Die Kunst des Schlagers – Roy Bianco & die Abbrunzati Boys

Samstagsnacht stieg ich in Karlsruhe in die vorletzten S-Bahn Richtung Freudenstadt. Obwohl ich von einem Konzert kam, der Bahnsteig gut gefüllt gewesen war, saß ich beinahe allein im letzten Wagon. Ganz hinten. Die Richtung gegen Freudenstadt schien nicht beliebt zu sein. Die geöffneten Klappfenster ließen in der heißen Sommernacht der Hundstage ein wenig die Absenkung spüren, die sich langsam auch auf das aufgeheizte Rheintal legte.

Noch für ein zwei Stationen durfte ich all das in einsamer Ruhe genießen: die Nachtabsenkung, das Ruckeln der Bahn, den Fahrtwind, der mich kühlte. An der Station Marktplatz wandelte sich meine kontemplative Stadtbahnwelt in wenigen Sekunden in eine schnatternd-lallende Party. Beinahe zwanzig, durchaus als teils schwer alkoholisiert zu bezeichnende, deutlich fortgeschritten adulte Männer stiegen ein und freuten sich über die vielen freien Plätze um mich herum. Ebenso groß fühlte ich meine Freude in mir aufsteigen, endlich Gesellschaft zu bekommen. Der Mensch, so heißt es, sei ein soziales Tier. Wobei ich in mir gerade die Sehnsucht aufsteigen fühlte, ein einsamer Wolf oder ein Einsiedlerkrebs zu sein. So ein Einsiedlerkrebs in einem ausrangierten Abteil, in das nur ich hineinpasste. Aber nun gut. Was wären wir ohne die anderen? Nichts wären wir. Wir sind nur durch die anderen. Insofern stellte ich mich langsam auf Partystimmung ein.

Bis zum Hauptbahnhof füllte sich der Zug von Station zu Station. Am Hauptbahnhof drängten sich noch mehr und noch viel mehr Menschen in die Bahn. Meine Meinung über die Beliebtheit der Linie Richtung Freudenstadt revidierte ich. Alle wollten offenbar nach Freudenstadt. Was sonst am Samstag in der Nacht? Freuden über Freuden. Lallend holte sich einer der Männer ein Bier aus dem Rucksack. Das Alkoholverbot in den öffentlichen Verkehrsmitteln galt nicht für alle, obgleich einige ganz offensichtlich schon mehr als genug hatten. Es stellte sich heraus, es handelte sich um einen Junggesellenabschied eines nicht mehr ganz jungen Gesellens. Unter dem Deckmantel der Verkostung hatten sie offenbar bereits in der Früh angefangen Alkohol zu verkosten. Schnaps, Bier, Wein, Schnaps und Schnaps, dazwischen immer wieder ein Bier oder auch mehrere. Ich war beeindruckt. Ein Tag lang unter solch toxischen Bedingungen, nein, ich hätte dem sicherlich nicht standgehalten. Die Unmenge des vermaledeiten Acetaldehyds, die durch die Alkoholdehydrogenase bereits entstanden sein musste. Ich wollte gar nicht daran denken. Doch diese Menschen lachten so schön, waren völlig unbeschwert, sie alle schienen zu schweben. Beneidenswert.

In Durmersheim stieg die besondere Note dieser Nacht zu. Es waren Nachtlichter mit einer sehr lauten, basslastigen JBL-Box. Bevor sie sich richtig unter die Gäste gemischt hatten, schalteten sie die Box aus. Eigentlich ein freundlicher Akt. Doch in irgendeinem der 20 adulten Männer wuchs ein traumhafter Plan. Er stand auf, drückte sich durch die Körper der schwitzenden Menge und machte die Eigentümer der JBL-Box ausfindig. Und das Unfassbarste dieser Nacht geschah. Die Box legte wieder los mit einem Schlager. Keine Ahnung, was das war, aber innerhalb von wenigen Sekundenbruchteilen verwandelte sich der Wagon in eine singende Partybahn. Alle, sogar die jungen Mädchen, die ich in einer anderen Musikgalaxie wähnte, sangen mit. Alle kannten den Text. Nur ich war das gallische Dorf, ich kannte den Text nicht und es wäre mir auch mit dessen Kenntnis niemals eingefallen mitzusingen.

Zeitlebens war ich stets bemüht gewesen mich von Schlager ordentlich zu distinguieren. Dass mir dies so bestechend gut gelungen war, erkannte ich erst jetzt in dieser Nacht. Distinktion schien nicht mehr der richtige Ausdruck zu sein, ich war der Außerirdische unter den Fahrgästen. Sie sangen einen schrecklichen Text nach dem anderen, sie empfanden die Schrecklichkeit der Musik in keiner Weise. Das war ihre Musik. Meine war es nicht. Fasziniert beobachtete ich diese Extasen aus meiner hintersten Ecke, bis ich vor meinem Zielbahnhof, Gernsbach, mich durch das Gedränge kämpfte und darauf in der Sommernacht stand. Schnell entfernte sich die Bahn. Schnell wurde es ruhiger. Extase im Murgtal.

