klimapolitisch wirksame und zugleich theoriegeleitete Planungspraxis.

Strukturelle Grundlagen 

Die Siedlungsentwicklung von Ohrnberg lässt sich als Wandel von einem landwirtschaftlich geprägten Dorf mit Weinbautradition im Hohenlohischen zu einer Wohnsiedlung beschreiben. Der ältere Teil Ohrnbergs entspricht dem Typus einer Talbodensiedlung deren Zentrum bislang durch die evangelische Kirche markiert wurde. Da der Ort nie ein Marktfleck war, fehlt eine historische bedingte Platzentwicklung. Erst in jüngster Zeit entstand eine Fläche, die günstig liegt, weil sie bereits über räumliche Bezüge zu Kirche und ehemaligem Rathaus verfügt. Diese Bezüge ermöglichen es, die gewonnene Fläche im Sinne einer historisch gewachsenen Platzstruktur zu entwickeln. Die Dorfentwicklung verfolgt einerseits das Ziel dem Radtourismus entlang des Kochers eine attraktive Station zu bieten, gastronomische wie kulturell und historisch, und andererseits die Dorfkultur zu stärken. Das bedeutet, ein Platz für Vereine, für Touristen und Bewohnerinnen und Bewohner soll entstehen, der die Tradition und die Geschichte des Ortes hervorhebt und belebt mit einer gegenwärtigen Vergangenheit und einem positiven Blick in die Zukunft. 

Die Ortsmitte 

Ein Ortsmitte zu erschaffen, die sich in den Bestand einfügt, historisch gewachsen erscheint, historisch argumentiert und auf den ersten Blick bereits kommuniziert, dass dies der zentrale Platz des Dorfes ist, benötigt einige Symbole, die für gewöhnlich Plätze in Europa und besonders in diesem Fall im süddeutschen Raum markieren. Das gelingt vor allem mit blauer und grüner Infrastruktur. Ein typisches Element für den europäischen Platz ist der Brunnen in der Mitte. Ein weiteres Merkmal im ländlichen Raum ist die Dorflinde, die historisch gesehen der Ort der Rechtsprechung, der Zusammenkünfte, der Feste war. Sie ist die grüne Infrastruktur dörflichen Selbstverständnisses und bezeichnet so nicht nur den Dorfplatz, sondern das gesamte Dorf mit seiner Dorfkultur der Vereine und des Zusammenlebens. Die Bepflanzung durch Linden sowie der Brunnen im Zentrum des Platzes folgen dem literarischen Topos des locus amoenus, der seit der römischen Antike einen lieblichen Ort mit lichtem Schatten an einem Bach oder Flusslauf beschreibt. Diese 

Der neue Platz bekommt durch drei einzelstehende Bauten eine räumliche Fassung: Buswartehaus mit Bikeservice, Bürgerhaus und Café. Das Bürgerhaus nimmt den Bestand des Feuerwehrmagazins auf und entwickelt es weiter. Das Magazin hatte die Funktion der örtlichen Vereinstreffs, in ihm finden Räumlichkeiten, die Erinnerungen hervorrufen, die zur Dorfkultur und dem dörflichen Selbstverständnis beitragen. Diese Räumlichkeiten werden in ihrer Funktion als Erinnerungsräume gewürdigt und als Bestand in die neuen Räume des Bürgerhauses überführt werden. Tradition, Erinnerung und neuer Ortskern bereiten gemeinsam in die Zukunft der Dorfkultur Ohrnbergs. 

Konzeptuelle Grundlagen

Die zwei grundlegenden Leitworte lauten: 

  • Gemeinschaft 
  • Dorfkultur/dörfliches Selbstverständnis

Beide sollen durch den neuen Dorfplatz befördert werden. Sie sind das Ziel der Dorfentwicklung, damit sollten für die Dorfkernentwicklung nicht nur materiell-gestalterisch gedacht werden, sondern sollte auch ein soziales Design bekommen. 

Ohrnberg verfügt für diese Absicht über einen guten Baubestand. Dazu gehört das ehemalige Rathaus und das Feuerwehrmagazin, das den Vereinen Ohrnbergs als Bezugsort diente. Zudem gehören zu dem Ausschreibungsgebiet die Kirche, die als typische evangelische Querkirche ausgestattet ist, der Kirchgarten (ehem. Friedhof heute Gemeinschaftsgarten) und das Gemeindehaus.

Das Ideengebiet ist durch seine verwinkelte Struktur sehr gut geeignet, um eine Abfolge verschiedener ansprechender ‚Entdeckungsräume‘ zu erzeugen bzw. zu befördern und zu entwickeln. Die drei denkmalgeschützten Gebäude, Rathaus, Kirche und Gemeindehaus, aber auch das Feuerwehrmagazin könnten dabei eine herausragende Rolle spielen. 

Ohrnberger Dorfspaziergang

Jedes Dorf, jeder Stadt erfüllt die Erwartungshaltung von Gästen nur dann, wenn genug Orte zum Entdecken angeboten werden. Die verwinkelte Struktur Ohrnbergs aber auch die Straßenführung von der neuen Dorfmitte weg, den Heuholzstraße entlang, über die Mühlgasse in den Backhausweg, an der Kirche vorbei zurück auf den Platz bietet sich dafür an. An diesem Rundweg entlang stehen die denkmalgeschützten Gebäude, lassen sich Dorfgeschichten erzählen, kann augmented reality via digitaler Endgeräte eingesetzt werden, um historische Dimensionen des Dorfs sichtbar und erlebbar zu machen. Die Scheune wäre der Ort für einen Dauerausstellung zur Ortsgeschichte. Schilder mit QR-Codes können auf Geschichte(n) des Ortes verweisen, auf Fotografien alter Ortsansichten. Es können auch verschiedene Spaziergänge vorgeschlagen wären, die aus dem Dorf herausführen und die Umgebung historisierend miteinbeziehen. 

