Statement zur postfossilen Stadt

Wie kann die postfossile Stadt eine authentische Stadt werden? Wie können Klimaschutz und -anpassung mit Denkmalschutz und Urbanen Erzählungen einhergehen? Wie können Zielkonflikte zwischen Klimaschutz und -anpassung sowie den kulturellen Belangen gelöst werden? Das Leitbild Authentische Stadt gibt dazu einige Denkanstösse. Doch zuerst: Was ist die postfossile Stadt aus dem Blickwinkel der Kultur?

Spätestens mit der Pandemie wurde deutlich, wie fragil inzwischen die fossile Kultur geworden ist, wie sehr sie abhängig ist von globaler Infrastruktur, die keinerlei störende Ereignisse verträgt, wie Pandemien, Naturgewalten, Unfälle, Kriege oder gar eine Klimakrise. In den Medien ist zu lesen, die globalen Lieferketten funktionierten nicht, das sei der Grund der Inflation und der kommenden Rezession. Ob das nun lediglich die Lieferketten sind oder der Grund vielleicht doch noch viel tiefer liegt, können wir heute noch nicht entscheiden. Aber letztendlich lässt sich ganz sicher konstatieren: Wir haben ein Ressourcenproblem. Wir haben eine hohe Nachfrage nach Produkten, die aufgrund von mangelnden Ressourcen nicht bedient werden kann. Egal ist dabei, was das für Ressourcen sind, ob es fossile Ressourcen, wie Gas oder Erdöl, oder höhere sowie hohe Verarbeitungsstufen, wie Halbleiter, sind. Die Verknappung und die große Nachfrage erzeugen Teuerung in allen Bereichen. Hinzu kommt die Klimakrise, die einerseits Klimaschutz, also die Minderung von CO2-Emissionen notwendig macht, sowie die Anpassung an die Folgen des Klimawandels, die in Klimaresilienzprojekten, also Hochwasserschutz oder Stadtbegrünung etc. zu finden ist. Auch die Klimakrise wird hohe Kosten verursachen, innerhalb derer sich die postfossile Kultur zurechtfinden muss. 

Wie es aussieht, ist es unmöglich, Gas, Öl und Atomenergie in absehbarer Zeit voll und vor allem kostenneutral durch postfossile Energieträger zu ersetzen. Im Gegenteil. Wir befinden uns gerade in einer Teuerungsspirale für Energie, deren Beginn in die Zeit vor der Pandemie und weit vor der russischen Invasion in die Ukraine datiert. Deswegen benötigen wir die eigentlich überkommenen Energieträger des Fossilen und Atomaren. Energie ist ein knappes Gut, wie alle anderen Güter, die bislang im Überfluss vorhanden waren. 

Wir stehen mit der postfossilen Kultur erst einmal nicht vor den Toren des Paradieses, sondern mit beiden Beinen in der Mangelwirtschaft. Sie wird unsere postfossile Stadt bedingen. Um mit der Mangelwirtschaft umgehen zu können, benötigen wir Prinzipien, die uns ermöglichen einen allgemeinen Umriss der postfossilen Kultur zu skizzieren. 

Also fragen wir: Wie wird diese postfossile Stadt aussehen? Die Antworten auf diese Frage werden in all dem liegen, was wir bereits kennen: Alles Zukünftige wird einmal historisch bedingt gewesen sein. Vieles ist uns bekannt. Was wir nicht wissen, sind zukünftige Glücksfälle und weitere Katastrophen, die neue Rahmenbedingungen schaffen werden. Beispielsweise wäre die schnell einsetzbare Kernfusion ein solcher Glücksfall, ein weiterer Krieg, beispielsweise in Asien, oder ein noch schnelleres Fortschreiten des Klimawandels hingegen wären wohl Katastrophen für die Energiewende, aber nicht unbedingt für die postfossile Kultur, denn die Mangelwirtschaft und die Teuerung würden sich verschärfen und damit das Problem noch deutlicher machen. 

Doch abgesehen von diesen Unwägbarkeiten werden einige Prinzipien der postfossilen Kultur und der daraus resultierenden postfossilen Stadt sogleich sichtbar: 

Ressourcenmangel

  1. Die postfossile Stadt wird stets mit dem Ressourcenmangel ringen. Es wird sich deswegen in allen urbanen Bereichen Kreislaufwirtschaft durchsetzen und die Linearwirtschaft ersetzen.
  2. Produkte werden wieder langlebiger. 
  3. Daraus wird sich ein neuer Dienstleistungsmarkt entwickeln: Reparatur, Remanufacturing und Refurbishing werden eine viel größere Rolle spielen und sich aus dem momentanen Zustand des Vereinswesens und privaten Aktionsgruppen professionalisieren. 
  4. Recycling wird hingegen einen wesentlich geringeren Raum beanspruchen, als es heute der Fall ist. 
  5. Mobilität wird sich ändern durch die „Stadt der kurzen Wege“, durch Digitalisierung und eine andere Organisation der öffentlichen Verkehrsmittel (9-Euro-Ticket).
  6. Bauwesen wird sich nach Cradle-to-Cradle ausrichten und Bauen im Bestand forcieren. Damit werden historisch gewachsene Strukturen immer wichtiger für den Lebensstil. Stadtentwicklung und -planung werden sich in die Kreislaufwirtschaft einfügen und historisch neu argumentieren lernen. In den Städten werden Vergangenheit und Gegenwarten eine stärkere Verbindung eingehen.

Teuerung

  1. Energiekosten werden weiterhin hoch bleiben, solange der Wandel zur postfossilen Stadt nicht vollzogen ist und erneuerbare Energiequellen den Bedarf abdecken können. 
  2. Damit wird Kapital gebunden, das für andere Lebensbereiche fehlt. Die postfossile Stadt wird deswegen Erlebnisbereiche errichten müssen, die klimaresilient sind und Erholungsraum für die Bewohner bieten – urbane Naherholungsgebiete, die beispielsweise den freiwerdenden Straßenraum als Begegnungsraum nutzen. Gutes Leben muss in der postfossilen Stadt trotz Teuerung möglich sein. 
  3. Hohe Kapitalbindungen, wie in der momentanen fossilen Kultur, beispielsweise in Autos, werden kaum mehr möglich und nötig sein. Sharingsysteme, die es bereits heute gibt, werden die Vorbilder darstellen. 

Ressourcenmanagement

  1. Insgesamt wird die postfossile Stadt ein Bewusstsein schaffen für alle Ressourcen, die dem Lebensvollzug zur Verfügung stehen. Das betrifft auch Kultur, urbane Erzählungen, Geschichten, urbane Biodiversität etc. 
  2. Dieses postfossile Bewusstsein für Ressourcen wird nicht Halt machen vor der Ernährung. Die postfossile Küche wird durch den Ressourcenmangel und die damit verbundene Teuerung das Kochen und Backen in Frage stellen. 

Die Ästhetik der postfossilen Stadt

Die Ästhetik der postfossilen Stadt wird sich durch trockenresistentes Grün auszeichnen, durch die neue Wertschätzung des Historischen, also der Bestandsbauten und der mit ihnen verbundenen Erzählungen und Geschichte. Verkehrsflächen werden Grün. Ob auch die Energie der postfossilen Stadt grün werden kann, sei dahingestellt. In absehbarer Zeit jedenfalls nicht. 

PD Dr. habil. Stefan Lindl zur Podiumsdiskussion: Deutschlands Weg in die Energieunabhängigkeit, Bayerisches Seminar für Politik e. V. , 13. September 2022.

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