Ungläubig machte ich mich auf den Heimweg. Was war das nur mit den Schlagern? Woher kannten wirklich alle Fahrgäste die Texte? Warum konnten sie die Musik nicht nur ertragen, sondern auch noch ungeheuerliches Wohlbefinden entwickeln? Mir war das ein Rätsel. Ein Leben hatte ich damit zugebracht, mich hochnäsig davon abzuheben. Ich dachte, dass nur eine Minderheit diese Musik konsumierte, aber dem ist wohl nicht so. 

Doch was sollte ich nach diesem Erlebnis sagen? Es war an sich kurios, eine solche Party im Öffentlichen Personennahverkehr miterleben zu dürfen. Wie oft kommt so etwas vor? In meinem Fall gesellte sich noch etwas anderes hinzu: Jenes Konzert, das ich vor der Schlagerfahrt im ehemaligen Schlachthof Karlsruhes besucht hatte, war ein Konzert von Roy Bianco & die Abbrunzati boys, Italo-Schlager.

Natürlich darf gefragt werden: Warum geht jemand, der sich von Schlager so distanziert verhält, zu einem solchen Konzert. Nein, wahrscheinlich wäre ich nicht hingegangen, wenn ich nicht eingeladen worden wäre. Roy Bianco höchst persönlich hatte mich auf die Gästeliste gesetzt. Da konnte ich nicht umhin, da konnte ich nicht anders. Und ich tat es gerne. Ich freute mich schon tagelang darauf. Voller Erwartung und sogar ein wenig aufgeregt ging ich dort hin.

Enttäuscht wurde ich nicht, wie sich herausstellen sollte. Die Erwartungen waren hoch. Schließlich hatte ich schon viel von diesem legendären Haufen von Mythenmetzen gelesen und gehört. Diese Dreistigkeit, diese auf Erzähltheorien, Derrida, Austin, Nietzsche, Buttler beruhende, vollgestopfte Orgie von Schlagermythen und -legenden, das wollte ich erleben. Allein die Lichtshow war ungemein dreist. Bevor die Band überhaupt auf die Bühne kam, wurde das Publikum von weißem Licht geblendet. Eine Begegnung mit Zeus. Kurz bevor die Kernschmelze des Publikums eintrat, erstrahlte die Band auf der Bühne und legte los mit ihren mythischen Erzählungen aus dem Schlagerolymp. Mir stockte immer wieder der Atem, musste denken: Das können die doch nicht machen! Das geht doch nicht! Aber sie tun es und taten es und werden es immer wieder tun. Ein Tabubruch jagt den anderen, langsam zerfällt das Gebäude des Kulturspießers in mir und es bereitet mir Lust, dem Treiben außerhalb und in mir zuzusehen. Pure hautnah erlebte Dekonstruktion. Ein Auflösen der Werteordnung. Immer wieder fragte ich mich, ob die Konzerthalle der richtige Ort ist, ob die Show nicht in einen anderen Rahmen gehört.

Wenn ich erklären sollte, was „Trope der Ironie“ bedeutet, ich würde sagen: Roy Bianco & die Abbrunzati Boys. Sie sind die Trope der Ironie selbst. Wenn sie Italo-Schlager singen, wenn alle mitgrölen, ja, dann könnte ich das auch. Bei denen könnten ich das, in der S-Bahn nach Freudenstadt war es mir verwehrt. Aber bei Roy Bianco & die Abbrunzati Boys kann der Schlager ungestraft und ohne schlechtes Gewissen abgefeiert werden, weil er wie selbstverständlich ironisch gebrochen ist.

Dieses Moment in der S-Bahn verdeutlichte mir, dass alle Menschen den Schlager brauchen. Viele sträuben sich gegen diese Erkenntnis, stemmen sich dagegen, aber dann gehen sie auf das Konzert von Roy Bianco & die Abbrunzati Boys und dürfen um die Ecke gebogen eingestehen: Auch wir sind Schlager durch und durch und diese Bandmitglieder sind die Befreier, die alle Ketten sprengen, die uns im nicht-ironischen Alltag abhalten SWR 1 oder BR 1 zu hören, die uns verbieten in Bierzelte zu gehen. 

Roy Bianco & die Abbrunzati Boys, das wurde mir nach dem Erlebnis in der S-Bahn Richtung Freudenstadt bewusst, sind Prometheus. Sie bringen das Feuer zu denen, die bislang aus kulturell anerzogenen Gründen vermieden, mit ihm zu spielen. 

Ironie ist eine wunderschöne Trope. Sie erlaubt alles, lässt über Grenzen springen, reißt Zäune ein, befreit aus den Zwängen. Aus Angst vor den Fake News ist sie beerdigt worden. Wenn eine Band diese Trope so nutzt wie Roy Bianco & die Abbrunzati Boys, so macht sie nicht in erster Linie Musik, sie erschafft Kunst. Sie ist partizipativ, sie ist erkenntnisfördernd, sie ist performativ und bereitet Freude bis Entsetzen, also entsetzende Freude oder freudiges Entsetzen.

Danke für diesen Abend Roy Bianco. Danke auch an die Unbekannten aus der S-Bahn nach Freudenstadt. Es hätte wirklich keinen bessern Abend geben können, Euch zu begegnen.

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