„Ach, wie schön ist CO2!“ Eine Geschichte der Klimakrise

Die durch Menschen verursachte globale Erwärmung ist nicht erst seit den 1970er Jahren bekannt, wie heute immer wieder behauptet wird. Hermann Flohn, er war dafür verantwortlich, dass der bevorstehende Klimawandel elitär-international am Ende der 1970er Jahre wahrgenommen wurde, konnte auf älteres Wissen zurückgreifen. Dieses Wissen über die Auswirkungen der anthropogen verursachten CO2-Emission formierte sich ab dem Beginn des 19. Jahrhunderts. Aber auch dieses Wissenschaffen konnte sich auf die Erkenntnisse aus der Gletscherforschung in der Schweiz und der Forschungen zur Thermodynamik im 18. Jahrhundert stützen. Die Erkenntnisse um die Gefahren der CO2-Emission und die offensichtlichen Prognosen haben somit eine lange Geistesgeschichte.

Gebracht hat dieses Wissen um die anthropogenen Einflüsse im 19. Jahrhunderts nichts, auch nicht im 20. Jahrhundert. Die Klimakrise ist somit ein Beispiel dafür, wie wenig Wissen gegenüber einem System ausrichten kann, das sich zeitgleich mit diesem Wissen etablierte. Das Wissen erfasste die Gefahren des Systems, aber das System versprach mehr Gutes, als die Angst vor seiner dunklen Seite hätte es einschränken können. Doch von welchem System wird hier gesprochen?

Das fossile System des Fossilen Zeitalters wurde getragen von der Verheissung der Unabhängigkeit, der Freiheit im 18. Jahrhundert. Freiheit von den Rahmenbedingungen, die durch Wetterereignisse und Klima bis dahin gegeben waren. Die Territorien Europas vor der Französischen Revolution waren agrarisch strukturiert. Die Strukturen der Ständegesellschaften des Mittelalters und der Frühen Neuzeit bis hinein ins 19. Jahrhundert beruhten auf der Abhängigkeit von der Umwelt. Die Entdeckung Amerikas für Europa brachte durch Bodenschätze eine Wende in Europas Wirtschaftssystem. Gold – eine Ressource aus dem Boden wie Kohle und Erdöl – bot mehr Unabhängigkeit als das agrarische Wirtschaftssystem. Missernten führten zwar immer noch zu Hunger, Tod und Verzweiflung, aber das Wetter hatte nicht mehr den bedeutenden Einfluss auf den Reichtum eines Herrschers, der Gold fördern konnte. Der großflächige Abbau und Einsatz europäischer Schätze, die Kohle in England, Frankreich und in den Territorien des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation sollten allerdings noch einige Jahrhunderte schlummern, denn ihr Energiepotential bedurfte einer Transformationsapparatur, um es nutzbar zu machen. Sie fand sich in der Verbesserten und anwendungstauglichen Entwicklung der längst bekannten Dampfmaschine im 18. Jahrhundert. Doch fossile Brennstoffe, Kohle und Erdöl, nutzten Menschen schon seit der Steinzeit. Allerdings stieg der fossile Anteil in der Gesamtverbrauchsmenge der Energieträger erst mit der Industrialisierung in seiner Unproportion. Auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik lässt sich dieser Prozess um die Mitte des 19. Jahrhunderts datieren. Das ist eine Zeit der Revolution, des gesellschaftlichen Umbaus, der Vergrößerung der Städte, der punktuellen Entstehung von Industriebetrieben. Dies alles ging nur mit dem Einsatz fossiler Energieträger. An Holz hatte es schon seit Jahrhunderten in Europa gemangelt. Seitdem stieg die CO2-Emission wohl sprunghaft an. Dass das Spurengas CO2 allerdings mit der Erwärmung der Erde etwas zu tun haben könnte, wurde erst 1881 von einem Wiener Chemiker, Ernst Lecher, entdeckt. Lecher konnte sich unter anderen auf die Vorarbeiten von Joseph Fourier (1827) und John Tyndall (1860er Jahre) berufen. Fourier entdeckte den Treibhauseffekt, John Tyndall konnte den Treibhauseffekt als Verantwortlichen für das Weltklima identifizieren, machte aber Wasserdampf dafür verantwortlich. Ernst Lecher wies das Spurengas CO2 als Grund des Treibhauseffekts nach. Er veröffentlichte seine Erkenntnisse in einem kurzen prägnanten Aufsatz 1881.

Es sollte noch 15 Jahre dauern, bis die anthropogen verursachte CO2-Emission und ihre Auswirkungen auf die Erdtemperatur kombinatorisch aus einem großen Wissenspool von Svante Arrhenius zusammengefügt wurden. Arrhenius benötigte allerdings das Wissen seines Freundes, dem Geologen, Arvid Gustaf Högbom, der wie bereits 1827 Joseph Fourier auf die anthropogen verursachten Treibhauseffekt aufmerksam machte. Im Gegensatz zu Fourier, konnte Högbom bereits auf das CO2 verweisen. Arrhenius entwickelte daraus eine Klimatheorie, die er 1896 veröffentlichte. Spätestens 1896 und nicht erst in den 1970er Jahren war das Wissen über die Gefahren anthropogen verursachten CO2-Eintrags vorhanden. Interessiert hat das niemanden!

