Environmental Humanities und der Deutsche und Österreichische Alpenverein

Seit einigen Wochen versuchte ich einen Artikel über die wissenschaftliche Tätigkeit des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins im 19. Jahrhundert zu verfassen. Eine Unmenge an Material war zu sichten. 36 Jahrgänge des Jahrbuchs und 31 Jahrgänge der Mitteilungen des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins. Es ist ein bedeutend interessantes Materials, wenn auch recht umfangreich: ca. 20.000 Seiten im Gesamten, heruntergebrochen auf die Glaziologie, um die ich mich kümmerte, waren des dann doch bedeutend weniger Seiten. 

Der Klimawandeldiskurs wurde im 19. Jahrhundert vom Gletscherdiskurs geboren. Ohne die Glaziologie und die mannigfaltigen Beiträge, die schon seit dem 13. Jahrhundert greifbar werden, gäbe es wohl einen anderen Klimawandeldiskurs, als den den wir heute kennen. Doch es ist naheliegend, wie sehr Gletscher und Klimawandel zusammengehören: Sie und ihre Spuren sind die sichtbarsten Anzeichen, dass das Klima Auswirkungen hat auf Landschaft, auf Lebenswelten, Biotope. Gletscher gedeihen und verzagen in einem auf Klimaschwankungen hochsensiblen Raum der Berge. Deswegen wuchsen und schmolzen sie in den Jahrtausenden je nachdem, wie sich das Klima gerierte und gaben im 19. Jahrhundert eine Ahnung davon, wie schnell sich die scheinbar stabile Longue durée des geographischen Raums unmittelbarer Umwelt ändern kann. 

Der DuOeAV lieferte eine hervorragende Datenmenge über die Gletscher der Voralpen während einer Schmelzperiode der Gletscher, die 1856 einsetzte. Das Abschmelzen ging äusserst schnell voran. Es ist ganz erstaunlich, dass bei diesem Tempo, das die Gletscher im 19. Jahrhundert vorlegten, verglichen mit den meteorologischen Bedingungen im 21. Jahrhundert überhaupt noch etwas von ihnen übrig ist. Ein Blick auf diese Abschmelzphase ist ernüchternd, auch wenn sich die Gletscher von einem hohen Niveau einer mehrere Jahrzehnte andauernden Kaltphase zurückzogen. Möchte man die Sorge der Glaziologen im 19. Jahrhundert aus ihren Texten herauslesen, dann ist die Angst zu spüren, die Gletscher mögen ganz verschwinden. Deswegen verwendeten sie ein zyklisches Muster einer Periodentheorie: Im Zyklus von 35 oder 70 Jahren wachsen und schmelzen die Gletscher. Am Zyklus hing die Hoffnung, alles würde sich normalisieren. Doch als in den 1880er Jahren nach dem 35-jährigen Zyklus die Gletscher einfach nicht wachsen wollten, wurden sie unruhig. Weil sie sich nach dem Anwachsen der Gletscher so sehr sehnten, nahmen sie aber Wachstum wahr. Die Geodäsie allerdings konnte es nicht bestätigen. Im Ersten Weltkrieg wuchsen sie dann tatsächlich – nach der Regel der Gletscher verspätet, aber immerhin. Doch das Wachstum hielt nicht lange an. Der Zyklus blieb aus. – Heute würden diese Glaziologen denken, ihre einstige Sorge, war berechtigt: die Gletscher verschwinden ganz. 

Erstaunlich sind die Methoden der Glaziologie des DuOeAVs gewesen. Wir würden sie heute als Environmental Humanities bezeichnen. Denn die Geodäsie und die Kartographie reichte ihr nicht, sie holte sich Historiker und historisch arbeitende Geographen, um dem Tun der Gletscher auf die Spur zu kommen. – Ein bemerkenswerter Verein mit äusserst zeitgemäßen Zügen. 


2 Gedanken zu “Environmental Humanities und der Deutsche und Österreichische Alpenverein

  1. Hallo aus Berlin! Es brennt tief in der Seele, wenn ich an die Alpen denke und die beklagenswerten Entwicklungen. Jährlich fahre ich nach Tirol, um in einem Tal, das vor Jahrzehnten noch vom Gletscher-Eis bedeckt war, mich beim Ski-Langlauf zu erholen. Sehr widersprüchlich die Gefühle. Kampfesgrüße – Dieter Weigert

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    • Uns bleibt die Vermessung des Verlusts und die notwendige Frage: Was tun, wenn nichts getan wird? – Es wird nicht genug getan, soviel steht fest. Im Klimawandel verhalten sich die Alpen zum Flachland wie die Rosen am Weinberg zu den Reben, wenn sie von Rebkrankheiten bedroht werden: Die Rosen bekommen die Krankheiten früher als die Reben. Sie sind ein sensibler Anzeiger für das Kommende. In den Reben würden die Winzerinnen und Winzer Gegenmaßnahmen ergreifen, weil es spürbar um ihre wirtschaftliche Existenz geht – die Existenz erster Ordnung offenbar. Am Beispiel der Alpen im Klimawandel geht es nur den Skigebieten und der Tourismusbranche um diese wirtschaftliche Existenz erster Ordnung. Deswegen versuchen sie artifiziell die entstandene Asymmetrie auszugleichen, solange sich das rechnet. Die Existenz zweiter Ordnung, für die Gebirge und Gletscher auch Indikator sind, ist nicht wahrnehmbar, sie macht sich allenfalls als Unbehagen bemerkbar… Darüber kann man nachdenklich werden und fragen: Wann wird die Existenz zweiter Ordnung heraufgestuft? Wird sie es? – Während ich diese Zeilen schreibe, postet Spiegel-online Artikel mit dem Titel: Deutsche Forscher fordern Steuer auf Kohlen(stoff)dioxid. – Ja, das wäre ein Weg!

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