„Wehe, wehe, wenn die akademische Grenze überschritten wird!“ So weit hat es der akademische Konstruktivismus gebracht, dass nun im politischen Diskurs viele glauben, Wirklichkeit werde doch sowieso ausschließlich sprachlich konstruiert. Das das nicht so ist, lässt sich schnell überprüfen: Wie oft verwenden Sie, ja, Sie Zaubersprüche im Alltag? Kaum? Selten? Oft? Und wenn Sie sie verwenden, wie oft tritt ein, was Sie mit Ihrem Zauberspruch bezwecken? – Na, sehen sie. Der Zauberspruchhinweis ist wirklich wichtig, um heutige politische Diskurse zu verstehen. Alle versuchen ‚die Erzählung‘ zu generieren, die Wirklichkeit sein soll.
Ein wundervolles Beispiel ist die „False Flag“-Erzählung der CDU. Offenbar herrscht in der Verzweiflung der Partei, des Kanzlers und seiner Berater*innen großes Vertrauen darin, entgegen allen Plausibilitäten müsse nur die „richtige Erzählung“ gesetzt werden, damit das Publikum begeistert verständnisvoll applaudiert. Jede und jeder erzählt irgend etwas. Denn alle glauben zu wissen: Was außerhalb unseres Erzählens liegt, wird durch die Erzählung erst gemacht. Wenn ich also irgendeine Behauptung aufstelle, dann habe ich Wirklichkeit erzeugt. So erzähl ich, so war es. Der Glaube an die Erzählung, die Narration und das Narrativ ist heute groß. Natürlich, schließlich wurde es von uns in den Universitäten gepredigt: Nichts ist wie es ist, die Narration macht und formt im Nachhinein, was gewesen ist. So wird jedes Geschehen zu einem Postmodo-Ereignis: Was geschehen sein wird, wurde erst durch die Erzählung erzeugt. Unzählige Kohorten von Studentinnen und Studenten an deutschen Universitäten haben das offenbar etwas verkürzt in ihre jetzigen Positionen und Jobs mitgenommen.
Und ja, am Konstruktivismus ist was dran. Aber in ihm verbirgt sich nicht der Freifahrtschein irgendwelches Zeug zu erzählen, um zu behaupten: So war‘s. Offenbar haben sie vergessen, was auch noch wichtig daran ist: Welche Qualität eine Erzählung hat, wie evident, wie valide sie ist, entscheiden andere Faktoren, die unter anderem in der dinglichen Wirklichkeit liegen. Trotz KI-Phantasmen, trotz Desinformation, die zu unserer heutigen kulturellen Umwelt gehören, heißt das nicht, dass außerhalb der Sozialen Medien dasselbe Prinzip in die Politik hineingenommen werden muss. Was die CDU mit „False Flag“ betreibt, mag als peinlich verstanden werden, aber es ist sicherlich so gefährlich wie hilfreich. Denn wir müssen unbedingt darüber nachdenken, wie wir einen Wirklichkeitsbezug wiedergewinnen. Momentan scheint er völlig abzugehen. Selbst die CDU verlässt sich eher auf das Zaubern als auf strategische Aufarbeitung von Geschehnissen. Glaubwürdigkeit und Vertrauen sind die Grundlagen in einer Welt, die einen in der Tat gewichtigen narrativen Anteil hat. Aber diese Narrationen und Narrative müssen rückgebunden werden.
Wir leben in einer Welt, die dinglich ist. Mit unseren Körpern erzeugen wir Raumvorstellungen und wir wissen, wie die Welt ist. Unsere Erzählungen sind dann gut, wenn sie sich in wahrgenommene Umstände plausibel einbetten. Tun sie es nicht, sind es einfach Erzählungen und Rückbezug. Wir leben dinglich in einer dinglichen Wirklichkeit und nicht narrativ in einer Welt der Narrationen.
Dass Friedrich Merz Bundeskanzler ist, beruht auf einer Wahl in Wirklichkeit und nicht auf einer fiktionalen Erzählung. Wer „False Flag“-Erzählungen verbreitet, kann auch sagen, diese Bundestagswahl 2025 hat überhaupt nicht stattgefunden, sie ist eine Erzählung und beruht auf der Verschwörung einiger elitärer Kreise, die die Weltherrschaft erlangen wollen. Mittels Chemtrails haben sie diese Erzählungen in die Köpfe der Menschen gebracht. – Ist das plausibel? Na, sehen sie. Wer nicht zaubern kann, lässt es. Wer nicht rückgebunden erzählen kann, fällt auf die Nase.
Außerhalb von unserem Erzählen gibt es etwas, für das alle Menschen eine Vorstellung bereitstellen. Das Außen und das Erzählen brauchen eine neue Übereinstimmung und keine Losgelöstheit.
Stefan Lindl
Das Beitragsbild wurde korrekterweise von der KI generiert.