Erinnern: 1989

30 Jahre: 9. November
Stefan Lindl 
 
Zusammen saßen wir
um den Wohnzimmertisch
der Bonner Republik,
tranken Darjeeling second flush 
aus diaphanen Tassen, 
philosophierten pessimistisch,
glaubten an weiter, weiter so 
des grauen Jahrzehnts, 
zerrieben zwischen den Blöcken 
zerfressen vom Krieg, 
angekratzt, drangsaliert 
von Rheinischer Politik. 
Waren nicht für den Krieg, 
bezahlten in der Währung 
Lebenszeit, Verlust zweier Jahre.
Ungezügelte Wut, weil die Regierung
unsere Freiheit beschnitt. 
Kein Lichtblick, keine Frühlingsluft, 
keine fliegenden Ideen. 
Eine Mauer aus Zeit.
Kann es wirklich sein? 
Da tut sich nichts. 
Welcher Trotz in uns als Replik. 
Nicht mit uns! Kriegt uns nicht!
Sind stärker, härter, jünger, 
schlauer, genialer sowieso!
Ganz Anti, ganz Verdruss 
über die böswillige 
Missachtung unserer Jugend.
Wir schworen uns 
Transparenz und Demokratie, 
Liebe, flache Hierarchie, 
wenn wir einst den 
Scherbenhaufen erben. 
 
Sommer 89, in West-Berlin 
nur Teichoskopie,
wir mit goldenen Locken 
in den langen Haaren
in der Hand ein Bier.
Ihr bekommt uns nicht!
Unsere Raserei
war unsere Tugend, 
war regenerative Energie, 
unser Antrieb gegen 
den aufgezwungenen Krieg. 
 
Dann kamen die Montage, 
wir glaubten es kaum. 
Leipzig! Leipzig, 
Hoffnungsschimmer,
Leipzig, erfüllte 
sich dort unser Traum?
„Nikolaikirche“ presste 
Tränen, unfassbares Glück.
Kann es sein? 
Ein Rauschen im knorrigen Baum
der Mächte, ein Raunen 
der letzten farbigen Blätter. 
"Wir sind das Volk!", 
skandierten sie, 
die Unbekannten 
hinter dem Zaun.
Am 9. November 
jubelten wir mit ihnen, 
tanzten um das Loch 
im düsteren Himmel.
Nun, nun endlich kamen wir, 
am Ende der Wut 
stand Triumph über 
die alte Rheinische Republik. 
Es brach an die Renaissance
des Individuums, des Körpers. 
Diversität, Liebe, 
schnelle Elektro-Beats, 
Upper, Ecstasy, Taurin 
verkloppten Hypnos, 
nur nicht schlafen, 
extatisches Zucken
auf 130 bpm,
Trance ohne Ende
auf den zerfließenden Blöcken. 
Kein Stein blieb auf dem 
andern seit dem 9. November.
 
Fünf Monate zuvor tranken 
wir noch Tee aus diaphanen 
Tassen, ohne Ziel.  

Unsere Replik. 

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