Bad Mergentheim: Urbane Transformation

Die Stadt Bad Mergentheim hat für ihre urbane Transformation einen Wettbewerb zur Stadtplanung ausgelobt. Zusammen mit studio morgenwald, NUWELA, 1komma2 haben wir einen Wettbewerbsentwurf erarbeitet, der am 5. November 2026 von der Jury mit einer Anerkennung ausgezeichnet wurde. – „Die Quellen der Stadt“.

Ziel der Stadtplanung

Ziel jeder Stadtplanung ist es eine gute, eine bessere, lebensfreundlichere Atmosphäre zu erzeugen, die sich deutlich zum Besseren neigt, als die bislang vorherrschende. Bestenfalls ohne Worte erzeugt die neue Stadtplanung ein urbanes Bewusstsein und das heißt in einer historischen Altstadt letztlich eines: Es soll sich historisches Bewusstsein entwickeln. Bad Mergentheim im Hohenlohischen württembergischen Tauberfranken war seit 1527 Sitz des Hoch- und Deutschmeisters des Deutschen Ordens, nachdem die Burg Horneck am Neckar während des Bauernkriegs zerstört worden war. Mergentheim entwickelte sich durch Zerstörung zu einer Residenzstadt und gleichzeitig zur Residenzstadt des Deutschen Ordens schlechthin in der Ballei Franken. Im Zweiten Weltkrieg betraf der Luftkrieg die historische Stadt kaum, von Schäden wurde sie weitgehend verschont. Insofern weist die Stadt so bedeutenden wie eindrucksvollen historischen Baubestand auf. Jegliche transformierenden Eingriffe können deswegen nur mit besonderer Umsicht erfolgen. Begrünung benötigt ein Konzept, das die historischen Strukturen befördert, ihnen einen Mehrwert verleiht, historisches Bewusstsein der Bewohner*innen erzeugen lässt. Insofern wurde ein Konzept entwickelt, das die historischen Gebäudefassden ebenso berücksichtigt wie das Zeichensystem einer Residenzstadt, die Sichtachsen verbindet mit kühlen Orten, um die Funktionalität der Stadt selbst während Hitzeperioden zu gewährleisten.

Der Entwurf versucht einen sicheren Pfad auf der Gradwanderung zwischen Tradition und notwendiger Transformation zu beschreiten. Er lenkt Blicke auf charakteristische historische Bauten. Sichtachsen auf das Rathaus, auf die Zwillingsbauten werden gelegt, die parzellenhafte kleine Räume kühler Orte durchschneiden, die, beschattet von Grün, gekühlt von lebendigem Wasser, ästhetische Weite und behütet-beschützende Enge in einem scheinbaren Widerspruch vereinen. Das Prinzip, dass sich auf dem Hans-Heinrich-Ehrler-Platz angewandt wurde, ist eine Enfilade, ein barockes Stilmittel der Architektur, das sich in Schlössern des 18. Jahrhunderts wiederfindet, jene Raumfluchten, die durch immer gleichplatzierte Türen miteinander verbunden sind.

Die Quellen dieser Stadt liegen aber nicht nur im fränkisch geprägten Baden-Württemberg, nicht nur im Hohenlohischen, nicht nur in der späteren Kurstadt Bad Mergenheit, sondern tief im Mittelalter, in den Kreuzzügen, im Nahen Osten, in Osteuropa. Alle Quellen fließen zusammen in Bad Mergentheim: Ehemalige Residenzstadt und Sitz des Hoch- und Deutschmeisters des Deutschen Ordens, aber auch Kurstadt. Insofern lässt sich auch die Begrünung mit historischen Bezügen ausstatten. Im Kurpark, das ist der ehemalige Schlosspark der Residenz, pflegte der Hoch- und Deutscheister ein Arboretum, ein Park seltener, exotischer Pflanzen. Heute im Klimawandel lassen sich diese Bäume nutzen als Klimabäume. Die Begrünung der Altstadt kann sich daran historisch orientieren und kohärente Bezüge aufbauen.

Parzellenstruktur

Eine historische Besonderheit dieser Stadt ist die erhaltene frühneuzeitliche Parzellenstruktur. Kleinteiligkeit, Heimeligkeit und schützend wirkt sie, ist überschaubar und berücksichtigt menschliche Dimensionen. Diesen engen Parzellen gegenüber stehen die weiten repräsentativen Plätze und Straßen, die unverstellt die Blicke auf historische Fassaden und hervorgehobene Bauwerke, wie Rathaus, Schloss oder Kirchen zulassen.

Beide Prinzipien werden in den Entwurf gespiegelt: Die Weite der Plätze und der Burgstraße symbolisieren die Sichtachsen. Die Inselhaften Bepflanzungen ahmen die Parzellierung der Stadt nach. So bleiben in dem Entwurf zwei wesentliche Züge der historisch gewachsenen urbanenen Charakteristik erhalten und spitzen sie sogar noch zu, stellen sie heraus, schaffen ein Bewusstsein für das historische Einzigartige von Bad Mergentheim

Raumprinzipien Weite erhalten, kühle Orte erschaffen – Einfilade-Prinzip

Standpunkt und Zielpunkt werden durch Sichtachsen miteinander verbunden. Diese Verbindung beruht auf der visuellen Durchlässigkeit und verkürzt den Raum optisch. Dagegen erwirkt die parzellenhafte Kammerung der Baumpflanzungen, die jeweils unter den Baumkronen kleine Räume erzeugen, eine Staffelung des Raums, eine Aufweitung. Das Zusammenspiel beider Prinzipien beschreibt den charakteristischen Gestaltungsentwurf „Die Quellen der Stadt“, aber übernimmt auch charakteristische Züge der Stadt. Nach diesem Enfilade-Prinzip vollzieht sich die Begrünung des Platzes. Die Blicke vom Süden des Platzes auf die Fassade des Rathauses bleiben frei, entlang der Achse entfalten sich kühle Orte, die von Bäumen beschattet werden. Die Enfilade nimmt Bezug auf das Residenzschloss des Deutschen Ordens und wird in den öffentlichen Raum hineingespielt.

Die Blickachsen durch die neuen Pflanzungen bewahren die visuelle Raumverkürzung des Hans-Heinrich Ehrler Platzes/Hafnermarktes und des Marktplatzes sowie der Burgstraße. Doch nimmt die klimapositive Neugestaltung der Stadt Bad Mergentheim auch ein weiteres Prinzip der Stadt auf, das charakteristisch für Bad Mergentheim ist: die kleinen mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Parzellen, die sich über das zerstörerische 20. Jahrhundert erhalten haben. Sie werden in der Raumstaffelung der Pflanzbereiche sichtbar. Die Neugestaltung nimmt also Bezug auf die bestehenden Prinzipien der urbanen Raumgestaltung in Bad Mergentheim. So wird eine historische Essenz der Stadt in die klimaresiliente Transformation miteinbezogen.

Blick vom Badhaus über den Hans-Heinrich-Ehrler-Platz zum Rathaus

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