Vernissage: Zwischen Berg und tiefem, tiefem Tal

Zwischen Berg und tiefem, tiefem Tal

Über Hendrik Jonas und Reinhard Osiander

von

Stefan Lindl 

Am 15. November 2020 von 11.00 Uhr bis 16.00 Uhr findet die Corona-Vernissage in der Galerie Süßkind statt, Dominikanergasse 9, 86150 Augsburg. Da wegen Covid-19 keine reguläre Vernissage möglich ist und damit keine Rede, bleibt nur noch die Schrift ohne Performanz. Anbei also meine Laudatio auf Hendrik Jonas (Berlin) und Reinhard Osiander (Bremen). Die Ausstellung ist bis 30. Januar 2021 zu sehen.

Perfektion des Verschwindens

Antonio Stradivari verhält sich zu San Martino di Castrozza wie Michelangelo Buonarroti zu Carrara. Der Geigenbauer streifte durch den berühmten Bergwald, der Foresta dei Violini, mit seinem Haselfichtenbestand über den tiefen Tälern der Dolomiten. Den Maler und Bildhauer zog es hingegen auf die weißen Berge der westlichen Toskana mit Blick auf das blaue Mittelmeer, um den Abbau des nicht weniger prominenten Marmors zu überwachen. Beide, Stradivari und Michelangelo, suchten nach dem besten Material für ihre gerühmten Werkstücke. Nur das Erhabenste des Besten für die Besten des Erhabenen. Die mystifizierenden Erzählungen über diese Suchen nach dem Material der beiden Meister lassen vermuten, das Material spiele eine übergeordnete gewichtige Rolle in der Herstellung von Skulptur und Violinen. Allein wer heute vor den Skulpturen oder den Instrumenten steht, sieht von dem Material nichts, einfach nichts. Wer die Geigen hört, nimmt Reinheit und Volumen wahr. Material ging auf in Form und Klang, ist aber nicht mehr als solches wahrnehmbar. Michelangelos David vereinnahmt die Betrachter in seiner Gestalt, nicht als Stein. Darin verbirgt sich eine Paradoxie: Die Erzählungen über die Foresta dei Violini und Carraras Steinbrüche betonen das Material, Sorgfalt und Aufwand es zu wählen und zu beschaffen. Doch erstaunlicherweise diente es nur als Mittel zum Zweck, um möglichst vollkommene, wirklichkeitsgetreue Menschenleiber zu formen oder die besten Korpora für Saiteninstrumente herzustellen. Das Material spielte nach dem Gestaltungsprozess keine Rolle mehr. Es diente dem Ergebnis, ohne selbst noch wahrgenommen zu werden. Aber auch der Werkprozess verschwand, als seien die Werke aus dem Nichts entstanden. Stradivari und Michelangelo erscheinen seltsam entrückt, überstrahlt von dem Werk. Künstler, Material und Werkprozess verschwanden hinter der Perfektion. – Perfektion des Verschwindens. 

Perfektion der Präsenz

Jahrhunderte sind seit dem Wirken der Beiden vergangen und in diesem Fluss der Zeit wandelte sich das Bild der Meister, von denen sich zwei gefunden haben, um gemeinsam auszustellen. Kennengelernt haben sie sich vor Jahren in Augsburg, der eine stammt aus Kaufbeuren, der andere aus Bobingen. Ihre Wege trennten sich, um einer einfachen Regel zu folgen: von A nach B. Bei Jonas war dieses B Berlin, bei Osiander zuerst Berchtesgaden, dann Bremen. Nun kehren sie zurück mit einer gemeinsamen Ausstellung in einer bemerkenswerten Galerie in Augsburg

Jedoch begründet Freundschaft noch lange nicht, warum gemeinsam Kunst ausgestellt werden sollte. Sie garantiert auch keine Stimmigkeit, wenn Kunst in Räumen zusammenkommt. Als diese Worte geschrieben wurden, gab es das vereinigende Fest der Kunst von Jonas und Osiander noch nicht. Darüber zu schreiben, ob das Konzept funktioniert, schien eine etwas spekulativ gewagte Aufgabe zu sein, die einen gewissen seherischen Charakter nicht verbergen kann. So blieb nur die Annahme: Die Kunstwerke beider freundschaftlich verbundener Künstler passen hervorragend zusammen. Natürlich gilt auch bei ihnen: Kunst ist immer einzigartig, deswegen äußert sie sich vor allem in ihrer Unterschiedlichkeit. Doch auch das dünne feste Garn der Übereinstimmung verwebt der beiden Künste. Nur was haben Osiander und Jonas mit Stradivari und Buonarroti zu tun? 

