Herr der Zeit. Nachruf auf Claude Kalume Mukadi, Prince d’Abomey

Herr der Zeit: Adieu Claude, adieu Prince d’Abomey. Ein Nachruf

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Keinerlei Informationen: Ich weiß nicht wie, ich weiß nicht wann. Wohl irgendwann im Juli 2020 verschwand Claude Kalume Wa Mukadi Dah Vignon, Prinz von Abomey / Benin, aus dieser Welt, um in die der Ahnen hinüberzugehen. Keine Todesanzeige, kein Nachruf findet sich im Internet auf einen erstaunlich bemerkenswerten Menschen: Bürgerrechtler, Friedensaktivist, Fischhändler, Vortragsreisender, Vermittler Afrikas in Theorie und Praxis, Urmünchner aus der Republik Kongo. Umstritten, belächelt, verehrt, bewundert – ein großer und offenbar doch ein unbekannter Mann. Die letzte Spur, die ich von ihm habe, findet sich in meinem e-mail-Postfach. Da schrieb er mir in den frühen Januartagen des Jahres 2018: „Dir, wünsche ich in 2018, viel echtes Glück, Gesundheit, große positive Erlebnisse. Freue mich auf ein Wiedersehen mit dir. Claude.“ Ich antwortete, ich riefe ihn bald an. Getan habe ich es nicht. Zu viel andere Dinge drückten und drängten. Es war eine schwierige Zeit für mich. So blieb unser Treffen ungeschehen, ich hoffte auf die nächste Gelegenheit. Nun zeigt sich, es war die letzte für mich gewesen, um ihn wiederzusehen. Sie ist vertan und kehrt nicht wieder. Nun ist’s Erinnerung. 

Für einen Europäer wie mich war Claude eine gewaltige Herausforderung. Aber ich möchte die Geschichte von vorne erzählen: Ein gemeinsamer Freund, Jörg Linke, brachte uns im Frühjahr oder Sommer 2004 zusammen. 10 Jahre Demokratie in Südafrika sollten gefeiert werden. Ein Spektakel mit Podiumsdiskussion, Musik, einem Grußwort der Generalkonsulin, vormals Bürgermeisterin von Kapstadt. Moderation, Mitdiskutant an der Podiumsdiskussion und Anmoderation der Generalkonsulin waren meine Aufgaben. Konversation, viele Kontakte, südafrikanischer Wein, afrikanisches Essen und Tanz gab es als Bezahlung. Claude organisierte das Essen und er hatte eine Idee für die Podiumsdiskussion: Er wollte, das war immer seine Mission, Afrika den Europäern näherbringen. Sein Konzept beruhte auf einem Zwiegespräch des Afrikaners – Claude – und des Europäers – ich. Es traf sich dabei ganz gut, dass ich schlichtweg keine Ahnung von Afrika hatte. Dieser Vortrag oder besser dieses Zwiegespräch wurde, soweit ich mich erinnern kann, unter dem Motto „Europa hat die Uhr, Afrika die Zeit“ angekündigt. Meine Aufgabe bestand darin, die Rolle des Kolonialisten zu spielen und aus dieser Perspektive zu argumentieren und – zu verlieren. Claude hingegen war der weise und narrativ überlegene Afrikaner, der mir klarmachte, wie sehr ich doch Kolonialist sei, obgleich ich mir dessen gar nicht bewusst war. Eine interessante und lehrreiche Erfahrung. Claude reihte eine Anekdote an die andere. Ein additives Erzählsystem des Zuerzählens, ein Narratioinsprinzip, das ich bis dahin nur von E.T.A. Hoffmann kannte, sollte ich ordnen und lenken und auch dramaturgisch führen, um ihn und sein Erzählen zu europäisieren. Er hatte mich also als Kolonialherr der Argumente und der Narrationen positioniert und forderte diese Rolle konsequent von mir ein. Diese mehrfachen Brechungen des Verhältnis von Afrika und Europa waren typisch für ihn. Immer war alles in der Schwebe, das Ziel: die Dekonstruktion fest geglaubter Positionen. Für mich war dieses Gespräch ein unabsehbares Experiment. Claude hatte mir einige seiner Anekdoten erzählt gehabt, aber welche er nun vortragen würde, wie ich damit umgehen sollte, das wurde nicht geplant. „Das machen wir schon. Das wird gut klappen. Du wirst sehen“, sagte er. Nur allgemeine grundlegende Prinzipien waren festgelegt worden. Da ich mit Unbekannten durchaus jonglieren konnte und in der Improvisation geübt war, glaubte ich der Angelegenheit irgendwie gewachsen zu sein. Weitere Vorbereitung auf dieses Gespräch vor einem nicht allzu großen, aber auch nicht allzu kleinen Publikum, gab es eigentlich nicht. Aber ich sollte bald erkennen, dass Absprachen auch nicht wirklich möglich und nötig waren. Einlassen auf Afrika, darum ging es auch bei diesem Gespräch. 

