Gernsbach für alle – Bericht zur Initiation am 23.10.2026

„Initiation: Ein Gernsbacher Experiment der Beteiligung.“

Stefan Lindl

Was ist eine Initiation?

Das Kirchl in Obertsrot besuchten am 23.10.2026 ca. 75 Personen für eine politische Initiation. Es ist wohl sinnvoll diesen Begriff der ‚Initiation‘ zu erläutern. Stefan Lindl hätte sich als Initiator, als Teil eines Initiatorenteams dem Publikum vorstellen können. Aber das akteursbezogene Wort ‚Initiator‘ hat er nicht gewählt, sondern Initiation. Eine Initiation beschreibt den meist von einem Ritus begleiteten Übergang von einem Zustand zu einem neuen. In der Ethnologie und Kulturanthropologie wird von Initiationsriten gesprochen, die in Religionen vollzogen werden, seien sie jüdisch, christlich, islamisch oder auch schamanistisch geprägt, um Kinder in die Religionsgemeinschaft aufzunehmen oder beispielsweise den Übergang vom Kind zum Erwachsenen zu markieren. Auch die christliche Taufe ist eine rituelle Initiation.

Initiation beschreibt den Übergang vom Menschen zum Christenmenschen oder vom Kind zum Erwachsenen.

Einen solchen Zustandsübergang, jedoch einen politischen, sollte dieser Abend im Kirchl markieren. Ein Übergang ist gemeint von einem bestehenden Politikstil des Oktroys und der Exklusion zu einem neuen, der möglichst viele Menschen potenziell einbezieht und beteiligt.

Auf Mitgestaltung beruhte der Stil des Abends, der in der Frage von Stefan Lindl deutlich wird: Wie meinen Sie, dass der Abend verläuft? Wie soll er sich vollziehen? Das Publikum gestaltete daraufhin mit seinen vielen Anliegen den Abend, Stefan Lindl moderierte. Damit vollzog sich der Wandel im Prozess der Initiation, weg von einem starken Akteur zu einer starken und vielstimmigen Gemeinschaft, deren Positionen moderiert wurden.

Das ließ sich direkt an der Rolle von Stefan Lindl ablesen: Zuerst führte er frontal agierend in das Thema des Abends, in die Initiation ein, hielt einen Vortrag, dann verabschiedete er sich von der Rolle des Referenten und übergab sie dem Publikum, das sich zu vielen Referenten wandelte. Stefan Lindl wandelte sich hingegen vom Referenten zum Moderator und zog sich weitgehend zurück. In diesem diskursiven Verfahren wurden Grenzen offensichtlich, die als nicht übertretbar empfunden wurden, andere Positionen, die innerhalb der Grenzen des Machbaren und Sagbaren lagen. Daraus lassen sich wiederum Regeln der Diskussion ableiten.

Gernsbach für alle: Der Versuch eine soziale Plastik zu erzeugen.

So entsteht eine soziale Plastik, die eine Vielzahl von Praktiken des Diskutierens erkennen lässt, die wiederum in die Satzung des zukünftigen Vereins eingehen. Beteiligung entspricht einem Diskurs, dessen Grenzen des Machbaren und Nichtmachbaren ausgetestet werden. Daraus entsteht die Konstitution des Vereins.

Darin besteht der Anfang des Gernsbacher Experiments der Beteiligung.

Kernpunkte des Vortrags von Stefan Lindl

Demokratie entwickeln, ein Gernsbacher Experiment

Wir befinden uns in einer Krisensituation der Demokratie, so wie wir sie bislang kannten. Wir leben in einem strukturellen Umbau demokratischer Strukturen- und Funktionsweisen bedingt durch das Durchdringen der Digitalität aller Lebensbereichen. Der Wunsch nach Bürgerbeteiligung ist eine der größten Herausforderungen der Demokratie, auf die Antworten gefunden werden müssen. ‚Gernsbach für alle‘ versteht sich als ein Versuch, eine Antwort auf diese Herausforderungen zu formulieren. Es ist ein soziales und politisches Experiment. Es formierte sich aus einem Gefühl der Ohnmacht, die durch eine Mehrheit der Mitglieder des Gemeinderats Gernsbachs und des Bürgermeisters Vereinen und Bürgerinnen und Bürgern aufgezwängt wurde.

