Muss Architektur des NS vernichtet werden?

Muss Architektur des NS vernichtet werden? Oder: Der Umgang mit dem Bösen

Im Zuge der Abrissarbeiten der ehemaligen Augsburger Rees-Kaserne kristallisierten sich immer mehr Diskurspositionen heraus. Beispielsweise reduzieren einige die Reese auf ihre Entstehungszeit, den NS. Die Nazi-Kasernen seien Ausdruck der menschenverachtenden, mörderischen Pläne des Nationalsozialismus, deswegen sei es nicht bedauernswert diese Gebäude zu verlieren. Träger dieser Ansicht fanden sich im Stadtrat Augsburgs ebenso wie an verschiedenen Stellen des öffentlichen Dienstes wie auch in der Stadtbevölkerung. Auf Facebook finden sich Claqueure weit gestreut, vom Jüdischen Museums bis zum Staatstheater. Natürlich reduziert diese Aussage die Geschichte der Gebäude auf eine kurze Phase ihrer Bestandszeit. Vergessen bleiben die Umnutzungen dieser Wehrmachtsstützpunkte. Die Displaced Persons, die US-Amerikanische Besatzungszeit, die Kooperationszeit der Bundesrepublik Deutschland mit den US-Amerikanern, die Demokratisierung dieser Gebäude bis hin zu ihrer Konversion und Zwischennutzung für Künstlerinnen und Künstler. All das ist die Geschichte dieser Gebäude, sie hört nicht mit dem 8. Mai 1945 auf, sie hat im NS begonnen und dauerte viel Jahrzehnte an. Materie ist geschichtlich, eignet Geschichtlichkeit. Sie lässt sich nicht partiell betrachten. Von den acht Jahrzehnten (1945-2020) kann eine Erfolgsgeschichte der Menschlichkeit, der Demokratisierung und der Stadtkultur erzählt werden, bis hin zur Narration der Zerstörung wegen eines Neubauprojekts. Geschichte muss erzählt werden und die NS-Geschichte ganz besonders, sie braucht materielle Sichtbarkeit, ansonsten setzt sehr schnell das Vergessen ein. Sichtbarkeit benötigen auch die sowjetrussischen Displaced Persons und die Deutsch-Amerikanische Freundschaft sowie die Künstler in der Stadt, die dort in diesen Architekturen des NS arbeiteten. All das gehört dazu. Wie wichtig dabei die Materie ist, darf nicht unterschätzt werden. Aber natürlich lassen sich viele Gründe dafür finden, sie zu beseitigen. Neue Wohnungen beispielsweise, aber warum nicht Bauen am Bestand? Warum Vernichtung? Das Erzählen der Geschichte wird schwer, wenn die Materie fehlt, die den Narrationen immer ein Anker ist. Da wird der Aufklärung geschuldete Flachware, wie historisierende Feigenblatt-Tafeln, nicht viel bringen. Nicht dass ich gegen sie etwas hätte, sie sind besser als nichts. Aber an die Macht der Materie kommen sie nicht heran. Der Ort wird durch den Abriss bereinigt. Tabula rasa, Neubeginn, seine historische Atmosphäre ist verloren.

Letztendlich ist das alles passé. Die Materie verschwand aufgrund einer demokratischen Entscheidung. Das ist respektabel. Für die Zukunft wäre es wünschenswert einen intensiven, vielstimmigen Diskurs darüber zu führen, der dann in einem Konsens endet. Dafür wäre ein offener, neutraler Ort wichtig, an dem die Parrhesia gepflegt werden kann: die Redefreiheit über Vergangenheit und Zukunft urbaner und nicht urbaner Räume. 

Abgerissene Kradhalle der Reese-Kaserne Augsburg, c: Gärtnerhaus im Park

Für mich persönlich gibt es einen bevorzugten Weg mit der Geschichte umzugehen, es ist der inklusive Weg: Weiterentwicklung der Materie, die Wissensformationen evoziert. Damit schließe ich die Beseitigung der Materie und den Verlust des Wissens aus. Materie kann unbequem sein, weil wir ihr etwas Unbequemes, Unbehagliches zuschreiben müssen. Je kritischer, je detaillierter, je sichtbarer auch durch die Materie dieses Unbequeme wird, desto nützlicher wird es für uns, für das, was wir sind: geschichtlich. 

