Eger-Viertel, Ankerbräu, Nördlingen – Zwischen Klimaschutz und Denkmalkult?

Angerbräu-Gelände / Egerviertel: In Nördlingen entsteht ein interessantes städtebauliches Projekt zwischen „Klimaschutz und Denkmalkult“. Ein nicht einfaches Gelände, das seit 2016 nicht mehr gewerblich genutzt wird, soll sinnvollerweise in den kommenden Jahren einem Entwicklungsprozess unterzogen werden. Das besondere ist die Lage in einer einmaligen historisch gewachsenen Stadtsituation. – Eine beachtliche Herausforderung.

Auf dem Gelände der Nördlinger Ankerbrauerei soll nahe dem Heilig-Geist-Spital ein Gelände der Altstadt in Wohnungen, Beratungsstelle und Kindergarten konvertiert werden. Ein Projekt in einem äusserst sensiblen Bereich an der Baldinger Mauer zwischen Oberen Wasserturm und Baldinger Tor.

Ein Augsburger Unternehmen, das sich „zukunftsweisenden Projektentwicklungen im Städtebau verschrieben hat“, plant das Viertel. Es bezeichnet sich selbst als „innovativ“, „nachhaltig“, „zukunftsorientiert“. Das Unternehmen trägt ecology im Namen. Die Herausforderung in der Altstadt von Nördlingen ein Viertel zu entwickeln ist groß. Ob das ökonomisch, ökologisch, kulturell und sozial nachhaltig unter Berücksichtigung der vorhandenen natürlichen Ressourcen (Bodenbeschaffenheit) und kulturellen Ressourcen (Stadtmauer, bestehendes und angrenzendes bauliches Kulturerbe) gelingt, wird sich in den nächsten Wochen herausstellen. In die Planung wurden wohl drei (vier?) Bestandsbauten mit einbezogen, die Entwürfe der Neubauten wurden dem historischen Stadtbild angepasst. Die historische Dimension des Brauereigeländes bleibt damit in einigen Teilen auf den ersten Blick erhalten und wird weiterentwickelt. Wobei sich auch die Frage nach einem möglichen Umgang mit dem Sudhaus als zentraler Bauteil einer Brauerei stellt, das einem Neubau weichen wird.

Ankerbräu – Nördlingen

Kurzum: Ein auf den ersten Blick unaufgeregter Entwurf, dem es auf lange Sicht gelingen wird sich in die Altadt ästhetisch einzugliedern. Er schreibt dem Viertel verschiedene historische Werte zu, originalisitisch mit den drei Bestandsgebäuden und idealistisch mit den Satteldächern und vielen Gauben und einem komplexen Freiflächensystem sowie Durchgängen. Die Grünflächen verweisen auf die historischen Gartenanlagen in diesem Areal, die auf dem bestehenden Gelände verloren gegangen waren, aber in den frühneuzeitlichen Stadtansichten dargestellt werden.

Für die Verdichtung der Stadt Nördlingen erscheint die Planung ein guter Ansatz zu sein, auch wenn sicherlich die Weiterentwicklung von Bestandsgebäuden wünschenswert wäre. Die Bestände zu nutzen, wäre sicherlich ein Gebot einer neuen Stadtplanung. Aber die Rahmenbedingungen sind dafür schwierig. Deutlich wird das an der geplanten Tiefgarage, die auf ein allgemeines Problem der Bayerischen Bauordnung verweist.

Um die Tiefgarage kommt das Projekt wohl nicht herum. Für den Klimaschutz wäre dies sinnvoll. Die Bayerische Bauordnung hinkt mit ihrem strikten Stellplatzschlüssel den „Habitat III / New urban Agenda“-Vorgaben hinterher. Dadurch entsteht ein bedauerlicher Druck auf bauliches Kulturerbe und schützt die natürlichen Ressourcen nicht sonderlich.

Eine Revision des Stellplatzschlüssels der Bayerischen Bauordnung wäre unter Klimaschutzaspekten wünschenswert, kann aber nur mit entsprechenden Mobilitätskonzepten gelöst werden, die wiederum einen neuen Rahmen aufmachen, der keineswegs einfach zu lösen ist. Die historische Grundlage der Stellplatzverordnung, ist die Reichsgaragenverordnung von 1939, die dem Individualverkehr Tür und Tor öffnete und den Slogan der SPD der 1950er Jahre erst ermöglichte: „Freie Fahrt für freie Bürger.“

Zu fragen ist natürlich auch: Wie verhält sich die Planung zum Leitbild „Authentische Stadt“? Wie bezieht sich das neue Viertel auf die historischen Bedingungen der mittelalterlichen-frühneuzeitlichen Parzellierung und Nutzung? Welche Strategien des Authentifizierens ließen sich weiterentwickeln um die verschiedenen historischen Schichtungen besser herauszuarbeiten?

Ankerbräu-Gelände in der Frühen Neuzeit

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