Alter Schlachthof Fürstenfeldbruck – „Re-Form für gutes Leben“

Stefan Lindl 

Historischer Sachstand

Adolf Voll (1881-1965), ein in Bruck ansässiger Architekt, prägte die Stadt an der Amper durch eine Reihe von Privat-, Gewerbe- und Industriebauten zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Ausgebildet wurde er unter anderem von Theodor Fischer, der während Volls Studienzeit als einer der führenden deutschen Architekten der Lebensreform galt.

Im typischen Reformstil ist der Schlachthof in Fürstenfeldbruck errichtet worden. Auch die Planung für den Schlachthof von Pfarrkirchen an der Rott von 1911 stammt aus dem Büro von Adolf Voll. In den Schlachthofplanungen steckt etwas äußerst Widersprüchliches. Die Lebensreformbewegung, deren stadtbildprägendes Überbleibsel die Nahrungs- und Lebensmittelgeschäfte unter dem Namen „Reformhaus“ sind, war eine naturorientierte Bewegung. Sie ist eine Antwort auf die Industrialisierung des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Mensch und Natur sollten wieder vereint werden, das Leben im Industriezeitalter sollte reformiert werden, also zurückgeführt werden in einen natürlichen Zustand des Menschen. So stand der Rückzug in die Natur an vorderster Stelle. Gartenstädte wurden gebaut, Häuser mit Selbstversorgergärten entstanden, Schrebergärten, überhaupt Gartenanlagen wie die Gönner-Anlage oder die Wasserkunst in Baden-Baden gehören in diese Zeit. Stilistische Merkmale dieser Bewegung waren: Natürliches Leben, Pazifismus, Antimilitarismus, Hinwendung zu einer neuen Spiritualität (Rudolf Steiner, Anthroposophie, zuvor Theosophie), aber, und das ist hier entscheidend, ein prägendes Element war vor allem die „reformierte“ Ernährung. In ihr offenbart sich der tatsächlich radikale Aspekt, der zu von den radikalen Denkern der Lebensreform auch zu einer politischen Revolution führen sollte. 

Die Bewegung vertrat einen rigorosen Vegetarismus, Tierethik wurde in dieser Zeit erdacht bzw. weitergedacht. Massentierhaltung war als Begleiterscheinung der Industrialisierung verpönt. Weitere Bestandteile der Bewegung waren Naturismus, also Freikörperkultur, wie sie beispielsweise von Hermann Hesse am Monte Verità (Ascona) am Lago Maggiore gepflegt wurde. Ein Foto von ihm, kletternd an einem Felsen, steht hier geradezu mythisch für diesen Aspekt.

Vor allem stehen in den Schlachthöfen von Adolf Voll zwei konträre Elemente gegenüber. Lebensreform und Vegetarismus gegen industrialisierte Tötung von Tieren aus Massentierhaltung. Dieser Widerspruch lässt sich entweder aus unserer gegenwärtigen Sicht als Hohn gegenüber der Lebensreform lesen oder aber auch als eine pragmatische Vereinnahmung der Tötung und der Massentierhaltung durch die Lebensreform.

Letzteres ist wohl geschehen, dafür gibt es ein wichtiges Indiz: das Badehaus. Es nimmt einen gewichtigen Teil und verhältnismäßig erstaunlich großen Teil des Schlachthofs in FFB ein. Dort steckt eine gewichtige Botschaft der Lebensreformbewegung, die körperliche Hygiene. Aber es verbirgt sich kulturhistorisch noch viel mehr darin: Es geht um Reinigung. Das Badehaus lehnt sich an die rituellen Reinigungen an, die in Mikwen geschehen oder in der Erwachsenentaufe im christlichen Ritus. Im Badehaus vollzieht sich das Reinwerden der Arbeiter und der Bewohner Trucks. Sie reinigen sich im Sinne der Lebensreform von den industrialisierten Arbeitsprozessen, die dem natürlichen Leben widersprechen, jedoch fest im Alltag verankert sind.

Adolf Voll versuchte als Lebensreformer den Arbeitern in der Industrie, in der Entferntheit von Natur, ein Stück gutes Leben zu ermöglichen. Sobald sie von ihrem Arbeitsplatz in das Badehaus gegangen waren und das Badehaus gereinigt verließen, konnten sie zurück als gereinigter naturalisierter Mensch. Im Schlachthof von Adolf Voll lässt sich also eine Naturwerdung vollziehen. Gereinigt geht der Arbeiter zu seinem Schlafplatz. Um 1900 hatten die wenigsten Arbeiter eine eigene Wohneinheit oder ein eigenes Bett. Sie regenerierten sich wie sie arbeiteten: im Schichtbetrieb. Wenn ein Arbeitgeber ein Badehaus an der Produktionsstätte anbot, dann war das ein höchst humanitärer Akt.

Es gibt noch einen zweiten Aspekt: Das Badehaus war nicht nur für die Arbeiter, sondern vor allem auch eine öffentliche Anstalt zur Reinigung und Körperhygiene; sie stand der gesamten Stadtbevölkerung gegen Entgelt offen. Dieser Aspekt ist im reinsten Sinne der Lebensreform-Ideologie geradezu absurd: Reinigung vom modernen Leben ermöglicht die industriell Erzeugte Wärme und Abwärme der Kühlkammern eines Schlachthofs. Dieser Aspekt relativiert wiederum die Lebensreform, die nur durch die Industrie möglich erscheint. So wird die Reinigung von der Industrie erst durch die Industrie möglich.

Diese Bezüge zur Lebensreform flossen als konzeptionelle Grundlage in den Vorschlag zur Sanierung und Transformation des Alten Schlachthofs in Fürstenfeldbruck ein, der vom Architekturbüro studio weiter (Baden-Baden/Berlin) und dem Landschaftsarchitekturbüro studio morgenwald (Augsburg) eingereicht wurde. Der Entwurf wurde im April 2026 mit einer Anerkennung ausgezeichnet worden.


 

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