Diese, meine Diskursposition entwickelte sich aus meiner Geschichte: 

Kunst liebe ich. Gerne umgebe ich mich mit Gemälden, Zeichnungen, Skulpturen, Plastiken. Dort wo sie mich umstehen wie umhängen, fühle ich mich wohl. Mein Behagen zwischen Kunst ruht auf einer kindlichen Prägung. An den Wochenenden übernachtete ich liebend gerne bei meinen Großeltern. In ihrem Haus hing überall Kunst, überall gab es etwas zu betrachten. Besonderen Reiz übten vier Zeichnungen aus, die Schlafzeichnungen, die großformatig, gut gerahmt an der Wand über der Treppe hingen, die zu dem winzigen Dachzimmer führte, in der mein Bett stand. Eine kühle Architekturzeichnung einer Kirche, verfertigt mit Bleistift und Aquarellfarben, eine Stadtansicht, zwei Rötelzeichnungen, der Innenraum und die Außenansicht einer Kirche. Besonders die Vedute hatte es mir angetan, gefolgt von der kühlen kolorierten Architekturzeichnung. Meine Blicke glitten an ihnen entlang auf dem Weg in die kleine kühle Dachkammer, in der das zentnerschwer empfundenen Plumeau auf mich wartete, das mir Wärme und Geborgenheit gab. Die Zeichnungen gehörten zu diesen Wochenenden, die mir Urlaube waren und für das gute Leben standen. Wären die Zeichnungen abgehängt worden, ein Unbehagen hätte die Übernachtungen gestört, wohl hätte ich nicht schlafen können. Es waren diese vier Bilder, nach denen ich mich unter der Woche sehnte. Wenn ich einst groß sei, so sagte ich mir, wollte ich selbst solche Bilder sammeln und an alle Wände hängen. Vier Zeichnungen prägten meine Wahrnehmung, meine Werte, meine Sehnsüchte. Sie waren mir über die Kindheitsjahre eine Gewohnheit geworden, ohne die meine Welt nicht denkbar gewesen wäre. Doch nichts ist von Dauer und keineswegs die Gewohnheiten. Irgendwann bemerkte ich, was es mit diesen Zeichenwerken auf sich hatte. Dazu bedurfte es eines neuen Blicks auf die Bilder. Ein Blick fern der Kindheit, ein Blick des Studenten der Kunstgeschichte. Jahrelang waren sie mir das Schöne, von geübtem, gekonntem, überlegenem Stift auf Papier gebracht und niemals hatte ich Jahreszahlen und die Beschriftungen wahrgenommen: Smolensk, 1941. Innerhalb von Sekundenbruchteilen hatte ich mich von ihnen durch das Übelkeit erzeugende Grauen in mir distanziert, ausgelöst von einer Jahreszahl und dem Namen einer Stadt. Befremdet stand ich den gerahmten Bildwerken meiner wohligen Kindheit gegenüber. Mir war mit einem Male klar, ihre Existenz verdankten sie dem zweiten Weltkrieg, der Wehrmacht. Krieg oder die Ergebnisse kriegerischer Handlungen waren darauf nicht sichtbar. Sie erschienen wie die Mitbringsel von einer harmlosen Studienfahrt eines Künstlers. Aber die Jahreszahl und der Name der Stadt ließen mich spontan ganz anders deuten. Seit meiner Kindheit hatte ich gewusst, der Zeichner sei ein Architekt gewesen, der Professor meines Großvaters. Aber nun wurde mir klar, als Wehrmachtssoldat, wohl in der Position eines Kriegsberichterstatters, hatte er die Kampfhandlungen um Smolensk begleitet. Spätestens als ich die Wehrmachtsberichte dieser Kriegstage kritisch-vorsichtig las, tabuisierte ich diese bildlichen Erzeuger meines kindlichen Wohlbehagens und verstieß sie; ich wollte nichts mehr mit ihnen zu tun haben. Sie hatten mich enttäuscht, hatten mir Schönheit, Behaglichkeit, Heimeligkeit, Schutz vorgegaukelt, obgleich sie doch genau für das Gegenteil standen, für