Das Ende der Intellektuellen. Peter Kurer in der NZZ

Peter Kurer erklärt in der NZZ, warum das Ende der Intellektuellen naht. Michael Ankermüller fragte mich, wie ich das sehe. So sei es: Peter Kurer identifiziert folgende Phänomene: Die dominierende Bedeutung der Ereignisse (Events, events, events!) für das Leben, die heute vor allem als gewaltige Einzelereignisse wahrgenommen werden, die in keinem größeren Kontext liegen. Weil sie als vereinzelte monolithische Brocken in der sozialen Wüstung stehen, werden sie von Expert*innen vermessen, verwaltet und navigiert. Expert*innen „fokussieren vielmehr auf Gegebenheiten in der realen Welt und konzentrieren sich dabei auf ein enges Fachgebiet wie ein Virus oder die Digitalisierung“, schreibt Kurer. Genau solche Menschen braucht das hyperreale Ereignis, das alles entweder blockiert oder mobilisiert. Es wird von Expert*innen seziert und in handhabbare Stücke geschnitten, die das große Ereignis als zerlegtes Monument betrachten lassen, das technokratisch wieder als Ganzes zusammengesetzt werden kann. Expert*innen sind die Antworten auf das Ereignis. Sie erklären das Ereignis, aber sie erklären nicht die Welt, wie es Intellektuelle tun. Aber auch Verschwörungstheoretiker*innen erklären die Welt, weil sie vorgeben, das Große und Ganze zu durchdringen, von dem das Ereignis nur ein kleiner Teil ist. Nun, was tun Intellektuelle? Sie tun dasselbe wie Verschwörungstheoretiker*innen, sie durchdringen, verstehen die Welt. Allein die Fragen sind anders: Die Verschwörungstheoretiker*innen fragen, um das unerklärliche Ereignis zu deuten: Cui bono? Wer hat etwas davon? Es müssen Menschen sein, Gruppen von Menschen oder Einzelpersonen. Das Denken der Verschwörungstheoretiker*innen zeichnet sich dadurch aus, dass es keinen Zufall gibt, wenn ein ungutes Ereignis auftritt, sondern nur den von Natur aus bösen Menschen, der anderen Menschen böses will. Es ist eine Anthropomorphologie, der Verschwörungstheoretiker*innen folgen: Es ist ein Mensch – was sonst! Frage „Cui bono?“ und du hast die Schuldigen. Verschwörungstheoretiker*innen verkürzen die Ursachenforschung auf den Voluntarismus, auf den Willen zum Bösen der Menschen. Darin unterscheiden sich ihre Welterklärungen von denen der Intellektuellen, denn sie betonen den Verstand, nicht den Willen. Intellektualismus klappert möglichst viele Axiome ab, die zu einem Ereignis führen könnten, um ein möglichst komplexes Bild des Ereignisses in seinem Kontext zu zeichnen. Um eine solche Komplexität erlangen zu können, sind Intellektuelle keine Expert*innen, die sich auf die Details eines Forschungsobjekts willentlichen reduzieren. Sie sind vielmehr Menschen, die sich für alles interessieren und in vielen Bereichen über Wissen verfügen, das aber kein Expertenwissen ist, weil sie andere Schwerpunkte in ihrer Bildung setzen (müssen). Intellektuelle gehen völlig anders an Ereignisse heran als ihre Kolleg*innen, die Expert*innen und Verschwörungstheoretiker*innen, sie sind nicht realistisch wie die Expert*innen, sie sind nicht voluntaristisch wie die Verschwörungstheoretiker*innen, sie agieren vielmehr apperzeptiv, sind ausgestattet mit einem verstandesmäßigen Röntgenblick, der Strukturen, Relationen, Analogien, Ähnlichkeiten erkennt, die unter der sichtbaren Oberfläche der Ereignisse liegen und sich in vielen Bereichen doppeln und ähnlich konfigurieren sowie manifest werden. Sie suchen nach Ideen im Realen und Hyperrealen.

Um in dieses intellektuelle Spiel mit dem Wissen einzutreten, jenen kognitiven Röntgenblick anzuschalten, benötigen Intellektuelle die Trope der Ironie: Es ist nichts so, wie es scheint. Intellektuelle und die Ironie gehören zusammen, sie denken metonymisch, deklinieren eine Wissensformation und parallel die andere, sie suchen das Unsichtbare in den Dingen. Intellektuelle sind Spieler*innen, die Möglichkeiten in Erwägung ziehen. Deswegen kommen sie auf Gedanken, die anderen nicht möglich scheinen, weil sie außerhalb der Normative liegen können. Diese Spiele mit dem Wissen verblüffen und irritieren, weil sie außerhalb der Gewohnheiten Bestand haben. 

