Semiotik der Maske

Ich bin Maskenträger aus Überzeugung in Augsburg – momentan ein Corona-Hotspot. Doch will sich mir ein Phänomen des Infektionsschutzes nicht so recht in all seinen Dimensionen erschließen.

Wenn ich aus meiner Haustüre hinaustrete, befinde ich mich inmitten der Altstadt Augsburgs. Dort stellt mir die Jahrhunderte alte Stadtplanung drei Möglichkeiten zur Auswahl, wohin ich mich wenden kann: Links nach Osten, geradeaus nach Süden, rechts nach Westen. Nach Süden und Westen könnte ich ohne Maske gehen. Will ich aber nach Osten, dann muss ich meine Maske über Nase und Mund ziehen. Das Haus, in dem ich wohne, liegt ganz nahe der Grenzlinie des innerstädtischen Maskensektors. Ein Unbehagen überkommt mich stets an dieser Haustüre, weil dort die Konstruiertheit der Grenze so erbarmungslos deutlich wird. Funktionalistisch, bezogen auf den Infektionsschutz, kann sie nicht erklärt werden. Denn wo liegt der Unterschied von Osten zu Süden und Westen? Sind der Süden und Westen weniger infektiös als der Osten? Sehr unwahrscheinlich! Da es wohl keinen funktionalistischen Grund gibt, bleibt als Interpretation der symbolische Akt, der sich in der Maskenpflicht offenbart. Der Vorteil des Virus ist das Problem der Menschen: Es ist gefährlich invisibel. Im Osten wird deswegen das Virus sichtbar gemacht via Maske, im Süden und Westen jedoch nicht. Es steht mir im Osten ins Gesicht geschrieben. Die Maske fungiert als Kleiderordnung meiner, unserer Vulnerabilität. Wir kleiden uns für alle sichtbar mit dem Virus, konstruieren symbolisch unsere Nähe und Zugehörigkeit zur Corona-Zeit, obwohl funktional-infektionstechnisch uns die Maske vom Virus fernhalten sollte. Semiotisch stellt sich die Maske jedoch gleich mit dem Virus. Anders ausgedrückt: Die Maske ist das sichtbare Virus. 

Das erinnert an die Ständegesellschaft der Vormoderne, an die Kleider- und Trachtenordnungen des 19. Jahrhunderts und natürlich auch an das düster-dunkle 20. Jahrhundert. Es wurde über eine Textilie nach außen getragen, was sonst unmöglich zu sehen war. 

Das leuchtet ein. Alle, die eine willkürliche Grenze der Altstadt überschreiten, kleiden sich mit einem Symbol der Möglichkeit der Infektion, kleiden sich mit dem Gegenstand, der das Virus sichtbar macht, der das Virus symbolisch verkörpert. Nun, das ist eine einfache und effektive Form der Kommunikation wie die Südtiroler Schürzensprache, die Mitra, die Uniform der Militärs, die Stola, die Burka oder die Kippa. Sie alle sind Informationsträger verschiedener Textilsprachen. Seit Jahrtausenden funktioniert das, um Distinktion zu üben, um Differenz zu markieren. Friedrich Wilhelm Voigt, der Hauptmann von Köpenick, wusste welche Macht ein Stück Stoff verleiht. Andere dagegen trugen keinen Stoff. Nacktheit entsprach Göttlichkeit, weil sich im Nackten die Differenz zur gekleideten Menschheit zeigte. Ein ewiges Textilienspiel und eine konkrete Varianz davon werden hier im Corona-Hotspot Augsburg manifest. Was vor 2000 Jahren bereits an Textilien abgelesen werden konnte, das trifft auch heute nicht auf Analphabetismus. Sie sind Träger von Informationen und das seit Ewigkeiten. 

Nur frage ich mich, warum Textilien im digitalen Zeitalter des 21. Jahrhunderts immer noch als Informationsträger so gewichtig sind, warum hingegen andere, zeitgemäßere, wie die social media, in der Corona-Krise so wenig genutzt werden, zumindest hier in meiner Stadt. Warum wird das Virus nicht durch Informationen aktuell sichtbar gemacht über Twitter, Facebook, Instagram, sondern durch ein Stück Stoff, das jedoch nicht überall benutzt werden muss, obwohl es doch funktional wichtig wäre, es überall zu tragen? Warum erfahren wir nichts Genaueres über die Orte der Infektion? Warum nicht darüber, welche Altersgruppen sich auf lokaler Ebene infizieren? Warum steht nirgends etwas über die Anzahl der Fälle, deren Infektionsursache nicht rekonstruierbar ist? Warum wird, obwohl detaillierte Daten und Informationen digital schnell weitergereicht werden könnten, davon so wenig Gebrauch gemacht? Warum bleibt das Virus in Augsburg digital so unsichtbar?

Die Maskenpflicht drängt uns die Anwesenheit des Virus ins Bewusstsein, aber so beeindruckend die Maske auch ist, als so informationsarm erweist sie sich. Sie macht das Virus nur sichtbar. Selbst auf den dritten Blick mutet diese Art, Aufmerksamkeit zu schaffen, an, als sei sie viel zu eingeschränkt, zu wenig, zu unangemessen in einer digitalen Demokratie, in der Transparenz problemlos und schnell hergestellt werden könnte.

Zwar scheinen digitale technische Möglichkeiten unbegrenzt zu sein, de facto aber werden die so wichtigen Informationen lediglich von einem Stück Stoff reduktiv transportiert. Das ist sicherlich schon etwas im Analogen, könnte jedoch noch mehr im Digitalen sein.

Ich bin Maskenträger in Augsburg und würde sie gerne, wenn sie denn so notwendig ist, über das Symbolische hinaus benutzen müssen. Für die Diffusion der Informationen gibt es zeitgemäßere Wege.

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Während ich diese Zeilen noch einmal lese, gehen zwei Damen an mir vorüber. – Keine Maske. Die eine empört sich: „Wenn jetzt (mein?) Test negativ ist, wovon ich ausgehe, dann ist doch die Quarantäne aufgehoben, oder?“ – Ich werde mich wohl verhört haben.

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