Der Beginn unseres Podiumsgesprächs rückte näher. Wir setzten uns auf eine rote Bank und begannen wie aus dem Nichts in das noch quasselnde Publikum zu sprechen, das sich in einem heißen, überfüllten Zelt mit uns befand. Claude provozierte mit Aussagen, warum ich, also ich der Europäer, für den Tod so vieler Afrikaner in Kongo, in Ruanda verantwortlich sei. Der Genozid an den Hereros und meine Nähe zu Lothar von Trotha wurde mir auf unserer lauschigen roten Bank vor Augen geführt. Unsere europäische Unfähigkeit die Vielfalt zu leben, schmierte er mir Zentimeter um Zentimeter mit unendlich viel Charme und Witz auf meine deutsche Stulle. Wieso können wir eigentlich nicht verstehen, dass am Vormittag Ahnenkult betrieben wird, der Medizinmann kommt und am Abend der Rosenkranz in der Kirche gebetet wird? Schamanentum und der Papst passten doch wunderbar zusammen. Afrika sei inklusiv, Europa exklusiv. Alles was nicht nach unserer Ordnung gehe, sei schlecht und müsse missioniert werden. Aber eigentlich müsste man sagen: Vergesst Afrika, es könnte sich selbst helfen. Dieser Meinung war er. Jede „Entwicklungshilfe“ ein Akt des Kolonialismus! Claude Kalume forderte mir viel Improvisationsvermögen ab. Das Podiumsgespräch verließ ich mit dem Gefühl völlig versagt zu haben. Das, was er von mir wollte, hatte ich in meinen Augen nicht erfüllt. Doch er sah es offenbar anders. Seit diesem Abend standen wir in regelmäßigem Austausch. Damals war er noch Claude und nicht Prinz von Abomey. 

Er wollte mit mir eine ganze Reihe von Podiumsdiskussionen über Afrika und Europa abhalten. Es kam aber nur noch zu einer weiteren. Sie fand in Tutzing statt und trug den Titel „Du schwarz, ich weiß!“. Ein Wortspiel, ganz nach seinem Geschmack. Die Diskussion war auf 19.30 Uhr angesetzt. Wir hatten uns verabredet gegen 18.00 Uhr den Abend zu besprechen und ein wenig zu strukturieren. Ich hatte die Uhr, ich der Europäer, und war pünktlich. Claude kam nicht. Er hatte die Zeit. Um 19.00 Uhr wurde ich unruhig, denn zumindest ein paar Minuten hätte ich doch gerne mit ihm über den Ablauf gesprochen. Doch Claude tauchte einfach nicht auf. Ich rief ihn an. Ein erstes Mal, ein zweites Mal, ein drittes. Aber Claude ging nicht ans Telefon. Mir blieb nichts anderes übrig als zu lernen, was es bedeutet, nur eine Uhr zu haben. Das Roncalli-Haus, der Veranstaltungsort, füllte sich. In den Reihen im Vortragssaal saßen immer mehr Europäer mit Uhren. Jede einzelne blinkte mich ungeduldig an. Und was war mit Claude? Er blieb dieser Ungeduld fern. Es war inzwischen 19.40 Uhr und die Europäer mit den Uhren an den Handgelenken wurden unruhig. Die Veranstalterin fragte mich, wo denn Claude bliebe, machte mich für sein Fernbleiben verantwortlich. Aber ich wusste es doch nicht. Um 19.45 Uhr entschied sich der Europäer in mir, auf die Bühne zu gehen und über Europa und Afrika so lange vorbereitend zu reden, bis Claude Kalume Mukadi vielleicht doch noch kommen würde. Im Saal saßen Afrikaspezialisten der Tutzinger Akademie für politische Bildung. Grauenvoll war das, denn ich war kein Experte, ich war doch nur der Europäer, der moderierte. Ich habe keine Erinnerung mehr, was ich da auf der Bühne von mir gab. Es kehrte aber langsam Ruhe in mir ein, denn ich spürte, dass mich Afrika erreicht hatte. Ich saß nicht mehr auf einer Bühne, vor mir befanden sich keine Stuhlreihen, ich saß unter einem Baobab und erzählte über Claude, was ich von ihm wusste, was ich von ihm an weisen Sprüchen kannte. Additiv erzählte ich hinzu, berichtete aus meiner Perspektive. Es war 20.15 Uhr, 20.20 Uhr, danach blickte ich nicht mehr auf mein Handgelenk. Irgendwann unvermittelt kam Claude und setzte sich neben mich auf den so lange vakanten Stuhl. Kein Wort verlor er darüber, dass er zu spät war. Er hatte schließlich die Zeit. Er war Herr der Zeit. Wir begannen unser Gespräch, es lief von selbst. Wir sprachen mit dem Publikum und offensichtlich war es nicht unzufrieden. Claude sparte nicht an Kritik und Selbstkritik und er gab uns eines auf den Weg: „Ihr definiert euch über Dinge – das Menschsein ist aber nur über andere Menschen möglich!“ Einer von vielen Sätzen Clauds, die einfach saßen. An manchen Tagen war er eine Aphorismenmaschine. Im Minutentakt flogen sie seinen Gesprächspartnern um die Ohren, oft war das im Café am Beethovenplatz in München.

Wir gingen unserer Wege. Claude wurde gekrönter Prinz von Abomey, wurde Diplomat, Friedensbotschafter, brachte Afrika nach Europa und Europa den Europäern näher. Ich sah ihn von der Ferne bei Vorträgen, die er nun alleine bestritt. Er dekonstruierte weiter und hielt den Spiegel vor. Recht hatte er in vielen Dingen. Recht hast Du immer noch, Claude. In Deinem Weltverständnis bist Du auch weiter unter uns, auch wenn in einer parallelen Welt.

Sorry. I could not determine the image rights. I took the photo of Claude Kalume Mukadi from his FB-site. I would be grateful for a subsequent approval.

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