CSU: Vom Creationismus zum Creuz

Manchmal entstehen erstaunliche Bezüge bei der Analyse von Diskursen: Koinzidenzen und Kohärenzen. Gerade ging ich der Frage nach: Wann treten die Worte „Klimawandel“ und „Treibhauseffekt“ überhaupt in den Wahlprogrammen der politischen Parteien der Bundesrepublik Deutschland auf und wie verhält sich dieses Auftreten mit dem wissenschaftlichen Diskurs?

Serendipity half dabei, eine kleine Beobachtung zu machen, die ein anderes Licht auf die Kreuz-Frage des bayerischen Ministerpräsidenten Söder wirft. Marx spricht von Instrumentalisierung christlicher Symbole für die Politik, Nida-Rümelin spricht von der Spaltung, dem Schisma. Das „C“ komme der Union ab, schreiben andere. Das sind alles gute Deutungsmuster. Söder ließe sich genauso in die Tradition der Heiligen Helena reihen: Söder der Finder des Kreuzes. Eventuell wird er dafür  dereinst selig und heilig gesprochen werden, wie die heilige Helena. Dieser Diskursbestandteil sollte in der aktuellen Diskussion nicht außer Acht gelassen werden. Es bedarf schließlich nur einer kleinen diskursiven Verschiebung in der Zuschreibung und alles wird anders, alles wird neu.

St_Helena_finding_the_true_cross.jpg

Aber das ist nur der aktuelle Fall, der erst einmal nichts mit dem Klimawandel und dem Treibhauseffekt zu tun hat. Aber schließlich war es serendipity, die mich auf deren Suche auf etwas anderes gebracht hat: Ähnlich wie Söder plötzlich das Kreuz wieder auffand, entdeckte die CSU den Kreationismus für sich – scheinbar spontan, scheinbar sehr christlich-alttestamentarisch. Das war im Jahr 1994. Erst in diesem Jahr spricht die CSU von der Schöpfung. Vorher, seit den 1970er Jahren, war das die Umwelt, die Natur. In einem romantischen Impetus wollte die CSU wie ihre Schwesterpartei die Umweltverschmutzung heilen, damit Mensch und Natur wieder traut leben können. Natürlich konnte dies nur geschehen unter Berücksichtigung der Arbeitsplatzsituation und der nicht übermäßigen Belastung der Wirtschaft durch die „Heilungskosten“. Insgesamt sollte das Verursacherprinzip herrschen, wer verschmutzt, der muss für die Katharsis der Umwelt zahlen. Insgesamt lief der Umweltschutz auf eine sanfte Metanoia heraus, Schubumkehr ohne Einschränkung der Wirtschaft. Das hat natürlich im Rückblick nicht optimal funktioniert. Nicht nur implizit steckt darin ein Bekenntnis zum anthropogenen Einfluss auf die Umweltverschmutzung. Der Mensch verursachte sie und der Mensch als Naturonkeldoktor kann sie auch wieder beheben.

Natur und Mensch das war eine Einheit bis in die 1990er Jahre. Der Mensch war für den Zustand der Umwelt verantwortlich. Er war ihr Verschmutzer und ihr Heiler.

Dann entdeckte die Union die „Schöpfung“. Die Natur war plötzlich Gottes Werk. Der Mensch trat in den Hintergrund und die Union wurde zum Bewahrer der Schöpfung. „Es ist unsere Aufgabe, Natur und Umwelt als Teil der Schöpfung zu schützen.“ Und 1998 schrieb die CSU: „Wir nehmen unsere Verantwortung für die Schöpfung […] ernst.“ Damit wurde der Kreationismus als Erklärung der Welt gesetzt. Gott war es. Darwin ist tot.

In den 1990er Jahren blieb der Aufschrei über die  kreationistische Erklärung der Welt aus. Nun, in diesen Tagen, fundamentalisiert sich die CSU noch weiter. Es ist vielleicht ein logischer Schritt, dem „C“ gerecht zu werden. – Oder sollte es doch ganz anders sein?

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