Rauch war gut. Qualmende Schlote repräsentierten Fortschritt, gutes Leben, hohen Lebensstandard, Reichtum, Glück, eine neue gute Gesellschaft, die in die Zukunft blicken konnte. CO2-Emissionen waren einfach cool. Demokratien ohne CO2? – Undenkbar! Partizipation an politischen Prozessen ohne CO2? – Undenkbar! Urlaub, Tourismus, Wellness ohne CO2? – Undenkbar! Der gute, hohe Lebensstandard, Internet, Smartphones ohne CO2? – Undenkbar! Auch das muss festgehalten werden.

Während das Fossile System sich im 19. Jahrhundert entwickelte, schmolzen seit den 1850er Jahren die Gletscher – weltweit. Liest man Berichte über die Alpengletscher aus dieser Zeit, so glaubt man, sie stammten aus dem 21. Jahrhundert. Dieses Abschmelzen der Gletscher hat vor allem auch andere Gründe als die anthropogen verursachte CO2-Emission. Das Entsetzen, das in diesen Texten mitschwingt, ist identisch in heutigen Beiträgen zu spüren.

Die Chimäre des Fossilen Systems, ein Mischwesen aus Gut und Böse, hat sich im 20. Jahrhundert verwandelt in das Böse, das nun jene Demokratien und Gesellschaften bedroht, die es hervorgebracht hat. Das liegt vor allem an der Stabilisierung seiner fossilen Grundlage, von dem alle Lebensbereiche abhängig sind. – Alle Lebensbereiche beruhen auf der Abhängigkeit CO2-emittierenden Energieträgern. – Durch diesen pyramidalen Aufbau des Fossilen Systems lässt es sich nicht reformieren und überführen in ein solar-regeneratives System. Die Basis dieser Pyramide stellen die fossilen Energieträger dar. Entfernt man sie, stürzt das gesamt System ein. Es hätte durch die Politik eine evolutionärer Austausch der fossilen Basis, vorgeschrieben werden müssen. Erfolgreich wäre dies nur global vollzogen worden. Hätten einzelne Staaten konsequent gehandelt, hätten sie immense ökonomische Nachteile gegenüber den anderen Staaten gehabt. Also hätte, wie in den 1970er Jahren korrekt konstituiert, eine globale Initiative erfolgen müssen, die alle Staaten ökonomisch geschwächt hätte. Da dies niemand wollte, konnte sich beispielsweise die Regierung der 1980er Jahre in der BRD darauf berufen, Klimapolitik müsse globale Politik sein, national könne hier wenig ausgerichtet werden – so die Wahlprogramme der CDU/CSU in dieser Zeit. Der SPD war Klimapolitik nahezu vollkommen egal. Mitunter deswegen wird sie heute abgestraft. Ihr wird keine Kompetenz für die Lösung von existentiellen Problemen zugetraut. Das ist durchaus berechtigt, weil sie keinerlei Ideen für eine Lösung beitrug und heute beiträgt. Wiederum liegt das in dem schwerfälligen System der SPD begründet. Sie agierte für ein besseres Leben der Menschen, ließ aber Umweltszenarien völlig ausser Acht.

Wozu wäre es also höchste Zeit? Eine Revolution von oben ist notwendig und die Bereitschaft aller – dafür den momentanen Lebensstandard zu opfern. Wir müssten bereit sein, ökonomisch neu zu denken, müssten Schrumpfung in Kauf nehmen und uns von dem Wachstum verabschieden. Finanzmittel müssten freigesetzt werden, müssten in den global angeordneten revolutionären Umbau des fossilen Systems gesteckt werden. Nur dies wäre ökonomisch in die Zukunft gedacht. Alles andere, ist unökonomisch!

Aber der Mut fehlt und die Notwendigkeit scheint noch immer nicht gegeben. Was muss noch alles passieren, damit eine solche geordnete und verordnete Revolution von oben auf den Weg kommt?

Wahrscheinlicher ist momentan ein anders durchaus apokalyptisches Szenario. Die begrenzten fossilen Ressourcen werden in zwei Jahrzehnten aufgebraucht sein, das fossile System bricht zusammen, die globale Erwärmung wird soweit fortgeschritten sein, dass es nun allen einleuchtet: Ökonomisch begründbar kann das fossile System nicht mehr aufrechterhalten werden. Wie auch, es wird keine fossilen Ressourcen mehr geben! Dann ist es natürlich längst zu spät, um zu reagieren. Menschen werden regiert von äusseren Einflüssen. Da wird auch folgendes kein Trost sein: Ohne fossile Ressourcen wird es keine gewaltigen CO2-Emissionen mehr geben. Folglich ist auf lange Sicht die globale Erwärmung nicht mehr relevant. Ein Abkühlung wird erfolgen. Der Preis dafür wird hoch sein: Die Weltbevölkerung der Spezies Mensch wird im Vergleich zum heutigen Stand gewaltig reduziert sein. Die Umweltschäden werden gigantische Ausmaße erreicht haben. Und die Form der Staatssysteme? Darüber können wir nur mutmaßen. In dieser Zukunftsvision wird sich Politik sicherlich radikalisiert haben. Ob Demokratien dann eine zeit- und umstandsgemäße Staatsform sein werden, sei dahingestellt. – Wollen wir das wirklich?

Das fossile System wird in 20 Jahren so und so nicht mehr bestehen. Es ist besser eine globale Revolution von oben anzustreben, als in eine unkontrollierte Revolution unverantwortlich hineinzuleben. Diesen Prozess könnte die Bewegung „Fridays for Future“ auslösen. Ohne die berühmten Einschnitte unseres Lebensstandards wird das nicht funktionieren. – Askese, Metanoia, Katharsis sind die Wörter der Stunde.

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