Politikstil wandeln

Seit Jahren herrscht ein Politikstil, der keine Diskussionen aufkommen lässt, der keine Beteiligung wünscht, selbst bei gravierenden Einschnitten in das Leben Gernsbachs. Beispielsweise wurden die Planungen bezüglich der Bebauung des Färbertorplatzes veröffentlicht, ohne gleichzeitig ein Beteiligungsverfahren anzukündigen. Die Dimension dieser stadtplanerischen Eingriffe hätten Beteiligung erwarten lassen. Doch selbst auf die Kommentare mehrerer Personen im Badischen Tagblatt wurde keine Diskussion eröffnet. Dagegen entschied der Gemeinderat – und zwar alle Fraktionen – weitere Planungen ohne Beteiligung fortzusetzen.

Ebenso verlief es mit dem sogenannten Zukunftspaket 2030. Ohne Beteiligung wurden einschneidende Ergebnisse verkündigt, die hinzunehmen seien.

Da es sich nicht abzeichnen lässt, dass eine Reform des Politikstils der Stadt Gernsbach von innen heraus geschieht, bildet sich nun die Wählervereinigung „Gernsbach für alle“, um zukünftig die Mehrheitsverhältnisse im Gemeinderat zu ändern.

Nimmt man die Anzahl der Unterschriften für das Bürgerbegehren als Bezugspunkt, so hat „Gernsbach für alle“ gute Chancen das bestehende Kräfteverhältnis im Gemeinderat zu verschieben.

Ergebnisse

Der Namensvorschlag „Gernsbach für alle“, den Michael Görtler eingebracht hatte, wurde angenommen.

Ein e-mail-Newsletter wird erstellt. Ebenfalls eine WhatsApp-Gruppe. Mit datenschutzrechtlichen Hinweisen versehen wurden e-mail-Adressen und Telefonnummern abgefragt.

Über diese Medien wird die vorläufige Satzung zur Diskussion verschickt.

Eine vorläufige Website wird erstellt, auf der Dokumente zum Download abgelegt werden. Auch die vorläufige Satzung wird in einer Form sichtbar gemacht.

Bemerkungen, Kritik, Ergänzungen zur Satzung werden unter info@repraesentation.org gesammelt.

Eine weitere Veranstaltung wird nach Bedarf angesetzt, um die Satzung zu diskutieren.

Eine Gründungsversammlung wird ebenfalls einberufen, jedoch erst im Jahr 2027, um den Vereinen, die durch das sogenannte Sparpaket 2030 bis zum 01.01.2027 unter Zugzwang gesetzt wurden, Mitsprache und Beteiligung zu ermöglichen.


Persönliches Postskriptum von Stefan Lindl:

„Gernsbach für alle ist noch ganz klein und zeigt schon große politische Wirkung.“

In Gernsbach wandelt sich schon der Politikstil allein durch die Ankündigung „Gernsbach für alle“ zu gründen. Die Freie Bürgervereinigung Gernsbach nimmt sich nun den Ortsteilen an. Dr. Alexander Hoff, der als unerbittlicher Gegner des Bürgerbegehrens auftrat, will nun einen Antrag einreichen, dessen Inhalt letztlich die Ausgangslage des Bürgerbegehrens bildete. – Das könnte eine echte Wende werden.

Den Antrag von Dr. Alexander Hoff hatte ursprünglich Michael Görtler (Initiationsteam von Gernsbach für alle) mit Patricia Mook (Die Grünen) im Ortschaftsrat Obertsrot eingereicht. Die FBVG übernimmt ihn nun.

So viel kann allein der Wille zu einem neuen Politikstil in Gernsbach verursachen.

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