Es ist ganz einfach: So wenig auf den ersten Blick die beiden Italiener, Geigenbauer und Künstler, miteinander verbunden sind, so eint sie das Prinzip ihres Gestaltens: die Perfektion des Verschwindens. Vergleichbar dazu sind auch Jonas und Osiander. So unterschiedlich der Maler und Illustrator sowie der Holzbildhauer auch sein mögen, so liegt ihre Stimmigkeit und Übereinstimmung doch im gestalterischen Prinzip, in der Perfektion der Präsenz. Das beginnt bereits im Auffinden der Materialien, die sie für ihre Kunst verwenden. Jonas verwendet Fundstücke als Grundlage seiner Malerei: Ein Aktenordner, eine gerollte Lehrtafel aus der Schule, ein Umzugskarton, ein Stück Holz, das aufwendig bearbeitet wird, bis es als Grundlage für Kunst dient und selbst dieses Kunstwerk wird, weswegen diese Materialien auch stets sichtbar bleiben. Sie finden sich nicht erhaben in den entlegenen Höhenregionen der Dolomiten oder des Apennin, sie finden sich vor und hinter der Haustüre des alltäglichen urbanen Lebens. Dinge, die gut für Flohmärkte oder gar den Sperrmüll sind, werden zum Material der Kunst, zur Grundlage höchst anspruchsvoller Arbeitsgänge, dem Auftragen vieler Farbschichten, dem mechanischen Bearbeiten der Schichten, erneutem Übermalen. Das Banale hat gar nichts mit der Foresta dei Violoini oder den Steinbrüchen von Carrara zu tun. Aus dem Nichts wird das Kunstwerk. Marcel Duchamps lässt sich assoziieren. Aus dem Banalen wird bei ihm durch Zuschreibung Kunst: „Es sei Kunst!“, das genügt. Doch verhält es sich bei Jonas anders, das Banale wird nicht durch Zuschreibung Kunst, sondern durch gewaltige, langjährig erworbene Fähigkeiten, die aus dem Unscheinbaren eine diaphane, feine künstliche Welt machen, Tiere, die zu leben scheinen. Doch ist der Anspruch von Jonas nicht die mimetische Abbildung der Wirklichkeit. Die Tiere geben nicht vor, Tiere zu sein, sie sind künstlerisch entstandene Tiere. Die Farbverlaufsspuren sprechen dafür: Ein Mensch hat es gemacht. Der Mensch, der Künstler wird und bleibt sichtbar wie das Material, die Fundstücke, die aus dem Banalen sublimiert werden, durch Kunst erhaben gemacht werden. Dazu wären weder Buonarroti noch Stradivari in ihren Zeiten fähig gewesen, dies ist ein kontemporärer Zug der Kunst. Die Italiener eignen sich also um die Eigenart von Jonas, aber auch Osiander, aus der Differenz zu schöpfen. 

Reinhard Osiander geht ähnlich, wenn auch nicht identisch vor. Sein Material für seine Kunst ist Abfallholz, das zufällig anfällt, wenn Bäume entfernt werden müssen. Er arbeitet gerne mit Lindenholz, aber es muss nicht die oder jene bestimmte Linde sein, sondern eine, die aus welchen Gründen auch immer ihre Lebenszeit beendet hat. Osiander transformiert das Holz in Kunst, darin besteht es weiter, verschwindet nicht. Seine Skulpturen und seine Mischformen, Skulpturenplastiken, bewahren das Material und den gestalterischen Prozess, der, wie bei Hendrik Jonas, Teil des Kunstwerkes ist. Spuren von der Kettensäge werden nicht weggefeilt, geschliffen und poliert, sie bleiben, sie sind Kunst und lärmen ein wenig in die Welt: Das ist eine Kettensäge! Selbst wenn die Figuren von Osiander bemalt werden, das Holz, das Material bleibt sichtbar, der Künstler bleibt in der Kunst. Darin sind die beiden eins. 

Es gibt auch Unterschiede, die ein anders Wesen der Kunst erscheinen lassen: die Einzigartigkeit. Inhaltlich scheinen Jonas und Osiander ähnliche Themen zu bearbeiten: Tiere. Doch die Tiere verweisen auf divergierende Konzepte und Bedeutungen. Hendrik Jonas‘ Tiere stehen für Heimat, ein Gefühl von Heimat, das sie auslösen. Es steckt wohl seine Suche nach Geborgenheit und seine Sehnsucht dahinter, die sie bedienen, auslösen, nähren, auch sättigen. Osianders Tiere entspringen einer möglicherweise ähnlichen Gefühlswelt, aber es ist nicht die seine, es ist die der anderen. Zufällig schnitzte er sein erstes Tier und alle, die es sahen, wollten es. Seine Kunst bedient das Gefühl von Weihnachten, von Krippenfiguren, mit denen Kinder spielen wollen, die sie aber nicht anfassen dürfen. Osianders Kunstwelt bedient sich aus Märchen, klischeehaften Narrativen einer einfach existierenden Welt ohne Sorgen, mit stetem Sonnenschein, ohne Komplexität. Er konzipiert das Idyll auf den ersten Blick. Doch dann wird es konterkariert durch die Sichtbarkeit der Arbeitsprozesse, durch das Menschliche, repräsentiert durch die Spuren der Arbeit, die den Künstler in jedem seiner Stücke präsent halten. Diese Ambivalenz von Unbeschwertheit und künstlerischer Produktion macht das Besondere Osianders Kunst aus. Darin liegt auch der Grund, warum sein Publikum ihn dazu brachte, immer mehr von diesen Skulpturen und Skulputrenplastiken zu verwirklichen. Offenbar spielen Rückkopplungsprozesse der Nachfrage eine nicht ungewichtige Rolle in Osianders Kunstwelt der Tiere. Sein Publikum hat Anteil an dem künstlerischen Schaffen. 

Thematisch nahe und doch gegensätzlich stehen die Tierwelten von Hendrik Jonas und Reinhard Osiander nebeneinander – different und doch passend, sich gegenseitig ergänzend. Ob all das tatsächlich zutrifft, wird die Ausstellung zeigen. Um einen Besuch werden Sie also nicht herumkommen, trotz Corona.

Galerie Süßkind

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