Dieses Spiel der Intellektuellen sei heute wegen Dominanz des Ereignisses und der Experten*innen, die darauf antworten, überflüssig, meint Kurer. Ich denke, er hat damit sicherlich auch recht. Wir leben in einer Zeit, die Ironie nicht mehr möchte, die vor der Trope der Ironie sogar regelrecht Angst hat, weil die allgegenwärtigen digitalen Medien ironisch agieren und die Gewohnheiten bedrohen. Das Zeitalter der Ironie ging über in ein Zeitalter der Hyperrealität, um mit Jean Baudrillard zu sprechen. Jedes Ereignis ist echter als das Echte, ist überzeichnet, überhöht, weil die soziale Konstruktion es in seiner Bedeutung übersteigert. Das hyperreale Ereignis hat eine hyperreale Bedeutung, die nur von hyperrealen Expert*innen aufgeschlüsselt und vermittelt werden kann. Den Rest, die Einbindung des hyperrealen Ereignisses in ein Ganzes, übernehmen Verschwörungstheoretiker*innen. Und die Intellektuellen? Sie werden momentan nicht gebraucht, weil die Ironie im hyperrealen Raum keinen Platz hat. Das Hyperreale kann nicht eigentlich ein anderes Hyperreales sein. 

Aber ich denke, Kurer ist nicht genug auf etwas anderes eingegangen, das es sehr wohl gibt: den Hass auf Intellektuelle und der ist alt und im NS nochmals neu aufgelegt worden. Auch hier spielt die Ironie eine sicherlich große Rolle, aber auch die andere Sprache, das andere Denken, das andere Wissen, die Besserwisserei, die Theorieaffinität der andere Umgang mit der Welt und die kognitive Hinterfragung von Wirklichkeiten. Damit gehen Intellektuelle und ihre Vorläufer*innen vielen ihrer Mitmenschen seit Jahrhunderten auf den Geist. Aber das ist nur eine allgemeine Randnotiz. Sicherlich wäre es noch gut, einen Blick auf die Expert*innen zu werfen, auf das Bildungsideal der Expert*innen, die Ausbildung an Universitäten und die Karrieremöglichkeiten an Universitäten, sie befördert nämlich das Expert*innentum. Karriere machen Menschen, die sich fokussieren, nicht diejenigen, die mit Wissen und Disziplinen spielen, dazu sind die Ereignisse zu anspruchsvoll. Weswegen unbedingt Expert*innen benötigt werden. 

Es wäre für die Bildungslandschaft sicherlich gut, wenn nicht nur Expert*innen gefördert werden würden. Aber bis das wieder erkannt wird, vergeht noch ein wenig Zeit. Bis dahin bleibt der Intellektualismus ein schöner Wunschtraum, der leider mit der Realität und dem Willen nicht vereinbar ist. 

Ein Gedanke zu “Das Ende der Intellektuellen. Peter Kurer in der NZZ

  1. Nein, mit dem hier angedeuteten Entwurf bin ich nicht einverstanden. Die als Intellektuelle Beschriebenen nenne ich Generalisten. Es sind Leute, die von Vielem wenig wissen.Sie kümmern sich um die Salzkartoffeln in der Kantine wie um ihre Märkte in Fernost. Sie sind die Führungselite. Die Experten, ich nenne sie Spezualisten sind Leute, die von sehr wenig sehr viel wissen. Sie liefern Verlangtes, das die Generalisten nicht bringen. Beide sind ohne Abstriche erforderlich, wenn ein Wirtschaftssystem global erfolgreich arbeiten soll. Finde ich eine dritte Riege, die befähigt ist, Konflikte an Schnittstellen und in Schnittmengen zu moderieren, dann habe ich das ideale Modell vorliegen.
    Aber mein Modell hat einen Haken: Es ist utopisch. Was ich im Jahr 1964 noch als Positivum wahrgenommen habe, ist heute nicht mehr „opportun“. Darum sind die „Goldenen Jahre“, die Deutschland zu einer führenden Wirtschaftsnation gedeihen liessen, vorbei. Beispiel: Zur Zeit wird der gesamte Flugzeugbau von „Experten“ gegen die Wand gefahren; siehe Airbus Industries und das Boeing-Desaster.

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