Fridays for future: „Die einen bekommen Verweise, die anderen werden straffrei abgewählt.“

Fridays for future: „Die einen bekommen Verweise, die anderen werden straffrei abgewählt.“

Aus meiner Perspektive des Geschichtswissenschaftlers und historischen Diskursforschers, der historische Klimaforschung zu seinen wissenschaftlichen Schwerpunkten zählt, bleibt mir einzig zu schreiben: Ich unterstütze die Anliegen der Schülerinnen und Schüler sowie Studierenden, die an den „Fridays for future“ vorgetragen werden, entgegen der herablassenden Äusserungen einiger Politikerinnen und Politiker, die offenbar immer noch nicht den Ernst der Lage begriffen haben. Anders ausgedrückt: Auch die ökonomische Dimension des Klimawandels, die für die eine/n oder andere/n vielleicht verständlicher ist, scheint noch nicht überschaubar genug zu sein. Die Dimensionen Liebe, Pflicht, Verantwortung, Tugend, Moral möchte ich hier noch gar nicht erwähnen. Ökonomische Argumente sollten doch in kapitalistischen Systemen ankommen, auch wenn sie ein wenig kompliziertere Simulationen erfordern, die auch eine gewisse Vorstellungskraft benötigen. Aber diese Simulationen lassen sich ganz einfach ausdrücken: Wenn es keine funktionierenden Märkte mehr gibt, funktionieren die Märkte nicht mehr. – Sagt die Form der Redundanz nicht alles? Natürlich, es gibt das Prinzip Hoffnung: Es wird schon nicht so schlimm. Über die Qualität des Wandels, der uns bevorsteht, lassen sich in der Tat keine Aussagen machen. Dass es ihn geben wird, steht ausser Frage: Wir werden das fossile Zeitalter verlassen: so oder so! Gekocht, gegrillt, vergiftet, erdrückt, ertrunken, wohl kaum entspannt und gut gelaunt, aber verlassen werden wir es. Ist es da nicht gut, dass Schülerinnen, Schüler, Studierenden ihre Stimme erheben, um wenigstens die Qualität des Wandels zu beeinflussen? Wir, die wir alle in dem System stecken, brauchen diesen Anstoß von denen, die noch weiter entfernt sind, um deren Zukunft es aber vor allem geht.

Auch Wissenschaftlern, die sehr genaue Vorstellungen davon haben, was passieren wird, wenn die Politik untätig bleibt, können nichts tun, außer Wissen zu schaffen. Die Politik muss handeln, dafür ist sie in unserem System eingerichtet. Sie tut es nicht, weil sie auf die weitsichtige Wissenschaft weniger hört als auf die kurzsichtige Ökonomie. Also muss der Anstoß von denen kommen, für deren Welt wir die Verantwortung tragen. Es ist – um es noch einmal zu sagen – damit eine Notwendigkeit ihre Anliegen zu unterstützen.

Es ist eine Notwendigkeit, Klimawandel, seine Geschichte und seine Zukunft zu Bestandteilen der Lehre in Schulen und Hochschulen zu machen. Der Umgang mit dem Gewordenen, der Umgang mit dem, was auf uns gekommen ist und was wir daraus entwickeln, welche Gefahren, welche Chancen daraus entstehen, muss aus der Forschung noch viel mehr in die Öffentlichkeit getragen werden. Die Naturwissenschaften haben ihren Anteil daran, die Geistes- und Sozialwissenschaften in den Environmental Humanities and Social Science nicht minder oder vielleicht sogar noch mehr. Sie sind die Mittler gegenwärtiger Forschung und Reflexion gegenwärtiger diskursiver Formationen, aber auch des Wissens aus der Vergangenheit.

Für die Politikerinnen und Politiker gilt eines: Mit allen finanziellen Mitteln, aber vor allem mit gesetzgeberischer Macht, müssen sie den Umbau vorantreiben, um die globale menschengemachte Erwärmung einzudämmen. Das können nur sie! Wir liefern Wissen, wir liefern Reflexion und Möglichkeiten. Die Umsetzung liegt in Rechtsstaaten bei der Politik. Nun ließe sich sagen: Der Klimawandel ist zu groß. Die Geister, die wir riefen, sind so übermächtig. Wenn man nichts tut, ist das sicherlich so. Tun – Aktion – bedeutet: das Fossile Zeitalter endlich hinter uns lassen. Dass Aktion etwas bringt, dafür gibt es gute Beispiele. Wir müssen nicht weit zurückblicken: Der Saure Regen und das Waldsterben der 1980er Jahre sowie das Ozonloch sind Beispiele dafür, wie erfolgreich durch Gesetze anthropogen verursachte Klimaschäden eingedämmt und überwunden werden können. Ökonomisch argumentiert: Jeder finanzielle Aufwand wird sich auszahlen, wenn dadurch zukünftig ökonomische, ökologische und vor allem mannigfaltige humanitäre Katastrophen verhindert werden können.

Schülerinnen, Schüler, die auf die Straße gehen und dort diese Anliegen vortragen und ihr Engagement sichtbar machen, müssen mit Repression rechnen. Verweise und andere schulische Strafen sind für das Fernbleiben vom Unterricht gesetzlich vorgeschrieben. Sie gehen damit bewusst das Risiko ein, die Folgen zu tragen, die ein Verstoß gegen die Normative des Rechtsstaates mit sich bringt. Die Seite, die sie ansprechen wollen, die Politikerinnen und Politiker, dürfen hingegen eines nicht: die Grundrechte – auch für zukünftige Generationen – nicht beachten. Auch sie haben wie die Schülerinnen und Schüler Verpflichtungen gegenüber Normativen. Aber sie haben eindeutig die „bessere“ Position und die „besseren“ Chancen straffrei aus ihrem Tun beziehungsweise Nichtstun herauszugehen:

Die einen bekommen Verweise, die anderen werden straffrei abgewählt. – Für verantwortungsloses Nichtstun werden sie nicht zur Rechenschaft gezogen werden können. Sie werden, so es noch Demokratien gibt, abgewählt worden sein. Keine Demokratien mehr? Kann das sein? Auch unsere Staatsform steht auf dem Spiel. Klimawandel und seine Folgen radikalisieren. Werden wird 2045 unsere gewohnte Gesellschaftsform und alle anderen unserer liebgewonnenen Gewohnheiten unsers gegenwärtigen Lebensvollzugs noch wiederfinden, in ihnen und mit ihnen leben? Werden sie musealisiert worden sein in Freilichtmuseen der guten alten Zeit? Die Antwort ist einfach: Der Wandel ist uns sicher, wenn nichts getan wird kommt er ebenso. Wenn etwas getan wird, kommt er auch. So wird es nicht weiter gehen. Es bedarf also nur einer mutigen Entscheidung, die niemals so falsch sein kann, wie das Nichtstun.

Denkt an Sauren Regen und Ozonloch! – Handeln lohnt sich.

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