Tod und Verbrechen, das sie einfach ausblendeten, nur die Schönheit dessen zeigten, was neben dem Krieg, dem Tod und den Verbrechen existierte. Zerrissen zwischen Schönheit und der Ablehnung des Verbrechens, befand ich mich. Aber es war alles ganz einfach. Ich hatte die Wahl, ich musste diese Relikte der NS-Zeit nicht ansehen, sie gehörten mir nicht, ich musste keine weitere Stellung beziehen, als sie abzulehnen. Doch wenn ich an sie dachte, wenn ich sie sah, wurde mir stets bewusst, welche Dissonanz Dinge erzeugen können. Sie können als schön empfunden werden. Sie können sich aber auch zum Symbol des Unmenschlichen wandeln, während die Schönheit verblasst, fast verschwindet. Lange musste ich nichts tun, lange ließen mich die Zeichnungen in Ruhe. Dann aber verstarb meine Großmutter, das Haus musste ausgeräumt werden, die Bilder befanden sich auf dem Weg in den Müllcontainer. Mir war klar: Die gehören genau dort hin. Als ich sie mit großem Schwung hineinwerfen wollte und schon hörte und sah, wie das Glas und die Rahmen zerbarsten, hielt ich sie fest, hielten sie mich fest. Ich lehnte sie an eine geschützte Wand und entsorgte anderen Hausrat ungehindert. Die Zeichnungen nahm ich mit zu mir nach Hause. Mit Scheu und Abscheu betrachtete ich sie und mit Liebe. Plötzlich wusste ich, dass es eine und vor allem meine Aufgabe sei, einen Weg zu finden, um diese Dissonanz zu lösen. Zwar konnte ich die Bilder nicht aufhängen, aber hinter einem Schrank geschoben, ließen sie sich immer wieder herausholen, um mir bewusst zu machen: Diesen Zeichnungen verdanke ich den Zugang zur Kunst, zum Schönen, zum Wohlbehagen – die erste Dimension. Diesen Zeichnungen musste ich jenseits ihrer Ästhetik aber auch Wissensformationen zuschreiben, die nicht verharmlost werden durften, die andauernd präsent sein mussten: Krieg, Tod, Vernichtung. Hätte ich die Bilder in den Container geworfen, hätte ich die Vergangenheit entsorgt, meine Kindheit, mein Wohlempfinden, aber auch mein Grauen, das Wachrufen der Wissensformationen über das Unmenschliche. Es gibt eine Verantwortung gegenüber den Dingen, ihrer Materie und den Wissensformationen, die sie evozieren. Dinge sind immer beides: Die Materie, sie allein konnte ich in meiner Kindheit erkennen, und das Immaterielle, die soziale Konstruktion, die Wissensformation, die erzählt, vermittelt werden müssen. Verschwindet die Materie, ist die Wissensformation, die soziale Konstruktion in Gefahr. 

Inzwischen hängen die Bilder unter vielen anderen in Petersburger Hängung an einer Wand unserer Wohnung. Jedes Mal – wirklich jedes Mal – ermahnen sie mich und manchmal erfreuen sie mich, wenn sie mich in meine Kindheit zurückkatapultieren. Vernichtung ist niemals eine Lösung. Kritische Inklusion sehr wohl. Dinge verpflichten. Drei Möglichkeiten haben wir mit ihnen umzugehen: belassen, anpassen oder beseitigen. Im unkritischen Belassen schwingt die Verehrung im Jetzt, das Beseitigen bringt das Vergessen in der Zukunft, das kritisch-analytische Anpassen ist die unbequemste Form, weil sie das Vergangene bewusst vor Augen führt und in die Zukunft transportiert und für sie bewahrt. Damit ist sie wohl die sinnvollste Form für die Menschen, die in Vergangenheit und Zukunft leben und jeden Augenblick das Jetzt schon verlassen haben, wenn sie glauben es zu leben. 

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