History for Future. Geschichtswissenschaft und Klima

Anlässlich eines Vortrags in Baden-Baden am 24. Mai 2022 über den Nutzen der Geschichtswissenschaft für die Klimafolgenbewältigung ist dieser kurze Text entstanden, der das momentane Forschungsprojekt „History for Future“ erfasst.

Geschichtswissenschaft scheint vielmals nur einen Selbstzweck zu verfolgen: Wissen über die Vergangenheit, um über die Vergangenheit zu wissen. In der Klimakrise zeigt sie, was sie für die Zukunft leisten kann: Sie ermöglicht die Revision von scheinbaren Gewissheiten und wird zur Grundlage für ethische Entscheidungen und für Technik- und Klimafolgenabschätzung.

Hätten wir kein Wissen über die Vergangenheit und keine Pläne für die Zukunft, wir würden in dem Zeitzusammenhang vegetieren, den wir als Gegenwart bezeichnen. Nichts ist so langweilig wie diese Gegenwart ohne den Rückblick auf das, was war, ohne die Wünsche und die Sehnsüchte, die uns mit ihrem gewaltigen Sog in die Zukunft ziehen. 

Doch die Zukunft auf dem Planet Erde ist gerade nicht rosig. Vor allem der Westen hat dazu viel beigetragen. Schuldige sind schnell gefunden: die Industrialisierung und deren fossilen Energieträger, der Kapitalismus. Das Fossile erscheint als das Bedrohliche. Es müsse ohne Wohlstandsverlust ersetzt werden, heißt es. Aber ist das Fossile nicht auch der Grund, warum wir so leben, so handeln, wie wir es tun? Hätten wir ohne die fossilen Energieträger ausreichend Düngemittel produzieren können, die notwendig waren, um die Weltbevölkerung seit 1900 zu ernähren? 

Unser heutiges Leben ruht noch immer auf dem Fossilen. Und das zukünftige Leben ruht darauf, wie wir mit den Folgen des Klimawandels umgehen. Zukünftiges gutes Leben zu ermöglichen, liegt in unserer Verantwortung – jetzt. Doch um unser notwendiges Tun und Handeln einordnen, einschätzen und beurteilen zu können, benötigen wir Wissen darüber, wie wir unsere Lebensgrundlage in eine solche missliche Lage manövrieren konnten. Wir müssen dazu scheinbare Gewissheiten hinterfragen: Welche Rolle hatten die fossilen Energieträger für unsere Zivilisation? Warum ist das CO2 bereits seit 1881 als Hauptgrund der Erderwärmung identifiziert? Warum dauerte es 100 Jahre, bis die Gefahren erkannt wurden? Welche Erzählungen über die Klimakrise gibt es und wie werden sie argumentativ genutzt? Woher stammen sie? Was wird damit bezweckt? Auf welchen Fakten beruhen sie? Geschichtswissenschaft, speziell historische Klimawissenschaft und Technikgeschichte, können Antworten liefern, um detaillierte Sachstandsberichte zu erstellen, auf denen wissenschaftliche, ethische und letztlich politische Entscheidungen getroffen werden, die der Rahmen zukünftigen Lebens sein werden. 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s