Historische Tiefe und Ortsbeschreibung

Hier wäre eine Möglichkeit für eine wie auch immer geartete Gastronomie anzusiedeln. Das Feuerwehrmagazin wäre auch ein Ort der Dorfgeschichte. Eine kleine Ausstellung, eventuell eine online-gekoppelte Entdeckungstour einer Art digitalen Ortschronik wären denkbar. Interviews mit Zeitzeugen etc. Historische Fotos aus dem Stadtarchiv Öhringen, augmente reality auf digitalen Endgeräten etc. etc. 

Resümee 

Der Entwicklungsvorschlag für Ohrnberg geht also über die materielle Gestaltung hinaus und schlägt die Brücke hinein in die soziale Struktur der Dorfgemeinschaft, um genau das zu erreichen, was beabsichtigt und erwünscht ist: Gemeinschaftsförderung und Entwicklung eines Selbstverständnisses der Ohrnbergerinnen und Ohrnberger – generationenübergreifend und barrierefrei zudem mit Zeit-Raumtiefe und Wandervorschlägen versehen. 

Pressemitteilung: 

Klimapositive Stadtplanung mit Geschichtswissenschaft: 1. Preis für „Idyll an der Ohrn“


Mit dem 1. Preis in der städtebaulichen Auslobung der Stadt Öhringen (Baden-Württemberg) wird ein Ansatz ausgezeichnet, der die Rolle der Geschichtswissenschaft in der Stadtplanung neu bestimmt. Das Projekt „Idyll an der Ohrn“ für den Ortsteil Ohrnberg, federführend entwickelt vom Augsburger Landschaftsarchitekturbüro Studio Morgenwald in Zusammenarbeit mit den Architekten von studio weiter (Baden-Baden / Berlin), dem Mobilitätsplanungsbüro 1komma2 sowie Prof. Dr. Stefan Lindl (Europäische Regionalgeschichte, Universität Augsburg), steht exemplarisch für eine klimapolitisch wirksame und zugleich theoriegeleitete Planungspraxis.
Grundlage des Projekts ist das von Lindl entwickelte Leitbild der „Authentischen Stadt“. Es überführt geschichtswissenschaftliche Erkenntnis, klimapositive Denkmalschutztheorie sowie historische Authentizitätsforschung in ein operatives Planungsinstrument: Stadt wird nicht als gestaltbare Oberfläche begriffen, sondern als historisch gewachsenes Gefüge, dessen Schichten analysiert, interpretiert und produktiv fortgeschrieben werden, um ein hohes ästhetisches Narrationspotenztial zu erzielen: eine geschichtenträchtige Stadt. Authentizität entsteht dabei nicht durch Konservierung, sondern durch präzises Weiterbauen im und am Bestand mit einem spezifischen, an der Universität Augsburg von Prof. Dr. Stefan Lindl entwickelten Modell historischer Werte. Im weitesten Sinn wird Klimaschutz, Klimaanpassung, Denkmalschutz, Narrationstheorie und geschichtswissenschaftliche Stadtforschung hybridisiert mit Landschaftsarchitektur, Hochbau und Stadtplanung. Prof. Dr. Stefan Lindl spricht von ‚engaged historiography‘ und einer narrativer Stadtentwicklung, die er aus seinem Leitbild ‚Authentische Stadt‘ ableitet.
Das prämierte Projekt radikalisiert diesen Ansatz im ländlichen Kontext. Die Dorfmitte von Ohrnberg wird als historisch gewachsene Struktur gelesen und gezielt multidimensional transformiert. Mit dem Prinzip des Weiterbauens entstehen Eingriffe, die den Bestand nicht ersetzen, sondern differenziert ergänzen und verdichten, ohne die dörfliche Struktur des Öhringer Ortsteils anzugreifen. Der Ansatz will positiv stützen und historisch gewachsene Strukturen weiterführen, ohne auf die zeitgemäßen Anpassungsnotwendigkeiten zu verzichten.
Zugleich formuliert das Projekt eine konkrete Antwort auf die Klimakrise im Maßstab des Dorfes. Das „Schwammstadtprinzip“ der Ortsmitte verknüpft wassersensible Gestaltung, Mikroklimasteuerung und Freiraumqualitäten und historische Narrationen zu einem klimapositiven System. Regenwasserretention, Kühlung und ökologische Aufwertung werden nicht additiv behandelt, sondern als integrale Struktur des Ortes neu organisiert.
Das Preisgericht würdigte insbesondere die Verbindung von analytischer Tiefenschärfe und gestalterischer Konsequenz. Hervorgehoben wurden die methodische Übertragbarkeit des Ansatzes, die hohe klimatische Leistungsfähigkeit sowie die überzeugende Weiterentwicklung der ortsspezifischen Identität.
Mit der Auszeichnung von „Idyll an der Ohrn“ wird deutlich: Geschichtswissenschaft ist nicht nur retrospektiv, sondern kann als entwerfende Disziplin wirksam werden – insbesondere dort, wo nachhaltige Transformation ein präzises Verständnis historischer Strukturen voraussetzt.


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